Südtiroler Landwirt, Politik | 28.03.2019

„Wir sitzen alle im gleichen Boot“

Auf fünf durch Pestizid- und Wolfdebatte geprägte Jahre blickt Landesrat Schuler im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ zurück. Einige große Baustellen bleiben für die nächsten fünf: zum Beispiel das Schließen der regionalen Kreisläufe. Zum Wohle der Bäuerinnen und Bauern. von Renate Anna Rubner

Eine bewegte Legislaturperiode hat Landesrat Arnold Schuler hinter sich: „Große Themen waren sicher der Wolf und die Pestiziddebatte.“

Eine bewegte Legislaturperiode hat Landesrat Arnold Schuler hinter sich: „Große Themen waren sicher der Wolf und die Pestiziddebatte.“

Südtiroler Landwirt: Herr Schuler, Sie sind seit fünf Jahren Landesrat für Land- und Forstwirtschaft. Wie ist es Ihnen ergangen in diesen fünf Jahren?
Arnold Schuler: Ich habe immer gesagt, dass es für mich als Bauer wie ein Ritterschlag sei, Südtirols Landesrat für Landwirtschaft sein zu dürfen. Das empfinde ich auch heute noch so. Es waren aber keine einfachen Jahre. Anfangs gab es technische Probleme bei der Umstellung der neuen Förderprogrammperio­de mit großen Verzögerungen bei den Auszahlungen und dem entsprechenden Unmut von Seiten der Bauern. Das musste schnell angegangen werden. Auch die zunehmend kritische Haltung der Gesellschaft gegenüber der Landwirtschaft war ein großes Thema.

So etwas kann aber auch zusammenschweißen und einen.
Ja, der Zusammenhalt ist ein wichtiges Thema: Wir dürfen uns in der Landwirtschaft nicht auseinanderdividieren lassen. Es ist natürlich notwendig, uns weiterzuentwickeln und die Wege weiterzugehen, die wir gegangen sind und die Landwirtschaft unseres Landes erfolgreich gemacht haben. Unabhängig von der Anbauweise, egal ob Viehbauer oder Obstbauer, am Ende sitzen wir aber alle im gleichen Boot!

Was haben Sie persönlich als größte Herausforderung empfunden? Was, denken Sie, ist Ihnen gut gelungen in dieser Zeit?
Große Themen der letzten Jahre waren sicher der Wolf und die Pestiziddebatte. Das rührt auch daher, dass die Gesellschaft von heute insgesamt wenig Ahnung hat von der Landwirtschaft, von den Rahmenbedingungen, die es für die Landwirtschaft braucht, und von den Folgen, die manche Dinge für die Landwirtschaft haben. Auch die Presse springt gerne auf diese emotionalen Themen auf. Dabei hört man die Stimme der Bäuerinnen und Bauern zu wenig. Da gelingt es zu wenig, die Realität zu vermitteln.
Deshalb habe ich versucht, mich immer vor die Bäuerinnen und Bauern zu stellen. Aber es ist nicht einfach, und wir haben da sicher einiges unterschätzt, in der Meinung, die Leute würden über kurz oder lang schon verstehen, welchen Wert die Landwirtschaft hat. Und zwar nicht nur in der Lebensmittelproduktion und für das Landschaftsbild, sondern auch für das Gesellschaftsgefüge im Land. Denn ohne die bäuerliche Bevölkerung sähe Südtirol ganz anders aus, wäre unser ländlicher Raum bei Weitem nicht so lebendig.

Sie haben zunächst alle Förderungen aus­gesetzt, um sie dann Schritt für Schritt wieder einzuführen, um Rückstände abzubauen. Wie sieht die Situation heute aus?
Das, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir letztendlich auch geschafft. D. h., alle alten Ansuchen wurden abgearbeitet und wir sind in den Folgejahren mit den Geldmitteln, die uns zur Verfügung gestanden sind, auch zurande gekommen. Aber: Der Landeshaushalt kommt zunehmend unter Druck, die Einnahmen sind mehr oder weniger konstant, während die Kosten steigen, besonders in einigen Bereichen. Und da heißt es, das verbleibende Kuchenstück innerhalb der Landwirtschaft sinnvoll einzusetzen. Das ist die Aufgabe, die sich nun stellt.

