Bauernbund | 06.08.2018

Bauern gegenüber Handelsketten stärken

Europas Bauern sind gegenüber den Handelsketten oft in einer schwachen Verhandlungsposition. Was man dagegen tun kann, war eines der Themen bei der traditionellen Europawanderung heuer am Vigljoch, an der Bauernvertreter aus dem deutschsprachigen Alpenraum teilgenommen haben. von Guido Steinegger

Wanderten und diskutierten am Vigljoch: (v. l.) Herbert Dorfmann, Walter Heidl, Joachim Rukwied, Leo Tiefenthaler,  Arnold Schuler, Michl Ebner

Wanderten und diskutierten am Vigljoch: (v. l.) Herbert Dorfmann, Walter Heidl, Joachim Rukwied, Leo Tiefenthaler, Arnold Schuler, Michl Ebner

Alle Jahre lädt der Südtiroler Bauernbund im August Bauernvertreter und Agrarpolitiker aus dem Alpenraum zu einer Wanderung nach Südtirol ein. Das Ziel: Wandernd die grenzübergreifende Freundschaft pflegen, die Zusammenarbeit vertiefen und über die Zukunft der Landwirtschaft im Alpenraum diskutieren.
Auf dem Vigljoch begrüßten Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, Lanas Bürgermeister Harald Stauder und Bauernbund-Ortsobmann Norbert Esser nicht nur Vertreter der Bauernverbände aus Bayern, Vorarlberg, Tirol und Salzburg, sondern auch Joachim Rukwied, als Präsident des Europäischen Bauernverbandes COPA sozusagen der wichtigste Bauer Europas.

Auflagenwut der Handelsketten eindämmen
Ein Thema beim Treffen waren die Märkte für landwirtschaftliche Produkte. Eigentlich ist die europäische Landwirtschaft ein Erfolgsmodell, da sie die eigene Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln versorgt. Zudem sind ihre Produkte überall auf der Welt gefragt. Und dennoch kämpfen die Landwirtschaftsbetriebe mit niedrigen Preisen. Auch die zunehmende Auflagenwut der Handelsketten zwingt sie immer stärker in die Defensive. Joachim Rukwied machte deutlich: „Eine Herausforderung ist die Sicherung des Einkommens, und die hängt oft von den Verträgen mit dem Lebensmittelhandel ab.“ Die Konzentration am Markt sei erschreckend: „In Deutschland beherrschen vier große Unternehmen 85 Prozent des gesamten Lebensmitteleinzelhandels.“ Auch der aus Salzburg stammende Nationalratsabgeordnete Franz Eßl beklagte, „dass die Handelsketten oft nicht nur den Preis diktieren, sondern auch immer öfter, wie wir Bauern Landwirtschaft zu betreiben haben.“ Die Bauernvertreter waren sich einig, dass die Position der europäischen Bauern den Handelsketten gegenüber wieder gestärkt werden muss.

Bessere Vertragsbedingungen schaffen
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die EU-Richtlinie über bessere Vertragsbedingungen. Südtirols Europaparlamentarier Herbert Dorfmann ist zuversichtlich, dass das EU-Parlament noch in dieser Amtsperiode – also bis spätestens April 2019 – darüber entscheiden wird. „Diese Richtlinie wird zwar nicht alle Probleme in der Beziehung zwischen Bauern und Handelsketten lösen, aber sie wird die Position der Bauern sicher verbessern.“ Das strenge italienische Gesetz sei hier ein Vorbild und zeige, dass die Politik durchaus steuernd eingreifen kann, zum Beispiel durch verpflichtende Zahlungsfristen.

Bald über EU-Agrarpolitik entscheiden!
Ein weiteres Thema war natürlich die EU-Agrarpolitik. Die Bauernvertreter hoffen, dass die Entscheidungen über die zukünftige Agrarpolitik noch vor den Europaparlamentswahlen im Mai 2019 fallen wird. Rukwied warnte: „Alles, was danach kommt, wird schlechter sein!“ Besonders die Auswirkungen durch den Brexit seien derzeit noch nicht abzuschätzen.

GAP: Zweite Säule sichern
Einig waren sich die Vertreter der Bauern im Alpenraum auch, dass die sogenannte Zweite Säule der Agrarpolitik – also die Zahlungen an die Bauern für ihre Leistungen für Umweltschutz, Landschaftspflege usw. – äußerst wichtig und zu bewahren ist. Im Zuge der GAP-Verhandlungen hat EU-Agrarkommissar Phil Hogan nämlich vorgeschlagen, genau diesen Bereich überproportional zu kürzen. „Damit würden erstmals seit vielen Jahrzehnten wieder die benachteiligten Gebiete und die Berggebiete gegenüber den Gunstlagen bestraft“, sagte Dorfmann.
Deutlich machten die Vertreter aus Bayern, Vorarlberg, Salzburg, Tirol und Südtirol auch ihre Haltung zu Wolf und Bär: „Wir brauchen vor allem wolfsfreie Räume“, sagte Walter Heidl aus Bayern.

Familienbetriebe statt Fremdkapital
Dorfmann, der im EU-Parlament den Bericht über die Zukunft der Landwirtschaft verfasst hatte, mahnte, dass sich Europa einer Grundsatzfrage zur Landwirtschaft stellen muss. Europas Landwirtschaft arbeitet nämlich deshalb erfolgreich, weil sie zum allergrößten Teil von bäuerlichen Familien betrieben wird. Leider sei derzeit ein anderer Trend zu beobachten: „Zunehmend haben Investoren mit viel Fremdkapital landwirtschaftliche Gründe und Betriebe in Visier, die aber nur dem Profitgewinn dienen.“ Das Wesen der Landwirtschaft droht dadurch verloren zu gehen, nämlich der Bezug zu Grund, Umwelt, Landschaft und Tieren. Dorfmann forderte: „Die Politik muss Antworten darauf geben. Sie muss den bäuerlichen Familien ermöglichen, sich innovativ weiter zu entwickeln.“ Allerdings – das betonte auch Rukwied – steht diese Diskussion erst noch an: „Es ist ungewiss, ob die Politik die richtigen Antworten finden wird.“

Bürokratie nicht vom Schreibtisch aus!
Natürlich war auch die Bürokratie ein Thema auf dem Vigljoch. „Kommissar Hogan hat anfänglich von einer Vereinfachung gesprochen. Leider ist davon nun keine Rede mehr. Wir werden ihn daran erinnern“, versprach Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler. Zudem sollten bei Regeln über Naturschutz bzw. bei ausgewiesenen Naturschutzgebieten nicht die Beamten über die Bauern entscheiden. Eßl forderte deutlich: „Vertragsnaturschutz statt hoheitlicher Naturschutz vom Schreibtisch aus.“