Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 13.09.2018

Wenn Zahlen von Veränderung erzählen

Das Landesinstitut für Statistik ASTAT hat kürzlich eine Zeitreihe der Landwirtschaft veröffentlicht. Hinter den Zahlen stecken verbergen sich die tiefgreifenden Veränderungen einer fast 100-jährigen Bauerngeschichte in Südtirol.  von Ulrich Höllrigl

Der Bauernbund prägt Südtirols Landwirtschaft seit über 100 Jahren mit.

Der Bauernbund prägt Südtirols Landwirtschaft seit über 100 Jahren mit.

Die ASTAT-Zeitreihe der Landwirtschaft geht zum Teil bis ins ferne Jahr 1929 zurück. Sie fördert interessante Aspekte zutage und zeigt die Entwicklung im Laufe beinahe eines Jahrhunderts auf.
Auf einen Nenner gebracht lehren uns die ASTAT-Zahlen Folgendes: Die einzige Konstante ist die Veränderung! Diese Erkenntnis des griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos gilt auch für die Südtiroler Landwirtschaft.
Gleichzeitig lässt sich an dieser Entwicklung auch ein gutes Stück Arbeit des Südtiroler Bauernbundes ablesen: Er besteht seit über 100 Jahren; es gab ihn also schon vor Beginn dieser Zeitreise. Immer hat er sich dafür eingesetzt, dass sich die Südtiroler Landwirtschaft weiter entwickeln kann, wettbewerbsfähig bleibt und so letztlich den Südtiroler Bauernfamilien ein Einkommen und der Gesellschaft gute Produkte und eine gepflegte Landschaft garantiert.

Betriebe bleiben gleich groß

Aus den Daten geht hervor: Die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe bleibt im Laufe der vergangenen vier Zählungen – bemessen an der Nutzfläche – nahezu gleich. Es überwiegen die kleinen Betriebe mit einer Größe von bis zu 0,99 Hektar, die kleinen bis mittleren Betriebe von drei bis 4,99 Hektar und die Betriebe mittlerer Größe zwischen fünf und 9,99 Hektar.
Dass viele kleinere Betriebe weiterhin bestehen können, hat wohl auch mit der Strategie des Bauernbundes zu tun: Seit vielen Jahrzehnten wird der Zuerwerb am Hof gefördert und gemeinsam mit der Politik werden Chancen eröffnet. Beispiele gibt es zuhauf – vom Urlaub auf dem Bauernhof sowie den Buschen- und Hofschänken bis zur Tätigkeit für den Maschinenring: Alles trägt dazu bei, das Einkommen am Hof zu erhöhen und die Betriebe zu halten.

Nutzfläche schrumpft
Bedenklich ist, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche von 309.600 Hektar im Jahr 1929 auf nunmehr 240.000 Hektar zurückgegangen ist. Ein Teil des Rückgangs ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die Bauersleute früher aufgrund der wirtschaftlichen Notwendigkeit und Not jede verfügbare Fläche genutzt haben. Heute werden Flächen in Ungunstlagen nicht mehr bewirtschaftet. Aber auch der Flächenverbrauch für Infrastrukturen, Wohnbau und gewerbliche Bauten hat der Landwirtschaft viele 1000 Hektar entzogen.
Der Bauernbund setzt sich seit vielen Jahren stark für einen besseren Schutz der landwirtschaftlichen Produktionsflächen ein, auch mit einem Fokus auf die Nutzung von Leerständen.

Weniger Wiesen, mehr Äpfel
Schließlich gab es auch innerhalb der Nutzfläche starke Veränderungen (s. Tabelle 1): Wiesen, Weiden und Ackerbauflächen sind zurückgegangen, Apfelkulturen haben zugenommen. Die Apfelernte stieg von 1.237.360 Zentnern im Jahr 1951 bis auf 10.636.780 Zentner im Jahr 2016 an. Auch die Anbaufläche ist entsprechend gestiegen: von 9091 auf 18.560 Hektar. Dagegen ist die Birnenernte fast von der Bildfläche verschwunden: 360.743 Zentnern im Jahr 1951 standen 2016 noch 5640 Zentner gegenüber.
Für diese Entwicklung ist wohl die Anbau-freiheit für die Bauern von zentraler Bedeutung: Wenn es möglich ist, durch intensivere Kulturen eine höhere Wertschöpfung zu erzielen, muss der einzelne Bauer diese Entscheidung auch in Zukunft selber treffen können.

