Produktion, Südtiroler Landwirt | 03.12.2019

Chemie allein ist nicht die Lösung

Wanzen und Wanzenschäden traten lokal immer wieder auf, sagt Klaus Marschall, Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg im Interview. Mit der Marmorierten Baumwanze ist jetzt aber ein Schädling da, der massiven wirtschaftlichen Schaden anrichtet. von Renate Anna Rubner

Die Marmorierte Baumwanze: Ein neuer invasiver Schädling, an dem Forschung und Beratung gemeinsam arbeiten. Foto: Versuchszentrum Laimburg

Die Marmorierte Baumwanze: Ein neuer invasiver Schädling, an dem Forschung und Beratung gemeinsam arbeiten. Foto: Versuchszentrum Laimburg

Südtiroler Landwirt: Herr Marschall, seit wann kann die Marmorierte Baumwanze in Südtirol nachgewiesen werden? Und wie ist sie hierhergekommen?

Klaus Marschall: Der erste Nachweis einer Marmorierten Baumwanze in Südtirol ist schon länger her: Ein einzelnes Tier wurde auf einer Emballage festgestellt, die Lieferung kam aus der Mailänder Gegend. Aber das war ein einzelnes Individuum, die Invasion kam erst später: Im Jahr 2016 ist die Marmorierte Baumwanze – sicher vom Süden her – nach Südtirol eingewandert: Einerseits durch ihre natürliche Ausbreitung – die adulten Tiere sind sehr mobil – und andererseits durch passive Verschleppung, sozusagen als Mitfahrer bei irgendwelchen Transporten. 

Spielt bei ihrer Ausbreitung der Klimawandel mit eine Rolle?

Eigentlich nicht. Denn das Klima, das wir hier haben, ist vergleichbar mit jenem, das die Marmorierte Baumwanze in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in Asien gewohnt ist. Was aber eine Rolle spielt bei ihrer Ausbreitung hier im Südtiroler Apfelanbaugebiet, ist der jahreszeitliche Klimaverlauf: Wenn in einer Gegend längere kühlere Phasen auftreten, kann der Schädling nur eine Generation hervorbringen. Das ist zum Beispiel im Vinsch­gau der Fall. Das bremst natürlich das Massenauftreten. Weiter südlich bringt sie bereits zwei Generationen hervor.

Seit wann läuft das Monitoring-Programm?

Nachdem der Schädling 2016 erstmals nachgewiesen wurde und man bereits von den Auswirkungen der Marmorierten ­Baumwanze in anderen italienischen Regionen (zum Beispiel um Ferrara) wusste, sind wir gleich mit dem Monitoring  gestartet: Beteiligt daran waren neben dem Versuchszentrum Laimburg auch der Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau, der Beratungsring Berglandwirtschaft BRING und der Pflanzenschutzdienst des Landes. 

Weil die Marmorierte Baumwanze aber nicht nur Bauern betrifft, sondern die ganze Bevölkerung, haben wir die Bürger gleich mit einbezogen. So haben wir viel mehr Informationen erhalten, zum Beispiel aus den Städten oder von höheren Lagen und relativ schnell und flächendeckend ein Bild der Situation bekommen. So haben wir gemerkt, wie schnell sich dieses Insekt ausbreitet. Und wie schnell es sich vermehrt. Was durch das Monitoring deutlich wurde, ist, dass das Hauptverbreitungsgebiet der Marmorierten Baumwanze im Etschtal liegt, also zwischen Salurn und Meran. Wie bereits erwähnt, kommt er auch im Vinsch­gau vor, bringt dort aber nur eine Generation zustande, deshalb baut sich da die Population nicht so stark auf wie etwas südlicher. 

Wird die Population weiter stark zunehmen?

Heuer war es im Mai für die Jahreszeit zu kalt, weshalb die erste Generation später
gestartet ist. Auch im August war es et­was kühler als gewohnt. Dadurch wurde die zweite Generation stark in ihrer Entwicklung gehemmt. Nichtsdestotrotz gab es massive Schäden. Sehr inhomogen zwar, denn es
gab Anlagen, in denen kaum Befall und Schäden zu verzeichnen waren, und solche, in denen die Ausfälle gravierend waren. Mit den entsprechenden wirtschaftlichen Einbußen für die Besitzer. Dazu muss man sagen, dass auch durch heimische Wanzen immer schon Schäden aufgetreten sind: Immer lokal stark begrenzt und in überschaubarem Aus­maß, aber die Marmorierte Baumwanze verur­sacht große Ausfälle und hohen finanziellen Schaden.

