Südtiroler Landwirt, Politik, Bauernbund | 23.07.2018

„Wollen alle gleich vertreten“

Sie sind bei der SBB-Basiswahl als Sieger hervorgegangen: Maria Hochgruber Kuenzer, Josef Noggler, Franz Locher und Joachim Reinalter sind die bäuerlichen Kandidaten bei den Landtagswahlen im Oktober. In dieser und kommenden Ausgabe stellen sie ihre Bilanz und Anliegen vor. von Interview von Michael Deltedesco und Guido Steinegger

Sie sollen und wollen die Landwirtschaft im Landtag vertreten: (v. l.) Josef Noggler, Franz Locher, Joachim Reinalter und Maria Hochgruber Kuenzer.

Sie sollen und wollen die Landwirtschaft im Landtag vertreten: (v. l.) Josef Noggler, Franz Locher, Joachim Reinalter und Maria Hochgruber Kuenzer.

Südtiroler Landwirt: Sie sind die vom Südtiroler Bauernbund untertützten Kandidaten bei den Landtagswahlen im Oktober. Zwei von Ihnen – Maria Hochgruber Kuenzer und Josef Noggler sind schon jetzt im Südtiroler Landtag – mit Ihnen möchten Franz Locher und Joachim Reinalter im Herbst ebenfalls den Sprung schaffen. Wenn Sie mit einigen Worten beschreiben müssten, warum Sie sich das zutrauen: Welche Eigenschaften würden Sie nennen?

Maria Hochgruber Kuenzer: Ich bin eine Frau, auf die man sich verlassen kann, und die für Land und Leute im Einsatz ist. Die Schwerpunkte sind für mich der Schutz des Privateigentums und die Anliegen der Gesellschaft. 
Franz Locher: Ich bin Bergbauer und seit 1995 in der Gemeindepolitik aktiv, zuletzt als Bürgermeister von Sarntal. Mich hat die Politik immer schon interessiert. Ich glaube, es ist wichtig, dass gerade auch die Landwirtschaft gut im Südtiroler Landtag vertreten ist. 
Josef Noggler: Ich mache es ganz kurz: Ich würde mich als einsatzfreudig, hartnäckig und zielstrebig beschreiben. 
Joachim Reinalter: Ich bin auch Bergbauer. Bergbauern zeichnen sich vor allem durch viel Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen aus. Dadurch kann man viele Ziele erreichen. Das habe ich bei meiner Arbeit, glaube ich, gezeigt. Damit war ich in den letzten Jahren recht erfolgreich. 

Die Mitglieder des Südtiroler Bauernbundes und der bäuerlichen Organisationen haben ihre vier bäuerlichen Kandidaten in einer Basiswahl bestimmt. Sie gehen als Viererteam ins Rennen. Wie wichtig ist dieser Teamgeist? 
Franz Locher:
Die Landwirtschaft ist sehr vielfältig und vielschichtig. Je mehr Vertreter im Landtag sitzen und die Anliegen der 
bäuerlichen Familien vertreten, umso besser ist es. Nur wenn die Landwirtschaft gut 
in den politischen Gremien vertreten ist, können viele bäuerliche Anliegen umgesetzt werden. 

Blicken wir in die aktuelle Lage im Südtiroler Landtag: Wie ist dort die derzeitige Stimmung gegenüber der Landwirtschaft? 
Josef Noggler:
Die Stimmung der Landwirtschaft gegenüber ist nicht mehr so gut wie noch vor fünf Jahren. Zudem waren wir früher zahlenmäßig stärker. Ich hoffe, dass wir in den nächsten fünf Jahren wieder mehr sind und dass alle vier Kandidaten, die aus der Bauernbund-Basiswahl hervorgegangen sind, auch gewählt werden. 
Im Landtag geht es oft um Detailarbeit, um Verhandlungen und Kompromisse. Wie wichtig ist hier eine zahlenmäßig starke Vertretung? 
Maria Hochgruber Kuenzer: In der Demokratie zählen Mehrheiten. Da kann ein Landtagsabgeordneter auch noch so gut und fleißig sein, alleine wird er nichts erreichen. Wir haben immer versucht, auch die Vertreter anderer Interessensgruppen von unseren Anliegen zu überzeugen. Das gilt besonders für die Gesetzgebungskommission. 
Man tut sich natürlich leichter, wenn die Landwirtschaftsvertreter eine größere Gruppe stellen. Zudem haben wir immer versucht, am Ball zu bleiben und hartnäckig zu sein. Damit konnten wir, das kann man sagen, gar einige Anliegen umsetzen.

