Südtiroler Landwirt, Produktion | 14.02.2019

Bio für die Massen?

Längst ist der Ökolandbau keine Pionierarbeit mehr, er ist mitten in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft angekommen. Das ist eine große Chance, aber auch eine Herausforderung, wie beim Eröffnungstag des Bioland-Seminars am Ritten klar wurde. von Renate Anna Rubner

(Keine) Angst vor den Supermarktregalen: Bio muss auf jeden Tisch, denn nur so kann sich der Ökolandbau weiterentwickeln. (Foto: www.pixabay.com)

(Keine) Angst vor den Supermarktregalen: Bio muss auf jeden Tisch, denn nur so kann sich der Ökolandbau weiterentwickeln. (Foto: www.pixabay.com)

Zwar gebe es in der Grünlandwirtschaft noch Luft nach oben, was den Obstbau anlangt ist Südtirol im Bio-Anbau aber ganz vorne mit dabei, erklärte Landesrat Arnold Schuler bei der Eröffnung des diesjährigen Bioland-Seminars im Haus Lichtenstern am Ritten. „Bio ist heute keine Pionierarbeit mehr, vielmehr ist die biologische Wirtschaftsweise ein wichtiger Teil der Südtiroler Landwirtschaft geworden“, sagte der Landesrat.
Auch der Markt habe sich geändert, die Gesellschaft verlange immer stärker eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion. Ziel müsse eine generelle Ökologisierung der Landwirtschaft sein, unterstrich der Landesrat: „Schließlich liegt das im ureigensten Interesse der Bauern!“

Bioflächen bis 2025 verdoppeln
Wie in der von Bauernbund und den Bioverbänden (Bioland, Demeter, Bund Alternativer Anbauer) ausgearbeiteten Biostrategie festgelegt, wolle man Südtirols landwirtschaftliche Flächen bis ins Jahr 2025 verdoppeln. Verankert wurde diese Zielsetzung auch im neuen, zwischen Südtiroler Volkspartei und Lega Nord ausgehandelten Regierungsprogramm. Landesobmann Leo Tiefenthaler stellte klar, dass dies auch auf die Initiative von Direktor Siegfried Rinner zurückzuführen sei, der am Regierungsprogramm mitgearbeitet hatte.

Bioland-Obmann Toni Riegler freut diese klare Botschaft der Regierung, wie er rundheraus sagte. Trotzdem – oder gerade deshalb – gebe es eine Reihe von Herausforderungen, denen man sich künftig stellen müsse: dazu gehören Forschung, Beratung und Ausbildung, dazu gehören aber auch Kooperationen mit Hotels und dem Gastgewerbe im Allgemeinen und eine stärkere Verankerung der heimischen Bioprodukte in öffentlichen Mensen und Großküchen. Schließlich sei ein gutes Miteinander zwischen den Bauern notwendig, um Problemen vorzubeugen und die Landwirtschaft insgesamt voranzubringen und weiterzuentwickeln, mahnte Toni Riegler.

Europaweit sieben Prozent Bio
Jan Plagge, Präsident von Bioland Deutschland und seit einem halben Jahr auch Vorsitzender der IFOAM-EU, dem Dachverband der europäischen Bioverbände, gab den Teilnehmern des Bioland-Seminars einen tiefen Einblick in den Ökolandbau und seine Entwicklungen bzw. Perspektiven in Europa. Zunächst zeichnete er ein Bild der momentanen Situation: Mit sieben Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Flächen steht Europa heute da, Spitzenpositionen nehmen Österreich, Schweden, Estland und Lettland mit einem Anteil von je 20 Prozent ein, gefolgt von z.B. Italien mit 14 Prozent. Im Handel sehe das Bild aber ziemlich anders aus: Hier ganz vorne mit dabei die Schweden und vor allem Dänemark, aber auch Luxemburg und Deutschland, wo Bioprodukte in den Geschäftsregalen stark vertreten sind.

