Produktion, Südtiroler Landwirt | 01.08.2019

Die Zellzahlen im Griff behalten

Das Problem erhöhter Zellzahlen ist mit erheblichen Milchgeld-Verlusten verbunden. Treten Auffälligkeiten auf, ist es ratsam, zeitnah zu reagieren, bevor sich das Problem durch Abwarten vergrößert. von Jessica Schwenke, BRING

Für erhöhte Zellzahlen können eine Vielzahl unterschiedlicher Eutererreger verantwortlich sein.

Für erhöhte Zellzahlen können eine Vielzahl unterschiedlicher Eutererreger verantwortlich sein.

Um langfristige Erfolge zu erzielen, sollte man als Landwirt auf das blinde Ausprobieren verschiedenster Maßnahmen verzichten und stattdessen auf ein strategisches, planvolles Vorgehen setzen. Als Erstes gilt es einzuschätzen, ab wann es sich überhaupt um eine erhöhte Zellzahl handelt.
Auch wenn beispielsweise die Grenzen der „Superklasse“ eine Zellzahl von bis zu 250.000 Zellen pro Milliliter Rohmilch tolerieren, ist die eigentliche Definition für ein gesundes Euter strenger: Hier gilt ein Wert von bis zu 100.000 Zellen pro Milliliter als eutergesund, höhere Werte dementsprechend als nicht gesund. 
Daraus kann abgeleitet werden, dass Betriebe mit einer durchschnittlichen Zellzahl von bis zu 100.000 Zellen pro Milliliter eine sehr gute Eutergesundheit aufweisen – hier sollten die Regeln einer guten Stall- und Melkhygiene eingehalten werden, um die gute Eutergesundheit aufrecht zu erhalten. In Betrieben mit Zellzahlen über 100.000 pro Milliliter sollte man genauer betrachten, wo das Problem liegt: Handelt es sich um Einzeltiererkrankungen oder ein Problem auf Herdenebene? Treten Probleme gehäuft in einem bestimmten Laktationsstadium auf? 
Natürlich spielt auch die Höhe der Zellzahl eine Rolle: Betriebe mit kleineren Problemen werden vermutlich nur mäßig erhöhte Werte aufweisen, spätestens ab einem Durchschnitt von 250.000 Zellen pro Milliliter kann allerdings davon ausgegangen werden, dass eine ernsthafte Beeinträchtigung der Eutergesundheit vorliegt. Alle Werte dazwischen (und auch darüber) müssen betriebsindividuell eingeschätzt werden.

Problemanalyse in mehreren Schritten
Der erste Schritt der Problemanalyse ist die genaue Betrachtung der Tankmilch- und Milchmessanalysen. In Betrieben ohne ­Milchmessung, also ohne monatliche Einzeltieranalysen, werden Ursachenforschung und anschließende Sanierung schwerfallen. Ausnahmen können hier Kleinstbetriebe sein, die regelmäßig Privatproben von allen Einzeltieren einschicken. 
Die Analysen geben wichtige Hinweise auf die Ausbreitung von Euterinfektionen im Betrieb sowie auf eventuelle Häufungen in bestimmten Laktationsstadien oder Tiergruppen. Der zweite Schritt der Problemanalyse stellt die Entnahme von Milchproben (Viertelgemelks- oder Pool-Proben) zur Erregerbestimmung dar. Dies ist der einzige Weg herauszufinden, mit „wem“ man es zu tun hat, denn für erhöhte Zellzahlen können eine Vielzahl unterschiedlicher Eutererreger verantwortlich sein. Anhand der Analysen kann der „Leitkeim“ des Betriebes bestimmt werden, welcher Hinweise auf den Ursprung des Problems liefert. Es wird im Zuge der Erregerbestimmung außerdem ein Antibiogramm (Resistenztest) erstellt, um zu ermitteln, mit welchem Antibiotikum der Erreger gezielt behandelt werden kann oder ob dieser bereits Resistenzen gegen Antibiotika gebildet hat. 
Als dritter Schritt der Problemanalyse sollte eine kritische Betriebsbegehung erfolgen, um Problembereiche in Haltung, Fütterung sowie Stall- und Melkhygiene zu finden. Ratsam ist es, dies gemeinsam mit Tierarzt und Berater zu tun, da man selbst im eigenen Betrieb oft zum Übersehen von Problemen neigt – Stichwort Betriebsblindheit. Im Zuge dessen sollte auch die technische Überprüfung der Melkanlage durch den Sennereiverband erfolgen. 

Strategische Maßnahmen
Ist das Problem genauer eingegrenzt, sollte die strategische Sanierung begonnen werden. Diese wird in der Regel mehrere Monate dauern und bedarf unbedingt der Disziplin des Landwirts, um einen langfristigen Erfolg zu erzielen und nicht nach kurzer Besserung wieder in alte Probleme zurückzufallen. Als Erstes sollten aufgedeckte Schwachstellen in Fütterung, Haltung usw. behoben werden, wenn sie auch noch so unbedeutend erscheinen. 
Außerdem ist von größter Bedeutung, die Melkhygiene zu optimieren und sich an die grundlegenden Regeln des guten Melkens zu halten. Hierzu zählen u. a. das Tragen von Einmalhandschuhen, die Zitzenreinigung, das Einhalten einer Melkreihenfolge oder besser die Zwischendesinfektion der Melkgeschirre nach jeder Kuh sowie das Dippen („Zitzentauchen“) nach dem Melken. 
Eine umfassende Beratung hierzu bieten der Hoftierarzt, der Sennereiverband oder der BRING. Diese ersten beiden Schritte – die Optimierung der Betriebsbedingungen und der Melkhygiene – dienen innerhalb der Sanierung dazu, die Neuinfektion von bisher eutergesunden Tieren zu vermeiden. 
Das dritte Standbein der Sanierung ist die Behandlung bereits erkrankter Kühe durch den Tierarzt. 
Je nach Erreger bestehen meist die besten Erfolgsaussichten beim Trockenstellen, außerdem sollte ein aktuelles Antibiogramm zur Wahl eines wirksamen Antibiotikums vorliegen. 
Gemeinsam mit dem Tierarzt muss außerdem entschieden werden, welche Tiere therapiewürdig sind und welche nicht: So gelten beispielsweise Kühe, die in drei Milchmessungen hintereinander eine Zellzahl von über 700.000 gezeigt haben, als chronisch krank mit sehr schlechten Heilungsaussichten. Hier muss man die Entscheidung treffen, ob eine Therapie versucht wird oder das Tier entnommen wird. 
Eine erfolgreiche Sanierung der Eutergesundheit kann nur gelingen, wenn der Landwirt planvoll und langfristig handelt. 


___________________
Kontakt:
BRING - Beratungsring Berglandwirtschaft
Galvanistraße 38, Bozen, Tel. 0471 063890
E-Mail: info@bring.bz.it, www.bring.bz.it