Südtiroler Landwirt, Politik | 23.07.2018

Herdenschutz und Schadensvergütung

Viele Bauern diskutieren über Bär und Wolf. Kaum jemand aber weiß genau, wie das Land den Herdenschutz fördert bzw. in welchem Fall es eine Schadensvergütung nach Rissen gibt. Der „Südtiroler Landwirt“ bringt eine Übersicht. von Guido Steinegger

Das Land nimmt den Herdenschutz in Angriff.

Das Land nimmt den Herdenschutz in Angriff.

Die Südtiroler Landesregierung hat in den vergangenen eineinhalb Jahren mit zwei Beschlüssen auf den verschärften Druck durch Großraubwild reagiert. 
Sie hat damit zwei Fördermöglichkeiten geschaffen (siehe Tabelle auf Folgeseite): Zum einen will sie die Vorbeugung – sprich Maßnahmen zur Verhütung von Schäden an Nutztieren durch Großraubwild unterstützen. Mit anderen Worten: Es gibt Beihilfen für den Herdenschutz. Die zweite Schiene zielt darauf ab, den Haltern jene Schäden zu vergüten, die das Großraubwild an Nutztieren anrichtet. Doch kaum jemand weiß genau, was das Land Südtirol nun fördert, wie hoch die Vergütungen sind und wer wie darum ansuchen kann. Zudem gibt es heuer einige Pilotprojekte, die das Land Südtirol unterstützt, um den Herdenschutz in der Praxis zu erproben. Grund genug für den „Südtiroler Landwirt“, beim zuständigen Landesrat Arnold Schuler um Aufklärung nachzufragen und die Maßnahmen in einer Übersicht zusammenzutragen.
Schuler hält es beim Thema „Zukunft der Almwirtschaft und insgesamt der Berglandwirtschaft in Anwesenheit der großen Beutegreifer“ für wichtig, „dass dieses Thema auf allen Ebenen angegangen und versucht wird, gemeinsam Maßnahmen zu definieren und umzusetzen, die zur Zielsetzung hilfreiche Lösungsansätze bieten.“

Maßnahmen des Landes
Gleichzeitig zählt er jene gezielten Maßnahmen auf, die die Landesabteilung Forstwirtschaft heuer in seinem Auftrag in Angriff genommen hat. Sie werden von den Mitarbeitern des Landesamtes für Jagd und Fischerei, des Landesamtes für Bergwirtschaft und der Forstinspektorate begleitet:
Einrichtung der landesweiten „Arbeitsgruppe Großraubtiere“ (mit allen beteiligten Organisationen und Interessensvertretungen).
Das Landesamt für Jagd und Fischerei ist die Beratungsstelle für das Management der großen Beutegreifer (Biologie, Monitoring, Bewertung, Populationsentwicklung, Beitragsgewährung, Aufbau und Ausbau des Informationsnetzwerkes).
Das Landesamt für Bergwirtschaft ist die Beratungsstelle für integrale almwirtschaftliche Beratungen hinsichtlich Optimierung der Weideführung, Herdenschutzmaßnahmen, Begleitung in der Umsetzungsphase, Monitoring, technische Bewertung für Beitragsgewährung.
Für Angehörige des Landesforstdienstes gab es Informationsveranstaltungen auf Bezirksebene zum Thema Großraubwildrisse bzw. Herdenschutz.
Techniker des Landesamtes für Bergwirtschaft trafen sich im Rahmen von Lokalaugenscheinen und Bewertungen vor Ort mit betroffenen Züchtern – inklusive standörtliche Bewertung und Beratung über mögliche Maßnahmen.
Die Mitarbeiter der Forstinspektorate sind sowohl beim Monitoring, Bewertung der Schadensrisse, Ausbau des Informationsnetzwerkes sowie auch bei der Umsetzung der Herdenschutzmaßnahmen durch integrale Almverbesserungsprojekte in Eigenregie behilflich bzw. tätig.

