Wirtschaft, Südtiroler Landwirt, Politik | 04.12.2019

„Es braucht Respekt – gegenseitig!“

Nur gemeinsam und mit gegenseitigem Respekt lassen sich Lösungen finden, lautet der einhellige Grundtenor eines Stakeholder-Treffens zwischen Landwirtschaft und Tourismus zum Thema Mountainbike-Vereinbarungen. Es gab aber auch Kritik vonseiten der Bauernvertreter. von Renate Anna Rubner

Die Bike-Touristen nehmen auch in Südtirol zu. Wie man Freizeit- und landwirtschaftliche Nutzung vereinen kann, war Thema eines Treffens. Foto: IDM Südtirol/Harald Wisthaler

Die Bike-Touristen nehmen auch in Südtirol zu. Wie man Freizeit- und landwirtschaftliche Nutzung vereinen kann, war Thema eines Treffens. Foto: IDM Südtirol/Harald Wisthaler

Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner zieht eine positive Zwischenbilanz: In den letzten zehn Jahren, also seit der ersten Mountainbike-Vereinbarung, sind in unserem Land insgesamt 2800 Kilometer offizielle Mountainbike-Strecken ausgewiesen worden. „Wir sind hier in Südtirol also gut unterwegs, in manchen Gebieten gibt es zwar noch Bedarf, da müssen wir noch etwas tun.“, sagte Rinner bei einem Treffen von Vertretern aus Tourismus,
namentlich des Landesverbandes der Tourismusverbände (LTS) und von IDM Südtirol, und des Südtiroler Bauernbundes kürzlich in Bozen. 

Rinner erklärte auch, dass der Bauernbund sicher nicht dafür sei, wenn die Bezirksradwege zur freizeitmäßigen Erschließung der Wälder und Almen angedacht würden. „Das ist für uns keine Option“, stellte er klar, da müsse mit den Eigentümern geredet werden, und zwar immer!

„Zwingen können wir die Grundbesitzer nicht, das ist klar“, meinte der Bauernbund-Direktor, schließlich müsse jedem die Entscheidung freistehen, ob der eigene Grund und Boden für die Freizeitnutzung zur Verfügung gestellt wird. 

Etwas Druck habe man aus der Sache bereits nehmen können, indem die Bürgermeister die Möglichkeit bekommen haben, Wege im Bedarfsfall für Mountainbiker zu sperren. 

Auch eine Strategieänderung kündigte der Direktor an: Falls weiterhin nicht ausgewiesene Mountainbike-Wege veröffentlicht werden, müsse man sich wehren. Der Bauernbund prüfe gerade, ob in solchen Fällen rechtlich vorgegangen werden könne. Private Eigentümer waren bereits erfolgreich damit: Das Verlagshaus Kompass beispielsweise hat solche Wege bereits aus seinen Karten genommen. 

Bei Personenschäden kein Selbstbehalt

Hubert Unterweger, Direktor des LTS stellte die LTS-Versicherung vor, die im Juli dieses Jahres neu abgeschlossen wurde und von zehn Wünschen, die der Bauernbund eingebracht hat, acht berücksichtigt. Geblieben sei der Selbstbehalt. „Das ist notwendig bei kleinen Schadensfällen, beispielsweise bei einer zerrissenen Jacke während eines Krampusumzugs“, meinte Unterweger, „bei Personenschäden gibt es aber keinen Selbstbehalt.“ 

Die LTS-Versicherung umfasst sowohl Haftpflicht als auch Rechtsschutz für Wegehalter und -besitzer.  Dadurch sollen Grundbesitzer schadlos gehalten werden, falls etwas passiert. Was die vergüteten Schadensfälle anlangt, sei die Bilanz aber eine positive: „Im Jahr 2018 haben wir nur zehn Schäden vergüten müssen, das ist bei sieben Millionen Gästen pro Jahr sehr wenig“, sagte Unterweger.

Der LTS-Direktor erklärte sich auch bereit, im Bedarfsfall Grundbesitzer über die Versicherung aufzuklären und damit eventuelle Unsicherheiten zu beseitigen. „Wir müssen miteinander reden, und zwar immer und immer wieder“, appellierte er.

