Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Landwirt | 10.10.2019

Von München nach Spinges

Für mehr Aus- und Weiterbildung bei den Bäuerinnen plädiert Melanie Reger. Die Allgäuer Tierärztin, die es der Liebe wegen nach Südtirol verschlagen hat, erzählt zum Welttag der Landfrauen über ihr Leben am Wackerhof in Spinges. von Ulrike Tonner

Ein Leben, wie sie es sich wünscht: Melanie Reger ist Bäuerin am Wackerhof in Spinges

Ein Leben, wie sie es sich wünscht: Melanie Reger ist Bäuerin am Wackerhof in Spinges

Familie Lamprecht lebt am Wackerhof in Spinges: Melanie ist Tierärztin, die Landwirtschaft war ihr nicht ganz fremd. Trotzdem hat sie sich am Hof ihres Mannes und im Dorf erst einleben müssen. Heute haben sie zwei Töchter (2 Jahre und wenige Monate alt) und führen gemeinsam den Hof mit Viehwirtschaft und Urlaub auf dem Bauernhof. Melanie kann sich nichts Schöneres vorstellen, wie sie im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ sagt.

Südtiroler Landwirt: Frau Reger, Sie kommen aus dem Allgäu, haben in München gelebt. Wie hat es Sie nach Spinges verschlagen?
Melanie Reger: Der Grund war die Liebe. Ich habe Walter im Internet kennen gelernt. Anfangs habe ich das Ganze gar nicht so ernst genommen. Dann haben wir uns auf halber Strecke getroffen und mir wurde schlagartig bewusst, dass er Viehbauer und deshalb örtlich gebunden ist, also dass er nicht einfach zu mir kommen kann. Also habe ich ihn in Südtirol besucht und bin geblieben. Seit 2014 bin ich jetzt hier.

Sie kommen nicht aus der Landwirtschaft?
Nicht direkt, mein Vater kommt aus einem landwirtschaftlichen Betrieb. Den hat mein Onkel übernommen und ich war vor allem in den Sommerferien oft dort, also war ich nicht ganz ahnungslos. Ich habe Tiermedizin studiert, deshalb ist mir die Tierhaltung nicht fremd. Ich bin für den Beratungsring Berglandwirtschaft im Bereich Eutergesundheit, Tiergesundheit und Fütterung als Beraterin unterwegs. Das hat sich ganz zufällig ergeben. Die Arbeit macht mir Spaß. Im Moment bin ich in Mutterschaft, möchte dann aber wieder einsteigen.

War Ihnen bewusst, dass Sie Bäuerin sein würden, wenn Sie hierher kommen?
Ja, das war mir bewusst. Ich wollte aber auch in meinem Bereich arbeiten, weil ich gerade erst promoviert hatte. Das war sozusagen meine Bedingung. Mein Mann war da sehr offen, ich ging auswärts arbeiten und brachte mich gleichzeitig am Hof ein. Das hat gut funktioniert, wir haben im Betrieb gleich vieles ausprobiert und verbessert. Im Moment kann ich wegen der Kinder nicht wirklich mitarbeiten am Hof, weil sich die Melkzeiten mit den Schlafens- und Aufstehzeiten der Kinder überschneiden. Wenn die aber größer sind, werde ich mich wieder mehr einbringen.

Sie haben sich also online kennengelernt. Wie haben Familie und Freunde reagiert?
Die Familie war eher froh, würde ich sagen. Wir waren ja nicht mehr die jüngsten als wir uns kennengelernt haben, ich war 33 und Walter 35. Es ist auch für Landwirte nicht ganz einfach eine Frau zu finden. So waren alle erleichtert, dass eine Frau auf dem Hof kam und die Chance auf Nachwuchs bestand. Ich wurde gleich mit offenen Armen empfangen. Entsprechend gut ist mein Verhältnis mit den Schwiegereltern, dem Bruder und der Schwester meines Mannes. Da bin ich froh drum und glücklich, dass ich hier gelandet bin.

Wie sind sie im Dorf integriert?
Anfangs habe ich mich gar nicht integriert. Ich ging gleich arbeiten und war kaum zu Hause. Unser Hof liegt im Hinterdorf, das ist eine Sackgasse, auch deswegen hatte ich wenig Kontakt. Das hat sich jetzt aber geändert, auch wegen der Kinder. Seit kurzem bin ich auch Mitglied der Bäuerinnen-Ortsgruppe Spinges. Dadurch habe ich mehr Kontakt zu anderen Frauen, vor allem Bäuerinnen. Da bin ich auch ganz froh darüber. Und ich würde sagen, auch wenn ich immer wieder gerne ins Allgäu zurückkehre, bin ich hier am Wackerhof in Spinges angekommen!