Was auf Kritik stieß und stößt, war die Eingliederung der Abteilung landwirtschaftliche Berufsbildung in das Bildungsressort. Wie wird der Spagat zwischen Praxis und Schule geschafft?
Die Fachschulen bleiben ein wichtiger Teil der Landwirtschaft. Deshalb haben wir eine Plattform geschaffen, damit der Austausch zwischen den Fachschulen und der Landwirtschaft gelingt. Das, denke ich, ist viel besser gegangen, als es viele Kritiker befürchtet hatten. Wir halten also einen engen Kontakt mit den Fachschulen, damit die Interessen der Landwirtschaft in die Ausbildung einfließen können.

Obwohl die Fachschulen heute viel autonomer sind, als sie es bisher waren ...
Ja, das ist richtig. Ein bestimmter Teil des Einflusses ist natürlich verloren gegangen. Der Vorteil für die Fachschulen ist aber, dass man sich mit den anderen Schulen endlich auf Augenhöhe begegnet. Das war vorher nicht so. Die Fachschulen haben jetzt sicher mehr Gewicht. Die Gefahr besteht zwar, dass der Kontakt zur Landwirtschaft weniger wird, aber ich denke in den letzten Jahren hat sich schon gezeigt, dass der Austausch gelingt.

Große Umstrukturierungen gab es beim Versuchszentrum Laimburg, das den landwirtschaftlichen Betrieb abgegeben hat. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, absolut. Das Versuchszentrum Laimburg kann sich jetzt ganz der Forschung widmen, weil es vom Ballast der Verwaltung der Betriebe befreit wurde. Und die Forschung wird immer wichtiger, weil sie die Basis für die Praxis darstellt. Die Agentur Landesdomäne hat alle sogenannten Profitbereiche übernommen und jetzt die Aufgabe, die landwirtschaftlichen Betriebe in die schwarzen Zahlen zu führen. Das war vorher nämlich nicht der Fall. Wir haben sehr gute Mitarbeiter, junge, motivierte Betriebsleiter, und trotzdem war es nicht möglich, diese Betriebe wirtschaftlich zu führen. Deshalb waren die Betriebsleiter auch durchwegs für diese Umstrukturierung. Sie haben nun eine eigene Bilanz und können sehen, wie es am Ende des Jahres ausschaut. Das hat ihre Motivation noch gesteigert.

Ihr Vorgänger hatte bereits großen Wert auf Fusionen und Zusammenschlüsse gelegt. Gerade bei den Tierzuchtverbänden haben Sie starken Druck ausgeübt. Wohin sollte Ihrer Meinung nach die Reise gehen und warum?
Bei den Tierzuchtverbänden sind wir jetzt auf einem guten Punkt. Es wird in absehbarer Zeit zu einem Zusammenschluss aller Rinderzuchtverbände kommen, 2020 voraussichtlich. Davon gehe ich zumindest aus. Schritt für Schritt wird nun umgesetzt, was politisch schon länger der Wunsch war. Auch in der Obstwirtschaft hat es bereits Fusionen gegeben, was vorteilhaft ist für die Kostenstruktur der Betriebe. Und in der Milchwirtschaft, wo wir sehr erfolgreiche Milchhöfe haben, werden die Kooperationen zunehmen. Vor allem zugunsten der Bäuerinnen und Bauern. Ein Vorteil ist aber nicht nur die Kostenersparnis sondern auch, dass man gemeinsam auftritt, zum Beispiel der Politik gegenüber.

Der Pflanzenschutz kommt immer stärker unter Druck, die Gesellschaft wünscht sich eine Landwirtschaft ohne Pestizide. Was ist Ihre Vision bei diesem Thema?
Das wird sicher ein zentrales Thema der nächsten fünf Jahre. Die Situation wird teils falsch eingestuft, vor allem von jenen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen. Es ist aber wichtig, dass wir in diesem Bereich wieder die Themenführerschaft übernehmen. Das war bisher nicht mehr so, wir waren ständig in der Defensive. Das muss sich wieder ändern. Daran arbeiten wir zurzeit. An einem Konzept, in dem Ziele und Strategien sind, mit denen an die Öffentlichkeit getreten wird. So wollen wir das Heft wieder in die Hand bekommen.
Eine stärkere Ökologisierung ist aber im ureigensten Interesse der Bäuerinnen und Bauern. Wir waren bei der IP Vorreiter, und nun braucht es einen mutigen Schritt vorwärts. Damit wir vornan bleiben. Das ist wichtig und notwendig, um die Landwirtschaft, die bei uns viel aufwendiger ist als in vielen anderen Gegenden, stärker zu profilieren. Nur so bleiben wir zukunftsfähig.

