Südtiroler Landwirt, Produktion | 21.06.2018

„Ein neues Zeitalter bricht an“

Am „Tag der Technik im Obstbau“ liest man die Zukunft des Obstanbaus ab. Welche neuesten Geräte man dort sieht und wieso die Mechanisierung im Obstbau allmählich in ein neues Zeitalter eintritt, hat der „Südtiroler Landwirt“ im Interview mit ALS-Obmann Stefan Pircher geklärt. von Guido Steinegger

Technologie macht die Landwirtschaft immer präziser: Beim Tag der Technik können sich Obstbauern davon überzeugen.

Technologie macht die Landwirtschaft immer präziser: Beim Tag der Technik können sich Obstbauern davon überzeugen.

„Südtiroler Landwirt“: Der Tag der Technik kann immer mit vielen Besuchern rechnen. Was verleiht ihm seine Anziehungskraft?

Stefan Pircher: Es ist der Mix: Zum einen sehen die Besucher den aktuellsten Stand der Technik direkt im Praxistest auf einem Gelände. Zum anderen können sie ein sehr breites Angebot vieler Hersteller direkt vergleichen.
In Südtirol wird Innovation großgeschrieben. Daher sind hier viele Herstellerfirmen angesiedelt und führend in verschiedenen Bereichen der Anbautechnik. Das lockt auch Experten aus anderen Anbaugebieten an.

Am Tag der Technik kann man den starken Wandel im Obstbau sehen. Was ist der größte Unterschied zwischen früher und heute?

Eines ist die Präzision: Es gibt immer mehr Spezialgeräte. Bisher hat diese Mechanisierung die menschliche Arbeit unterstützt, erleichtert und beschleunigt. Hebebühnen, Förderbänder, Unterstockgeräte usw. helfen vor allem Arbeitskräfte sparen. Langsam aber bricht ein neues Zeitalter an: Jetzt kommt die Robotik ins Spiel. Sie arbeitet immer selbstständiger, und ist imstande, Tätigkeiten zu übernehmen, die bisher nur der Mensch bewältigen konnte.

Das lässt an „Präzisionsfarming“ denken: eine zielgenaue Produktion, unterstützt durch Sensoren, vernetzte Computerprogramme usw. Man verspricht sich viel davon: Qualität, Arbeits- und Wasserersparnis, weniger Pflanzenschutzmittel … Was erwarten Sie sich?

Ich denke, das Präzisionsfarming wird kommen, braucht aber noch seine Zeit. Um diese Technik in der Praxis einsetzen zu können, braucht es eine enorme Leistung. Computer müssen oft eine Unmenge an Daten verarbeiten. Wenn z. B. Kameras Pflanzen beobachten, nimmt sie viele Informationen auf, die das Programm gar nicht braucht. Das muss der Computer dann wegfiltern. Da ist also sicher noch Forschung und Entwicklung nötig. Aber die Technologie entwickelt sich rasant. Was also heute noch nicht machbar und leistbar ist, kann schon morgen Standard sein – und so in der Praxis anwendbar und wirtschaftlich.
Wir müssen uns auch fragen, wie diese Technologien in unserer klein strukturierten Südtiroler Praxis einsetzbar sind. Das ist für die kleinen Betriebe oft zu teuer oder kompliziert. Hier wird also wieder einmal das Überbetriebliche eine große Rolle spielen: Genossenschaften, Maschinenringe, Forschung, Beratung usw.

Das heurige Schwerpunktthema ist „Frostschutz und Beregnung“. Reagieren Sie damit auf den Klimawandel?
Auf jeden Fall! Bei Frostschutz und Beregnung ist Südtirol schon jetzt eines der am besten organisierten Gebiete. Aber das Klima bringt Veränderung: Wir haben eine frühere Blüte, das Frostrisiko steigt also. Gerade der Frostschutz ist einer der großen wirtschaftlichen Erfolgsfaktoren für Betriebe und Genossenschaften. Die Versicherung ist wichtig, deckt aber nicht alle Folgeschäden ab. Bei der Bewässerung müssen wir durch wassersparende Techniken auf die zusätzlichen Wasserverluste durch steigende Temperaturen  reagieren. Es ist also wichtig zu zeigen, welche neuen Technologien es gibt und wie sie sich in der Praxis bewähren.

Einige Techniken im Frostschutz sind spektakulär. Für die Bauern zählt, ob sie auch wirksam und wirtschaftlich sind. Bekommen die Besucher Antworten?
Sicher! Wir versuchen, die ganze Palette aufzuzeigen. Der Klassiker bleibt die Frostschutzberegnung. Für den Apfel ist sie noch immer die effizienteste und sicherste Methode. Andere Technologien sind teilweise praktikable Notlösungen. Sie sind aber nicht in jeder Situation wirksam. Ein Beispiel: Bei Inversion, also kalter Luft in Bodennähe, wärmere Schichten in höheren Lagen, würde Luftverwirbelung helfen. Wir haben aber gesehen, dass gerade die wirklich schweren Frostereignisse nicht durch Inversion zustande kommen, sondern eher durch Kaltwinde oder eine generelle Abkühlung der Luft. Dann ist gar keine warme Luftschicht verfügbar, und es hat keinen Sinn zu verwirbeln.
Wärmequellen sind nur effizient, wenn sie in ausreichender Menge eingesetzt werden. In bestimmten Gebieten kann das sinnvoll sein – z. B. in Hanglagen mit wenig Wasserverfügbarkeit.

