Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Landwirt | 22.11.2018

Wenn es so weitergegangen wäre ...

Was tun, wenn die Arbeit am Hof, der Nebenerwerb und ehrenamtliche Tätigkeiten zu Überforderung führen und man krank wird? Die Lebensberatung für die bäuerliche Familie kann helfen, wenn man alleine keinen Ausweg mehr aus dieser Situation findet. von Nicole Irsara

Wer verzweifelt ist und alleine keinen Ausweg mehr sieht, findet ein offenes Ohr und guten Rat bei der bäuerlichen Lebensberatung. (Foto: pixabay.com)

Wer verzweifelt ist und alleine keinen Ausweg mehr sieht, findet ein offenes Ohr und guten Rat bei der bäuerlichen Lebensberatung. (Foto: pixabay.com)

Das Lösen von Konflikten ist nicht immer einfach, dabei genügt oft ein Anruf bei der Lebensberatung. Die ehrenamtlich tätigen Beraterinnen und Berater haben, ein offenes Ohr für Bäuerinnen und Bauern in belastenden Lebenssituationen und helfen die Krisensituation zu lindern oder gar zu lösen. Natürlich immer gemeinsam mit den Anrufern.
Ein Paar hat diesen Schritt getan und sich bei der Koordinationsstelle der Lebensberatung gemeldet. Zwar hat die Bäuerin angerufen, der Bauer war aber bei den persönlichen Gesprächen mit der Lebensberaterin immer dabei.
Ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen erzählt die Bäuerin im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ von ihren Erfahrungen. Weil sie anderen Mut machen möchte, auch diesen Schritt zu tun ...

Südtiroler Landwirt: Warum haben Sie sich an die Lebensberatung gewandt?
Bäuerin: Ich mache es kurz: Wir leben auf einem kleinen Bauernhof mit vier Milchkühen, zwei Schweinen und einigen Hühnern, mein Mann geht einem Zuerwerb nach, zusätzlich war er in mehreren Vereinen aktiv, und ich machte die ganze Arbeit auf dem Hof. Ganz nebenher natürlich, denn Familie und Haushalt mussten ja auch noch unter einen Hut gebracht werden. Schließlich haben wir drei Kinder in schulpflichtigem Alter. Ich sah meinen Mann eigentlich nur noch am ­Sonntag. Denn unter der Woche war ich meistens schon im Bett, wenn er nach Hause kam. Am Sonntag erledigte er dann oft noch Schreibarbeiten für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten, und am Hof gab es sowieso immer das eine und andere zu richten ...
Ich hatte schon seit Längerem gesundheitliche Beschwerden, weil ich körperlich einfach nicht mehr konnte. Mir ist alles zu viel geworden, und ich habe gespürt, dass es meinem Mann ähnlich ging, auch er war oft überfordert. Wir hatten beide so gut wie keine freien Zeiten mehr, und zusammen etwas unternommen haben wir auch schon seit Langem nichts mehr, weder als Familie noch wir zwei als Paar.
An einem Sonntag dann, nach der Messe, hat mich die Ortsbäuerin zu einer Fahrt mit den Bäuerinnen eingeladen. Auch weil sie bemerkt hatte, dass ich seit Längerem bei keinem Ausflug mehr dabei gewesen war. Da bin ich plötzlich in Tränen ausgebrochen! Ich bin total erschrocken über meine Reaktion. Die Ortsbäuerin ist aber ganz ruhig geblieben und hat mir gleich ein Taschentuch gereicht. Als ich mich dann wieder beruhigt hatte, habe ich ihr mein Herz ausgeschüttet und war dann selbst über meine Offenheit erstaunt. Sie hat mir zugehört und mir erzählt, dass sie ähnliche Situationen kenne, und mir geraten, mich an die Lebensberatung der Bäuerinnenorganisation zu wenden. Sie hat immer ein paar Flyer der bäuerlichen Lebensberatung in ihrer Handtasche, und einen davon hat sie mir mitgegeben. Dann musste ich mich verabschieden, weil es ja bereits wieder Zeit war, nach Hause zu fahren ...

So hatten Sie also einen Flyer der Lebensberatung in der Hand. Wie ist es dann weitergegangen?
Mein Mann hat mich gleich am Nachmittag auf die Begegnung mit der Ortsbäuerin angesprochen. Ihm war aufgefallen, dass wir ein ernstes Gespräch miteinander geführt hatten. Ich war ihm so dankbar, dass er mich darauf angesprochen hat, weil ich irgendwie nicht wusste, was und vor allem wie ich es ihm sagen sollte: dass es mir seit längerer Zeit nicht gut ging und dass mir die Arbeit am Hof und im Haushalt total über den Kopf gewachsen war. So habe ich nun auch ihm mein Herz ausgeschüttet. Auch wieder unter Tränen.