In diesem Zusammenhang darf auch Mals nicht fehlen: Was halten Sie von einer Bio­region Oberer Vinschgau?
Ich habe immer schon gesagt, dass ich eine Bioregion Oberer Vinschgau politisch unterstützen würde. Aber das war den Initiatoren zu wenig. Jetzt sind wir in einer verfahrenen Situation. Demokratie ist ein Ringen um Kompromisse, dazu müssen sich aber alle an einen Tisch setzen. In Mals hat man sich in eine Situation hineinmanövriert, aus der man nicht mehr herauskommt: Mals ist zum Wallfahrtsort geworden, der Bürgermeister hat Heldenstatus. Da ist es schwierig, einen halben Schritt zurück zu machen, um zu einem Punkt zu kommen, an dem man wieder miteinander reden kann. Ich finde auch, dass ein Bürgermeister in einer solchen Situation ausgleichend auftreten sollte. Er vertritt ja die ganze Bevölkerung und sollte als Mediator fungieren.

Der Südtiroler Obstbau steht aber nicht nur in Mals am Pranger. Wie soll man darauf reagieren und was wird bereits unternommen?
Zunächst müssen wir mit einem Monitoring beginnen und Ziele definieren. Dabei geht es nicht nur um Biodiversität, aber auch vor allem darum. Das brauchen wir für uns selber, aber auch für die Öffentlichkeit, denn die hat kein klares Bild der realen Situation. Mit einfachen Maßnahmen kann man in einem weiteren Schritt dann bereits viel verbessern. Früher war man auf dem Standpunkt – und das betrifft nicht nur die Landwirtschaft –, dass man alles sauber haben wollte. Das geht aber auf Kosten der Artenvielfalt. Und mit kleinen Maßnahmen kann man viel davon wiedergutmachen.

Tierwohl und Tiergesundheit sind weitere Themen, die Konsumenten brennend interessieren. Sehen Sie in diesen Bereichen Handlungsbedarf auf unseren Bauernhöfen?
Auch bei diesem Thema geht es wieder um Emotionen. Das Tierwohl steht heute richtigerweise viel stärker im Fokus. Aber auch da gibt es zu viel Schwarz-Weiß-Malerei: Anbindehaltung ist schlecht, Freilaufstall ist gut. So stimmt das aber nicht. Die Handelsketten machen uns auch in diesem Bereich immer mehr Vorschriften, weil es für sie marktpolitisch interessant ist, und nicht, weil es notwendig ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns differenzieren. Unsere Landwirtschaft muss stärker mit der Marke Südtirol behaftet werden, dadurch stärken wir die heimische Landwirtschaft nachhaltig und kommen aus dem allgemeinen Fahrwasser heraus.

Südtirols Milchwirtschaft läuft dank innovativer Milchhöfe und einem hohen Veredelungsgrad vergleichsweise gut. Wie kann den Milchbauern die Zukunft gesichert werden?
Mit entscheidend dafür ist sicher ein stimmiges Image. Deshalb drängen wir stark in Richtung flächenbezogener Viehbesatz. Da­ran haben wir die Kriterien gebunden bis hin zur Wohnbauförderung. Die Milchhöfe sind auf diese Schiene eingeschwenkt und haben ihre Richtlinien entsprechend abgeändert. So kann man von der Marke Südtirol profitieren und höhere Preise erzielen.

Und wie schaut es beim Frischfleisch aus?
Beim Fleisch sind wir nicht so weit gekommen, wie wir es geplant hatten. Das wird deshalb sicher ein zentraler Bereich für die nächsten Jahre, besonders in Verbindung mit dem Tourismus: Der Bedarf ist viel höher als das Angebot im Land. Man hatte ja in der Vergangenheit stark auf die Milch gesetzt und damit Erfolg gehabt. Fleisch ist aber eine Chance, besonders bei Höfen, die von der Milchproduktion weg wollen oder müssen. Es geht um mehr Fortbildung in diesem Bereich, Kontrolle sowie eine Stelle, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Nur so kann es auch funktionieren. Struktur soll keine neue geschaffen werden, denn das kostet, und dadurch bekommt der Bauer dann wieder weniger für sein Produkt. Wir sind dabei, dazu eine Studie ausarbeiten zu lassen. Und es gibt Pilotprojekte, die Abnehmer und Produzenten ohne Mittelsperson zusammenzubringen. Damit die maximale Wertschöpfung beim Bauern bleibt.

