Südtiroler Landwirt, Markt, Produktion | 13.09.2019

Nach dem Jahrhundertsturm

Fast ein Jahr ist seit dem Sturm „Vaia“ vergangen, der die Landschaft in Teilen des Landes radikal verändert hat. Was seither geschehen ist und wie es nun weitergeht. von Amt für Forstplanung

Bei den Aufräumarbeiten nach dem Jahrhundertsturm „Vaia“ kam schweres Gerät zum Einsatz. (Foto: Amt für Forstplanung)

Bei den Aufräumarbeiten nach dem Jahrhundertsturm „Vaia“ kam schweres Gerät zum Einsatz. (Foto: Amt für Forstplanung)

Die katastrophalen Waldverwüstungen in Südtirol Ende Oktober 2018 sind noch gut in Erinnerung. Nach ersten Schätzungen hat der Sturm bis zu 6000 Hektar Wald, was etwa 1,5 Millionen Festmeter Holz ausmacht, niedergewalzt. Betroffen sind dabei 86 von 116 Gemeinden Südtirols, wobei zwei Drittel der Schäden in den Gemeinden Tiers, Welschnofen, Deutschnofen, Aldein und Enneberg gemeldet wurden. Etwa 2100 Waldbesitzer sind von den Sturmschäden betroffen. Große Schäden wurden auch am Hauptstraßen-, am Forst- wie auch am Güterwegenetz angerichtet. Auch Wandersteige waren unterbrochen. Bis zu 250 Kilometer befahrbare Straßentrassen und bis zu 40 Kilometer Wandersteige wurden teilweise zerstört und konnten nicht mehr passiert werden.

Seit es historische Aufzeichnungen gibt, also seit mehr als 100 Jahren, gab es noch nie solche massive Schäden in den Wäldern, wo einzelne Waldbesitzer nahezu den gesamten Wald verloren haben, wo Windstürme mit Geschwindigkeiten bis zu 130 Stundenkilometer in verschiedenen Zonen diese enormen Schäden angerichtet haben. Etwa 1,7 Prozent der Waldfläche wurden zerstört. Die angefallene Holzmenge beträgt nahezu die doppelte Hiebsmenge der Südtiroler Wälder in einem Jahr. In manchen Gebieten übersteigt der Schaden die Hiebsmenge um ein Vielfaches. Für die Nachhaltigkeit bedeutet das, dass mehrere Generationen kein Holz mehr ernten können.

Hohe volkswirtschaftliche und landschaftliche Schäden
Der Waldschaden umfasst die erschwerte Aufarbeitung des Holzes, die Wieder­bewaldungskosten, die Instandhaltung der beschädigten Forst- und Wanderwege wie auch die Wertminderung des Holzes. Das Bruchholz ist teilweise nur mehr als Brennholz nutzbar. In Summe kann von einem großen ­volkswirtschaftlichen Schaden gesprochen werden. Die riesigen Kahlflächen bedeuten auch kleinklimatische Veränderungen. Nicht zuletzt ist teilweise die Landschaft im Tourismusland Südtirol nicht wiederzuerkennen.

Holzschwemme drückt den Preis
Zudem wurde in Südtirol wie auch in umliegenden Regionen, wo dasselbe Dilemma vorliegt, der Holzmarkt mit viel zu viel Holz überschwemmt, was sich deutlich negativ auf den Holzpreis auswirkte. Dabei wird festgehalten, dass der Fichtenpreis durch das Sturm­ereignis etwa ein Drittel des Preises eingebüßt hat. Der Durchschnittspreis liegt im Schnitt bei 65 Euro pro Festmeter. Infolge des riesigen Arbeitsangebotes und der teilweise doch noch wenigen Aufräumunternehmen sind die Kosten für Ernte und Bringung doch ziemlich angezogen. Das drückte den Nettoerlös stark, sodass sich dieser teilweise nur mehr um die 20 Euro pro Festmeter bewegt.
Die Lärche konnte den Preis im Großen und Ganzen halten und liegt bei etwa 100 Euro pro Festmeter. Ebenso lässt sich mit der Zirbe immer noch gutes Geld verdienen. Der Preis pro Festmeter liegt bei etwa 240 Euro.
Nichtsdestotrotz musste gehandelt werden, um die Schäden zu beheben und die Windwürfe aufzuarbeiten. Die Abteilung Forstwirtschaft mit dem kapillaren Netzwerk von Mitarbeitern war von Anfang an mit Lokalaugenscheinen, Besprechungen, Beratungen und Erhebungen der Schäden beschäftigt. Dazu gehörten die digitale Bestimmung des Wertes der Windwurfflächen, auf dessen Grundlage verschiedene Kalkulationen, sprich wichtige Parameter, erstellt wurden. Mit Flug- und Satellitenbildern konnten die erhobenen Flächen auch besser dargestellt und berechnet werden.