Aus dem Vorwahlen sind mehrheitlich Kandidaten aus der Berglandwirtschaft hervorgegangen. Die Anliegen dort sind bekannt. Welche Ideen gibt es für den Obst- und Weinbau, welche Anliegen sollen umgesetzt werden? 
Franz Locher:
Grundsätzlich haben alle Bauern dasselbe Interesse, unabhängig, ob sie Äpfel, Wein, Milch oder ein Nischenprodukt herstellen: Das Beste aus dem eigenen Produkt zu machen und davon leben zu können. Bei den Basiswahlen haben wir viele Stimmen in den Obst- und Weinbaugemeinden erhalten. Das zeigt, dass uns die Bäuerinnen und Bauern im Tal und am Berg vertrauen. Wir werden alle bäuerlichen Familien vertreten, da wird es keine Unterschiede geben!

Josef Noggler, Sie kommen aus Mals und bauen u. a. Gemüse und Kirschen an. Welche Anliegen des Obstbaus sollen in den nächsten Jahren umgesetzt werden?
Josef Noggler:
Gerade in den letzten Jahren hatten wir große Probleme mit Trockenheit, Unwettern und Frost. Im letzten Gesetzgebungsausschuss haben wir vorgeschlagen, alle zusätzlichen Maßnahmen neben der Frostbewässerung zu erlauben, die zu einer erfolgreichen Forstabwehr beitragen. 
Was auch ein großes Anliegen meinerseits ist, ist die Sicherung des Wassers für die Landwirtschaft. Gerade mit dem Klimawandel wird Wasser immer wichtiger. 
Weiters haben wir uns in den vergangenen Jahren für den Schutz von Grund und Boden eingesetzt. Besonders im Tal ist der Hunger nach immer neuen Kulturflächen groß. Hier müssen wir klare Grenzen setzen, damit die wertvollen Kulturflächen erhalten bleiben. Themen und Anliegen, die den Obstbau, den Weinbau, die Berglandwirtschaft und die Nischenkulturen betreffen, gibt es somit genug. Daher braucht es bäuerliche Kandidaten wie uns, die sich für alle bäuerlichen Familien einsetzen. 

Die Landwirtschaft war in der letzten Zeit mehrmals in der Kritik – ob Pflanzenschutz im Obstbau oder, in abgeschwächter Form, das Gesetz zur Sozialen Landwirtschaft. Sind hier Fehler gemacht worden, sollte die Landwirtschaft nicht mehr auf die Stimmung in der Bevölkerung achten?
Josef Noggler:
Ich bin da etwas anderer Meinung. Ich glaube, wir haben einige Diskussionen, wie die über den Pflanzenschutz, einfach unterschätzt. Man hätte viel früher reagieren und die Bevölkerung über den Pflanzenschutz informieren müssen. Gerade im Obstbau hat es in den letzten Jahren eine enorm positive Entwicklung gegeben, was die Nachhaltigkeit betrifft. Leider wurde versäumt, diese Fortschritte auch zu kommunizieren.
Die Folge war, dass sich bei vielen Menschen die Meinung durchgesetzt hat, dass zu viel gespritzt wird. Dass diese Meinung falsch ist und der Obstbau in Südtirol weltweit eine Spitzenposition einnimmt, auch was den Pflanzenschutz betrifft, ist jetzt nur mehr sehr schwer vermittelbar.