LW18-16_Tabellen Zeitreise

Auf und Ab beim Wein
Die Weinproduktion betrug in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg 245.000 Hektoliter. In den 1970er- und 1980er-Jahren stieg sie dann auf ungefähr 600.000 Hektoliter. 2016 waren es dann „nur“ mehr 355.000 Hektoliter. Dieser Rückgang in den letzten Jahrzehnten ist der Qualitätsorientierung der Weinproduzenten geschuldet – eine Strategie, die voll aufgegangen ist. Interessant und wenig bekannt dürfte sein, dass in den 1930er Jahren noch auf einer sehr viel größeren Fläche als heute, nämlich auf knapp 9000 Hektar Reben standen. Heute sind es 5400 Hektar.
Seit den 1950er-Jahren gab es in fast allen Bereichen des pflanzlichen Anbaus wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Kartoffeln und Kohl eine Abnahme der Ernte. Eine Ausnahme bildet der Erdbeeranbau: er stieg von 1320 Zentner 1963 auf 20.700 Zentner im Jahr 2016 an. Der Kartoffel-Anbau verzeichnet von 1951 bis 2016 eine kontinuierliche Abnahme, und zwar von 725.900 auf 105.600 Zentner (minus 85,5 Prozent).

Roggen verdeutlicht den Wandel
Im Getreideanbau hat sich in den letzten Jahren aufgrund von Initiativen wie Regiokorn, die der Bauernbund lanciert hat, die Anbaufläche auf niedrigem Niveau bei 400 Hektar eingependelt.

LW18-16_Grafik Zeitreise

Wohl an kaum einer Zahlenreihe ist die Veränderung der Landwirtschaft besser ablesbar als an der Roggenanbaufläche (siehe Grafik): Waren es vor dem Zweiten Weltkrieg sage und schreibe 10.222 Hektar, sind es heute gerade einmal 60. Dahinter verbirgt sich eine wichtige Tatsache: Die Südtiroler Landwirtschaft hat sich stark gewandelt. Früher war sie eine Subsistenzwirtschaft. Man baute in der Familie für den Eigengebrauch an und buk selber Brot. Heute haben wir eine markt- und produktionsorientierte Landwirtschaft mit spezialisierten Betrieben vor allem im Obst- und Weinbau sowie in der Milchwirtschaft. Ein Wandel, der sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte vollzog, denn noch 1971 standen die Roggenähren auf 7800 Hektar. Danach ging es rapide abwärts.

Mechanisierung verändert alles
Eine weitere epochale Veränderung, ja eine Zäsur gegenüber der Wirtschaftsweise in den vielen Jahrhunderten zuvor, ist die Mechanisierung in der Landwirtschaft. Damit einher geht der Rückgang des Anteils der Landwirtschaft an der Gesamtheit der erwerbstätigen Bevölkerung. Viele Arbeitskräfte, die in der Landwirtschaft beschäftigt waren, wurden nicht mehr benötigt – man denke an Knechte und Dirnen.
Gegenüber 196 Traktoren im Jahr 1951 stehen nun sage und schreibe 32.660 Traktoren auf den Höfen. Die Zahlen steigen weiterhin Jahr für Jahr leicht an. In diesem Licht ist auch eine weitere Steigerung zu sehen: Die Landwirtschaft wurde 1952 noch mit ca. 3000 Hektoliter Treibstoff beliefert, heute sind des 265.000 Hektoliter. Hier wird die Zukunft weisen, ob bald elektrobetriebene landwirtschaftliche Traktoren und Maschinen, gespeist mit am Hof produziertem Strom, im Einsatz sein werden. Auch darum müssen Innovationen im Bereich der E-Mobilität unterstützt und verbreitet werden.