Die Südtiroler Weinwirtschaft ist sehr erfolgreich. Auch deshalb gibt es jedes Jahr mehr Anfragen um Pflanzgenehmigungen, als man vergeben kann. Wie stehen Sie zu einer Ausweitung der Rebflächen in Südtirol?
Vieles wurde in der Landwirtschaft bereits liberalisiert, in der Weinwirtschaft blieb die Einschränkung auf europäischer Ebene. Der Weinbau bleibt deshalb auf klassische Weinbaugebiete beschränkt, was diese Gebiete und die klassischen Lagen schützt.
Die Entwicklung der Südtiroler Weinwirtschaft war wirklich sensationell, wir haben heute einen Top-Stellenwert und eine Superstimmung in der Branche. Dadurch entsteht der Wunsch, weitere Flächen zu bepflanzen. Aber wir haben nur ein Prozent, sprich 53 Hektar pro Jahr, an Pflanzgenehmigungen zur Verfügung. Das passt auch, aber wir möchten gerne mehr Spielraum und Autonomie bei der Zuteilung dieser Flächen.

Tourismus und Landwirtschaft sind prinzipiell ein gutes Gespann: Wie kann diese Win-win-Situation nachhaltig gestärkt werden?
Es stimmt, ohne eine funktionierende Landwirtschaft leidet der Tourismus. Aber auch die Landwirtschaft profitiert sehr stark vom Tourismus. Wo wir noch viel Potenzial haben, ist bei der unmittelbaren Zusammenarbeit. Wir müssen den Megatrend Regionalität besser nutzen, denn davon können wir stark profitieren: Der Urlaubsgast verbindet mit den Produkten, die er zu Hause im Supermarktregal stehen sieht, automatisch Urlaub, Südtirols Landschaft, das Essen, die Leute.
Automatisch funktioniert diese Zusammenarbeit aber nicht, die muss schon angekurbelt werden. Eine direkte Abnahme ist gefragt, kurze Wege. Und in der Landwirtschaft müssen wir daran arbeiten, dass der Bedarf gedeckt werden muss. Da sind Bäuerinnen und Bauern in der Pflicht. Beide brauchen nämlich Garantien: Abnehmer wie Zulieferer.

Reden wir über die Forstwirtschaft: Im Herbst haben Unwetter Schäden verursacht, die sich langfristig auswirken werden. Wie konnte den betroffenen Bauern geholfen werden, und welche Strategien gibt es für die Zukunft?
Wir haben direkte und indirekte Maßnahmen gesetzt. Zum Beispiel wurden Sofortmaßnahmen ergriffen, um alles wieder befahrbar zu machen: die Rahmenbedingungen im staatlichen Dekret festgelegt; das Organisatorische bewerkstelligt; die Aufräumarbeiten koordiniert; eruiert, was die Fernheizwerke in den nächsten drei Jahren abnehmen können und was die Sägewerker; Nasslager eingerichtet und die entsprechenden Konzessionen vergeben. Das haben wir alles ganz gut gemeistert, auch in Zusammenarbeit mit dem Bauernbund. Deshalb haben wir schon sehr viel aufgeräumt, noch bevor in anderen Gebieten eine Motorsäge angeworfen wurde.
Wir haben leider nicht die Möglichkeit, den Preisverfall abzufedern, wir haben aber die Bringungsprämien mit Vorauszahlungen ermöglicht, um den Waldbesitzern schnell unter die Arme zu greifen. Und wir haben versucht, die regionalen Kreisläufe beim Holz zu schließen: Indem wir den Klimaplan des Landes abgeändert und Holz als Baustoff und CO₂-Speicher verpflichtend als Baustoff festgelegt haben. Bei der Wohnbauförderung ist Holzbauweise als Zusatzkriterium enthalten. Und wir haben den sogenannten „Holztisch“ eingerichtet, da wissen alle, die dran sitzen, worum es geht und was das Ziel ist.