Produktion, Südtiroler Landwirt | 06.12.2018

Die Blattflecken der Kastanie

Vorzeitiger Blattfall bereitete den Südtiroler Kastanienbauern heuer Kopfzerbrechen. Am Versuchszentrum Laimburg haben darum die Arbeitsgruppen „Beeren und Steinobst“ und „Virologie und Diagnostik“ das Problem eingehend untersucht und den pilzlichen Erreger identifiziert. von Yazmid Reyes Dominguez, Massimo Zago, Giacomo Gatti, Michael Gasser, Andreas Gallmetzer, Versuchszentrum Laimburg

Blätter mit typischen punkt- bis fleckenförmigen Nekrosen: Ein Schadbild, das in Südtirols Kastanienanbau heuer für Unbehagen sorgte. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Blätter mit typischen punkt- bis fleckenförmigen Nekrosen: Ein Schadbild, das in Südtirols Kastanienanbau heuer für Unbehagen sorgte. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Die Edelkastanie, Castanea sativa, stellt seit dem Altertum eine wichtige Nahrungsquelle für die Menschheit dar. In Südtirol gedeihen jahrhundertealte, prächtige Kastanienbäume auf sauren, von Porphyr geprägten Böden, vom Eisacktal bis ins Unterland, vom Etschtal bis Meran und weiter bis in den Vinschgau. Kastanien locken zur Törggelezeit Tausende von Einheimischen und Touristen in die Buschenschänke.
Mit einer Anbaufläche von südtirolweit rund 400 Hektar wird die Kastanie zwar als „Nischenkultur“ eingestuft, nimmt jedoch dank ihrer wertvollen Landschaftsprägung und ihrer gastronomisch-touristischen Bedeutung eine wichtige Rolle als Ergänzung zum Obst- und Weinbau ein.

Befall durch die Kastaniengallwespe
Vor zehn Jahren hat das erste Auftreten der Kastaniengallwespe das Überleben dieser Kultur im gesamten europäischen Raum ernsthaft infrage gestellt. Auch in Südtirol waren im Jahr 2008 die ersten Symptome des gefürchteten Schädlings zu beobachten. Dank des gezielten Einsetzens ihres natürlichen Gegenspielers, der Schlupfwespe (Torymus sinensis), hat sich die Situation aber rasch verbessert. In der Folge haben sich die Kastanienbestände im ganzen Land bis heute fast vollständig erholt.

Vorzeitiger Blattfall
In dieser Saison waren die Kastanien­bäume voll beladen, die Ernte war reich. In einigen Lagen Südtirols sorgte jedoch ein vorzeitiger Blattfall für Unbehagen bei den Kastanienanbauern, denn durch die Verringerung der Blattmasse kann es zu einer Verminderung der Fruchtgröße und so zu Ertragsverlusten kommen. Das musste beispielsweise in der Provinz Cosenza (Kalabrien) beobachtet werden, wo es in diesem Jahr sogar zu einem Totalausfall gekommen ist.
Dank der guten Zusammenarbeit zwischen den Kastanienvereinen, welche mit 500 Mitgliedern den Großteil des regionalen Kastanienanbaus vertreten, und dem Versuchszentrum Laimburg konnte der Erreger dieses Krankheitsbildes im Labor für Virologie und Diagnostik identifiziert werden: Es handelt sich um den Pilz Mycosphaerella maculiformis (asexuelle Form: Cilindrosporium castaneiculum), einen Ascomyceten der Ordnung Capnodiales.

Sonnige, trockene Standorte am stärksten betroffen
Erste Beobachtungen eines auffallend frühen Blattfalles waren von den Kastanienvereinen bereits Mitte September gemeldet worden. Schon beim ersten Lokalaugenschein im Raum Burggrafenamt fielen Blattnekrosen auf, welche zu einer frühzeitigen Entlaubung der Baumkrone geführt haben.
Die Intensität dieses Erscheinungsbildes prägte sich in den verschiedenen Lagen des Landes aber unterschiedlich aus: Am stärksten betroffen sind die Bäume der sonnigen, trockenen Standorte (Abb. 1). In den schattigeren Lagen weisen die Blätter hingegen die typischen punkt- bis fleckenförmigen Nekrosen auf, die dann aber kaum zu einem erwähnenswerten Blattfall führten.
Darüber hinaus war festzustellen, dass in den feuchteren Böden, trotz der beschädigten Blätter, die Früchte bedeutend größer waren als an sonnigen, trockenen Standorten. Dies könnte damit zusammenhängen, dass das Defizit an intakter Blattmasse durch das günstigere Wasserangebot wettgemacht werden konnte.

