Produktion, Südtiroler Landwirt | 07.11.2019

Künftig eher mehr und schwieriger

Wolfgang Schweigkofler erforscht die Verbreitung von Schädlingen und Krankheiten und entsprechende Gegenmaßnahmen. Die sogenannte „grüne Globalisierung“ wird weiter zunehmen, ist Schweigkofler überzeugt. Dafür gibt es mindestens zwei gute Gründe. von Michael Deltedesco

Die Marmorierte Baumwanze ist in Südtirol inzwischen weit verbreitet. Wir werden sie wohl nicht mehr loswerden, meint Wolfgang Schweigkofler. Foto: Versuchszentrum Laimburg

Die Marmorierte Baumwanze ist in Südtirol inzwischen weit verbreitet. Wir werden sie wohl nicht mehr loswerden, meint Wolfgang Schweigkofler. Foto: Versuchszentrum Laimburg

Bei den „Planet Science Talks“ der Freien Universität Bozen referierte Wolfgang Schweigkofler zum Thema „Schattenseiten der grünen Globalisierung: Invasive Pflanzenkrankheiten“. Er sagt, dass Forschung, Beratung und Produzenten besonders eines tun müssen, wenn es um neue invasive Krankheiten und Schädlinge geht: Die Bevölkerung informieren. 

Südtiroler Landwirt: Herr Schweigkofler, die grüne Globalisierung ist ja kein neues Phänomen. Die Verbreitung von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen hat es schon früher gegeben und hat nicht nur negative Auswirkungen. Welche positiven Beispiele gibt es?
Wolfgang Schweigkofler: Wir bauen auch in Südtirol Pflanzen an, die aus anderen Ländern importiert wurden: Apfel, Mais, Weizen. Sie alle stammen aus Asien oder Amerika. Das ist grüne Globalisierung und durchaus positiv. Aber leider werden durch den Welthandel auch Schädlinge und Krankheiten eingeschleppt. Aber auch das ist nicht neu. Eine Krankheit, die schon vor langer Zeit verbreitet wurde, ist zum Beispiel der Mehltau an Reben.

Die Marmorierte Baumwanze bereitet derzeit Kopfzerbrechen, davor war es die Kirschessigfliege. Beide kamen durch den weltweiten Austausch von Waren nach Südtirol. Lässt sich so etwas verhindern?
Die grüne Globalisierung hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Wir werden sie nicht verhindern können. Ich befürchte, dass die Verbreitung von invasiven Schädlingen und Krankheiten sogar zunehmen wird. Dafür sprechen vor allem zwei Gründe: Der Austausch von Waren von einem Kontinent zum nächsten wird weitergehen.  Der zweite Grund ist, dass sich Faktoren verändern wie zum Beispiel das Klima. Dadurch sind Pflanzen vermehrt Stress ausgesetzt, was sie anfälliger macht. Die Probleme werden daher eher mehr als weniger. 

Sie erforschen Maßnahmen gegen die Verbreitung von Krankheiten und Schädlingen. Was sind Ihre Forschungsansätze?
Das Wichtigste und Beste ist die Prävention, d. h., die Verbreitung eines Schadinsekts oder einer Krankheit möglichst einzuschränken bzw. zu verzögern. Damit gewinnt man Zeit für die Forschung. Wenn das Insekt bzw. die Krankheit schon festgestellt, aber nur in wenigen Orten gefunden wurde, muss man sehr schnell und hart reagieren. Ganz verhindern kann man die Ausbreitung aber kaum. 

Bei der Marmorierten Baumwanze liegen die Hoffnungen bei einem natürlichen Gegenspieler. 
Biologische Bekämpfungsmaßnahmen sind immer interessant und von den ökologischen Nebenwirkungen her positiv zu bewerten. Dafür muss man aber die Lebensweise des Schädlings bzw. der Krankheit genau kennen, damit man weiß, wo man mit einem biologischen Antagonisten entgegenwirken kann. Das ist auch wichtig, um zu wissen, welche Wirkung man sich erwarten kann. Sonst macht man sich falsche Hoffnungen. 

Bei natürlichen, aber nicht heimischen Gegenspielern stellt sich aber die Frage, welche Auswirkungen sie auf das Ökosystem haben. 
Genau dafür muss man natürlich auch die Lebensweise des natürlichen Gegenspielers kennen. Sonst kann der Gegenspieler Auswirkungen auf das Ökosystem haben, die nicht gewünscht sind und neue Probleme schaffen. 

Oft werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Besteht nicht die Gefahr, dass künftig statt weniger Pflanzenschutz, wie es Konsumenten fordern, mehr nötig wird?
Eine generelle Antwort ist hier schwierig. Es hängt davon ab, um welches Schadinsekt oder um welche Krankheit es sich handelt. Zudem ist zu schauen, ob nur eine Nutzpflanze befallen wird oder mehrere. Und man muss wissen, wie die Biologie des Schädlings ist. Forschung ist hier sehr wichtig.
Wenn etwas lokal begrenzt auftritt, muss man rasch und stark eingreifen – auch mit chemisch-synthetischen Mitteln. Bei weiterer Verbreitung sind biologische Bekämpfungsstrategien besser, sofern es die gibt. 

Glauben Sie, wir kriegen Marmorierte Baumwanze und Kirschessigfliege wieder los?
Ich befürchte, hier ist schon zu spät. Jetzt müssen wir schauen, wie man die negativen Auswirkungen reduzieren kann. 

Was können Forschung, Beratung und Produzenten sonst noch tun?
Ganz wichtig, das sehen wir immer wieder, sind die Information und die Sensibilisierung der Bevölkerung. Einerseits sind die Bürger dadurch achtsamer, andererseits ist das Verständnis für Gegenmaßnahmen höher.