Wie sehen Sie die Rolle der Bäuerinnen auf unseren Höfen?
Ich habe die bäuerlichen Betriebe hier zunächst von der Arbeit aus kennengelernt. Insgesamt habe ich schon den Eindruck, dass die Aufgaben auf Südtirols Höfen ziemlich aufgeteilt sind: Die Bäuerin kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, Urlaub auf dem Bauernhof und die hofeigenen Produkte und der Bauer um die Tiere, die Äpfel oder sonstiges. Bei uns am Hof ist das tatsächlich etwas anders, da wir auf einer Augenhöhe sind was Entscheidungen im Betrieb angeht und auch was die Arbeit und das Wissen über die Milchwirtschaft angeht. Ich habe nicht so viele Bäuerinnen kennengelernt, bei denen das auch so ist. Andererseits habe ich auch Bäuerinnen kennengelernt, die die Landwirtschaft ganz ohne Mann machen, man kann also nicht pauschalisieren.

Mussten Sie auf etwas verzichten?
Nicht direkt. Wo ich mich umstellen musste, war, dass man in der Großstadt alles ums Eck hat, man kann zu Fuß einkaufen gehen. Das ist hier anders, man ist auf das Auto angewiesen. Hier in Spinges kann man nicht einkaufen, es gibt keinen Bäcker, keinen Metzger, gar nichts, man muss sich immer ins Auto setzen. Das war anfangs ungewohnt, aber heute vermisse ich gar nichts, im Gegenteil: ich lebe hier nicht in einer Häuserwelt, wenn ich aus dem Fenster schaue, habe ich einen Ausblick in die wunderschöne Natur. Das entspricht eher meinem Naturell.

Was bedeutet für Sie Bäuerin sein?
Ich bin gerne Bäuerin. Ich habe es nie geplant, das hat sich so ergeben. Aber ich habe gemerkt, dass es auch das ist, was ich wirklich möchte. Ich wollte schon immer gerne meinen eigenen Gemüsegarten – natürlich braucht man dazu nicht unbedingt einen Bauernhof – aber Tierhaltung wird in einem Wohngebiet schon schwierig. Ich habe auch gerne meine hofeigenen Produkte wie Eier, Milch und Fleisch. Da bin ich auf einem Hof genau richtig, da kann ich mich jetzt austoben.

Wie sehen Sie Südtirols Landwirtschaft?
Ich kann jetzt speziell nur etwas zur Milchwirtschaft sagen. Indem hier der Milchpreis ein besserer ist, sieht die Situation für die Milchhöfe doch besser aus als anderswo. Auf jeden Fall bin ich der Überzeugung, dass man das Kleistrukturierte bewahren sollte. Um zu verhindern, dass die Entwicklung gleich läuft wie zum Beispiel in Deutschland, dass die kleinen Betreibe aufgeben und alles sich vergrößert und – man kann ja fast sagen - industrialisiert. Ich finde, Südtirol profitiert davon, dass es hier noch diese kleinen Betriebe und die Almen gibt. Das müssen wir uns bewahren. Das heißt aber nicht, dass wir da stehen bleiben müssen, wo wir gerade sind. Natürlich dürfen und müssen sich die Betriebe weiterentwickeln und technisieren. Man darf das nicht romantisieren, wir müssen heute nicht so arbeiten wie vor 100 Jahren ..!

Am 15. Oktober ist „Welttag der Landfrauen“. Möchten Sie den Südtiroler Bäuerinnen an diesem Tag einen Gedanken weitergeben?
Mir persönlich sind die Aus- und Weiterbildung sehr wichtig. Dass also auch jemand, der einen Hof übernimmt, studieren kann oder sich sonst weiterbildet. Ich finde das wichtig, weil man heutzutage mit so vielen Dingen konfrontiert wird: wie z.B. Mit dem Verbraucher und mit Verordnungen, an die man sich halten muss. Da braucht es Fachwissen! Mit einer guten Ausbildung kann man sich als Bäuerin diesen Anforderungen stellen und eine Stütze für den Betrieb sein.