Südtiroler Landwirt | 17.12.2019

Ganz unverhofft ... in Betlehem

Manchmal kommt alles anders, als erwartet. Und manchmal geht einem ganz plötzlich ein Licht auf – über das Geheimnis der Geburt Christi: Es ist die Frohbotschaft von der Befreiung in ein besseres Leben hinein. von Hannes Rechenmacher, Leiter des Katholischen Bildungswerkes

Hoffnung, Mut und neue Perspektiven schenken – ohne Erwartungen, ohne Vorleistung: Das ist das Geheimnis der Geburt Christi. Foto: DVHL

Hoffnung, Mut und neue Perspektiven schenken – ohne Erwartungen, ohne Vorleistung: Das ist das Geheimnis der Geburt Christi. Foto: DVHL

Betlehem liegt ungefähr zwölf Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Es ist unscheinbarer als gedacht, man stößt unvermutet darauf, und es heißt in Wirklichkeit gar nicht Betlehem. Statt Hirten auf den Feldern trifft man auf Türme von ausrangierten Autos, statt singenden Engeln auf Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag. Statt weihnachtlichem Schnee zeigt das Thermometer 35° C an. Und doch ist das der Ort, an dem uns ein Licht aufgegangen ist: „Heute ist euch der Retter geboren ..!“

Wir, das war eine 15-köpfige Gruppe von Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern, die sich im September dieses Jahres auf eine Studien- und Pilgerreise in das Heilige Land aufgemacht hatten. Natürlich war das Besuchsprogramm auf unsere Erwartungen zugeschnitten: Nazaret, Kafarnaum am See Gennesaret, der Jordan, das Tote Meer, Jerusalem. Allesamt klingende Namen, die wir von Kindesbeinen an unzählige Male gehört hatten. Und endlich sollten wir diese Orte wirklich kennenlernen! 

Bei der Organisation der Reise waren die Rollen klar verteilt: Mein Arbeitskollege hatte sich um das Organisatorische gekümmert, ich hingegen um das Inhaltliche, sprich das Theologische. Wenige Tage vor dem Start fiel mir ein Programmpunkt auf: Besuch bei Sr. Hildegard in Qubeibeh. Mir sagten weder der Name noch der Ort etwas. Ich hielt Rücksprache mit meinem Kollegen. Der meinte nur, Genaueres wisse er auch nicht. Die Ansprechpartnerin im Reisebüro hätte ihm diesen Punkt aber wärmstens empfohlen. Ich hatte in meinem Leben schon unzählige Führungen durch Einrichtungen erlebt. Die meisten waren nur mäßig interessant und eben Pflichttermine gewesen. Ich stellte mich darauf ein, dass es einer dieser höflich-distanzierten Besuche werden würde.

Eine unscheinbare Schwester

Wir reisten an jenem Tag aus Richtung Jerusalem an. Da dieses Dorf Qubeibeh im strikt abgeriegelten Westjordanland liegt, mussten wir eine Grenzkontrolle passieren. Auch wenn wir es in diesen Tagen öfter mit Grenzposten zu tun hatten: Der Anblick von Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag, die in den Bus stiegen und uns musterten, hinterließ jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Sie waren über unseren Besuch bereits informiert und ließen uns nach einem kurzen Halt weiterfahren. 

Der Unterschied zum von Israel verwalteten Teil des Landes fiel sofort ins Auge: Armut, Unordnung, ausrangierte Autos und halbfertige Häuser prägten das Bild des weit zersiedelten Dorfes. Nach kurzer Fahrt hielt unser Bus vor einem gepflegten, mittelgroßen Gebäude. Erst im Nachhinein erfuhren wir, dass es früher ein Hotel für Flitterwochen gewesen war, das v. a. von wohlhabenderen Palästinensern besucht wurde. Eine auf den ersten Blick unscheinbare Frau von vielleicht siebzig Jahren empfing uns freundlich und führte uns in einen kargen, sauberen Saal. Wir setzten uns in einen Kreis, und sie stellte sich kurz vor: In Oberösterreich aufgewachsen, war sie Mitte der 1960er Jahre in den Orden der Salvatorianerinnen in Wien eingetreten. Vor fast zwanzig Jahren kam sie hierher nach Palästina, um diese Einrichtung zu leiten. Im „Beit Emmaus“, so der Name des Alten- und Pflegeheims, leben und arbeiten junge und alte Menschen zusammen. Erfahrungen, Sprachen, Glaubensrituale sind verschieden, doch die tägliche Begegnung mündet in Respekt, Zuneigung und wechselseitiges Lernen. 

