Produktion, Südtiroler Landwirt | 22.11.2018

Waldschäden: Holzpreise kommen unter Druck

Südtirols Waldbesitzer sind geschockt: Bei den Unwettern am 29. Oktober sind ganze Waldstriche abgeholzt worden. Die Aufräumarbeiten sind im vollen Gange. Jetzt geht es darum, den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen. Wird das gelingen? von Renate Anna Rubner

Ein Bild der Verwüstung haben die starken Windböen Ende Oktober im Südtiroler Wald hinterlassen.

Ein Bild der Verwüstung haben die starken Windböen Ende Oktober im Südtiroler Wald hinterlassen.

Insgesamt liegen 1,5 Millionen Kubikmeter Schadholz in Südtirols Wäldern. Das die vorläufige Schätzung, die der oberste Förster des Landes, Abteilungsdirektor Mario Broll, als Folge der Sturmnacht am 29. Oktober bekannt gibt. Betroffen sind laut Broll Flächen vorwiegend von 1500 Metern Seehöhe aufwärts, großteils Fichte, weniger Lärche. Der Wald habe die Niederschlagsmengen gut abgefangen, dadurch konnten – sagt Broll –Überschwemmungen verhindert werden: „Ein großes Lob gilt in diesem Zusammenhang den Waldbesitzern und ihrer Waldpflege!“

Erweiterte Solidaritätstische
In den Räumen des Ressorts von Land- und Forstwirtschaftslandesrat Arnold Schuler in der Brennerstraße in Bozen gab es am Dienstag dieser Woche ein Treffen.
Mit dabei waren neben Vertretern der Abteilung Forst- und Landwirtschaft und der Landesdomäne auch jene des Südtiroler Bauernbundes, der Sägewerker (GSS), der Holzarbeiter, des Energieverbandes (SEV) und des Bereiches Holz im Landesverband der Handwerker (LVH). Direkt nach den verheerenden Unwettern hatte es das erste Treffen dieser Art gegeben. Landesrat Schuler bezeichnet diese Zusammenkünfte als erweiterte Solidaritätstische, schließlich soll gemeinsam an den notwendigen Strategien für die Aufräumarbeiten gefeilt und eine Lösung gefunden werden, damit die Schäden nicht vollständig zu Lasten der Waldbesitzer gehen. Schließlich sind über 50 Prozent der in Südtirol betroffenen Wälder in Privateigentum, ein weiteres Viertel in Besitz von Gemeinden und Körperschaften.

Vereinfachungen und Beihilfen
Für die betroffenen Bauern gibt es bereits verbindliche Unterstützung: Während der Aufräumarbeiten soll keine Auszeige mehr nötig sein, lediglich ein Protokoll soll ausgefüllt und der Arbeitsbeginn gemeldet werden. Es wird ein vereinfachtes Verfahren im Vergabewesen für öffentliche Körperschaften geben, Sofortmaßnahmen für die Wiederherstellung von Forstwegen und Beihilfen über den nationalen Notfallplan in der Höhe von maximal 2,5 Millionen Euro (allerdings nicht nur für forstliche Maßnahmen sondern auch für Wildbachverbauung).
Für die Holzbringungsprämie werden die Beiträge für die Nutzung mit Harvestern auf 9 Euro pro Volumenfestmeter (Vfm) festgelegt, also gleichgestellt mit der Bringung mittels Seilbodenzug, für die Seilbringung gibt es 15 Euro pro Vfm. Auch UMA-Treibstoff wird es für die Schadholzaufarbeitung geben. In einer zweiten Phase sieht die Forstbehörde die Wiederherstellung von Objektschutzwäldern vor. Aber eins nach dem anderen: Erst sind die Aufräum-arbeiten zu organisieren und die Lagerung – für sägefähiges Holz Nasslager, damit man einen Puffer von bis zu zwei Jahren bekommt, für Brenn- und Energieholz werden Kasernenareale als Lagerstätten angedacht.