Auch die Verabschiedung des Gesetzes zur Sozialen Landwirtschaft hat für Kritik gesorgt. War die Kritik berechtigt?
Maria Hochgruber Kuenzer:
Neben den bisherigen Pflege- und Betreuungseinrichtungen kommen mit der Sozialen Landwirtschaft die Bauernhöfe hinzu. Ich sehe die Soziale Landwirtschaft als Ergänzung zum bestehenden Angebot. 
Kritik gab es vor allem an der angeblich fehlenden Qualität und an der Ausbildung der Bäuerinnen. Hier ist zu sagen, dass keine Berufsausbildung vorgesehen ist, sondern eine Grundlagenausbildung, um diese Tätigkeit ausführen zu können. Wichtig ist 
die Einstellung, Menschen zu begleiten, die Hilfe brauchen. Und die haben viele Bäuerinnen. 

Etwa sieben von zehn bäuerlichen Familien haben einen Nebenerwerb. Maria Hochgruber Kuenzer, Sie haben sich immer für einen Ausbau des Zu- und Nebenerwerbs ausgesprochen. Mit der Sozialen Landwirtschaft werden nun neue Zuerwerbe am Hof möglich. An wen richtet sich die Soziale Landwirtschaft? 
Maria Hochgruber Kuenzer:
Das Gesetz zur Sozialen Landwirtschaft baut stark auf die Ressourcen, die Stärken und Fähigkeiten der bäuerlichen Familie. Steht bei der Direktvermarktung das Produkt und der Kontakt zum Konsumenten im Mittelpunkt, liegt bei der Sozialen Landwirtschaft der Fokus auf der Betreuung von Kindern, älteren Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung. Die Soziale Landwirtschaft richtet sich somit an Menschen am Hof, die gerne Menschen betreuen und die eine stark ausgeprägte soziale Ader haben. 

Herr Noggler, ein Thema, das Sie in den letzten Jahren besonders intensiv verfolgt haben, war die soziale Absicherung der Bäuerinnen und Bauern. Was konnten in den letzten Jahren von den Vorhaben in Bezug auf die Renten umgesetzt werden? 

Josef Noggler: Bei der Rente hat der Südtiroler Landtag kaum Zuständigkeiten. Einige Maßnahmen haben wir dennoch im Regionalrat behandelt. Für junge Menschen haben wir einen Zuschuss auf die Einzahlungen in einen Zusatzrentenfonds vorgesehen. Mittlerweile ist auch die frühere Altersbeschränkung von 40 Jahren gestrichen worden, der Zuschuss kann bis zum Erreichen des Rentenalters ausbezahlt werden. Eine zweite Maßnahme, die wir umgesetzt haben, war die Rückvergütung auf die Rentenbeiträge 
für Bäuerinnen und Bauern, die auf einem Hof mit einer bestimmten Zahl an Erschwernispunkten leben. Das sind wichtige Maßnahmen. In diese Richtung möchten wir weiterarbeiten. 

Um Nachhaltigkeit geht es bei der Diskussion über die flächenbezogene Landwirtschaft, wobei hier die Diskussion mehr unter den Bäuerinnen und Bauern geführt wird. Ob Obstbau, Weinbau, Milchwirtschaft oder Nischenkulturen: Ist die Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil am Markt? 
Joachim Reinalter:
Nachhaltigkeit ist sehr wichtig und wird immer wichtiger. Dazu gehört auch, dass wir die Werte, die wir am Markt „verkaufen“, auch mit Inhalten füllen. Es kann nicht sein, dass wir Betriebe haben, die ihre Kühe fast zur Gänze mit Zukauffutter füttern. Hier gilt es, das gute Image unserer heimischen Produkte, das letztlich auch die hohen Preise bringt, zu verteidigen. Ein weiteres Beispiel ist die Almwirtschaft. Wir könnten nicht mit Kühen auf der Alm werben, wenn es keine aktive Almwirtschaft mehr geben würde, was glücklicherweise nicht der Fall ist. 