Überblick verschaffen, prioritär handeln
In der ersten Phase der Aufräumarbeiten galt es, Forstwege und übergeordnete Hauptzufahrtsstraßen von umgeworfenen Bäumen freizuschneiden. Weiters war es notwendig, das Wegenetz entsprechend für den Abtransport des Holzes herzurichten. Dazu wurden auch neue Wegtrassen in so manchem Waldgebiet errichtet.
Die effektive Aufarbeitung des Schadholzes erfolgte dann von den Waldbesitzern mit beauftragten Unternehmen autonom. Hierbei wurden unterschiedliche Formen der Arbeitsvergabe bzw. Verkaufsmodalitäten festgestellt. Dabei wurde das Holz ab Forstweg, am Stock bzw. Schlagort verkauft oder die Arbeit an entsprechende Firmen vergeben. Im Detail liegen hier noch keine Daten vor.

Immer im Vordergrund stand dabei die richtige Feststellung der Holzmengen und der betroffenen Schadflächen, was nicht immer leicht zu handhaben war. Diese Arbeit oblag den Förstern vor Ort, in Zusammenarbeit mit den Waldbesitzern und Unternehmern. Diese Daten sind wichtige Parameter für die zu kalkulierende Bringungsprämie.
Wie die Erfahrung oft schon gezeigt hat, ist das Verletzungsrisiko bei der Aufarbeitung von Wurfholz sehr hoch. Laut Statistik ist pro 100.000 Festmeter Wurfholz ein Unfall mit tödlichem Ausgang zu beklagen.
Dazu hat Landesforstchef Mario Broll unzählige Aufrufe und Appelle an die Wald­besitzer und an alle betroffenen Schlägerungsunternehmen gerichtet, bei der Arbeit sehr vorsichtig vorzugehen: „Die Arbeiten sollen, wenn es möglich ist, nur von Experten und Leuten mit guter Erfahrung im Umgang mit Maschinen und Geräten übernommen und umgesetzt werden“, betonte Broll mehrmals.

In erster Linie ging daher die Anweisung an alle Beteiligten, Ruhe zu bewahren, damit klare Informationen gesammelt und Leitlinien erstellt werden konnten, wie die Aufräum­arbeiten angegangen werden sollen. Dazu gab es eine gute Koordination zwischen den geschädigten Waldbesitzern, öffentlichen Körperschaften, Schlägerungsunternehmen und Behörden, um diese Mammutaufgabe schaffen zu können. Die Aufräumarbeiten wurden nach klaren Managementplänen abgewickelt, wobei die Prioritäten genau festgelegt wurden. Die Lage konnte durchaus als kritisch beurteilt werden: Es ging darum, die geknickten, niedergewalzten und entwurzelten Massenhölzer aus den Wäldern zu bekommen. Um der Lage Herr zu werden und vor allem um Verletzungen zu vermeiden, wurde der Maschineneinsatz forciert. Mit schwerem Gerät – wie Harvestern, Forwardern, voll mechanisierten Erntemaschinen, Prozessoren und Seilkrananlagen – wurden die Arbeiten in Angriff genommen.

Gute Koordination trägt Früchte
Über 200 Unternehmer bzw. Schlägerungsunternehmen waren in verschiedenen Teilen in Südtirol mit den Holzschlägerungs- und Aufräumarbeiten des Sturmholzes beschäftigt. Für die Vorrückung des Schadholzes zu den Forstwegen wurden etwa 460 Seillinien (Seilkräne) errichtet. Der sichtbare Maschineneinsatz war für die Außenstehenden enorm. Ohne den Einsatz von schwerem Gerät würden die Aufarbeitungsarbeiten mit den derzeitigen Ergebnissen nicht so gut dastehen.
Um dem sofortigen Holzverkauf zu niedrigsten Preisen entgegenzuwirken, wurden auch einige Nasslagerplätze in Zusammen­arbeit mit den zuständigen Behörden errichtet.

