Südtiroler Landwirt | 20.12.2018

Was wäre die Krippe ohne Ochs und Esel?

Ochs und Esel dürfen bei einer Krippe nicht fehlen, die Schafe ebenso wenig. Obwohl der Evangelist Lukas mit keinem Wort irgendeines dieser Tiere erwähnt. Dass Schafe ihren Platz bei der Krippe gefunden haben, ist wegen der Hirten verständlich. Aber Ochs und Esel? von Martin M. Lintner OSM

Ochs und Esel als Symbol für das Volk Israel und die Heidenvölker als Mahnung, so ist es vom Propheten Jesaja überliefert.

Ochs und Esel als Symbol für das Volk Israel und die Heidenvölker als Mahnung, so ist es vom Propheten Jesaja überliefert.

Bereits in frühchristlicher Zeit wurden Ochs und Esel an der Krippe dargestellt, und zwar noch vor Maria und Josef. Der Hintergrund ist ein theologischer und hat mit der Vorstellung einer „Stall-Idylle“, wo Ochs und Esel in einer kalten Winternacht das Jesuskind mit ihrem Atem wärmen, nichts zu tun.

Beim Propheten Jesaja findet sich folgender Vers: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis“ (Jes 1, 3). Die Kirchenväter haben ausgehend von diesem Vers die Frage erörtert, ob die Menschen Jesus Christus als ihren Herrn erkennen und annehmen. Sie haben den Esel sinnbildlich als Symbol für die Heidenvölker und den Ochsen für das Volk Israel verstanden. Diese beiden Tiere vergegenwärtigen an der Krippe also alle Völker und machen deutlich, dass Christus der Erlöser aller Menschen ist.

Nachdem die erwähnte Jesajastelle verbunden ist mit einer Kritik am damaligen Volk Israel, dass es keine Einsicht habe, sondern seinem Gott den Rücken gekehrt habe, sind Ochs und Esel an der Krippe auch eine Mahnung, nicht dümmer zu sein als diese beiden Tiere, sondern im neugeborenen Kind von Betlehem Christus, den Erlöser der Welt, anzuerkennen und anzubeten.

Interpretation des hl. Franz von Assisi
Jahrhunderte später ist diese theologische Bedeutung von Ochs und Esel an der Krippe in Vergessenheit geraten. Jedenfalls hat der hl. Franziskus den beiden Tieren eine andere Funktion gegeben. Franz von Assisi war der Erste, der zu Weihnachten ein Krippenspiel veranstaltet hat. Im kleinen Dorf Greccio bei Rieti im Latium wollte er den Menschen die Botschaft von Weihnachten näherbringen, indem er die Dorfbewohner einlud, die Betlehemszene selbst nachzuspielen – mit Leuten aus den eigenen Reihen, ein neugeborenes Kind durfte dabei nicht fehlen.

Durch dieses Krippenspiel wollte er die Einfachheit und Armut, aber auch die Nähe der Herabkunft des Erlösers mit Händen greifbar machen und so den Menschen zeigen: „Die Geburt Jesu ist nicht nur ein fernes historisches Ereignis, sondern sie passiert wieder, hier und jetzt, mitten unter uns, wo immer wir ihm unser Herz öffnen und als Gemeinschaft zusammenhalten.“ Ochs und Esel sollten die Aufgabe erfüllen, die Armseligkeit eines Stalles darzustellen. Franz von Assisi wollte damit sagen: „Wir sind arme Leute und leben oft in schäbigen Behausungen. Auch unser Inneres gleicht oft einem Stall – da gibt es Mist und Unrat, aber auch heimelige Wärme. Jesus ist sich jedenfalls nicht zu minder, bei uns einzukehren.“

Die Überlieferung berichtet, dass es unter den Bauern der Umgebung einen richtigen Wettbewerb gegeben haben soll, wer Ochs und Esel für das Krippenspiel zur Verfügung stellen dürfe. Ein eigener Richter musste bestellt werden, um schließlich die Auswahl zu treffen. Als sich nun in der Heiligen Nacht eine große Schar einfand und mit der lebenden Krippe das Weihnachtsgeschehen feierte, geschah es, dass in dem Moment, als die Leute zu singen begannen, auch Ochs und Esel – ob aufgeschreckt oder von der festlichen Stimmung angesteckt – lauthals zu brüllen bzw. zu iahen begannen! Der hl. Franz war darüber hoch erfreut und rief: „Seht, auch die Tiere, ja die ganze Schöpfung freuen sich über die Geburt des Erlösers!“

Schöpfung als Ausdruck der Liebe Gottes
Von da an haben Ochs und Esel nicht mehr die vielen Völker an der Krippe vergegenwärtigt, sondern die Schöpfung. Es gibt in der Bibel viele Stellen, die davon sprechen, dass die Tiere, die Pflanzen, ja die ganze Schöpfung Ausdruck der Liebe Gottes zu allen Lebewesen und seiner Freude am Leben sind, ja dass alle Geschöpfe ihrerseits ein lebendiger Lobpreis Gottes sind. Papst Franziskus greift diesen Gedanken in seiner Umweltenzyklika „Laudato si’“ (Nr. 69) auf, wenn er schreibt: „Wir sind aufgerufen zu erkennen, dass die Lebewesen vor Gott einen Eigenwert besitzen und ihn schon allein durch ihr Dasein preisen und verherrlichen, denn der Herr freut sich seiner Werke (vgl. Psalm 104, 31).“ Tiere sind eben keine Dinge, die wir lediglich benutzen können, wie es uns beliebt.

