Südtiroler Landwirt, Produktion | 31.08.2018

Leer gefegte Lager, gute Ernte

Die Apfelernte hat bereits begonnen. Prognostiziert wird eine durchschnittliche Ernte für Südtirol, europaweit wird aber mit einer Rekordernte gerechnet. Was das für Südtirols Apfelbauern bedeutet, erklären die Direktoren der Vermarktungsorganisationen im Interview. von Renate Anna Rubner

Für Südtirol zeichnet sich eine durchschnittliche Erntemenge an Äpfeln ab, die Qualität der Früchte dürfte weitgehend gut sein.

Für Südtirol zeichnet sich eine durchschnittliche Erntemenge an Äpfeln ab, die Qualität der Früchte dürfte weitgehend gut sein.

ür Europa zeichnet sich mit einem Erntevolumen von 12,6 Millionen Tonnen Äpfeln für 2018 eine wesentlich größere Ernte ab als im Vorjahr. Das entspricht einem Plus von sage und schreibe 36 Prozent im Vergleich zu 2017, im Durchschnitt der letzten drei Jahre ist es ein Plus von 13 Prozent. Das belegen die Schätzungen, die Anfang August anlässlich der diesjährigen Prognosfruit von der WAPA (Wourld Apple and Pear Association) präsentiert wurden.
Nicht von ungefähr fand dieser Kongress in diesem Jahr in Warschau statt, denn der größter Apfelproduzent Europas bleibt Polen, das seinen Vorsprung auf den Zweitplatzierten, Italien, in diesem Jahr deutlich ausgebaut hat. Denn in Polen rechnet man mit einer Rekordernte von 4480 Tonnen. Erreicht wurde dieser Anstieg nicht nur durch Flächenausdehnung, sondern auch durch eine deutliche Steigerung der Produktivität der Anlagen.
Italien kann mit diesen Steigerungsraten nicht mithalten: Dort rechnet man mit einer Gesamtmenge von rund 2,2 Millionen Tonnen, was einer Steigerung von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt, im Durchschnitt der letzten drei Jahre ergibt sich eine Steigerung von fünf Prozent. Wie aber sind die Schätzungen für Südtirol? Und was bedeutet das für die Vermarkter und die Bauern? Der „Südtiroler Landwirt" hat mit Josef Wielander, Direktor der Vinschgauer Produzenten (VI.P), und Gerhard Dichgans, Direktor des Verbands der Obstgenossenschaften (VOG) darüber gesprochen.

Südtiroler Landwirt: Zunächst ein kurzer Rückblick auf die abgelaufene Vermarktungssaison: Wie lief 2017/2018 der Abverkauf der Äpfel in Ihrem Bereich?

Josef Wielander: Rein von der Vermarktung und Preisgestaltung her würde ich kurz und bündig sagen sehr gut! Allerdings hatten sehr viele Produzenten starke Ernteausfälle durch Frost und Hagel zu beklagen, sodass leider nicht alle von dieser guten Marktlage profitieren konnten.

Gerhard Dichgans: Nach drei schwierigen Jahren endete die letzte Verkaufssaison sehr früh, da die VOG-Ernte bereits Ende Juni ausverkauft war. Aus der südlichen Halbkugel sind zwar mehr Äpfel nach Europa verschifft worden, aber diese Menge konnte das Defizit im Lagerbestand in Europa nicht wettmachen.
Ich bin deshalb mit dem Verlauf der Vermarktungssaison durchaus zufrieden: die Preise für alle Sorten - also auch die der Standardsorten, die in den vorherigen Jahren stark unter Druck standen – sind über alle Monate sehr gut gewesen. Andererseits ist das nur ein schwacher Trost für die Bauern, die durch Hagel und Frost nur eine halbe Ernte einbringen konnten.

Wie allgemein bekannt, sind die Lager schon seit Längerem leer. Eigentlich gut, oder?

Josef Wielander: Nicht nur in Südtirol, sondern alle Vorräte der Ernte 2017 in Europa sind geräumt. Das ist gut, denn so haben sich auch die Kunden darauf eingestellt, dass die Ernte 2017 rund einen Monat früher als normal den Weg zum Konsumenten gefunden hat. Auch die Ausgangslage für die anstehende Ernte ist bei leergefegten Lagern hoffnungsvoller, da der Markt zumindest mit Saisonbeginn wesentlich aufnahmefähiger sein müsste.