Gute Bedingungen ausgenutzt
Die klimatischen Verhältnisse in den Wintermonaten 2018/19 bei geringen Schneelagen haben sich günstig auf die Aufarbeitungsarbeiten ausgewirkt. Im Spätwinter gab es beim Abtransport bzw. beim Vorrücken des Holzes zum Forstweg arge Schwierigkeiten aufgrund der beschädigten Forstwege mit tiefen Fahrspuren. Diese Schäden wurden behoben.
Seitens der Forstbehörde war es immer ein Kardinalstandpunkt, dass das Schadholz womöglich dort forciert aufgearbeitet werden soll, wo der Wald eine direkte Schutzfunktion ausübt. Allgemein wurden die Aufarbeitungsarbeiten des Schadholzes immer als vordringlich eingestuft, um die Borkenkäfergefahr so gering wie möglich zu halten, die vor allem in den darauffolgenden Jahren auftreten kann.

Nach letzten offiziellen Zwischenergebnissen der aufgeräumten Holzmengen Mitte Mai konnten schon über 50 Prozent der geschätzten Windwurfmenge von 1,5 Millionen Festmetern aufgeräumt werden. In der Zwischenzeit hat die aufgearbeitete Holzmenge die Millionengrenze wohl schon überschritten.Laut den Berechnungen und Schätzungen der Abteilung Forstwirtschaft beträgt der Schaden in den Wäldern in etwa 80 Millionen Euro. Dabei handelte es sich um Schäden an Infrastrukturen, private Schäden durch den Preisverfall des Holzes (zuzüglich Holzerwartungswerte aufgrund der teilweise nicht erreichten Umtriebszeiten der umgeworfenen Waldbestände) sowie Schäden durch zusätzlichen Aufwand bei Holzaufarbeitung, Transport und Lagerung. Dazu kommen noch die Kosten, die zukünftig für die Verbauungen (Steinschlagnetze, Bau von Auffangdämmen) anfallen werden, sowie Folgekosten bei der Aufforstung und Waldpflege. Insgesamt belaufen sich die direkten und indirekten Schäden auf über 200 Millionen Euro.

Dazu wurden über 120 Projekte zur Verbesserung und Wiederherstellung von Zufahrts- und Walderschließungstrassen mit einer Gesamtsumme von ca. 3,5 Millionen Euro erstellt. Weiters wurden für die Wiederherstellung des Objektschutzes, den der Wald auf entsprechenden Standorten nicht mehr erbringt, ca. 7,5 Millionen Euro bereitgestellt. Für die Bringungsprämie, welche den Waldbesitzern für den erschwerten Aufwand bei der Aufarbeitung und Vorrückung des Schadholzes zusteht, konnte eine Summe von zwölf Millionen Euro bereitgestellt werden. Das entsprechende Beitragsverfahren läuft derzeit, und die Begünstigten können in diesem Jahr noch mit der Auszahlung rechnen.

Großteil der Schäden innerhalb 2020 aufgeräumt
Die Aufräumarbeiten laufen kontinuierlich weiter, wobei sich die Arbeiten in zunehmend schwerer zugängliche Gebiete verlagern. Hier sind besondere Vorsicht und Umsicht wegen der Unfall- und Verletzungsgefahr für die Arbeiter geboten.
Viel Holz wurde zwar bis zu den Forstwegen und Lagerplätzen vorgerückt. Der Abtransport zu den Sägewerken im In- und Ausland bzw. zu den Bestimmungsorten läuft derzeit auf Hochtouren. Dazu war auch ein Abtransport des Holzes per Bahn von Bozen aus geplant, das sich aber nicht umsetzen ließ.
Sollten die Aufräumarbeiten konsequent und laufend weitergeführt werden können, dann sollten die angerichteten Schäden im Laufe des Jahres 2020 beendet werden können. Vereinzelte unzugängliche Windwurfflächen werden wohl über dieses Datum hinaus nicht aufgeräumt im Gelände verbleiben. Neben geografischen und geomorphologischen gibt es auf solchen Standorten mitunter auch ökonomische Überlegungen und Kalkulationen der betroffenen Waldbesitzer, die dazu führen, dass diese schwierigen Arbeiten nicht umgesetzt werden.
Ebenso wird es schwierig und teilweise strategisch nicht einfach, alle Streuschäden zu erfassen und aufzuräumen, die nicht flächig sichtbar, aber dennoch verstreut in den Wäldern vorhanden sind bzw. das Holz an die Forstwege vorzurücken.

