Politik, Südtiroler Landwirt | 24.05.2018

Reizwort „Koexistenz“

Was ist ein „günstiger Erhaltungszustand“, wie erfolgreich ist Herdenschutz, und kann eine Koexistenz von Viehzucht mit Weidehaltung und großen Beutegreifern funktionieren? Diesen Fragen ging kürzlich eine Konferenz in Brüssel nach. Zum Schluss blieb vieles offen. von Renate Anna Rubner

Zehn Europaparlamentarier – darunter Herbert Dorfamm – organisierten in Brüssel einen Kongress zum Thema Wolf.

Zehn Europaparlamentarier – darunter Herbert Dorfamm – organisierten in Brüssel einen Kongress zum Thema Wolf.

Gleich zu Beginn sorgte EU-Umweltkommissar Karmenu Vella für Empörung im Saal: In seiner einleitenden Stellungnahme sagte er zwar, sich der Herausforderung bewusst zu sein, die der Wolf für die europäischen Viehhalter darstellt, erklärte aber gleichzeitig, dass es vor allem an den Bauern liege, das Reißrisiko für ihre Tiere zu senken.
Man dürfe die Wiederansiedelung dieses großen Beutegreifers nicht nur als Problem wahrnehmen, sondern auch die Chancen sehen: Schließlich gebe es inzwischen Gebiete, die mit „Wolf watching“ Touristen anziehen. Dieses wirtschaftliche Potenzial müsse mit berücksichtigt werden. Ein erbostes Raunen ging durch den voll besetzten Konferenzsaal, in dem zehn Mitglieder des Europäischen Parlamentes, darunter auch Südtirols Vertreter Herbert Dorfmann, zu einem Erfahrungs- und Wissensaustausch zum Thema Wolf gebeten hatten. Unter dem Titel „Defending Pastoralism – towards a European Wolf Plan“ sollte Druck auf die Kommission ausgeübt werden. Dem Ruf folgten viele: Abgeordnete wie Bauernvertreter, vorwiegend aus Frankreich und Spanien. Mit dabei waren auch Landesrat Arnold Schuler und Senator Meinhard Durnwalder.

Böse und hilflos
Der deutsche Abgeordnete Karl-Heinz Florenz machte seinem Ärger Luft: „Jetzt sitze ich seit 19 Jahren hier, aber noch nie war ich annähernd so böse und so hilflos“, kommentierte er die Aussagen des EU-Kommissars. Jeder wisse, dass der Herdenschutz ineffizient sei. Es brauche echte Lösungen für die Züchter. Der Abgeordnete forderte auch, den „gesicherten Erhaltungszustand“ des Wolfes klar zu definieren.
Kommissar Vella verwehrte sich gegen jede Forderung: „Warum erwarten alle,
dass die Lösungen aus Brüssel kommen? Schließlich haben die Mitgliedsländer genug Möglichkeiten, etwas zu tun!“, sagte er und sprach sich für lokale Lösungen aus, die werde er gerne unterstützen. Damit erteilte er allen eine klare Absage, die den Wolf aus Anhang IV der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992), in der streng geschützt Tiere aufgelistet sind, herausgenommen haben möchten.

Wolf ist nicht gefährdet
Trotzdem wurde dieser Vorschlag nicht nur einmal während der Konferenz gebracht. Unter anderen von Gregor Grill von der Landwirtschaftskammer Salzburg, der zunächst die Situation für Österreich schilderte: „Bis 2016 war Österreich ein Wolf-Transitland, erste Rudel bildeten sich 2017. Mittlerweile gibt es 20.000 Exemplare verteilt über ganz Europa. Das bedeutet: Der Wolf befindet sich in einem ,günstigen Erhaltungszustand‘ und ist nicht gefährdet!“, stellte er fest.
Die Landwirtschaft Österreichs sei geprägt von kleinen Betrieben, die extensiv und vorwiegend im Nebenerwerb geführt werden. Die Weidehaltung spiele eine große Rolle, gealpt werden neben Milch- und Galtvieh auch Schafe und Ziegen, allerdings in verschiedenen Höhenlagen. „Unsere Bauern sind nicht bereit, Herdenschutzmaßnahmen zu ergreifen. Und zwar nicht, weil sie ihre Tiere nicht schützen wollen, sondern weil ihnen schlichtweg die Ressourcen – zeitliche wie finanzielle – dafür fehlen“, sagte der Österreicher. Elektrozäune seien auf alpinen Weiden nicht einsetzbar, gute Hirten und Herdenschutzhunde Mangelware.
Die touristische Mitnutzung der Almen sei in Österreich stark ausgeprägt, auch das verunmögliche den Einsatz von Herdenschutzmaßnahmen: „Wenn wir es nicht schaffen, den Leuten zu erklären, dass sie ihren Müll wieder mitnehmen, dann ist es noch unwahrscheinlicher, dass wir ihnen das richtige Verhalten im Umgang mit Herdenschutzhunden beibringen. Elektrische Umzäunungen lassen sich mit der touristischen Nutzung auch nicht vereinbaren“, sagte Gregor Grill.

Koexistenz ist nicht erfolgreich
Der französische Wissenschaftler Laurent Garde stellte vor allem die Wirksamkeit der Herdenschutzmaßnahmen infrage. Mit einer eben veröffentlichten Studie belegt er sogar das Gegenteil: „Seit 20 Jahren werden in unserem Gebiet ständig mehr Maßnahmen zum Herdenschutz unternommen, gleichzeitig aber immer mehr Tiere gerissen.“ Deshalb habe man versucht, die Maßnahmen zu perfektionieren. Ohne Erfolg. „Der Wolf ändert sein Verhalten ständig und passt sich an. Inzwischen beobachten wir Risse auch bei Tag und in Siedlungsnähe. Er hat also verstanden, dass er nichts zu befürchten hat.“ Das Resümee des Wissenschaftlers: „Eine Koexistenz von Wolf und Weidehaltung ist bei uns nicht erfolgreich.“

Subjektive Ängste ernst nehmen
Stephan Wenzel, ehemaliger Umweltminister von Niedersachsen, zeigte sich dagegen von effizienten Herdenschutzmaßnahmen überzeugt: „Herdenschutz funktioniert“, sagte er, es liege am Nutztierhalter, die Gefahr für seine Tiere auf ein Minimum zu reduzieren. Auch die Kosten für die Rissschäden seien vertretbar und vergleichsweise gering. Ein erfolgreiches Wolfsmanagement stehe seiner Meinung nach aber im Konflikt mit der Jagd, denn das Jagdrecht verhindere ein wirkungsvolles Wildtiermanagement. Wenzel ist überzeugt: Der Wolf ist eine Gesundheitspolizei, da er zunächst kranke und schwache Tiere tötet und damit die Resilienz von Naturgebieten stärkt. Das sei erwiesen. „Trotzdem“, lenkte er ein, „müssen wir die subjektiven Ängste der Bauern ernst nehmen.“

Das bekräftigten auch die Vertreter des EU-Umweltministeriums. In der Diskussion, die auf die Berichte folgte, wurden sie aber noch einmal deutlich: Ihre Lösung zum Thema Wolf liegt in der Koexistenz. Man zollte den Bauern zwar Respekt und zeigte Verständnis für deren Leid. Auch gab es klare Zusagen für Entschädigungen im Falle von Verlusten. Die Anstrengungen und Kosten, die der Herdenschutz verursacht, sollen von der Gesellschaft getragen werden, nicht von den Landwirten alleine. Dennoch: „Der Abschuss des Wolfes ist sicher keine Lösung“, hieß es.