Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 24.04.2019

Mit Bauchweh zum Fusionskonzept

Das war knapp: Viele Mitglieder des Braunviehzuchtverbandes taten sich bei ihrer Vollversammlung schwer, ihren Vorstand mit einem Konzept für eine mögliche Fusion zu beauftragen. Am Ende gaben sie grünes Licht. von Guido Steinegger

Moment der Entscheidung: Mit 57 zu 48 Stimmen machen die Braunviehzucht-Mitglieder den Weg frei für Gespräche mit dem Rinderzuchtverband.

Moment der Entscheidung: Mit 57 zu 48 Stimmen machen die Braunviehzucht-Mitglieder den Weg frei für Gespräche mit dem Rinderzuchtverband.

Sie war kaum an Spannung zu überbieten: Die Mitgliederversammlung des Braunviehzuchtverbandes am Donnerstag vergangener Woche in Nals. Zunächst lief alles seinen Lauf: Obmann Alois Hellrigl blickte auf ein trockenes Jahr mit hohen Futterpreisen und Viehverkäufen zurück. Erfreulich stabil waren die Zucht-, Mast- und Schlachtviehpreise. Sorgen bereitet der Wolf, der Rückgang des Jungviehs, aber auch die „Überheblichkeit der Gesellschaft beim Betreten von Privatbesitz.“
Geschäftsführer Peter Zischg stellte die Tätigkeit vor und betonte dabei vor allem die Freude des Verbandes mit den Ausstellungen und mit aktiven Jungzüchtern.

Per Konzept zur Fusion?
Dies alles geriet zum Nebenschauplatz, als die Fusionspläne mit dem Rinderzuchtverband und der Tierzucht-Vereinigung zur Sprache kamen. Dabei geht es vorerst nur um ein Konzept und nicht um die Fusion selbst: Die drei Partner wollen, begleitet durch Berater, genaue Details erarbeiten, den Mitgliedern im Winter vorstellen und in den Vollversammlungen 2020 zur Entscheidung vorlegen.
Hellrigl weiß um die Bedenken: Er kritisierte den „Alleingang der anderen Rinderverbände im Jahr 2018“. Der Braunviehzuchtverband habe vor einigen Jahren als einziger Verband einem Fusionskonzept zugestimmt. 2018 hätten dann aber die anderen beiden Verbände ohne Gespräche mit dem Braunviehzuchtverband fusioniert. Aber Beleidigt-Sein helfe auf Dauer nicht: „Es gibt Nachteile, aber die Vorteile überwiegen: Mit einer gemeinsamen, starken Stimme kann die Viehwirtschaft viel Potenzial ausschöpfen, Doppelgleisigkeiten vermeiden, Dienstleistungen optimieren, mittel- und langfristig Kosten einsparen.“ Auch das statutarische Problem der Tierzuchtvereinigung werde gelöst und deren Aufgaben übernommen.
In die gleiche Kerbe schlug Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler: „Denkt nicht nur an morgen, sondern an übermorgen: Langfristig überwiegen die Vorteile für alle Rinderhalter.“

Kippende Stimmung
Trotzdem fällt vielen Braunviehzüchtern eine Fusion schwer. Das liegt wohl auch an den Besitzverhältnissen: Ihr Verband ist finanziell gut aufgestellt, besitzt ein vermietetes Verbandsbüro in Bozen, ein Bezirksbüro in Sterzing und Stallungen in Eyrs. Er hält knapp 70 Prozent an der Vermarktungshalle Bozen und 20 Prozent am Haus der Tierzucht. Auch vier Photovoltaikanlagen sorgen mit für eine solide Bilanz. Einige Befürworter führten genau dies als Vorteil an: „Wir gehen als starker Verband in die Verhandlungen.“ Doch viele Braunviehzüchter geben diesen Besitz offensichtlich ungern ab. Teils fielen harte Worte: „Wir arbeiten seit 70 Jahren gut. Wieso sollen wir das den anderen überlassen?“ Vielen geht das „viel zu schnell.“ Auch der Landtagsabgeordnete Franz Locher meinte „man könne notfalls auch noch ein-zwei Jahre zuwarten.“ Andere befürchten, der Gesamt-Verband werde „zu groß und schwerfällig.“ Auch die Idee einer Doppelspitze in der Geschäftsführung schmeckt vielen nicht.
Die emotional aufgeheizte Stimmung war am Kippen. Da appellierten einige Mitglieder aus Vorstand und Verwaltungsrat an die Vernunft. Braunvieh-Obmannstellvertreter Daniel Gasser sagte: „Wir hatten genau die gleichen Bedenken. Aber gebt uns bitte die Möglichkeit, zu verhandeln und das Beste heraus zu holen – im Sinne aller Bauern!“ Die letzte Entscheidung liege immer noch bei der Vollversammlung. Zu einer Stellungnahme wurde auch Rinderzuchtverband-Obmann Heinrich Ennemoser aufgefordert. Er beschönigte die Vorgeschichte nicht, meinte aber: „Ohne unsere Fusion würden wir heute nicht so deutlich über den letzten Schritt diskutieren. Auch wir hoffen, dass die Vernunft siegt.“

Knappes Ja
Als es dann schließlich zur Abstimmung kam, wagte niemand eine Prognose. Das Ergebnis ist bekannt: Knapp 53 Prozent dafür, bei gut 44 Prozent Ablehnung und drei Enthaltungen. Damit ist noch keine Fusion beschlossen. Aber der Braunviehzuchtverband hat sich dazu durchgerungen, den Weg dahin zumindest nicht zu versperren. Nun werden die Spitzen der Verbände Weitsicht und Fingerspitzengefühl brauchen, um Gräben zu schließen und zu zeigen, wie sie sich eine möglichst solide und starke Zukunft für alle Rinderzüchter in Südtirol vorstellen.