Objektschutzwald hat Priorität
Im Zuge der Erhebungen wurde auch eine Prioritätenreihung bezogen auf die Schutzfunktion des Waldes erstellt. Die ausgewiesenen Objektschutzwaldflächen (der Wald schützt die unterliegenden Objekte) mit einem Gesamtausmaß von etwa 1000 Hektar haben oberste Priorität.
Auf diesen Flächen besteht eine absolute Dringlichkeit, die Schutzfunktion mit technischen Schutzmaßnahmen in Verbindung mit Aufforstungsmaßnahmen wieder herzustellen. Hier sollen die oben genannten Eingriffe zur Sicherung der unterliegenden Strukturen (Straßen, Gebäude, Infrastrukturen allgemein) errichtet werden.
Im zweiten Ansatz wurden auch Standortschutzwaldflächen (der Wald schützt den Standort vor Erosion, Steinschlag, auch Murtätigkeit) mit ebenso etwa 1000 Hektar Gesamtfläche ausgewiesen, auf welchen in erster Linie eine schnelle Wiederbewaldung als sehr dringlich und auch wichtig eingestuft wurde. Auf diesen Standorten wird die künstliche Aufforstung forciert. Die restlichen Wurfflächen (immer noch etwa 4000 Hektar) sollen sich wieder natürlich bewalden bzw. verjüngen.
Weiters werden und wurden schon unzählige Projekte im Berggebiet – seien es Wiederinstandsetzungsarbeiten am Güter- und Forstwegenetz wie auch am Wanderwegenetz und an anderen Infrastrukturen – geplant und teilweise schon umgesetzt.

Weitere Schäden sind möglich
Neben den primär angerichteten Schäden durch den Windsturm können infolge davon weitere Schäden an den verbleibenden Beständen entstehen. Die durch den Windsturm aufgerissenen Bestände stehen teilweise ungeschützt, nicht mehr im geschlossenen Bestand und sind dadurch schon bei etwaigen schon geringen Windstößen gefährdet, umgeworfen zu werden. Weiter sind Randbäume, welche vorher im geschlossenen Bestand im gegenseitigen Schutz durch die Beschattung standen, nun direkt der Sonneneinstrahlung ausgesetzt (Rindenbrand). Hier spricht man von Sekundärschäden, die für die Pflanze zusätzlichen Wuchsstress bedeuten. Die Folge ist eine abnehmende Widerstandskraft gegen weitere Angriffe, speziell was Pilze und Insekten anbelangt. Eine vorgeschädigte, geschwächte Pflanze steht für den Borkenkäfer an oberster Stelle des Speiseplanes.

Für die Borkenkäferüberwachung nach so einem Schadereignis mit zu erwartenden starken Populationsentwicklungen – sogenannten Kalamitäten – wurde von der Abteilung Forstwirtschaft eine Vereinbarung mit dem Forstschutzexperten Prof. Andrea Battisti von der Universität Padua abgeschlossen. Damit ist zu dieser Thematik die wissenschaftliche Begleitung abgesichert. Gleichzeitig wird dabei auch ein überregionales Konzept mit den angrenzenden Nachbarregionen umgesetzt.

Wiederaufforstung ist angelaufen
Die Wiederaufforstung wird wohl ein enormer organisatorischer Aufwand werden. Dazu werden die Standorte genau analysiert. Große Flächen werden der Natur überlassen. Grundsätzlich kann von Glück gesprochen werden, dass im vergangenen Herbst die Samen der Nadelbäume schon reif waren. Deshalb gab es sehr viel Anflug.

Forstgärten sind gut vorbereitet
Die Forstgärten des Landesforstdienstes haben sich umgehend auf die neuen Anforderungen eingestellt. Die Zapfengewinnung von Fichte und Lärche wurde noch im Herbst vergangenen Jahres forciert. Die Versorgung mit Saatgut dieser beiden Hauptbaumarten sowie für Tanne und Zirbe ist sichergestellt. Die Forstgärten organisieren sich, um in den nächsten Jahren möglichst viel Pflanzenmaterial der verschiedenen Herkünfte aus den Schadensgebieten zur Verfügung zu stellen. Der geschätzte Mehrbedarf beträgt zwei Millionen Forstpflanzen in den kommenden zwei bis sieben Jahren.
Die Schutzwaldprojekte im Zusammenhang mit den Windwürfen werden in den kommenden Jahren prioritär bedient. Das Pflanzenmaterial für erste Schutzwaldprojekte steht zur Verfügung, und Pflanzmaterial für Grün­verbauungen bei Hangrutschungen ist ebenfalls vorhanden.