„Herrschen“ als Auftrag der Verantwortung
Nach dem biblischen Weltverständnis stellen Mensch und Tier eine enge Schicksalsgemeinschaft dar. Menschen wie Tiere sind verletzlich und haben je eigene Bedürfnisse, die zu berücksichtigen sind, um ihr Wohl zu fördern.

Der sogenannte Herrschaftsauftrag in Genesis 1,28 („Füllt die Erde und unterwerft sie, macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“) berechtigt uns nicht, Tiere auf ihren Nutzwert für uns selbst zu reduzieren. Die hebräischen Verben „unterwerfen“ bzw. „herrschen“ werden auch verwendet, wenn jemand Land in Besitz nimmt, um es zu bebauen bzw. für das Hüten von Vieh – also für Tätigkeiten, die der bäuerlichen Bevölkerung wohl vertraut sind und die nichts mit willkürlicher Macht, ja sogar Gewaltausübung zu tun haben. Genesis 1, 28 ist deshalb als Auftrag der Verantwortung und Fürsorge zu verstehen. Dies findet in der Bibel seine Verwirklichung nicht zuletzt in der besonderen Zuwendung zu den schwachen und notleidenden Lebewesen, zu denen Tiere oft gehören.

Die Hilfe für ein in Not geratenes Tier kann deshalb sogar wichtiger sein, als das Sabbatgebot einzuhalten, das immerhin zu den wichtigsten Geboten zählt (vgl. Mt 12, 11; Lk 14, 5). Die Arbeitstiere sollen nicht geschunden werden und sie sollen auch in den Genuss der Sabbatruhe kommen, wie beim dritten der Zehn Gebote ausdrücklich betont wird (vgl. Ex 20, 10; Dtn 5, 14). Das ist eine starke Aussage, denn die Sabbatruhe erinnert an die Vollendung der Schöpfung am siebten Tag und soll uns Menschen beständig daran erinnern, dass wir nicht nur dafür bestimmt sind, ein arbeitsreiches, oft beschwerliches Leben zu fristen, sondern in der Gemeinschaft mit Gott die Fülle des Lebens zu finden.

Aber eben nicht nur wir Menschen, sondern die ganze Schöpfung, auch die Tiere! Es ist bedeutend, dass das Neue Testament die Tiere explizit nennt (vgl. besonders Mk 1, 13) und von der gesamten Schöpfung spricht, die vom Heilsereignis Christi betroffen ist. Paulus sagt im Römerbrief ausdrücklich, dass die gesamte außermenschliche Schöpfung sehnsüchtig auf die Teilhabe an der Verherrlichung des erlösten Menschen wartet (Röm 8, 18–22).

Geburt Christi betrifft alle Geschöpfe
Ochs, Esel und die Schafe in unseren Krippenlandschaften, zu denen sich oft auch andere Tierfiguren wie Hühner, Enten, Hunde, Katzen hinzugesellen – im schönen holzgeschnitzten Krippele auf meinem elterlichen Hof versteckt sich Weihnacht für Weihnacht auch ein kleiner Hase: All diese Tiere sollen nicht einfach nur eine idyllische Landschaft bilden. Sie haben uns auch etwas zu sagen, nämlich: Die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus betrifft die ganze Schöpfung. Auch die Tiere werden in der von Gott für sie vorgesehenen Form einer Vollendung zugeführt.

Zugegeben: Diese wichtige biblische ­Botschaft haben wir als Christen in unserer Tradition oft vergessen. Wir sollen die Tiere gut behandeln, denn: „Ein guter Mensch kümmert sich um das Wohl seiner Tiere; ein böser hat kein Herz für sie“ (Spr 12, 10) Vielleicht hat der alte Volksglaube, dass die Tiere in der Christnacht – die vielerorts die wichtigste Rauhnacht ist – reden, etwas von diesem Bewusstsein bewahrt, dass wir mit den Tieren gut umgehen sollen. Die Herkunft der Tradition der Rauh- oder Rauchnächte liegt im Dunkeln. Eine mögliche Erklärung ist, dass die dunklen und rauen Winternächte als besonders bedrohlich empfunden worden sind und sich deshalb der christliche Brauch entwickelt hat, mit Weihrauch und Weihwasser die Gehöfte zu segnen. Dabei sollen die Tiere beim Schnuppern an der Weihrauchpfanne recht lustig ihre Lippen gekräuselt – als würden sie reden – oder aufgeregt gegackert und geschrien haben – als würden sie lauthals ob der nächtlichen Ruhestörung protestieren.

Wie dem auch sei: Jedenfalls ist interessant, dass sich viele Sagen um die sprechenden Tiere in der Christnacht darum ranken, dass sich das Vieh über die Hartherzigkeit der Menschen beschwert. In einer Sage aus dem Salzkammergut hört ein Bauer einen Ochsen sagen: „Unser Bauer, der schindet uns aber ordentlich. Wir können ziehen und uns plagen, wie wir wollen, immer ist es ihm noch zu wenig. Und Schläge gibt er uns, dass wir gewaltige Striemen kriegen.“ – „Hast recht“, sagte darauf ein anderer Ochse, „das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen. Weißt du was: Bringen wir ihn um, den Schinder!“ Der Bauer erzählte seiner Frau belustigt von diesem belauschten Gespräch. Die Bäuerin drängte ihren Mann, die Warnung ernst zu nehmen und sein Vieh besser zu behandeln, doch dieser lächelte bloß darüber. Im darauffolgenden Jahr soll es auf dem Hof dann tatsächlich zu einem tödlichen Zwischenfall gekommen sein. Kein gutes Ende für eine weihnachtliche Mär – aber die Moral dieser volkstümlichen Überlieferung entspricht allemal der Botschaft von Weihnachten!
Ich wünsche allen Bauernfamilien eine gesegnete und frohe Weihnachtszeit!