Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 13.09.2019

Wie bringt man die Vielfalt ins Glas?

Südtirol als Weinland mit attraktiven Kontrasten zwischen montan und mediterran, frisch und körper­reich, Traditionellem und Modernem einem internationalen Fachpublikum vorzustellen, ist das Ziel des Südtirol Wein Summit. Heuer fand es zum zweiten Mal statt. von Renate Anna Rubner

Gut gebrüllt: Die heimische Weinwirtschaft macht mit dem Südtirol Wine Summit international von sich reden. (Foto: IDM/Michael Mair am Tinkhof)

Gut gebrüllt: Die heimische Weinwirtschaft macht mit dem Südtirol Wine Summit international von sich reden. (Foto: IDM/Michael Mair am Tinkhof)

Rund 150 Journalisten aus 16 Nationen kamen am 5. September in Schloss Maretsch zusammen, um bei einem Welcome Dinner den Auftakt des zweiten Südtirol Wine Summit zu feiern. Für die folgenden drei Tage hatten sich das Südtiroler Weinkonsortium gemeinsam mit IDM Südtirol einiges einfallen lassen, um Südtirol – und vor allem die heimische Weinlandschaft – den Journalisten so einzigartig zu präsentieren, wie es ist: Als Verschmelzung sehr unterschiedlicher Klimata, Terroirs und Lagen, verschiedenster Charaktere, Landschaften und Persönlichkeiten.

Am Freitag, zum informativen Auftakt des Summit, fanden am NOI Techpark unter dem Motto „Contrast meets harmony“ drei Impulsvorträge und eine Podiums­diskussion statt, am Nachmittag folgte die ­sogenannte „Anteprima“, bei der Produzenten Kostproben ihrer neuen Weine aufschenkten, und ein Sternekoch-Dinner im Garten des Hotel Laurin.

Vielfalt kommunizieren
Die Veranstaltung im NOI Techpark wurde von Landesrat Arnold Schuler und Maximilian Niedermayr, Präsident des Südtiroler Weinkonsortiums, eröffnet. Niedermayr erklärte dem Publikum, dass man dbei sei mit Geologen 76 Lagen für Südtirol auszuarbeiten. Mit reduzierten Ertragsmengen und der Auflage, dass die Weine dieser „vigne“ reinsortig ausgebaut werden müssen. „Die entsprechenden Genehmigungen der Ämter und des Ministeriums sind aber noch ausständig“, sagte Niedermayr. Landesrat Schuler unterstrich die kontrastreiche Vielfalt, die das kleine, aber feine Weinland Südtirol auszeichne. Diese Vielfalt ­müsse aber auch kommuniziert werden, zum Beispiel mit Veranstaltungen wie dem Südtirol Wine Summit.

Den Klimawandel annehmen
Georg Niedrist von Eurac Research ging mit dem Fachpublikum auf eine Reise vom Gestern über das Heute zur Frage, wie sich das Weinland Südtirol künftig dem Klimawandel gegenüber verhalten soll: Südtirol hat traditionell ein breites Spektrum an Sorten in unterschiedlichsten Lagen und relativ wenig Niederschlag. Was sich heute schon deutlich bemerkbar macht, ist ein steter, wenn auch über die Jahre schwankender Temperaturanstieg, sodass man bis ins Jahr 2100 mit 2,5 und mehr Grad Erwärmung im Jahresdurchschnitt rechnet. Das bedeutet konkret: mehr Zucker, weniger Gesamtsäure, mehr Extremereignisse mit Trockenheit und Hitze, Hagel (besonders die Intensität steigt, weniger die Häufigkeit) und Spätfrösten. Deshalb sei es notwendig, bedarfsgerecht und ressourcensparend zu bewässern, Böden gezielt zu bearbeiten, den Sortenspiegel anzupassen und eventuell auf höhere Lagen auszuweichen, sofern sich diese für den Weinbau eignen.

Der Geologe Carlo Ferretti zeigte die Vielfalt des Weinlandes Südtirol von seiner geografischen und geologischen Seite: Es gibt Zonen mit metamorphem, vulkanischem und dolomitischem Gestein sowie in manchen Zonen ein Gemisch dieser Gesteine, sodass man insgesamt 150 verschiedene Gesteinstypen identifizieren kann. Sie enthalten unterschiedliche Mineralien, zeigen verschiedene Bodenreaktionen (pH-Werte), variieren in Wasser- und Lufthaltevermögen. Das beeinflusst die Rebe in erster Linie, aber auch den Wein, der daraus entsteht. Mit einem historisch kulturellen Abriss rundete Leo Andergassen, Direktor von Schloss Tirol, die Reihe der Impulsvorträge ab.