Stabile Entwicklung wo Anbau und Markt im Einklang
Interessanter aber sei die Entwicklung der letzten Jahre was die Ausgaben der Haushalte für Bioprodukte anlangt: Während noch im Jahr 2000 jeder europäische Haushalt nur rund 13 Euro pro Jahr für Bioprodukte ausgab, waren es 2018 schon 60 Euro. Italien liegt mit 100 Euro pro Haushalt und Jahr deutlich über diesem Durchschnitt, allerdings noch weit hinter dem Spitzenreiter Dänemark (227 Euro/Jahr). Auffallend sei, dass in manchen Ländern, zum Beispiel im Baltikum, zwar die Bioflächen groß sind, der Anteil an Bioprodukten im Warenkorb der Haushalte aber gering. „Diese Länder produzieren Bio vor allem für den Export. Die stabilste Entwicklung ist dort festzustellen, wo die Flächen und der Markt in einem günstigen Verhältnis zueinander stehen“, sagte Jan Plagge, zum Beispiel in Schweden und Dänemark sei das der Fall.

Besonders in der intensiven Tierhaltung gebe es europaweit große Schwierigkeiten: „Allein in Deutschland werden jährlich 27 Millionen Schweine gemästet, Spaniens Produktion liegt knapp dahinter“, zählte Plagge auf und stellte sofort klar: „Das kann nicht gut gehen, wenn man die Kreisläufe oder die Stabilität der Systeme berücksichtigt.“ Die intensive Landwirtschaft sei darüber hinaus auch mitverantwortlich für den Rückgang der Artenvielfalt, den Klimawandel und viele andere Probleme.

Kann Bio die Welt retten?
„Kann Bio aber die Welt retten“, fragte Plagge in die Runde und gab sofort seine  Antwort dazu: „Die Welt retten vielleicht nicht gleich, aber Schritt für Schritt können wir alle gemeinsam – Bauern, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik – unsere Lebens- und Arbeitsweise verändern.“ Damit verwies Plagge auf eine Studie des renommierten Thünen-Instituts, das ökologischen und konventionellen Landbau objektiv und nach einheitlichen Parametern verglichen hat. Daraus geht hervor, dass der Ökolandbau bei Gewässerschutz, bei der Bodenfruchtbarkeit, bei der Biodiversität, der Ressourceneffizienz und beim Klimaschutz dem konventionellen Landbau gegenüber deutliche Vorteile hat, beim Tierwohl zeige sich ein differenzierteres Bild: Hier gebe es zwar klare Vorteile bei der Haltung, nicht aber in der Tiergesundheit. Unterm Strich zeige sich aber ein eindeutiger Mehrwert des Ökolandbaus, wie Plagge resümierte.

Keine Abschottung
Die biologische Landwirtschaft sei heute anerkannter Teil der Landwirtschaft. Dadurch ergebe sich intern die Frage für Biobauern und Verbände, wie und wo man sich künftig positionieren sollte. Eine Abschottung sei nicht die Lösung, unterstrich Plagge, vielmehr habe die IFOAM ganz klar drei Visionen formuliert, die den Ökolandbau europa- und weltweit weiterentwickeln sollen: Zum einen „Organic on every table“, also biologische Lebensmittel so breit zu streuen wie möglich, Bio soll kein Luxus sein, also auch leistbar. „Improve, inspire, deliver“, sprich ein ständiges Hinterfragen und Diskutieren um sich laufend anzupassen und zu verbessen. Und zu guter Letzt „fair play, fair pay“, als Appell an Handel und Verbraucher, die Bio nicht nur wollen sollen sondern auch bereit sein müssen, dafür angemessene Preise zu bezahlen.

Bio für alle
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Ökolandbau und die biologisch wirtschaftenden Bauern aus dem Konflikt heraustreten müssen, zwar einerseits die Landwirtschaft im großen Stil umbauen und ökologisieren zu wollen, andererseits aber Angst davor haben, dadurch zum Mainstream zu werden und die eigenen Werte zu verraten. Denn zum Bioanbau gehöre auch das Ideal der Direktvermarktung, der kurzen Wege und der kleinen Handelsstrukturen.

„Damit aber erreichen wir nur einen kleinen Teil der Menschen, wenn wir die breite Masse bedienen wollen, dann müssen wir in die Supermarktregale!“, forderte Jan Plagge, schränkte aber gleichzeitig ein: „Nur zu unseren Bedingungen! Wir müssen den Handel nach unseren Werten umbauen!“ Erste Erfolge in diese Richtung gebe es schon: Immerhin habe sich der Handelsriese Lidl bereit erklärt, sich den von Bioland ausgearbeiteten Mindestkriterien zu beugen und eine Ombudsstelle des Verbandes als Schiedgericht in Streitfällen mit Lieferanten anzuerkennen.