Gegenseitiger Respekt als Basis

Das unterstrich auch Bauernbund-Landes­obmann Leo Tiefenthaler und mahnte Respekt an – gegenseitig! Mit den E-Bikes habe der Radsport in Südtirol zusätzlichen Schwung aufgenommen, sagte er, deshalb sei auch das Konfliktpotenzial zwischen landwirtschaftlicher Nutzung und Freizeitnutzung nicht wegzuleugnen. „Die Belastung für die Bauern muss so gering wie möglich gehalten werden“, stellte er klar. 

LTS-Obmann Ambros Hofer unterstrich die Notwendigkeit klarer Regelungen, auch den Wanderern zuliebe. Deshalb müsse auch mit den Mountainbike-Führern geredet werden: „Die müssen Verantwortung zeigen, sich an die Regeln halten und den Touristen richtiges Verhalten erklären und vormachen.“ Zudem sei es nötig, Wege mit Mischnutzung gut zu markieren, damit die Radfahrer gewarnt sind, dass auf den schmalen Bergstraßen auch landwirtschaftliche Maschinen fahren können und man sich entsprechend verhalten müsse.

Mountainbike-Fonds für Projekte

Bauernbund-Vizedirektor Ulrich Höllrigl stellte den Mountainbike-Fonds vor, der auf einer Vereinbarung zwischen LTS und Bauernbund beruht. Er wird von LTS, VSS (Verband der Seilbahnunternehmer Südtirols) und von der Projektgruppe Bike-Hotels Südtirol gespeist und hat so jährlich 35.000 Euro für Bauernbund-Ortsgruppen und deren Mountainbike-Projekte zu vergeben. So könne die Akzeptanz unter den Bauern erhöht werden, auch wenn keine großen Summen ausbezahlt werden. Erste Projekte wurden bereits 2018 genehmigt, zum Beispiel in Barbian und Sexten, wo Weideroste angebracht wurden.

Beispiele für gutes Miteinander

Während der Diskussion wurden positive Beispiele für ein gutes Miteinander zwischen touristischen Organisationen und Grundbesitzern aufgezeigt: In Partschins beispielsweise gibt es zehn ausgewiesene Mountainbike-Strecken, der dortige Tourismusverein ist in ständigem Austausch mit den Grundbesitzern. Einmal jährlich trifft man sich, um bei einer Marende Schwierigkeiten und Probleme auszudiskutieren und Organisatorisches zu besprechen. 

Ziel müsse es aber sein, so die Forderung der anwesenden Touristiker, dass künftig in jedem Südtiroler Bezirk zumindest ein ausgewiesener Mountainbike-Trail angeboten werden könne. Bisher gibt es im Pustertal, im Vinschgau und in Gröden ein gutes Mountainbike-Streckennetz, in manchen Gegenden aber noch keinen einzigen ausgewiesenen Trail.

Reichlich Luft nach oben

Dass man im Gegenzug zur Nutzung von bäuerlichem Grund und Boden auch heimische landwirtschaftliche Produkte in den Gastbetrieben verwendet, sei selbstverständlich, hieß es unisono. Dem hielt Anton Tschurtschenthaler, Bezirksobmann des Pustertals, entgegen: „Wenn die Saatbaugenossenschaft in Bruneck jedes Frühjahr einen Teil ihrer Kartoffelernte in die Mülldeponie bringen muss, obwohl sie nur ein Drittel des landesweiten Bedarfs an Kartoffeln zu verkaufen hat, ist etwas faul. Ich finde, es wird zu viel geredet und zu wenig getan!“ Auch von anderen Bauernvertretern kam die Rückmeldung, dass in diesem Bereich noch viel Luft nach oben sei.

Die Touristiker monierten im Gegenzug, dass es nicht nur eine touristische Notwendigkeit sei, attraktive Mountainbike-Strecken auszuweisen: „Wenn wir nur Forststraßen zur Verfügung stellen, suchen sich die Biker ihre Rennstrecken selber. Dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir die Kontrolle verlieren!“, hieß es. Und: „Es wird immer welche geben, die sich nicht an die Regeln und die ausgewiesenen Trails halten, aber das sind eher die Geländekundigen, Einheimischen. Touristen und Gäste halten sich meist an die Beschilderung.“