Gerhard Dichgans: In diesem Augenblick ist das Gala-Angebot aus der Südhalbkugel ausgetrocknet. Auch wird es heuer in Europa keine Endbestände von alterntigen Golden Delicious, die uns oft bis Ende September begleitet haben, geben, so dass unsere erntefrischen Äpfel auf einen aufnahmefähigen Markt treffen.
Die ersten Lkw wurden schon verladen, und ich erwarte mir einen sehr aktiven Start in die Verkaufssaison. Die ersten Verkaufspreise sind zufriedenstellend, aber es ist noch zu früh, um über die weitere Entwicklung im Herbst zu sprechen. Wir müssen abwarten, bis alle Produktionsgebiete auf den Markt gekommen sind. Mit Sicherheit wird der Druck aus der Ernte noch kommen, und die Preise der vergangenen Saison sollten wir schnell vergessen.

Für Europa zeichnet sich eine überdurchschnittliche Ernte ab. Welche Mengen prognostizieren Sie für Ihr Einzugsgebiet?

Josef Wielander: Wir im Vinschgau werden die beiden letztjährigen Ernten, die sehr stark von Frostausfälle gekennzeichnet waren, zwar überschreiten, doch im Vergleich zu den durchschnittlichen Ernten der Jahre zuvor werden wir sicherlich mit gut 12 Prozent weniger Menge rechnen müssen. Unser Erntevolumen 2018 wird also um die 300.000 Tonnen betragen. Bei der biologischen Produktion haben wir dank der Flächenzuwächse eine Rekordernte zu verzeichnen und rechnen mit 28.900 Tonnen Bioware.

Gerhard Dichgans: Für die Mitgliedsgenossenschaften erwartet der VOG eine Tafelapfelernte von knapp 550.000 Tonnen, das entspricht einem Plus von 17 Prozent gegenüber 2017, ohne jedoch das Ausnahmejahr 2016 zu erreichen.
Wenn in diesem Jahr in Südtirol nicht das volle Produktionspotential erreicht wird, dann liegt das zum einen am starken Junifruchtfall und zum anderen an der in nicht wenigen Tallagen beobachteten starken Alternanz.
Wenn wir die Schätzungen nach Sorten analysieren, so verzeichnet der Royal Gala eine Steigerung von neun Prozent, Golden und Red Delicious ein Plus von 30 bzw. 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Granny Smith und Fuji bleiben stabil, während Braeburn voraussichtlich in der der Mitte der beiden Vorjahre liegen wird. Gut sind die Aussichten für die Clubäpfel mit einem Erntezuwachs für Pink Lady, Kanzi und Jazz. Einen großen Schritt nach vorne macht dank der Neuanpflanzungen auch die Sorte Envy.
Auch die Produktion von Bio-Äpfeln wächst auf über 22.000 Tonnen, ein Plus von 48 Prozent gegenüber 2017. Hier sind Royal Gala, Braeburn, Pinova/Evelina und Cripps Pink/Pink Lady die Top-Sorten.

Hat die Ernte in Ihrem Einzugsgebiet schon begonnen bzw. was ist schon im Lager?

Josef Wielander: Abgesehen von den noch bescheidenen Mengen an Sweetango, welche bereits geerntet worden sind, wird die Sorte Gala seit 24. August gepflückt, Farbe und Größe der Früchte haben sich recht gut entwickelt.

Gerhard Dichgans: Bislang ist nur die Sorte Gala in der Vollernte, aber in allen Lagen. Golden und Stark Delicious sind die nächsten, mit ihnen werden wir gegen 10. September starten.

Die letzten Jahre waren für die Apfelbauern schwierig. Wie ist die Stimmung heuer?

Josef Wielander: Wie gesagt waren die letzten beiden Jahre zwar in Kilopreis als gut einzustufen, doch je nach Zone mussten starke Einbußen bis hin zu Totalausfälle bedingt durch Hagel und Frost verzeichnet werden. Insgesamt würde ich die Stimmung trotz allem als zuversichtlich bis gut bewerten, da sich jeder bewusst ist, dass wir unsere Ware nun halt mal in freier Natur – mit all ihren Vor und Nachteilen – produzieren. Auch die relativ günstigen Versicherungsbedingungen in unserem Land haben sicherlich wesentlich dazu beigetragen, dass die Auswirkungen extremer Witterungsverhältnisse überbrückt werden können.-

Gerhard Dichgans: Ich denke, die Produzenten werden mit dem Auszahlungsergebnis der letzten Ernte 2017 mehr als zufrieden sein. Aber die Sorgen betreffen ja nicht das abgelaufene Ausnahmejahr, sondern richten sich mehr auf die zukünftige Entwicklung der Märkte. Und da ist in der Tat Anlass zu großer Sorge: Die großflächigen Neupflanzungen in Polen und Osteuropa, die in den kommenden Jahren in Vollertrag kommen werden, werden unsere angestammten Absatzmärkte überfluten. Auch aus diesem Grund ist die vom VOG eingeschlagene Strategie der Sortimentserneuerung von grundlegender Bedeutung für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit unserer Obstwirtschafl.