Mögliche Abnahmemengen
So können von Seiten der Sägewerker schätzungsweise 600.000 Kubikmeter abgenommen werden, davon 330.000 Kubikmeter für den Einschnitt bis innerhalb Februar, 70.000 Kubikmeter gebunkert in bereits bestehenden Nasslagern und weitere 200.000 Kubikmeter in Nasslagern, die noch eingerichtet werden müssen.
Weitere 120.000 Kubikmeter Holz werden jährlich von den Südtiroler Fernheizwerken abgenommen, derzeit sind die Lager allerdings voll. In den kommenden drei bis vier Jahren könnten laut Hanspeter Fuchs vom Südtiroler Energieverband aber rund 500.000 Kubikmeter von den Fernheizwerken abgenommen werden. Mit zwei Haken allerdings: „Zum einen die Logistik, wenn das Holz zwischengelagert und in einem zweiten Moment geholt werden muss, zum anderen müssten die Heizwerke stark in Vorleistung gehen, wenn sie sich mit dem Bedarf von drei Jahren eindecken sollen“, gab Fuchs zu bedenken. Die Logistik dürfte eine Herausforderung werden: Das Hauptgebiet des Schadens im Eggental weist eine geringe Dichte an holzverarbeitenden Betrieben und Fernheizwerken auf, die vor allem im Pustertal zu finden sind. Man wünscht sich einen oder zwei Verladebahnhöfe, da LKWs kaum verfügbar und verhältnismäßig teuer sind, über die Schiene wäre man schlagkräftiger.
Nicht nur Südtirols Wälder sind von den Unwettern stark in Mitleidenschaft gezogen worden, auch die Nachbarn haben mit großen Schadholzmengen zu rechnen: In Kärnten liegen rund 1,2 Millionen Kubikmeter auf dem Boden, im Trentino doppelt so viel, in Osttirol 600.000. Im Gebiet von Belluno, dem Veneto und der Karnischen Alpen schätzt man die Schadholzmengen auf mehrere Millionen Kubikmeter, derzeit werde aber noch ausgewertet, die definitiven Zahlen stehen noch nicht fest. Deutlich wird aber jetzt schon, dass die Holzpreise stark unter Druck kommen.

Wirtschaftlicher Schaden
Wie stark sich das Schadensereignis wirtschaftlich auf die Waldbesitzer auswirken wird, steht noch in den Sternen. In manchen Wäldern wurden die Bäume entwurzelt, die Holzqualität dürfte in diesem Fall kaum gelitten haben. Anderenorts wurden die Bäume aber auf einer Höhe von vier Metern abgerissen, mit entsprechenden Einbußen in der Qualität. Mario Broll schätzt: „Gut 50 Prozent dürfte sägefähiges Holz sein. Der Rest ist Brennholz. Aber letztendlich hängt das Ergebnis vom Unternehmen und von der Mobilisierung ab“, relativiert er die Zahlen. Und nicht zuletzt geht es darum, wie die heimische Holzwirtschaft auf die prekäre Situation reagiert. Das sind zum einen die Sägewerker: Die wollen und können sich aber nicht auf einen Mindestpreis festlegen. Peter Prader, Obmann der Sägewerker sagt es ganz deutlich: „Den Preis machen nicht wir, den macht der Markt. Da haben wir keinen Einfluss drauf. Dafür ist Südtirol zu klein, zu unbedeutend.“ Und zum anderen die Fernheizwerke: Die reden zwar von Mengen, auf einen Preis will sich Hanspeter Fuchs aber nicht.  

Bauernbund fordert fairen Preis
Der Südtiroler Bauernbund hat ziemlich klare Vorstellungen, wie die holzverarbeitende Branche ihren Tribut zur Solidarität leisten könnte. Direktor Siegfried Rinner fasst sie kurz zusammen: „Die Bauern müssen für ihr Holz einen fairen Preis bekommen.“ Unter „fair“ verstehe er den Holzpreis, der vor dem Windwurfereignis bezahlt wurde, abzüglich der Bringungskosten und der Kosten für das Nasslager.  „Jeder wartet jetzt auf den ersten großen Vertrag – und das ist dann der Preis. Die Richtung zeigt stark nach unten, so weit dass es richtig weh tut“, mahnt Rinner. Auch über die Höhe der Bringungsprämie müsse man sicherlich noch einmal reden.  Mit dem Energieverband sei man bereits in Verhandlung, um für Brenn- und Energieholz eine Lösung zu finden.
Obmann Leo Tiefenthaler appellierte an die Anwesenden, sich nicht verleiten zu lassen. „Diese Herausforderung müssen wir gemeinsam bewältigen, damit man sich auch später noch in die Augen schauen kann, unter Nachbarn gleich wie unter Geschäftspartnern.“ Schließlich brauche es auch in Zukunft verlässliche Partner und Lieferanten.
Ein Faktum spielt Südtirol trotz aller Widrigkeiten in die Hände: Das sind die vielen privaten Waldbesitzer und -unternehmer, die relativ schnell agieren und das Holz auf den Markt bringen können. Sofern die Preise stimmen. Nun müssten vor allem die Waldbesitzer ruhig Blut bewahren.

Lesen Sie morgen in unserer Printausgabe, welche Bilanz die Bauernbund-Ortsobmänner ziehen und was sie sich jetzt von der Politik und der Holzwirtschaft wünschen.