Südtiroler Landwirt, Wirtschaft | 10.05.2018

Milchbauern können aufatmen

Eine Rekord-Milchmenge, ein stabiler Milchpreis, eine erfreuliche Entwicklung und ambitionierte Pläne für die Zukunft: Der Sennereiverband hatte bei seiner Vollversammlung fast nur Positives zu berichten und steht vor wichtigen Weichenstellungen. von Bernhard Christanell

Starke Milch: Die Milchwirtschaft legt sehr gute Zahlen vor und stellt mutige Weichen. (foto: IDM/Frieder Blickle)

Starke Milch: Die Milchwirtschaft legt sehr gute Zahlen vor und stellt mutige Weichen. (foto: IDM/Frieder Blickle)

Die Sorgenfalten, die vielen Verantwortlichen in der Südtiroler Milchwirtschaft  in den vergangenen beiden Jahren im Gesicht standen, sind vorerst einmal verflogen. Das Jahr 2017 war für die Südtiroler Milchwirtschaft in vielerlei Hinsicht ein sehr erfreuliches Jahr – wie auch die verschiedenen Richtwerte belegen: Das wichtigste Kriterium für den einzelnen Milchbauern ist der Milchpreis – dieser lag im vergangenen Jahr im Gesamtdurchschnitt bei 50,64 Cent pro Kilogramm Milch, dem zweithöchsten je erzielten Wert in Südtirols Milchgeschichte. Für Biomilch gab es im Schnitt 66,68 Cent, für konventionelle Milch 50,18 Cent pro Kilogramm Milch. Insgesamt wurden an die 4776 Milchlieferanten rund 202,9 Millionen Euro an Milchgeld ausbezahlt, das entspricht einem Durchschnitt von knapp 42.500 Euro pro Betrieb. In Sachen angelieferter Milchmenge haben sich Südtirols Bauern im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent gesteigert und erstmals die Schallmauer von 400 Millionen Kilogramm Milch knapp durchbrochen.

Kleiner Lichtblick bei Milchlieferanten
Von einem kleinen Lichtblick berichtete Annemarie Kaser, die Direktorin des Sennereiverbandes, bei der Zahl der Milchlieferanten: „In den vergangenen Jahren ging die Zahl pro Jahr jeweils um rund 100 Bauern zurück, im Jahr 2017 hat sich dieser Rückgang erstmals  verlangsamt.“ Tatsächlich zählten die Südtiroler Milchhöfe am Jahresende „nur“ 19 Milchlieferanten weniger als ein Jahr zuvor. Verglichen mit der Jahrtausendwende, als es noch über 6000 Milchlieferanten im Land gab, ist der Rückgang zwar beträchtlich, aber die aktuelle Entwicklung lässt zumindest hoffen, dass der Strukturwandel sich abschwächt.

Heumilch bringt Mehrwert
Ein wichtiger Schritt war im vergangenen Jahr die Umstellung der Frischmilch auf Heumilch – eine Umstellung, die laut Obmann Reinalter sowohl Bauern als auch Konsumenten Vorteile bringt: „Heumilch zu produzieren, also Milch ganz ohne den Einsatz von Gärfutter, ist eine traditionelle Wirtschaftsweise und fördert die nachhaltige Bewirtschaftung sowie die Artenvielfalt der Wiesen. Und sie ist ein Produkt, das auf dem Markt einen entscheidenden Mehrwert bringt.“ Knapp über 1000 Milchbauern liefern zurzeit Heumilch – Tendenz steigend.
Reinalter sieht in der Heumlich sogar noch Pluspunkte gegenüber der ebenfalls sehr gefragten und erfolgreichen Biomilch: „Diese kann man im Grunde überall produzieren, Heumilch mit diesen Werten und der Kulturlandschaft, die dahinter steht, ist aber ein Mehrwert, den nur Bergregionen wie Südtirol bieten können.“ Das oberste Ziel sei es, den Bauern weiterhin ein attraktives Einkommen zu garantieren, damit es für sie  wirtschaftlich rentabel bleibe, Milch zu produzieren.

