Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 02.05.2018

„Wollen ein wolffreies Südtirol“

Der Südtiroler Bauernbund hat auf einer Informationsveranstaltung in Terlan zum Wolf erneut ein wolfs- und bärenfreies Südtirol gefordert. Das Großraubwild und die traditionelle Almwirtschaft seien nämlich nicht miteinander vereinbar. von Michael Deltedesco

Eine umfangreiche Diskussion über den Wolf und die Folgen für die Landwirtschaft gab es am Samstag in Terlan.

Eine umfangreiche Diskussion über den Wolf und die Folgen für die Landwirtschaft gab es am Samstag in Terlan.

Zwischen Verärgerung, Verängstigung und teilweise auch Resignation schwankt derzeit die Stimmung unter den Bergbauern. Viele überlegen sich, ob sie ihr Vieh in diesem Sommer noch auf die Almen auftreiben sollen. Groß ist auch die Sorge um die traditionelle Almbewirtschaftung. Das betonte auch Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler in Terlan: „Das aber hätte gravierende Auswirkungen nicht nur auf die Biodiversität, sondern auch auf das Landschaftsbild. Denn wenn Almen nicht mehr bewirtschaftet werden, verstrauchen sie und wachsen früher oder später zu. Das kann nicht im Interesse der Bevölkerung und des Tourismus sein – und auch nicht des Umweltschutzes.“ Daher wiederholte er seine Forderung nach einem „wolf- und bärenfreien Südtirol“ und einer Lockerung des sehr strengen Schutzes des Großraubwilds.

Beispiele für wolfsfreie Länder
Dass es Beispiele von wolffreien Ländern in Europa gibt, zeigte der EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann anhand des Beispiels von Finnland auf: „Teile des Nordens von Finnland sind für Wölfe Tabu, da es dort viele Rentiere gibt, die geschützt werden müssen. Andere Länder regeln den Wolf mit Obergrenzen. Überschreitet die Wolfspopulation diese Obergrenze, sind Entnahmen möglich.“
Probleme mit dem Wolf gibt es mittlerweile in vielen Ländern. Daher beginnt sich auch auf europäischer Ebene die Stimmung zu ändern. Es werden zunehmend mehr Stimmen in fast allen Fraktionen des EU-Parlaments laut, die den hohen Schutzstatuts des Wolfs in Frage stellen. In wenigen Tagen gibt es eine Tagung zum Wolf, die sogar von grünen Abgeordneten unterstützt wird. „Auch bei einigen Grünen setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass es ein Umdenken braucht“, erklärt Dorfmann. Letztlich seien aber die Mitgliedsstaaten zuständig, wenn es um das konkrete Wolfsmanagement geht. Und da sind die Positionen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich.  
Wenig Hoffnung auf eine baldige Änderung der Schutzbestimmungen für den Wolf auf römischer Ebene machten die Abgeordneten Albrecht Plangger und Meinhard Durnwalder. In Rom herrsche nach wie vor die Meinung vor, dass der Wolf stark geschützt werden müsse, obwohl der geforderte gute Erhaltungszustand erreicht ist.
Die Lobby der Tierschützer und Wolfsbefürworter sei in Italien sehr stark. Dass viele Regionen das Problem erkannt hätten, es aber nicht wagen, etwas gegen den Wolf zu unternehmen, zeige dies eindrucksvoll.

Maximalen Spielraum nutzen
Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte eine landeseigene Regelung sein, stellte Landeshauptmann Arno Kompatscher in Aussicht: „Wir werden zwar weiterhin auf römischer und europäischer Ebene aktiv sein, müssen aber gleichzeitig den maximalen Spielraum, den Südtirol hat, nutzen.“
Das Land habe bereits eine Durchführungsverordnung nach Rom gesendet, die von der Regierung aber nicht verabschiedet wurde. Eine andere Möglichkeit wäre ein eigenes Landesgesetz, das aber sehr wahrscheinlich vor dem Verfassungsgericht angefochten werden dürfte. „Wir werden nicht aufgeben. Der Schutz der traditionellen Alm- und Weidewirtschaft geht vor dem Schutz des Wolfes“, stellte Kompatscher klar.

Herdenschutz keine Lösung
Natürlich kam in Terlan auch der Herdenschutz zur Sprache. Allen Beteiligten war klar, dass der Herdenschutz mit Hunden und Zäunen keine dauerhafte Lösung sein kann.
Obmann Tiefenthaler begründete dies mit der vielfältigen Südtiroler Almwirtschaft: „Wir haben viele kleine, aber auch große Herden, reine Rinder- und Schafherden oder gemischte Herden, kleine und große Almen in mehr oder weniger schwierigem Gelände. Alle Almen mit Herdenschutzhunden und Zäunen zu schützen, ist nicht machbar und wohl auch nicht finanzierbar.“
Dennoch wird es heuer einige Herdenschutz-Pilotversuche auf Almen geben, sagte Landesrat Arnold Schuler: „Auch wenn wir alle nicht davon überzeugt sind, ist es nötig, diese Versuche zu machen – auch um dann besser beweisen zu können, dass der Herdenschutz in Südtirol nicht funktioniert und daher andere Maßnahmen zum Schutz der Nutztiere getroffen werden müssen.“
Der Herdenschutz mit Hunden und Zäunen sei auch wegen der Auswirkung auf das Landschaftsbild und die Freizeitgestaltung bedenklich. Zudem werde auch der Tourismus kaum einverstanden sein, wenn hohe Zäune errichtet und Wanderwege oder Mountainbike-Routen unterbrochen würden.
Apropos Tourismus: Dass sich der Tourismus deutlicher zu Wort melden und klarer Position beziehen muss, wurde auf der Tagung in Terlan mehrfach gefordert.

Tourismustreibende in Salzburg klar auf der Seite der Bauern
„In Salzburg haben sich die Tourismustreibenden klar auf die Seite der Bauern geschlagen“, sagte Nikolaus Lienbacher von der Landwirtschaftskammer Salzburg. Er forderte eine engere grenzüberschreitende Zusammenarbeit und ein europaweites Monitoring. Da zudem der „gute Erhaltungszustand der Wolfspopulationen, wie in den europäischen Habitat-Richtlinien gefordert, erreicht ist, dürfen auch Entnahmen kein Tabu mehr sein.“ Die Initiativen, die die bäuerlichen Abgeordneten im Südtiroler Landtag ergriffen haben, hat der Landtagsabgeordnete Josef Noggler vorgestellt.

Folgen des Wolfes besser kommunizieren
Einig waren sich alle Teilnehmer in Terlan, dass die Anliegen der Landwirtschaft noch stärker kommuniziert werden müssen und Sensibilisierungsarbeit nötig ist. „Viele glauben nach wie vor, der Wolf sei nicht gefährlich. Leider ist das Gegenteil der Fall, wie die letzten Wolfsrisse in Südtirol gezeigt haben. Die Auswirkungen der Präsenz des Wolfes auf die Landwirtschaft, die Almwirtschaft, das Landschaftsbild und nicht zuletzt die Freizeitnutzung jedes Einzelnen müssen wir besser kommunizieren“, unterstrich Tiefenthaler abschließend.