Nicht nur die Nachhaltigkeit, auch die Innovation gewinnt an Bedeutung. Wie wichtig ist Innovation auf den Märkten?
Joachim Reinalter:
Die Bevölkerung nimmt in vielen Ländern Europas ab und wird gleichzeitig älter. Damit sinkt häufig auch der Konsum von Lebensmitteln. Dank Innovationen, z. B. Produktinnovationen, gelingt es uns, neue Märkte zu erschließen oder in bestehenden Märkten zusätzliche Marktanteile zu gewinnen. Und das ist auch notwendig, wollen wir an den Märkten weiterhin erfolgreich sein. 

Eines der wichtigsten Gesetze in der zu Ende gehenden Amtsperiode war das Gesetz für Raum und Landschaft. Ziel war es, den Schutz des wertvollen und raren Kulturraumes zu sichern und gleichzeitig die Weiterentwicklung der Wirtschaft und leistbares Wohnen zu garantieren. Ist dies mit diesem Gesetz gelungen?
Franz Locher:
Ich glaube schon. Natürlich gilt es jetzt zu schauen, wie die konkrete Umsetzung aussieht. Wichtig ist, die sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen zu berücksichtigen. Die Bedürfnisse in den Gunstlagen sind andere als in den sehr entlegenen Gebieten. Es gibt Gemeinden, wo eine wirtschaftliche Entwicklung gewünscht ist und wo es genügend Wohnraum gibt. Und dann gibt es Gemeinden, wo einer weiteren Verbauung unbedingt Einhalt geboten werden muss. Entscheidend wird sein, welchen Freiraum die Gemeinden in Zukunft haben werden. 

Eines ihrer zentralen Themen ist der Schutz von Grund und Boden. Vor einigen Wochen hat es eine Initiative zum Feldschutz gegeben. Ist ein solches Gesetz zum Schutz der landwirtschaftlichen Flächen vor Verunreinigungen usw. nötig? 
Maria Hochgruber Kuenzer:
Es wurde ein Beschlussantrag behandelt, der das Land auffordert zu prüfen, ob das Tiroler Feldschutzgesetz auch in Südtirol angewandt werden könnte. In der Tat ist es so, dass der Respekt vor dem Eigentum anderer weniger wird. Die Menschen glauben, dass alles, was nicht eingezäunt ist, Allgemeingut ist. 
Das gilt besonders für landwirtschaftliche Flächen. 
Was in den letzten Jahren zugenommen hat, ist, dass der Grünschnitt des eigenen Gartens auf die Felder geworfen wird. Und wenn einer damit beginnt, glauben andere, dass auch sie ihren Grünschnitt dort entsorgen können. 
Hier braucht es eine Sensibilisierung. Wir müssen klarmachen, dass es sich bei den landwirtschaftlichen Flächen um Privateigentum handelt und dass auf diesen Flächen Lebensmittel produziert werden. 

Kandidaten-Nominierung

Beide Hürden geschafft
Wen der Südtiroler Bauernbund als bäuerliche Kandidaten bei den Landtagswahlen unterstützt, hat bisher eigentlich immer der Landesbauernrat entschieden. Heuer ging der Bauernbund einen anderen Weg: Anfang des Jahres waren die über 42.000 Mitglieder von Bauernbund, Bauernjugend, Bäuerinnen und Senioren aufgerufen, die vier Kandidaten in einer Basiswahl auszuwählen. Am meisten Stimmen erhielten: Maria Hochgruber Kuenzer, Josef Noggler, Franz Locher und Joachim Reinalter. Sie sind somit  die offiziellen bäuerlichen Kandidaten. Und auch die zweite Hürde, nämlich die Nominierung durch – in diesem Fall – die Südtiroler Volkspartei haben alle vier Kandidaten geschafft. Nun liegt es an den Wählern, diesen vier Kandidaten das Vertrauen auszusprechen. 
Auch wenn sich vor den Wahlen erfahrungsgemäß viele Kandidaten „bäuerlich“ geben, sind die vier Genannten die einzigen, die das Wahlprogramm des Bauernbundes und der bäuerlichen Organisationen unterzeichnen und sich damit für dessen Umsetzung verbürgen.