Wie ist es zu erklären, dass manche Anlagen stark befallen werden und andere weniger oder gar nicht?

Das Insekt ist sehr mobil, hat ein ausgeprägtes Verhalten und ist entsprechend schwer einschätzbar. Im Unterschied dazu haben wir es sonst meist mit Schädlingen zu tun, deren Entwicklung sich innerhalb der Anlagen abspielt: Man studiert deshalb ihre Biologie, weiß dann, wann die Eiablage erfolgt, und kann so gezielt eingreifen. Das ist nun bei der Marmorierten Baumwanze anders

Bei der Marmorierten Baumwanze haben wir zwei Situationen: Es gibt zum einen Adulte, die in die Anlagen kommen und Eier legen, daraus schlüpfen Larven, die sich entwickeln und dann wieder zu Adulttieren werden. Die Entwicklungsstadien vom Ei bis zu den verschiedenen Larven kann man regulieren. Das eigentliche Problem aber sind die mobilen Adulten, die ständig auf Nahrungssuche sind: Wenn es zum Beispiel trocken wird, fliegen sie aus und suchen sich etwas anderes zum Fressen bzw. Trinken. Das macht es so schwierig, sie in den Griff zu kriegen. 

Einfluss auf die Befallstärke haben auch die Sorte, der Umstand, ob ein Hagelnetz vorhanden ist oder nicht, oder die Lage einer Apfelwiese: Wenn sie sich zum Beispiel in der Nähe eines sogenannten „Hotspots“ befindet, wo sich der Schädling in Ruhe stark vermehren kann, wird es zumindest in den Randbereichen zu starkem Befall kommen. In solchen Bereichen kann eine Einnetzung sinnvoll sein. Aber: Es kann nicht alles eingenetzt werden, vor allem die Einzelreiheneinnetzung hat auch eindeutige Nachteile, Nützlinge und andere Prädatoren bleiben dann auch ausgesperrt. Deshalb muss gut abgewogen werden, wo so etwas Sinn macht. Auch finanziell natürlich. Denn diese mechanischen Methoden sind sehr teuer. 

Klaus Marschall(c)VZL
Klaus Marschall: „Noch hat man mit jedem neuen Schädling ein Auskommen gefunden.“ Foto: 
Versuchszentrum Laimburg

Was weiß man inzwischen über die Biologie der Marmorierten Baumwanze?

Die Marmorierte Baumwanze überwintert als Adulttier entweder in den Anlagen oder außerhalb davon. Die Larven sind nicht überwinterungsfähig. Die Tiere fliegen im Mai aus ihren Winterquartieren, ernähren sich von dem, was die Natur in dieser Zeit hergibt. Das Wirtspflanzenspektrum umfasst 200 verschiedene Pflanzen. Mitte Juni erfolgt die erste Eiablage sowohl inner- als auch außerhalb der Apfelanlagen. Es schlüpfen Larven, die zunächst noch wenig mobil sind. Mit jedem weiteren Larvenstadium – insgesamt sind es fünf – steigt ihre Mobilität, die adulten Tiere sind, wie bereits gesagt, sehr mobil. 

Mitte/Ende Juli sind sie voll entwickelt und fortpflanzungsfähig, durch das Saugen an den Früchten verursachen sie große Schäden. Die nächste Eiablage beginnt. Sofern sich daraus wieder Adulte entwickeln, also eine zweite Generation in die Überwinterung gehen kann, ist die Vermehrung explosiv. Falls diese zweite Generation nicht ganz heranreift, überwintert nur die erste. Potenziell können diese Tiere im folgenden Frühling nochmal Eier legen und eine weitere Wanzengeneration hervorbringen. Zumindest unter Laborbedingungen ist das der Fall. Wie es unter natürlichen Bedingungen aussieht, muss sich erst zeigen. Denn dann spielen natürliche Feinde mit eine Rolle oder Temperaturschwankungen, denen die Tiere ausgesetzt sind. 

Wie hoch schätzt man das Entwicklungspotenzial der Baumwanze ein?

Generell sehr hoch. Aber: Südtirol ist ein geschlossenes Apfelanbaugebiet. Weil der Apfel nicht zu den bevorzugten Wirtspflanzen gehört, ist hier die Reproduktion auch nicht so stark wie zum Beispiel bei Raps, Pfirsich oder Aprikose. Wo also die landwirtschaftlichen Flächen stärker diversifiziert sind, wie zum Beispiel in der Emilia-Romagna, ist das Vermehrungspotenzial höher.