Veredelung bringt Wertschöpfung
Zu dieser Wertschöpfung leisten die veredelten Produkte einen wesentlichen Beitrag. Auch hier ging es 2017 fast überall nach oben:  Bei den Kuhmilchprodukten gab es plus vier Prozent beim Joghurt, plus 12,3 Prozent bei der Butter, plus 3,5 Prozent bei Käse, plus 11,1 Prozent bei Mascarpone, Ricotta und Topfen. Eine kleine, aber gefragte Nische sind nach wie vor die Ziegenmilch und die aus ihr erzeugten Produkte. „Fast jeder zweite Joghurt in Italien kommt aus Südtirol, im Gegensatz zu den Großproduzenten wie zum Beispiel Parmalat konnten die Südtiroler Milchhöfe ihren Marktanteil sogar ausbauen“, zog Annemarie Kaser Bilanz. Bei der Butter gab es besonders hohe Zuwachsraten, was auf die enorm hohe Nachfrage am Markt zurückzuführen war. „Die Genossenschaften haben die extremen Preissprünge am Buttermarkt nicht in voller Höhe an die Konsumenten weitergegeben, schließlich brauchen wir sie auch noch, wenn die Preise nicht mehr so hoch sind.“

Weg geht zu flächenbezogener Milchproduktion
Eine zukunftsweisende Entscheidung, über die die Milchhöfe derzeit noch beraten, kam bei der Versammlung zur Sprache: die geplante Umstellung auf die flächenbezogene Milchproduktion. Die Diskussionen bei den Versammlungen der einzelnen Milchhöfe waren teils sehr intensiv, bei Redaktionsschluss  standen einige davon noch aus.
Dennoch gab es bei der Versammlung bereits viele Vorschusslorbeeren für die Richtung, die die Südtiroler Milchwirtschaft damit einschlagen will. So bezeichnete Altlandesrat und Exsenator Hans Berger die Entscheidung als „mutigen und wichtigen Schritt“. Nicht die Anzahl der Kühe werde die Zukunft der Milchwirtschaft und die Qualität ihrer Produkte sichern, sondern die Anzahl der Bauern, eine möglichst nachhaltige und naturnahe Produktionsweise sei daher der einzige richtige Schritt.
Landesrat Arnold Schuler sieht in der flächenbezogenen Milchproduktion einen weiteren Schritt, um die Glaubwürdigkeit der heimischen Landwirtschaft zu sichern. Die Landtagsabgeordnete Maria Hochgruber Kuenzer unterstrich, dass es wichtig sei, die Milchprodukte verstärkt in Verbindung mit der Landschaft zu bringen und in den Mittelpunkt zu stellen – gerade in Zeiten, in denen der Trend hin zu Produkten geht, die nicht tierischen Ursprungs sind. Paul Gasser, der Generaldirektor des Raiffeisenverbandes, bezeichnete den Weg der Nachhaltigkeit als „einzig mögliche und richtige Alternative“. Bauernbund-Obmannstellvertreter Viktor Peintner verwies auf den Milchpreis, der „gut, aber in dieser Höhe unbedingt notwendig“ sei. Er halte die Südtiroler Berglandwirtschaft am Leben, eine flächenbezogene Milchproduktion habe vor allem das Ziel, das Vertrauen der Konsumenten zu sichern.

Bester Milchlieferant aus Hafling
Viel Lob gab es auch für die besten Milchlieferanten des Jahres, die traditionsgemäß bei der Versammlung ausgezeichnet wurden. 2017 war dies Christian Eschgfäller vom Glatzhof in Hafling, der die Heumilch aus seinem Stall an den Milchhof Meran liefert. Eschgfällers Eltern Anna und Alois kümmern sich um die Stallarbeit, er selbst übernimmt neben seiner Stelle im Ski- und Wandergebiet Meran 2000 die Feldarbeit. Für den Glatzhof ist es nach 2007 bereits die zweite Auszeichnung als „landesbester Milchlieferant“.

Die Grundlage für die Auszeichnung bilden die Analysen, die der Sennereiverband entlang der gesamten Produktionskette vornimmt und ständig ausbaut. So ist allein die Zahl der Rohmilchproben im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um über drei Prozent auf 787.904 gestiegen, bei fast 20.000 Produkten wurden zudem über 72.800 Untersuchungen vorgenommen. Sehr gefragt sind auch weiterhin die verschiedenen Beratungen – sowohl bei den Melkanlagen als auch bei den Hof- und Almkäsereien.