Unaufgeregt und nüchtern schilderte die Schwester uns die schwierige Lage von allein stehenden und pflegebedürftigen Frauen in der palästinensischen Gesellschaft. „Einige Frauen waren völlig verwahrlost, bevor sie zu uns kamen. Ihre Küsse, Umarmungen, die hilfesuchenden Blicke und Gesten berührten mich sehr“, erzählte Sr. Hildegard. Übertroffen werde die Not nur von Mädchen, die mit Beeinträchtigungen geboren werden. Diese würden von ihren Familien regelrecht versteckt. Und sie erzählte uns von einem solchen Mädchen, das von seiner Familie von frühester Kindheit an zusammen mit Hühnern in einer Höhle eingesperrt worden war. Damit es nicht weglaufen konnte, war ein Seil um seine Hüften gebunden worden, das im Laufe der Jahre schon eingewachsen war. Als Sr. Hildegard das Mädchen zum ersten Mal sah, konnte es sich nur auf allen Vieren bewegen und gackerte wie die Hühner. Mittlerweile lebt es seit mehreren Jahren im Haus, hat Zutrauen zu Menschen gefasst, kann aufrecht gehen und hat sprechen gelernt. Sr. Hildegard hielt in ihrer Erzählung inne. 

Und Friede auf Erden den Menschen

In die entstehende Stille hinein ging mir ein Licht auf: Das hier ist das Geheimnis von Betlehem. Hier wird die Botschaft Gottes Mensch, hier lebt unser Glaube. Denn es ging eben nicht zu allererst um die Verbreitung von Glaubenswahrheiten, um die Organisation des Glaubenslebens oder um die Verwaltung kirchlicher Strukturen. Es ging vielmehr um die Not der anderen, um Hilfe ohne irgendeine Vorleistung, um die Befreiung in ein besseres Leben hinein.

Wie vielen Menschen wird Jesus in seiner kurzen Wirkungszeit von rund drei Jahren begegnet sein? Wie vielen wird er Hoffnung, neuen Mut, ja eine neue Perspektive geschenkt haben! Wir alle kennen Situationen, in denen wir Personen gegenüberstehen, in deren Nähe wir uns kontrolliert, beherrscht, sogar unfrei fühlen. Und dann kennen und genießen wir Begegnungen, in denen wir einfach sein können, wie wir sind. Die uns Freude machen und mit neuen Ideen und Sichtweisen beleben. Wo wir spüren: Das ist im Grunde das Geheimnis des Lebens – die paar Erdenjahre, die uns bleiben, gemeinsam zu meistern. Wohlwollend und barmherzig. Auch mit dem Blick auf jene, die es nicht so gut haben wie wir.

Die Gemeinschaft jener Menschen, die mit Jesus Kontakt hatten, lebten diese Vision wirklich und wirksam. Damit setzten sie eine großartige Bewegung in Gang – „den neuen Weg“. Erst später sollten sie „Christen“ genannt werden. Die froh machende Botschaft, dass es Gott gut mit uns meint und wir es ebenso gut miteinander meinen sollten – diese Botschaft verbreitete sich zuerst nicht durch brillante, hochtrabende Theologien oder strikte Moralvorschriften. Nein, es waren Menschen wie Sr. Hildegard, die halfen, ohne eine Bedingung zu stellen oder eine Gegenleistung zu erwarten. Menschen, die ganz konkrete Hoffnung für jene brachten, die ohne Hoffnung an den Rand gedrängt waren.