Pflanzenschutz immer gezielter
Der gezieltere Einsatz von Pflanzenschutzmitteln trägt Früchte, das heißt, die Abkehr von den Kalenderspritzungen hin zum integrierten und zum ökologischen Anbau schlägt sich auch in Zahlen nieder: Waren es 1952 noch 2600 Tonnen, zwischenzeitlich mit einer Spitze von 3900 Tonnen im Jahr 1979, waren es 2016 nur mehr 1630 Tonnen – Tendenz seit Jahren kontinuierlich sinkend.
Pflanzenschutz wird weiterhin nötig sein – gerade vor dem Hintergrund neu auftretender Schädlinge. Aber in den kommenden Jahren ist durch technische Innovationen im Bereich abdriftarme Präzisionsausbringung eine weitere Reduktion vorstellbar. Auch hier ist gemeinsam noch stärker in Forschung und Beratung zu investieren.

Höhen und Tiefen beim Holz
Positiv ist auch, dass die Waldwirtschaft seit zehn Jahren zwar etwas schwankend, aber doch eine Zunahme des Holzeinschlags verzeichnet. Der Holzeinschlag bewegt sich wellenförmig und zeigt die Phasen, in denen der Holzpreis gut war.
Waren es in den 1970er Jahren durchschnittlich unter 400.000 Festmeter, kam die Waldwirtschaft 2016 auf 608.000, 2014 gar auf 844.000 Festmeter. Neben den Preisen für Rundholz spielt hier auch der zunehmende Bedarf an Waldhackgut für die Fernheizwerke eine belebende Rolle. Auch hier ist der Bauernbund in den letzten zehn Jahren mit dem Biomasseabkommen neue Wege gegangen.

Rinderzahl und Milchproduktion sinken
Zu Viehzucht und Milchwirtschaft (s. Tabelle 2): 1929 wurde bei den Viehbetrieben eine Stückzahl von 113.342 Rindern verzeichnet.
Bei der Landwirtschaftszählung 1990 gab es einen Höchstwert von 151.143. Bis zur jüngsten Landwirtschaftszählung 2010 ging die Rinderzahl dann auf 132.784 zurück. 1961 hielt jeder Betrieb im Durchschnitt sechs Rinder, 2010 waren es hingegen 16.
Das lässt den Schluss zu, dass in den letzten Jahren vor allem kleinere Betriebe die Viehhaltung und vor allem die Milchviehhaltung aufgegeben haben. Der jährliche Rückgang von milchviehhaltenden Betrieben wird zwar zum Teil von produktionsstarken Betrieben aufgefangen, trotzdem verzeichnen wir seit dem Spitzenjahr 2006 mit einer Milchproduktion von 4.120.000 Zentnern eine kontinuierliche leichte Abnahme. 2016 waren es nur mehr 3.640.000 Zentner.
Seit jeher ist es aber wichtig, dass jene Betriebe, die aus der Milchproduktion aussteigen, weiterhin Landwirtschaft betreiben können. Daher forciert der Bauernbund nicht nur verschiedene Zu- und Nebenerwerbe. Auch Sonderkulturen und die Fleischproduktion stellen interessante Möglichkeiten dar.

Immer mehr Milch verarbeitet
Interessant ist die zunehmende Diversifizierung in der Milchverarbeitung in den vergangenen Jahrzehnten: Betrug die Käseproduktion 1976 gerade mal 8126 Zentner, sind es heute 300.000 Zentner. Dies hängt mit der Strategie der Sennereigenossenschaften zusammen, möglichst viel Milch weiterzuverarbeiten. Außerdem gibt es heute eine konsistente Anzahl von Landwirtschaftsbetrieben, die durch die Verarbeitung der eigenen Milch eine höhere Wertschöpfung erzielen möchten.
Für den Bauernbund gilt, dass Spezialisierung und auch Diversifizierung ihren Platz haben müssen, das heißt spezialisierte Produktion und Vermarktung über die Genossenschaft einerseits und Nischenproduktion andererseits.

Geschichten hinter den Zahlen
Hinter all den Zahlen verbergen sich Geschichten von Familien, Betrieben, Schicksalen, von Pionieren, von Rückschlägen, aber vor allem auch von Fortschritt. Gerade dieser Fortschritt ist Grudlage dafür, dass die lebendige Landwirtschaft in Südtirol – im Gegensatz zu vielen anderen Regionen – nach wie vor ihren festen Platz hat. Ein treuer Begleiter der Landwirtschaft war in all diesen Jahren der Südtiroler Bauernbund. Es gilt, diesen Platz zu festigen, in der Produktion neue Wege zu gehen und der Gesellschaft mit ihren gestiegenen Erwartungen gute Angebote zu machen.