Gibt es denn natürliche Gegenspieler?

Inzwischen sind bereits drei Parasitoide nachgewiesen, die die Eier der Marmorierten Baumwanze parasitieren: zwei asiatische Schlupfwespen mit Namen Trissolcus mitsukurii und Trissolcus japonicus (Samurai­-Wespe) sowie eine einheimische Erzwespe mit Namen Anastatus bifasciatus. Unsere Expertin Martina Falagiarda von der Arbeitsgruppe „Entomologie“ hat die Parasitierungsrate 2019 durch Anastatus bifasciatus bei den Eiern der Marmorierten Baumwanze mit rund acht Prozent beziffert, bei den Gelegen mit 17 Prozent. Von Trissolcus mitsukurii sind 7,9 Prozent der Eier und 12,5 Prozent der Gelege parasitiert. 

Kann man davon ausgehen, dass dieser Parasitierungsgrad stetig zunimmt?

Das muss sich erst zeigen. Denn die Parasitierung ist ein sehr komplexer biologischer Prozess. Parasitoide brauchen spezielle Habitate, in denen sie sich ungestört aufhalten und vermehren können. Wir behalten das auf jeden Fall genau im Auge.

Besteht die Hoffnung, dass Schädling und Parasitoid sich bald im Gleichgewicht halten?

Nach meiner bisherigen Erfahrung war es noch immer so, dass man mit jedem neuen Schädling nach einer schweren ersten Zeit ein Auskommen finden konnte. So wird es wohl auch bei der Marmorierten Baumwanze kommen. Ob dann kein Pflanzenschutz mehr nötig sein wird, weil der Nützling den Schädling in Schach halten kann, sei dahingestellt. Klar ist, dass der wirtschaftliche Schaden zurzeit sehr hoch ist, weshalb auch mit vereinten Kräften an dem Thema gearbeitet wird. 

Geforscht wird weltweit. Ist das Versuchszentrum Laimburg diesbezüglich gut vernetzt?

Wir sind sehr gut vernetzt, vor allem natürlich mit der Fondazione E. Mach im Trentino. Aber auch darüber hinaus pflegen wir einen regen Austausch mit Institutionen und Forschungseinrichtungen in Oberitalien und in der Schweiz. Das ist heute Standard, niemand kann alleine forschen. Vielmehr trägt jede Forschungseinrichtung etwas zur Entwirrung dieser komplexen Themen bei. Oft sind es dann auch Kombinationen verschiedener Ansätze, die zur Lösung führen.

Wie erfolgversprechend sind Pflanzenschutzmittel im Einsatz gegen den Schädling?

Bei den Insektiziden gibt es nicht viel Auswahl. Ziel muss auf jeden Fall sein, mit so wenig wie möglich chemischem Pflanzenschutz auszukommen, damit die erwähnten biologischen Gegenspieler aufkommen können. Chemie ist in Bezug auf die Marmorierte Baumwanze sicher nicht die alleinige Lösung!

Gibt es Forschungsansätze zur Verwirrungsmethode, wie sie z. B. beim Apfelwickler erfolgreich angewandt wird?

Nein, mit Sexualpheromonen wird am Versuchszentrum Laimburg derzeit nicht geforscht. Aber mit Aggregationspheromonen: Man arbeitet also mit Substanzen, die die Tiere anlocken, damit sie gefangen werden können. Bisher ist man aber noch nicht wirklich erfolgreich damit, denn sie sind noch nicht effektiv und selektiv genug.

Welche weiteren Maßnahmen können bereits jetzt angewandt werden? 

Ich gehe davon aus, dass man aufgrund der heurigen Erfahrungen für das nächste Jahr schon einen Schritt weiter ist: mit Objektschutz in Form von Einnetzung, mit verschiedenen Kulturmaßnahmen, die ein Massenauftreten verhindern helfen und in letzter Konsequenz mit chemischem Pflanzenschutz. Die Herausforderung für die Bauern ist ja, die richtige Entscheidung zu treffen. Angenommen, ich habe eine Anlage an einem Hotspot. Soll ich einnetzen oder nicht? Die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab. Und nicht alle können einnetzen, auch das muss in die Überlegung mit einfließen. 


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