Produktion, Südtiroler Landwirt | 17.01.2019

Eigenmarken hoch im Kurs

Wenn Supermarktketten Äpfel verkaufen, dann setzen sie immer stärker auf eigene Marken statt auf jene der Produzenten. Mit dieser Aussage ließ der Marketingexperte Claudio Scalise am Donnerstag vergangener Woche bei der Obstbautagung in Meran aufhorchen. von Bernhard Christanell

Die Vielfalt an Apfelsorten wird immer größer. Entscheidend ist es, die richtigen Sorten für den richtigen Standort zu finden.

Die Vielfalt an Apfelsorten wird immer größer. Entscheidend ist es, die richtigen Sorten für den richtigen Standort zu finden.

Scalise war der erste von mehreren hochkarätigen Referenten, die der Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen für die 66. Ausgabe der Traditionsveranstaltung im Meraner Kurhaus eingeladen hatte. Der Einladung gefolgt waren auch mehrere Hundert Obstbauern aus dem ganzen Land, die die Gelegenheit nutzten, um sich über aktuelle Trends am Markt, im Sortenspektrum und aus der Forschung zu informieren. 
Scalise arbeitet bei der SG Marketing Agro­alimentare – einer auf die Lebensmittelbranche spezialisierten Marketingagentur in Bologna. Diese hat in einer Marktanalyse die Rolle der Äpfel in der Vertriebspolitik im Einzelhandel untersucht und dabei Vertreter von Handelsketten unterschiedlicher Größenordnungen – Großmärkte, Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte – und unterschiedlicher Verbreitung – national, regional und lokal – nach ihren Handelsstrategien und Wünschen an die Apfellieferanten befragt. Abgefragt wurden Daten von vor zwei bis drei Jahren, aktuelle Daten und Prognosen für die kommenden Jahre. Diese Untersuchung hat einige interessante Ergebnisse zutage geliefert, die Scalise in seinem Vortrag zusammenfassend vorstellte.

Apfelsortiment wächst
Grundsätzlich ist der Handel dem Apfel gegenüber sehr positiv eingestellt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass nicht nur die Zahl der angebotenen Sorten, sondern auch der finanzielle Wert der Äpfel am gesamten Obst- und Gemüsesortiment. Bei den angebotenen Sorten liegt Golden Delicious nach wie vor weit vorne, Fuji ist im italienischen Lebensmittelhandel die Nummer zwei. Ebenfalls unter den Top Fünf sind die Sorten Red Delicious, Gala und Pink Lady – wobei Letztere die einzige unter den fünf führenden Sorten ist, die Zuwächse verzeichnen kann, alle anderen sind rückläufig. Dieses Minus bei den traditionellen Sorten geht zulasten neuer Sorten wie Kanzi, Pinova, Ambrosia und Envy, die allesamt zwar geringe Anteile im niedrigen einstelligen Prozentbereich haben, aber kontinuierlich wachsen. Allgemein stellte Scalise fest, dass vor allem die Anteile von Clubsorten wachsen und jene der traditionellen Sorten sinken. 

Ketten ziehen Eigenmarken vor
Für ein Raunen im Saal sorgte die Prognose von Scalise, dass der Anteil der Eigenmarken der Handelsketten im Vergleich zu den Produzentenmarken wie Marlene oder „Val Venosta“ in den kommenden Jahren weiter deutlich ansteigen wird: „In einigen Jahren wird der Anteil der Eigenmarken im Apfel­sortiment des Einzelhandels praktisch gleichauf mit den Produzentenmarken liegen. ­Unterhalb eines Premium-Segments mit Clubsorten und Bioware und oberhalb des Tiefpreisbereichs mit Discountangeboten werden sie sich den großen Rest mehr oder weniger zu gleichen Teilen aufteilen“, prophezeite Scalise. Beim Anteil der Bioäpfel sieht Scalise noch viel Luft nach oben – zurzeit liege dieser bei rund 2,6 Prozent, in den kommenden Jahren werde er auf etwa fünf Prozent anwachsen. 
Mit den Eigenmarken verfolgen die Handelsketten klar definierte Ziele: „Sie wollen ihre Kunden binden, sie wollen ihnen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, und sie wollen sich auch durch das Sortiment an Äpfeln von ihren Mitkonkurrenten abheben“, zählte Scalise auf. Der Apfel spiele für die Konsumenten eine so wichtige Rolle, dass er mitentscheidend dafür sei, in welchem Supermarkt sie ihren Einkauf erledigen. 