Die wesentliche Botschaft in berührenden Bildern

Und später versuchte man, diese Erfahrung mit Jesus und mit Menschen, die in seinem Geiste handelten, so niederzuschreiben, dass möglichst vielen Menschen ein Licht aufgeht. „Evangelium“ hieß diese neue Form, und die Schreiber fanden berührende Bilder, um diesen Funken, dieses zutiefst Ergreifende, das ein ganzes Leben umkrempeln kann, zu schildern: Eine hochschwangere Frau auf der Reise, notdürftig untergebracht in einem Stall, wo sie ein kleines, hilfloses Kind zur Welt bringt. Dies alles abseits der großen Mächtigen und der breiten Öffentlichkeit. Die Schreiber griffen auf alte Verheißungen aus dem Alten Testament zurück, um die Menschen mitten ins Herz zu treffen: Nicht im Großen und Mächtigen, im Erfolgreichen und Perfekten, nein im Kleinen und Persönlichen, im Schwachen und Zerbrechlichen, dort will Gott uns begegnen! Dafür steht das kleine Betlehem, deshalb verlegen die beiden Evangelisten Matthäus und Lukas Jesu Geburt dorthin. 

Und es ist ihnen gelungen: Über zig Generationen und Tausende von Jahren hat sich diese Botschaft in die Herzen der Menschen eingegraben. Wir, die wir alle bedürftig sind, die wir alle hungern und dürsten nach Akzeptanz, Anerkennung und Wertschätzung. Wir spüren gerade in dieser dunklen, kalten Jahreszeit unbewusst oder auch deutlich, dass uns das Dunkel und die Kälte nichts anhaben können, wenn wir uns der Liebe Gottes und füreinander öffnen. Vielleicht entfaltet gerade deshalb die einfache Botschaft von Betlehem in dieser Jahreszeit eine so starke Wirkung. Und wenn wir auch übers Jahr Gefühle und Empfindungen gerne auf Abstand halten – zu Weihnachten dürfen sie sein. Vielleicht bliebe gar nicht so viel Vertrautes übrig, wenn wir all das streichen müssten von Weihnachten, was es – historisch gesehen – bei der Geburt von Jesus (noch oder wohl) nicht gab: den Adventskranz, die Krippe und den Christbaum, das Stille-Nacht-Lied, den Schnee und den Stall, die vertrauten adventlichen Gerüche und das feine Essen. Was aber auf jeden Fall bliebe: das Gefühl und die Gewissheit, daheim zu sein – angenommen und geliebt.

Betlehem: leider geschlossen

Einige Tage später stand dann auch tatsächlich die Geburtsgrotte in Betlehem auf dem Programm unserer Studien- und Pilgerreise. Über zwei Stunden harrten wir auf den Einlass, um den berühmten Stern im Boden zu sehen. Inmitten von Gedränge und unzähligen Touristen, wo pausenlos Handys zum Fotografieren gezückt wurden und wo Geschäftigkeit und Geschäftstüchtigkeit das Heilige im Land zu verdecken schienen. Und je länger wir warteten, umso klarer wurde mir: Hier in Betlehem ist Betlehem nicht mehr. Nein, es ist dort im Beit Emmaus, in Qubeibeh, wo nicht nur der Körper gepflegt wird, sondern die seelische Gesundheit mindestens ebenso wichtig ist. Wo kein Unterschied gemacht wird, ob Christen oder Muslime die Hilfsbedürftigen sind. Betlehem ist überall dort, wo es für Ausgegrenzte Hoffnung und Wertschätzung gibt.

Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass wir schlussendlich aus organisatorischen Gründen doch nicht zur Geburtsgrotte vorgelassen wurden. Als wir aber nach der Rückkehr in Südtirol gefragt wurden: „Ihr seid doch in Betlehem gewesen?“, da konnten wir antworten: „Ja, wir haben den Ort der Menschwerdung Gottes gesehen. Er ist unscheinbarer als gedacht, man stößt unvermutet darauf, und er heißt in Wirklichkeit gar nicht Betlehem.“

Allen Leserinnen und Lesern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim „Südtiroler Landwirt“ und ihren Verwandten und Bekannten von ganzem Herzen gesegnete Weihnachten und einen zuversichtlichen Schritt ins neue Jahr!