Herdenschutzprojekte
Als Herdenschutzmaßnahmen (geeignete Vorbeugemaßnahmen) setzt das Land heuer schwerpunktmäßig auf die Umsetzung einiger Pilotprojekte in Eigenregie über die Forstinspektorate und auf die Errichtung von Elekt-rozaunsystemen, die mit öffentlichen Geldern bezuschusst werden. Damit möchte das Land testen, ob Herdenschutz in Südtirol überhaupt wirksam sein kann und wie er sich in Einklang mit den lokalen Gegebenheiten umsetzen lässt. Die konkreten Kriterien für die Förderung zur Errichtung von Elektrozaunsystemen sind in der Tabelle angeführt.
Zwei Beispiele für diese Pilotprojekte sind das Projekt „Herdenschutz Krippenland Taufers“ in der Gemeinde Taufers und das Projekt „Herdenschutz Stilfs“ in der Gemeinde Stilfs. Beide sind bereits konkret in der Umsetzungsphase und beide werden zu einem Teil durch das Forstinspektorat Schlanders umgesetzt. Beim Projekt in Taufers kauft der Schafzuchtverein mobile Zaunanlagen an. 
Bei beiden Projekten wurde für den Almsommer 2018 ein in der Thematik erfahrener Hirte angestellt und in Stilfs hat die Weideinteressentschaft die Weideführung für 2018 bereits umgestellt und verbessert.
Beide Projekte werden mit insgesamt 65.000 Euro finanziert. Vorgesehen sind folgende Arbeiten: Instandsetzung von Holzzäunen an strategisch günstigen Punkten, die dann auch als Koppeln/Nachtpferche genutzt werden können. An mehreren günstigen Stellen werden kleinflächige Weideverbesserungen vorgenommen: Entstrauchung, Entfernung, Baumverjüngung. An geeigneten Stellen werden Viehtränken und Salzstände errichtet, um die Herdeführung zu verbessern und zu erleichtern. Diese Arbeiten wickeln die Forstinspektorate in Regie ab. Die beschriebenen Maßnahmen befinden sich fast überall im Gelände ohne Zufahrt, daher muss sämtliches Material mit dem Hubschrauber transportiert werden.
Die Forstarbeiter beteiligten sich bis heute am Aufstellen von Zäunen. Sie haben Material für die Transporte mit Hubschrauber vorbereitet. Es erfolgten zehn Hubschrauberflüge. Dann haben wieder Forstarbeiter bei den Zäunen mitgearbeitet. Bisher wurden über 100 Arbeiterstunden geleistet und Material beschafft.

Folgen weitere Maßnahmen?
Nun will Landesrat Schuler die Erfahrungen dieser Almsaison abwarten. Danach stellt er weitere, zukünftige Maßnahmen in Aussicht:
Ausbildung der Hirten im Umgang mit Herden – Herdenschutz;
Verbesserung des Informationsnetzes und Öffentlichkeitsarbeit;
Prüfung der Möglichkeit einer Bezuschussung des Mehraufwandes einer Behirtung in Risikogebieten. 

Beihilfen vor und nach Schäden durch Großraubtiere

 

Beihilfen für Verhütungsmaßnahmen vor Schäden durch Großraubtiere am Nutztierbestand

Beihilfen bei Wildschäden an Nutztieren durch Großraubtiere

Wofür kann angesucht werden?

Für Maßnahmen, die vordergründig zur Verhütung von Wildschäden durch Großraubtiere an Nutztieren auf Almen sowie an Bienen dienen: Ankauf von Zaunmaterial und Zubehör, Arbeits- und Maschinenkosten für die Montage von Zaunsystemen. Das Schutzsystem muss von der Behörde als geeignet bewertet werden.

Entschädigung von Verlusten am Nutztierbestand einschließlich Bienen und an Bienenständen durch Großraubtiere (Bär, Wolf).

Wofür kann nicht angesucht werden?

• Für bauliche Maßnahmen (z. B. Stall),

• Im Talbereich für das Zäunen von Mähwiesen zur Vor- oder Nachweiden sowie Heimweiden,

• Für das Versetzen von mobilen Zaunsystemen,

• Für Instandhaltung und Versetzen von Schutzzäunen,

• für Behirtungskosten (Personal, Hunde u. ä.),

• für Herdenschutzmaßnahmen von weniger als 1 GVE und weniger als 60 Tagen Bestoßung.

 

• Verluste an Tieren, die zu Liebhaberzwecken gehalten werden,

• Verluste an Nutztieren ohne Nachweis ihrer Ohrmarken (sofern vorgeschrieben),

• Indirekte Schäden oder nicht eindeutig bewertbare Schäden sowie Folgebeeinträchtigungen,

• Schäden an nicht oder mangelhaft vor Bärenübergriffen geschützten Bienenständen im Gebiet südlich von Meran und westlich der Etsch (Ulten, Deutschnonsberg, Mendelkamm),

• Schäden an Nutztieren, wenn ein Beitrag für Verhütungsmaßnahmen gewährt wurde, aber diese nicht fachgerecht errichtet bzw. instandgehalten wurden.

