Südtiroler Landwirt, Produktion | 04.12.2019

Glückliche Kühe ... und Bauern

Durch bauliche Verbesserungen kann das Wohlbefinden von Milchkühen gesteigert werden – aber nicht nur: Auch wirtschaftlich gesehen zahlt sich Tierwohl aus. von Katja Katzenberger, Thomas Zanon und Matthias Gauly, Unibz

Im Laufstall sollte jeder Kuh mindestens ein Fressplatz mit mehr als 80 Zentimetern Breite zur Verfügung stehen. Foto: BRING

Im Laufstall sollte jeder Kuh mindestens ein Fressplatz mit mehr als 80 Zentimetern Breite zur Verfügung stehen. Foto: BRING

Das Interesse der Konsumenten an einer tiergerechten Haltung unserer Nutztieren wächst. Auch in der Politik und in den Medien hat sich Tierwohl zu einem brennenden Thema entwickelt. Die Einstellung der Verbraucher gegenüber tierhaltenden Betrieben hängt demnach wesentlich von Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere ab. Jenen Faktoren, die die Lebensqualität der Tiere beeinflussen, ist größte Aufmerksamkeit zu schenken. 

Eine Haltungsumwelt ist tiergerecht, wenn es dem Tier gut geht und es gesund ist – kurz, wenn sie ein hohes Maß an Tierwohl bietet. Gleichzeitig ist eine tiergerechte Haltungsumwelt die Grundvoraussetzung für gute Leistung­en und eine wirtschaftliche Nutztierhaltung. Tiergesundheit und Tierwohl stehen bei allen Tierarten, so auch im Milchviehbereich, im engen Wechselspiel verschiedener Faktoren. Da­zu gehören vor allem die Fütterung, das Management, die Tiere selbst (Rasse) sowie die Haltungsumwelt. Dementsprechend sind auch die Verbesserungsmöglichkeiten vielfälti­g.

Gesundheit beginnt bei der Aufzucht

Das richtige Gesundheitsmanagement beginnt bei der Aufzucht. Neben der Nährstoffversorgung ist vor allem die Luftqualität im Stall ausschlaggebend. Ein niedriger Keimgehalt in der Luft ist anzustreben. Die Jungtiere benötigen bis zu 14 Kubikmeter Frischluft pro Stunde, was einer Luftaustauschrate von mehr als viermal pro Stunde im Winter entspricht. In der Praxis liegt die Austauschrate häufig deutlich darunter, mit der Folge, dass die Keim- und Schadgasbelastungen die Grenzwerte überschreiten. 

Dadurch kommt es im jungen Alter zu einer nachhaltigen Schädigung der Atemwege und niedrigeren Leistungen bis in die späte Entwicklung der Tiere hinein. Mit optimierten Lüftungseinrichtungen kann hier bereits viel erreicht werden.

Tierwohl: Auf Liegeflächen achten

Sowohl in der Anbinde- als auch in der Laufstallhaltung gibt es erhebliche Wechselwirkungen zwischen der Haltung, der Gesundheit und der Leistung der Tiere. Rund zwölf Stunden am Tag verbringt eine Milchkuh aufgrund ihrer besonderen Verdauungsphysiologie mit Liegen. 

Ausreichend große und bequeme Liegeplätze sind daher unerlässlich. Harte Bodenbeläge wie Beton oder Holz können ebenso wie ungepflegte, durch einen hohen Mistanteil stark verdichtete Strohmatratzen zu Verletzungen (z. B. der Haut) im Bereich des Karpal- und Sprunggelenkes führen. Ungünstig gestaltete Liegeplätze führen zu starken Euterverschmutzungen, Verletzungen und langem Stehen. Letzteres erhöht die Druckbelastung der Klauen und das Auftreten von Klauen­erkrankungen.

Gerade im Laufstall ist eine ausreichende Anzahl an Liegeboxen mit guter Liegeflächenqualität essenziell. Um rangniederen Tieren in gleicher Weise wie ranghohen Tieren die Möglichkeit zum Liegen zu bieten, muss für alle Tiere mindestens ein Liegeplatz zur Verfügung stehen. Ein ausgewogenes Liegeplatz-Tier-Verhältnis zeigt neben den Vorteilen für die Tiergesundheit auch positive Effekte auf das Wiederkäuverhalten, was wiederum zu einer besseren Nährstoffverwertung beiträgt. Höhere Milchleistungen sind die Folge, und der wirtschaftliche Erfolg des Betriebes steigt. 