Einen Gang zurückschalten
Als „hochtourig unterwegs“ bezeichnete Martin Foradori von der Kellerei Hofstätter in Tramin und Vizepräsident des Konsortium Südtiroler Wein die Südtiroler Weinwirtschaft in der Podiumsdiskussion: „Einen Gang zurückschalten, wäre vielleicht nicht schlecht!“, meinte er. Als essenziellen Baustein dafür nannte er die Klassifizierung der Lagen und deren Zuordnung bestimmter Sorten. Er sei nicht für eine Ausweitung des Sortenspiegels, sagte Foradori: „Wir brauchen nichts Neues, sondern wir müssen versuchen, uns auf das zu besinnen, was wir gut können.“ Auch die Flucht nach oben ist laut Foradori keine Lösung: „Die Weinbauflächen auszuweiten, ist sicher nicht im Interesse von Südtirol. Die Pflanzgenehmigungen sind ja zum Glück limitiert. Konzentrieren wir uns darauf, was wir haben!“
Zu besonnenen Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, mahnte auch Barbara Raifer vom Versuchszentrum Laimburg: „Wir müssen immer besser verstehen, welche Sorte in welcher Lage – klimatisch und geologisch – die beste Qualität bringt.“ Auch dem Bereich der Resistenzen müsse verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt werden, und man müsse ausloten, welche Möglichkeiten da zur Verfügung stünden.

Über 1100 Metern wird Luft dünn
„Wir können den Weinbau zwar auch in höhere Lagen bringen, ab 1100 Meter Meereshöhe wird die Luft aber doch recht dünn‘“, meinte sie. Da seien die richtig guten Flächen spärlich gesät. Deshalb werde es in näherer Zukunft nur wenige Veränderungen im Südtiroler Weinbau geben. „Man weiß zwar, dass es insgesamt wärmer wird, Forscher gehen aber davon aus, dass es jedoch auch längere Kälteeinbrüche geben kann. Man kann also die simulierten Szenarien nicht einfach so übernehmen, sondern wir müssen abwarten und beobachten, wie sich der Klimawandel effektiv auswirkt.“

Zudem sei es nicht so, dass die Südtiroler Weine durch die höheren Temperaturen exzessiv mehr Alkohol hätten. Martin Foradori räumte zwar eine tendenziell höhere Zuckergradation der Trauben ein, die die Weine alkoholischer macht, zumal man sie physiologisch reif erntet. Ein Wein wird aber in seiner spezifischen Stilistik ganz stark durch den Alkoholgehalt geprägt“, sagte er. „Derselbe Wein mit weniger Alkohol bringt diese Stilistik sicher nicht mehr mit!“
Dem stimmte auch Thomas Vaterlaus vom Schweizer Weinmagazin Vinus zu. Er brachte in die Podiumsdiskussion den Blick von außen ein: Den Facettenreichtum von Boden und Klima könne er in den Südtiroler Weinen nicht immer erkennen, meinte er. Vielfalt sei aber auch schwer zu kommunizieren. „Mosel ist Riesling und einfach, aber auch schnell langweilig. Da ist es in Südtirol zwar einerseits schwieriger, aber andererseits auch wieder einfacher.“ Er habe aber keineswegs den Eindruck, dass die Weine heute alkoholischer seien als früher, vielmehr stechen sie aktuell durch mehr Frische und Eleganz heraus.

Menschen und Geschichten
Magdalena Pratzner vom Weingut Falkenstein und Andreas Kofler, Obmann der Kellerei Kurtatsch, griffen dieses Thema gerne auf. Beide wünschen sich, dass sich Kunden und Weinjournalisten mehr Zeit für die Weine und vor allem die Menschen und Geschichten hinter den Weinen nehmen. Dann könne man sie,  ihren Stil und Charakter auch besser verstehen.
Für Einzigartigkeit plädierte Sternekoch Norbert Niederkofler: „Dann wird der Preis irrelevant!“, sagte er. Für sein Projekt „Cook the Mountain“ habe er zwar lange gebraucht, um sich ein Netz regionaler Anbieter aufzubauen, die Südtiroler Weinlandschaft sei aber idealer Begleiter für seine Gerichte.