Intensität von Witterung abhängig
Auch war zu beobachten, dass im gleichen Kastanienhain die Bäume unterschiedlich stark befallen sein können: Junge Bäume wirkten ausgetrocknet, während die älteren Baumriesen nur leichte Blattverfärbungen aufwiesen. Auch hier ist wahrscheinlich, dass die älteren Bäume ihren Wasserbedarf durch das größere Wurzelvolumen besser decken können.
Die anhaltende Trockenheit und die relativ hohen Temperaturen im Spätsommer und Herbst haben in Kombination mit der beeinträchtigten Blattmasse die Situation zum Teil verschärft.  
Denn die Intensität des Blattfalls hängt wesentlich von den Witterungsbedingungen während der Vegetationsphase ab, da diese auch für die Entwicklung und Verbreitung des Pilzes verantwortlich sind. Folglich kann es zu jährlichen Schwankungen des Pilzbefalls kommen.

Symptomatik
Das charakteristische Symptom dieser Krankheit ist das Auftreten kleiner brauner Flecken mit einem helleren oder gelblichen Rand an den Blättern. Durch den Wechsel von nekrotischen Bereichen und gesundem Gewebe ergibt sich auf dem Blatt ein charakteristisches Mosaikbild (Abb. 2). Bei vorzeitigem und intensivem Befall können auch die Früchte betroffen werden, die sich in der Folge nicht mehr weiterentwickeln und abfallen.
An der Unterseite des Blattes, innerhalb der äußersten Zellschicht (Epidermis), bilden sich braune kelchförmige Strukturen, die Acervuli, vegetative Fruchtkörper, die bei hoher Luftfeuchtigkeit schleimige Konidienmassen produzieren (Abb. 3A und 3B).
Die Identifizierung des Schaderregers erfolgte anhand der morphologischen Eigenschaften dieser Konidien: Sie sind länglich gebogen, hyalin, haben drei oder vier Septen, sind zwischen 30 und 40 Mikrometer (µm) lang und vier Mikrometer breit und entsprechen der asexuellen Form von ­Cilindrosporium castaneiculum (Abb. 4).
Später erscheinen schwarze und kleine, unreife Pseudothecien, Fruchtkörper der sexuellen Vermehrung von Mycosphaerella maculiformis, die sich in nekrotischen Zonen an der Unterseite der Blätter gruppieren. Unter Laborbedingungen entwickelt sich der Pilz in seinem zweiten vegetativen Zustand, Phyllosticta maculiformis, in Form von Spermogonien, die die unizellulären Spermazien bilden.

Der Infektionszyklus
Die Primärinfektion erfolgt über Ascosporen, die sexuellen Sporen des Pilzes. Sie werden in Pseudothecien produziert und Anfang Frühling freigesetzt. Durch die Kolonisation der Blätter der Kastanie durch den Erreger entsteht das Erscheinungsbild des Flecks, und die Blätter verwelken. Nach der Primärinfektion entwickelt der Pilz die Acervuli, die eine große Anzahl von Konidien enthalten und eine verstärkte Sekundärinfektion verursachen können.
Der Pilz verbringt den Winter auf den infizierten Blättern auf dem Boden in Form von unreifen Pseudothecien. Geeignete Bedingungen, wie eine hohe Luftfeuchtigkeit und milde Temperaturen, fördern die Produktion von Asci und Ascosporen in den Pseudothecien. Die reifen Ascosporen werden durch Wind und Regen verbreitet und führen so zu einem neuen Infektionszyklus.

Möglichkeiten zur Bekämpfung
Da es sich bei der Kastanie um eine Waldkultur handelt, stehen keine zugelassenen Pflanzenschutzmittel zur Verfügung. Maßnahmen gegen die Blattflecken der Kastanien müssen damit präventiv erfolgen. Als einfache Kulturmaßnahme gilt das Sammeln und Verbrennen der abgefallenen Blätter im Winter oder vor dem ersten Regen im Frühling, weil dann die größte Streuung der Ascosporen erfolgt.