Wissen über Sorten steigt
Interessant ist auch die Frage, nach welchen Kriterien die Kunden – laut der Untersuchung der Agentur von Scalise – die Äpfel im Regal auswählen. Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges verschoben: „War vor wenigen Jahren noch hauptsächlich die Farbe ausschlaggebend, so ist mittlerweile in erster Linie die Sorte entscheidend. Daraus schließen wir, dass sich die Konsumenten immer mehr über Geschmack und Beschaffenheit der einzelnen Sorten informieren und dies auch beim Kauf berücksichtigen“, erklärte Scalise. Aufgabe der Erzeuger sei es, diese Informationen über die einzelnen Sorten noch besser als bisher zu vermitteln. 
Am Schluss ging Scalise auch noch auf die Wünsche der Handelsketten an die Lieferanten ein. Neben Sorten mit einem klaren sensorischen Profil hätten sie gerne auch neue Sorten für die Zielgruppe Jugend. Besonders wichtig sei aber – ein alter Wunsch – eine konstant hohe Geschmacksqualität über die gesamte Vermarktungsphase. Als innovative Idee stellte Scalise auch den Abschluss von Exklusivverträgen für bestimmte Sorten über einen begrenzten Zeitraum in den Raum. 

Immer mehr Exklusivsorten
Walter Guerra vom Versuchszentrum Laimburg gab anschließend in seinem Vortrag einen Überblick über globale Trends in der Sorteninnovation und legte dabei einen Schwerpunkt auf die Exklusivsorten – worunter er neben den Clubsorten auch alle anderen Sorten mit Exklusivcharakter zusammenfasste. „Weltweit gibt es derzeit über 50 Exklusivsorten, die in einem nennenswerten Ausmaß angepflanzt werden. Ihr Flächenanteil ist mit rund 38.000 Hektar immer noch verschwindend gering – wenn man die etwa fünf Millionen Hektar welt­weiter Anbaufläche als Vergleich heranzieht“, berichtete Guerra. In Italien sind derzeit rund 30 Exklusivsorten im Anbau, in Südtirol sind es deren elf. 
Die Anbaufläche in Südtirol liege mit rund 2000 Hektar derzeit bei etwa zehn Prozent der gesamten Apfel-Anbaufläche – in den kommenden Jahren wird sich diese Fläche laut den Schätzungen von Guerra verdoppeln, zu den aktuellen Exklusivsorten sollten bis zu sieben neue dazukommen. Für das Trentino rechnet Guerra mit einer Verdreifachung der aktuellen Anbaufläche von rund 460 Hektar in den kommenden Jahren. 

EU: Keine Chance für transgene Sorten
Neben dem weiteren Anstieg der Exklusivsorten sieht Guerra weltweit mehrere Trends auf die Apfelwelt zukommen: zum ersten den Einstieg der rotfleischigen Sorten in das Segment der Tafeläpfel, die Entwicklung von Apfelsorten mit dunkelgelbem Fruchtfleisch und die Einführung von transgenen Apfelsorten, wie es sie derzeit in den USA bereits gebe. „Nach aktuellem Stand bleiben Letztere unseren Apfelbauern verwehrt, weil die geltenden Bestimmungen auf EU-Ebene die Anwendung von Transgenetik nicht zulassen“, erklärte Guerra. 

