Marketing, Südtiroler Landwirt | 25.10.2018

Flügge geworden

1998 wurde er aus der Taufe gehoben. Nach zwanzig Jahren kräht der „Rote Hahn“ heute so kraftvoll wie noch nie. Im Interview blickt Marketingleiter Hans J. Kienzl auf diese Erfolgsgeschichte zurück und verrät, warum der erste Weltkongress für UaB in Bozen stattfindet. von Sonja Kaserer

Urlaub auf dem Bauernhof liegt voll im Trend. Gäste suchen das Authentische, Außergewöhnliche, Besondere unserer Bauernhöfe, weiß Hans J. Kienzl, der sich sicher ist, dass sich diese Mode noch verstärken wird.

Herr Kienzl, Sie waren ja fast von Anfang an dabei. Seit wann gibt es denn Urlaub auf dem Bauernhof in Südtirol?
Hans J. Kienzl: Urlaub auf dem Bauernhof gibt es in Südtirol eigentlich schon seit 1850, extrem früh im Vergleich zu anderen Destinationen, wo der Trend erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Verantwortlich dafür sind die klimatischen Bedingungen: In Bozen ist es im Sommer extrem heiß. Um der Hitze im Tal zu entkommen, erschien den wohlhabenden Bewohnern der Städte die Flucht nach oben als naheliegend, und sie gingen zur Sommerfrische in die Bergdörfer der Umgebung. Zwischen Juni und September lebten sie also für ein bis drei Monate auf einem Hof in höheren Berglagen oder kauften sich dort sogar ein eigenes Sommerhaus. Eine Reise ans Meer war damals aufgrund der eingeschränkten Mobilität noch nicht möglich.

Dann war Urlaub auf dem Bauernhof also zunächst ein klassisches Urlaubsangebot für Einheimische?
Genau, bis in die 1960er Jahre, also über 100 Jahre lang, war Urlaub auf dem Bauernhof in Südtirol ein Urlaubsangebot für das Bürgertum von Meran, Bozen und Brixen. Nach 1960 kamen erstmals Gäste aus München, zu verdanken dem zunehmenden Wohlstand der Nachkriegsgeneration und der Fertigstellung der Europabrücke im Jahr 1963. Unter anderem aufgrund von politischen Spannungen (Bombenjahre) in dieser Zeit spielten Urlauber aus dem restlichen Italien noch keine Rolle.

Und 1998 fiel dann der Startschuss für den „Roten Hahn“?
Ja, damals wurde eine eigene Abteilung vom Südtiroler Bauernbund geschaffen, die sich um das Thema Urlaub auf dem Bauernhof kümmern sollte. Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen erkannte der Südtiroler Bauernbund, dass immer mehr Bauern auf eine zusätzliche Arbeit fern vom Hof angewiesen waren. Wir haben eine sehr klein strukturierte Landwirtschaft, und es wurde immer klarer, dass man von der Landwirtschaft alleine kaum leben kann. Man ist auf einen Nebenerwerb am Hof oder außerhalb des Hofes angewiesen. Und dabei kann Urlaub auf dem Bauernhof eine wichtige Rolle spielen. Zum anderen gab es damals für Urlaub auf dem Bauernhof noch keine Lobby. Niemand vertrat die Interessen der Bauernfamilien und machte Werbung für sie. Urlaub auf dem Bauernhof hatte deshalb eine geringe Auslastung, und die Preise waren im Keller, obwohl in dieser Zeit der Tourismus in Südtirol boomte.

Können Sie uns kurz die weiteren Meilensteine nennen?
Da gibt es etliche: 1999 kam der erste Katalog für UaB heraus, seit 2000 kräht der „Rote Hahn“ im Internet, 2001 gab es die erste UaB-Tagung, 2002 führten wir die Spezialisierungen wie etwa Urlaub auf dem Wanderbauernhof oder Urlaub auf dem historischen Bauernhof ein, 2003 kamen die weiteren Säulen „Bäuerliche Schankbetriebe“ und „Qualitätsprodukte“ hinzu, 2003 arbeiteten wir den Kriterienkatalog aus, und 2005 wurde die neue Einstufung eingeführt, seit 2010 gibt es die Mindestpreise, seit 2012 den Markennutzungsvertrag und die Hofbewertungen und seit 2013 die vierte  Säule „Bäuerliches Handwerk“ und die fünfte Blume.

Mittlerweile zeichnet sich sogar bei bekennenden Hotelfans ein klarer Trend hin zu Urlaub auf dem Bauernhof ab. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Wir arbeiten seit der Lancierung der Marke zielstrebig und konsequent, um das Produkt Urlaub auf dem Bauernhof so attraktiv wie möglich zu gestalten. Immer mehr bäuerliche Unterkünfte sind genauso hochwertig ausgestattet wie ein Hotel, hinzu kommt die super Verköstigung. Auf dem Bauernhof erlebe ich als Gast das echte Südtirol und seine Menschen.

Gibt es Zahlen zur 20-jährigen Entwicklung?
Rund 15 Prozent der Bauern in Südtirol bieten heutzutage „Urlaub auf dem Bauernhof“ an. Das ist die höchste Dichte weltweit! Die Auslastung stieg innerhalb der letzten zehn Jahre um 35 Prozent, das Nächtigungsplus gegenüber dem Gründungsjahr der Marke (1998) liegt bei 230 Prozent, und UaB in Südtirol hat heutzutage einen der höchsten Preise im Alpenraum.

Beeindruckende Ergebnisse – was machen die Südtiroler anders als andere Regionen?
Unsere Maxime lautet seit jeher: Wo Bauernhof draufsteht, muss auch Bauernhof drin sein – soll heißen: Der Bauer muss den Hof selbst bewirtschaften, den Gast persönlich betreuen und ihm ganzjährig hofeigene Produkte zur Verfügung stellen. Wer diese Kriterien nicht einhält, darf nicht Teil der Marke sein. Darüber hinaus investieren wir sehr viel in die Produktentwicklung, und zwar mithilfe von Tagungen, Seminaren, Beratung vor Ort sowie Weiterbildungen in ganz Südtirol.

Können Sie uns abschließend noch einen Ausblick geben? Was denken Sie: Ist Urlaub auf dem Bauernhof auch 2040 noch „in“?
Urlaub auf dem Bauernhof wird auch 2040 noch „in“ sein – wahrscheinlich mehr denn je. Denn der Gast sucht zunehmend das Authentische, Außergewöhnliche, Besondere. Genau das bieten unsere Bauern.
Als Vorreiter im Bereich Urlaub auf dem Bauernhof haben wir uns heuer etwas Spezielles einfallen lassen und den ersten Weltkongress für Agrotourismus nach Bozen geholt. Er findet von 7. bis 9. November in Bozen statt und wurde in Zusammenarbeit mit der Eurac organisiert. Dazu sind übrigens alle UaB-Betreiber herzlich eingeladen!