Wie hat Ihr Mann reagiert?
Er hat total gut reagiert und gesagt, dass es ihm oft ähnlich gehe und er auch gemerkt habe, dass einfach gar keine Zeit mehr für das Familienleben bleibt und er das Gefühl habe, dass er mehr für andere da sei als für uns, seine Familie. Aber er wusste in dem Moment auch nicht, was er ändern und wo er konkret kürzertreten könnte. Dann haben wir gemeinsam beschlossen, den Rat der Ortsbäuerin zu befolgen und bei der Koordinationsstelle der Lebensberatung anzurufen. Auch wenn wir überhaupt nicht wussten, wie sie uns in unserer Situation konkret helfen könnte.

Haben Sie lange überlegt?
Nein, gar nicht. Ich habe der Ortsbäuerin vertraut, war froh, dass mein Mann so reagiert und nicht alles beschwichtigt hat, wie ich befürchtet hatte. Ich fühlte mich ja so überlastet und hatte auch gesundheitliche Schwierigkeiten, sodass ich einfach handeln musste. Sonst wäre alles noch schlimmer geworden.

Wie war das erste Gespräch mit der bäuerlichen Lebensberaterin?
Mehr als angenehm. Wir sind ihr so dankbar! Sie ist eine so liebe, aufmerksame und wertschätzende Person. Gut finde ich auch, dass sie aus einem anderen Bezirk kommt. So fühlten wir uns wirklich frei zu erzählen. Sie hat sich beim Erstgespräch Zeit genommen und uns einfach zugehört. Es war auch angenehm, dass sie zu uns auf den Hof gekommen ist. So mussten wir die Kinder nicht abgeben. Da sie selber Bäuerin ist, hat sie sofort verstanden, was uns bedrückt und was los ist.

Hat es nach dem Erstgespräch noch mehrere Treffen gegeben?
Ja, mit einem Gespräch wäre das nicht getan gewesen. Die Lebensberaterin hat uns gleich zu Beginn gesagt, dass die Beratungen kostenlos sind und dass wir so viel Beratungen in Anspruch nehmen könnten, wie es eben braucht. Ich finde, das ist ein tolles Angebot, und ich möchte mich an dieser Stelle auch sehr bei der Bäuerinnenorganisation bedanken. Die Lebensberaterin ist insgesamt dreimal auf den Hof gekommen. Wir haben gemeinsam darüber beraten, was wir an unserer Situation ändern könnten.

Was haben Sie geändert?
So einiges. Heute denke ich: dass wir nicht selbst draufgekommen sind! Aber wir hatten einfach nie Zeit dafür. So ist die Lebensberaterin gekommen, und wir mussten uns einfach Zeit nehmen. Sie war sozusagen unser Coach, wie man heute sagt.
Also: Mein Mann wird zwei seiner insgesamt vier ehrenamtlichen Tätigkeiten abgeben. Eine hat er schon abgeben, weil die Legislatur zu Ende war. Die andere wird er nächstes Jahr abgeben. Er behält nur noch die Tätigkeiten, bei denen er mit ganzem Herzen dabei ist. Dadurch kann er mir am Hof etwas mehr zur Hand gehen. Abends melkt jetzt er meistens die Kühe. Es freut ihn, dass er nun wieder mehr Kontakt zu den Tieren hat. Das ist eine Arbeit, die er gerne macht und bei der er gut abschalten kann.
Ich werde wieder ab und zu mit den Bäue­rinnen etwas unternehmen. Meine gesundheitlichen Beschwerden sind zwar noch nicht ganz weg, aber es geht mir deutlich besser. Wie gesagt, wir sind beide total froh, dass wir Hilfe geholt haben, weil wir heute mit unserer Situation wieder zufrieden sind und wieder Freude mit unserem kleinen Höfl haben. Das ist uns das Wichtigste, weil wir – jetzt kann ich es ja zugeben – auch schon mal ans Aufgeben gedacht haben. Das wollten wir aber uns und unseren Kindern auf keinen Fall antun. Aber wenn es so weitergegangen wäre ...

Kontakt zur Lebensberatung für die bäuerliche Familie

Tel. 0471 999400 von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr
E-Mail: lebensberatung@baeuerinnen.it