Welche Fortschritte macht die Bewässerungstechnik?
Bewässerung hat widersprüchliche Anforderungen: Der Frostschutz braucht viel Wasser, die Bewässerung soll Wasser sparen. Für das eine ist die Überkronberegnung ideal, für das andere die Tropfberegnung. Einige Systeme wollen eine Kombination anbieten. Aber das bleibt ein schwieriger Kompromiss. Viele Südtiroler Betriebe haben daher beide Beregnungsarten in ihrer Anlage.
Bei der Bewässserung haben wir sicher Luft nach oben. Sensoren können die Bodenfeuchtigkeit messen und die Beregnung nach Bedarf steuern. Versuchswesen und Beratung setzen das im Probebetrieb schon ein. Aber ein flächendeckendes Netz bei den Landwirten haben wir noch nicht. Hier sehe ich viel Potenzial, auch weil diese Technologie relativ kostengünstig und wirtschaftlich vertretbar ist.

In Europa denkt man über neue Versicherungsmodelle nach. Nicht nur gegen Ernteausfälle, sondern auch gegen Einkommensverluste – z. B. durch Preisschwankungen am Markt. Was für ein Modell wünschen Sie sich?
Wenn All-Risk-Versicherungen kommen, die eine große Bandbreite an Schadensereignissen abdecken, ist für die Südtiroler Bauern eines wichtig: Sie müssen bestimmte Schadensereignisse auswählen bzw. ausschließen können. Es hat kaum Sinn, sich gegen Hagel zu versichern, wenn man ein Hagelnetz hat. Daher brauchen unsere Bauern die ­ Möglichkeit, maßgeschneiderte Versicherungen abzuschließen.

Angenommen, Sie haben drei Wünsche frei: je einen an die Politik, die Forschung und die Hersteller? Was würden Sie wählen?
Eine Herausforderung, die nur alle drei gemeinsam bewältigen können: die Sprühtechnik! Sie ist derzeit eine der größten Aufgaben der Südtiroler Landwirtschaft. Die Bauern arbeiten auf engem Raum mit den bewohnten Gebieten. In der Sprühtechnik sollten wir Vorreiter werden! Es braucht eine Standardisierung der Geräte selbst, aber auch in der Geräteabnahmetechnik. Die Politik muss das gesetzlich verankern, mit einheitlichen Standards. Und die Forschung und Hersteller müssen einen weiteren Schritt machen, um in der Gerätetechnik bestmögliche Antworten für die Praxis zu liefern.
Wir sollten das sogar als Chance sehen! Es würde den Herstellern und der Obstwirtschaft ja auch Wettbewerbsvorteile bringen, weil wir anderen Gebieten wieder einen Schritt voraus sind.

Welche Stimmung erwarten Sie beim Tag der Technik im Obstbau?
Die Preislage am Apfelmarkt war heuer eigentlich gut. Dennoch spürt man viel Unsicherheit bei den Produzenten. Es gab wetterbdingt teils starke Produktausfälle. Auch das Umfeld ist relativ angespannt: Europa hat in „normalen“ Jahren eine Apfel-Überproduktion zu verzeichnen, das erhöht den Preisdruck. Dieser Preisdruck erzeugt strukturelle Ängste. Die Bauern fragen sich: Haben wir genügend innovative Sorten? Sind wir anderen Gebieten genügend voraus?
Der Absolventenverein Landwirtschaftlicher Schulen will diese Fragen aufzeigen und neue Entwicklungen anstoßen. Dazu gehört nicht nur, die Technik und das Produkt zu verbessern, sondern in einigen Fällen auch nach alternativen Kulturen Ausschau zu halten, die in Zukunft in den Südtiroler Obstbau einziehen könnten.
Unsere Veranstaltungen haben immer wieder gezeigt, dass Südtirol Antworten auf offene Fragen finden kann ... Ich bin zuversichtlich, dass dies weiterhin gelingt.

Impulsgeber und Publikumsmagnet

Zum 29. Mal veranstaltet der Verein der Absolventen Landwirtschaftlicher Schulen (ALS) am 18. Juli den Tag der Technik im Obstbau am Ladstätterhof in Sinich (Meran). Er ist immer wieder Gradmesser und Impulsgeber für den Sektor. Ausgestellt werden die neuesten Geräte und Technologien. Mit Schwerpunktthemen will der ALS zudem Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen aufzeigen. Nicht nur Südtirols Obstbauern machen sich alle zwei Jahre ein Bild über die neuesten Entwicklungen, sondern auch Experten und Interessierte aus anderen Obstbaugebieten.