Wer kann ansuchen?

Landwirtschaftliche Unternehmer, Jagdreviere, Körperschaften, Agrargemeinschaften, Imker.

Landwirtschaftliche Unternehmer, Imker, Körperschaften, Agrargemeinschaften.

Welche anderen Voraussetzungen gelten?

Die Beihilfe ist nicht mit anderen öffentlichen Förderungen vereinbar.

Die Entschädigung und sonstige eventuelle Ausgleichszahlungen für die Schäden wie Versicherungsentschädigungen dürfen 100 Prozent des anerkannten Marktwertes nicht überschreiten.

Wie hoch ist die Beihilfe?

70 Prozent der zugelassenen Ausgabe.

Für Herdenschutz gilt ein Mindest- und Höchstumfang förderbarer Zäune:

  • Schafe/Ziegen: min.100 lfm bei bis zu 20 Tieren, darüber hinaus max.5 lfm/Tier

- Rinder/Pferde: min. 100 lfm bei bis zu 10 Tieren, darüber hinaus max.10 lfm/Tier

100 Prozent des festgestellten Schadens

Was ist zu tun?

 

• Anträge werden jährlich vom 1. Jänner bis 31. Mai (im Jahr 2018 bis 31. Juli!) im Landesamt für Jagd und Fischerei entgegengenommen und müssen vor Beginn der Verwirklichung von Maßnahmen eingereicht werden,

• beauftragte Techniker der Behörde begutachten die Anträge und führen bei umfangreichen Herdenschutzmaßnahmen eine Beratung vor Ort durch,

• nach der Fertigstellung der Maßnahme kann der Auszahlungsantrag gestellt werden.

• Anträge werden ganzjährig entgegengenommen.

• Schäden müssen umgehend nach Entdeckung an die zuständige Dienststelle für Jagd und Fischerei gemeldet werden. Diese überprüft die Schäden vor Ort und bestätigt sie im vollständig ausgefüllten Antragsvordruck.

Erforderliche Unterlagen

• Vordruck Antrag,

• Vordruck Antrag,

• Kostenvoranschlag oder Ausgabenbeleg für Tiere, deren Anschaffungspreis von den Richtpreisen erheblich abweicht.

Hinweise zur Auszahlung der Beihilfen

Mindestanforderungen an Elektrozaunsysteme: Mindesthöhe von 1,2 Meter, min. 5 stromführende Litzen oder stromführendes Weidenetz, Stromspannung von min. 3000 Volt an der gesamten Umzäunung.

Die Auszahlung der gewährten Beihilfen erfolgt aufgrund der durchgeführten Maßnahmen, wobei für Herdenschutzzäune die anerkannten Kosten anhand der Einheitspreise der Preisliste des Amtes für Bergwirtschaft berechnet werden (derzeit 8,00 €/lfm).

Für den Schutz von Bienenständen hingegen wird die Beihilfe aufgrund der abgegebenen Ausgabenbelege ausgezahlt.

Es erfolgen Vor-Ort-Überprüfungen.

Die Beihilfen werden auf Grundlage der Überprüfung der Anträge, der Rangordnung gemäß den Kriterien für die Vergabe von Prioritätspunkten und der dafür bereitgestellten Finanzmittel gewährt.

Entsprechend hängt auch der Zeitpunkt der Auszahlung der Beihilfen von mehreren Aspekte ab. So dauert es z. B. mehr Zeit, wenn erst durch eine genetische Probe festzustellen ist, ob ein Bär oder Wolf einen Schaden verursacht hat.

Kontakte und weitere Informationen

  1. Beratungsstelle für Herdenschutz im Landesamt für Bergwirtschaft:
    Konrad Pfattner, Tel. 0471 415362,
    Emilio Dallagiacoma, Tel. 0471 415365
  2. Informationen zur Beitragsgewährung:
    Landesamt für Jagd und Fischerei / Merkblatt und Formulare im Internet: http://bit.ly/MerkblattVorbeugung
  • Landesamt für Jagd und Fischerei, Tel. 0471 415170, Internet: http://www.provinz.bz.it/land-forstwirtschaft/fauna-jagd-fischerei/default.asp;
  • Dienststelle Ost (Bruneck): 335 8489862
  • Dienststelle Mitte (Bozen): 335 8489804
  • Dienststelle West (Meran): 335 8489803

 

Merkblatt im Internet: http://bit.ly/MerkblattSchadensverguetung