Untersuchungen zufolge ergibt z. B. eine Reduktion von 22 Kühen in einem Laufstall mit 22 Boxen auf 20 Kühe (minus zehn Prozent) eine Mehrmilch von 380 Kilogramm pro Kuh und Jahr. Aufgerechnet auf den Gesamtbestand bedeutet das eine Mehrmenge von 7600 Kilogramm. Dies kommt durch erhöhte Liegezeiten zustande und ist ökonomisch interessant.

Auch Steuerelemente im Nackenbereich sowie zur seitlichen Begrenzung können die Gesundheit und das Wohlbefinden der Kühe beeinträchtigen, sofern diese nicht sachgerecht befestigt wurden oder aus einem ungeeigneten Material bestehen. 

Ausreichende Futteraufnahme ermöglichen

Neben einer ausreichenden Zahl an Liegeplätzen ist auch eine ausreichende Zahl an Fressplätzen (mindestens ein Fressplatz mit mehr als 80 Zentimetern Breite pro Kuh im Laufstall) wichtig. Dies ist die Grundlage für eine ausreichende Trockensubstanz-Aufnahme – vor allem vor und nach der Geburt. Niedrige Trockensubstanz-Aufnahmen führen zu einer deutlichen Zunahme von Gebärmutterinfektionen nach dem Kalben. Die dadurch entstehenden Nachteile kosten Landwirte mittelfristig mehr als die höheren Investitionen beim Stallbau.

Stallklima nicht vergessen

Auch das Stallklima spielt für die Tiergesundheit eine bedeutende Rolle. Ein sehr wichtiger Faktor ist hierbei das Licht. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass sich die Länge der Lichtperioden positiv auf die Milchleistung auswirkt. 

Sie ermöglicht nämlich eine höhere Trockenmasse-Aufnahme. Zusätzlich wird die Ausschüttung bestimmter Hormone gefördert, sodass Jungtiere bei längerer Lichtexposition früher in die Geschlechtsreife eintreten und Milchkühe allgemein eine verbesserte Fruchtbarkeit zeigen. Dementsprechend sollte man möglichst viel Tageslicht in den Stall lassen und ergänzend geeignete Beleuchtungssysteme installieren. 

Als Richtwerte gelten 200 bis 300 Lux im Bereich des Futtertisches für rund 16 Stunden pro Tag. Weitere Faktoren sind die Luftqualität und die Temperatur im Stall. Eine kontinuierliche Luftumwälzung ist notwendig, um Frischluft in den Stall zu bringen und die mit Schadgasen, Keimen und Staub angereicherte Abluft aus dem Stall zu entfernen. Zusätzlich können Luftfeuchtigkeit und ­Temperatur durch eine gute Luftzirkulation reguliert werden. Als Richtwerte für die Temperatur gelten bei Milchkühen sieben bis 17 Grad Celsius sowie eine Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent. 

Von anderen lernen

Bei Stallneubauten ist es sinnvoll, sich verschiedene Meinungen aus Forschung und Praxis einzuholen. Kollegen, die bereits neu gebaut haben, können aufgrund ihrer Erfahrungen sinnvolle Ratschläge geben. Auch wer in einem bestehenden Stall arbeitet, hat viele Möglichkeiten, das Tierwohl zu verbessern. Als Erstes gilt es, die Probleme zu erkennen, dazu ist häufig der Blick von außen notwendig. Über die Jahre kann man leicht betriebsblind werden. Südtiroler Fachleute wie Tierärzte und Berater (BRING, Sennereiverband, Südtiroler Bauernbund …) können dabei unterstützen. Auch die regelmäßige Erhebung von Tierwohlindikatoren hilft bei der betrieblichen Eigenkontrolle. So lassen sich Schwachstellen analysieren und Optimierungsmöglichkeiten ableiten. Es gilt, die notwendigen Investitionskosten und erwarteten Gewinne unter die Lupe zu nehmen. Dann kann die Verbesserung umgesetzt und schließlich regelmäßig kontrolliert werden. 

Eine tiergerechte Haltung ist die Grund­voraussetzung für eine wirtschaftlich erfolgreiche Milchviehhaltung. Die Möglichkeiten liegen in jedem Betrieb an einer anderen Stelle. Bei der Suche danach sollte man sich helfen lassen. Gut geplante und gut überlegte Investitionen zahlen sich meist aus, auch wenn der Erfolg erst zeitversetzt bemerkbar ist.