Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 01.08.2019

Agrar- & Forstbericht 2018 vorgestellt

Eine Neuausrichtung der Landwirtschaft, die Vielfalt als Schwerpunkt und der Jahrhundertesturm Vaia waren Themen bei der offiziellen Präsentation des Agrar- & Forstberichts 2018. von Johanna Höller

Die Artenvielfalt soll laut Landesrat Arnold Schuler in Südtirol künftig noch stärker im Mittelpunkt stehen. (Foto: Sennereiverband Südtirol)

Die Artenvielfalt soll laut Landesrat Arnold Schuler in Südtirol künftig noch stärker im Mittelpunkt stehen. (Foto: Sennereiverband Südtirol)

Auf knapp 200 Seiten beinhaltet der jährlich erscheinende Agrar- & Forstbericht umfassende Informationen zur Südtiroler Land- und Forstwirtschaft, zur ländlichen Entwicklung und zu aktuellen Themen. Somit dient der Bericht als wichtiges Nachschlagewerk und Kompendium für Bauern und Interessierte. 
Ende Juli stellte Arnold Schuler, Landesrat für Land- und Forstwirtschaft, die neueste Ausgabe bei einer Pressekonferenz vor. Eröffnend betonte er, dass die Gesellschaft an die Landwirtschaft gewisse Erwartungen heranträgt, die es künftig zu berücksichtigen gilt. 

Neue Wege in der Landwirtschaft
Mit diesem Blick in die Zukunft der Landwirtschaft sprach Landesrat Schuler von einem „Umbruch Richtung Neuausrichtung“. Derzeit liefe die Ausarbeitung einer zukunftsfähigen Strategie auf Hochtouren und ein Konzept zur Südtiroler Landwirtschaft 2020-2030 solle in den nächsten Wochen der Öffentlichkeit präsentiert werden. 
Auch auf EU-Ebene stehen Veränderungen an: Mit dem Ende der derzeitigen Förderperiode im Jahr 2020 laufen auch die Förderprogramme aus. Vor allem wirkt sich der geplante Ausstieg Großbritanniens aus der EU (Brexit) auf das Budget und die Fördersummen für den Agrarsektor aus. Für die Förderperiode 2021–2027 gelte es bereits jetzt die Weichen zu stellen, meinte Schuler.
Auch neue Prioritäten beeinflussen die Förderungen in der Landwirtschaft: Waren es anfangs noch die Sicherung und Steigerung der Produktion und eine flächendeckende landwirtschaftliche Produktion, so stehen heute Umweltauflagen im Fokus. 
Für die ländliche Entwicklung sieht die EU vor, künftig ihre ländlichen Entwicklungsprogramme überwiegend auf staatlicher und nicht mehr auf regionaler Ebene anzusetzen. Dadurch sei für Südtirol und viele andere Regionen, zu befürchten, dass sich die Laufzeiten verlängern und Verwaltungswege verkomplizieren. Eine breite Allianz aus verschiedenen Regionen in- und außerhalb Italiens formiert sich bereits, um „gemeinsam besser dagegen vorgehen zu können», berichtete Schuler. 
Zum derzeitigen Förder-Stopp in Südtirol, sagte der Landesrat, dass die Förderungen aus dem Landeshaushalt an die neuen politischen Prioritäten und die verfügbaren Geldmittel angepasst werden müssen. 

Jahrhundertereignis Vaia ­erfolgreich gemeistert
Als prägendes Ereignis des vergangenen Jahres bezeichnete Schuler den Jahrhundertsturm Vaia, der im Herbst 2018 insgesamt 1,5 Millionen Kubikmeter Holz innerhalb weniger Stunden gefällt hat. Landesforstdirektor Mario Broll nannte in diesem Zusammenhang die geleistete Arbeit aller beteiligten Seiten als „großartig“ und bedankte sich bei allen, die mit helfenden Händen zugepackt haben. Gleichzeitig dürfe man nicht vergessen, dass auch das Ökosystem Wald eine einzigartige Leistung vollbracht habe. So seien Wassermengen im Ausmaß des Fassungsvermögens des Stausees am Reschen vom Wald aufgefangen worden. 
Im Hinblick auf die Wanderwege hielt Broll fest, dass der Sicherheitsgedanke hier immer vorgehe. Dennoch sei man bemüht, gemeinsam mit den betroffenen Tourismusvereinen Lösungen zu finden, um alle Wege schnellstmöglich freigeben zu können.