Wie ist die Qualität der vermarktungsfähigen Tafeläpfel, d.h. welche Größen sind zu erwarten und wie ist die Ausfärbung?

Josef Wielander: Soweit ich das heute beurteilen kann, haben wir eine sehr gute Fruchtgröße, da das kostbare Wasser trotz Sommerhitze stets zur Verfügung stand. Durch die nun eingetretenen Temperaturschwankungen bildet sich auch eine sehr gute Ausfärbung. Etwas Schalenberostung bei einigen Sorten und von Hagel betroffene Flächen werden jedoch den Anteil an Industrieware und der Handelsklasse 2 erhöhen.

Gerhard Dichgans: Sorgen bereiteten uns im Einzugsgebiet des VOG bis zum letzten Wochenende noch die warmen Nächte, und bei einigen älteren Gala-Anlagen wird die Farbausbeute, speziell auch beim letzten Pflückgang, enttäuschend sein. Bislang ist die Druckfleischfestigkeit in Ordnung. Nun ist aber endlich die Abkühlung eingetreten, mit der wir stark gerechnet haben. Der Zuckergehalt liegt über jenem der Vorjahre. Das Fruchtgrößenwachstum in den Frühlingsmonaten war gut, hat sich allerdings in den letzten heißen Juliwochen etwas verlangsamt. Während die Ernte 2017 vor allem durch kleine Kaliber charakterisiert war, weisen die Äpfel nun wieder eine durchschnittliche Größe auf.
Was dieses Jahr besonders auffällt, ist die teilweise starke Berostung in verschiedenen Hügellagen, v. a. bei Golden Delicious und Envy.

Welche Märkte werden für die neue Verkaufssaison anvisiert? Wo werden Ihre Schwerpunkte liegen?

Josef Wielander: Ich gehe davon aus, dass Italien auch für das kommende Jahr eine Hauptrolle einnehmen wird, da der Osten durch die gute polnische Ernte und teils auch Deutschland wegen der guten eigenen Ernte sich für uns über zwölf Monat und über alle Sorten hinweg als nicht besonders lukrativ erweisen werden. Zudem werden wir bemüht sein, laufend mehr den asiatischen Markt genauer zu beobachten und zu testen, da dort durch die Zunahme der sehr ansprechenden Clubsorten auch eine neue Konsumentenschicht angesprochen werden kann. 

Gerhard Dichgans: Ganz klar bleiben Italien und Deutschland Schwerpunkt unseres Absatzes. Aber die neue Saison steht unter dem Motto: Rückeroberung der Märkte, die wir im letzten Jahr notgedrungen vernachlässigen mussten. Dabei sind die Exportmärkte im Mittelmeerraum die große Unbekannte. Diese dienten nach dem Russlandembargo als Ventilmärkte, haben aber selber große Wirtschafts- und Finanzprobleme zu lösen. Vor allem aber müssen wir unsere Kunden die volle Kontinuität der Belieferung über die gesamten zwölf Monate des Jahres sicherstellen, so dass für sie die Saison wieder planbar wird.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in die neue Vermarktungssaison?

Josef Wielander: Ich habe das Gefühl, dass Äpfel der Handelsklasse 1, und darunter verstehe ich Ware mit guten äußeren und inneren Werten (makelloses Aussehen, ansprechende Farbe, optimale Haltbarkeit, Knackigkeit usw.) sicherlich gewinnbringend zu vermarkten sein werden. Ein schlechteres Gefühl habe ich zum Unterschied vom letzten Jahr mit Ware der Handelsklasse 2 und – auch in Anbetracht der europaweiten starken Ernte – mit dem Erlös aus Industrieware. Aber, wie heißt es so schön, erstens kommt es anders zweitens als man denkt, denn tatsächlich ist in unserem Geschäft nichts ausgeschlossen …

Gerhard Dichgans: Obwohl diese EU- Erntezahl von 12,5 Millionen Tonnen eine schwere Hypothek für das Gleichgewicht am Markt ist, bleibe ich optimistisch: die vergangene Apfelsaison hat uns etwas Wichtiges gezeigt: obwohl die Verbraucherpreise auf allen europäischen Märkten sehr hoch waren, brach der Konsum nicht ein und die Verbrauchszahlen in den Hauptmonaten der Verkaufssaison waren stabil. Das gibt mir Hoffnung für die neue Saison: Wenn die Preise wieder auf ein ‚normales‘ Niveau zurückkehren, kann der Konsum, sofern er auf eine einwandfreie Produktqualität bauen kann, wieder richtig in Schwung kommen.