Bei Züchtung von neuen Sorten auf Fakten statt auf Tempo setzen
Die Züchtung neuer Apfelsorten ist ein Feld, das weltweit immer stärker beackert wird. Derzeit gibt es laut Guerra an die 100 Züchtungsprogramme, wobei die Vorgangsweise generell immer fragwürdiger werde. Alle seien hektisch auf der Suche nach den neuen besten Sorten – was das Risiko für irrationale Entscheidungen immer akuter werden lässt. „Statt wie bisher neue Sorten eingehend zu testen und dann erst für den Anbau freizugeben, läuft die Entwicklung immer öfter genau umgekehrt ab: Erst einmal wird für Bäume einer neuen Sorte bezahlt, dann wird sie angebaut – und erst zuletzt macht man sich überhaupt Gedanken darüber, ob und für welche Voraussetzungen sie geeignet ist“, kritisierte Guerra. Südtirol sei – auch, aber nicht nur dank der Forschung am Versuchszentrum Laimburg – beim Thema Sortenzüchtung nach wie vor vorn mit dabei. „Unsere Aufgabe ist es nach wie vor, fundiert und faktenbasiert festzustellen, welche Sorte unter unseren Bedingungen für welchen Standort infrage kommt. Diese Aufgabe nehmen wir nach wie vor sehr ernst, die Antworten darauf brauchen halt auch eine gewisse Zeit“, betonte Guerra.

Wie ein Wetterbericht entsteht
Interessante Informationen darüber, wie ein Wetterbericht entsteht und welche Dienstleistungen der Landeswetterdienst zu bieten hat, erhielten die Obstbauern von Dieter Peterlin. Der bekannte Meteorologe erklärte ausführlich, welche Wettermodelle der Landeswetterdienst für seine Prognosen heranzieht und warum es dennoch manchmal vorkommen kann, dass diese nicht zutreffen. „Keine Berufsgruppe beobachtet das Wetter so genau wie die Bauern, eben weil sie auch wie sonst niemand von ihm abhängig sind. Das ist uns bewusst, und daher versuchen wir auch – wo es möglich ist – unsere Prognosen so gut und detailliert wie möglich zu machen“, unterstrich Peterlin. Wie heftig ein Sommergewitter ausfällt und wo genau es hagelt, lasse sich aber beim besten Willen nicht genau vorhersagen. 

Hoffen auf zweite Saisonhälfte
Eröffnet hatten die Obstbautagung wie gewohnt ALS-Obmann Stefan Pircher und Landesrat Arnold Schuler. Beide blickten auf das Obstjahr 2018 zurück, das nach dem Ausnahmejahr 2017 relativ ruhig und durchschnittlich verlaufen ist. Pircher verwies auf die aktuell problematische Marktlage, deren Haupt­ursache im Überangebot auf den internationalen Märkten zu suchen sei. Die Hoffnung bleibe, dass sich die Situation in der zweiten Saisonhälfte entspannt. 
Ebenfalls von beiden Rednern angesprochen wurde das Thema Abdrift. Pircher betonte, dass der Weg der Abdriftverminderung weitergehen müsse – mit dem Ziel, diese mit technischen Möglichkeiten ganz zu vermeiden. Schuler rief die Bauern zur Sorgfalt auf: „Wenn sich einige wenige nicht an die Spielregeln halten, dann schadet das der ganzen Branche. Das können wir nicht akpzeptieren!“ Den kommenden Herausforderungen werde sich die Obstwirtschaft mit Professionalität und Fachwissen stellen: „Wenn wir Südtiroler Obstbauern diese Fragen – sei es die Bekämpfung der Marmorierten Baumwanze, sei es die der nachhaltigen Produktionsweise – nicht beantworten können, wer soll es dann tun?“, fragte Schuler in den Kursaal. Antwort auf einige Fragen gaben Forscher und Experten vom Beratungsring für Obst- und Weinbau sowie vom Versuchszentrum Laimburg am Nachmittag in ihren Fachvorträgen.