Bildung und Forschung als Basis 
Für die Südtiroler Land- und Forstwirtschaft stellen die Fachschulen mit ihrem Fokus auf Aus- und Weiterbildung eine tragende Säule dar. Bildungsdirektor Gustav Tschnett erklärte: „Auch wenn die Schulen autonome Körperschaften sind, legen wir dennoch großen Wert auf eine enge Abstimmung und Kooperation mit unserem Umfeld.“ 
Auch im Versuchszentrum Laimburg dreht sich alles um die heimische Landwirtschaft. Direktor Michael Oberhuber erklärte, dass im Jahr 2019 die stolze Zahl von 44 neuen Projekten auf dem Forschungsprogramm stehen. Diese ergänzen die 331 bereits laufenden Tätigkeiten und Projekte. Das Versuchszentrum richtet sich dabei an der Praxis aus, um möglichst anwendungsorientierte Ergebnisse erreichen zu können. Dies veranschaulichen einige der vorgestellten Projekte aus dem vergangenem Jahr: Bei der Bekämpfung der Kirschessigfliege beispielsweise setzt man auf alternative Methoden wie Netze, Lockstoffe oder natürliche Gegenspieler. Pflanzenschutzmittel kämen hierbei erst als letzte Möglichkeit zum Einsatz. Mithilfe der entwickelten App „Frudistore“ können frühzeitig Lagerschäden erkannt werden und das Projekt „Re-Cereal“ steht unter dem Motto der Artenvielfalt.
Der größte Teil der Versuche erfolgt auf den Flächen der Landesdomäne, für welche seit Mai dieses Jahres Albert Wurzer verantwortlich ist. Die Landesdomäne verwaltet insgesamt rund zehn Prozent der gesamten Landesfläche. Zum Verwaltungsgebiet gehören neben 16 Gutshöfen auch das Aquatische Artenschutzzentrum, die Forstschule Latemar und die Botanischen Gärten von Schloss Trauttmansdorff. Bis zum Jubiläumsjahr der Botanischen Gärten im Jahr 2021 stünden dort umfangreiche strukturelle Erneuerungsarbeiten an, welche lediglich in den drei besucherfreien Monaten von Dezember bis Februar durchgeführt werden könnten, meinte Wurzer. 

Brennpunkte Artenvielfalt und Klimawandel 
Ein wichtiges Anliegen für Heute und Morgen sei die Artenvielfalt im Land. Die unterschiedlichen Abteilungen arbeiten bereits intensiv daran, um diese zu stabilisieren: Das Aquatische Artenschutzzentrum sei beispielsweise dabei autochthone Fisch- und Krebsarten wie die Marmorierte Forelle und den Dohlenkrebs zu züchten, um diese wieder in den Gewässern Südtirols heimisch zu machen.
Zudem müsse man sich auch den aktuellen Herausforderungen, wie dem Klimawandel,  stellen. Abteilungsdirektor Martin Pazeller berichtete in diesem Zusammenhang vom Pilotprojekt „Dürreindex“. Es sei in Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg, Eurac Research und dem wissenschaftlichen Institut der Stiftung Edmund Mach in San Michele an der Etsch entwickelt worden und stellt die Basis für die Dürreversicherung dar. „Wenn es Dürreschäden gibt, muss nicht mehr ein Techniker der Versicherungsgesellschaft den Schaden feststellen, sondern er wird automatisch berechnet“, erklärte Pazeller. Außerdem berichtete 
Pazeller über noch nicht ausgeschöpfte Potentiale im Fleischsektor, ein bisher „katastrophal“ verlaufenes Honig-Jahr, den richtigen Weg im Hinblick auf die flächenbezogene Milchwirtschaft, geo-referenzierte Datenbanken für Apfelwiesen und die Eignung von Flächen für den Weinbau. 

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Der Agrar- und Forstbericht 2018 kann auf der Landwirtschaftsseite des Landes abgerufen werden: http://www.provinz.bz.it/land-forstwirtschaft/landwirtschaft/agrar-forstbericht.asp