Politik, Südtiroler Landwirt | 12.04.2018

Zu viel Rotwild am Sonnenberg

Alarmstimmung am Vinschgauer Sonnenberg: Der Rotwild-Druck auf Wald und Wiesen hat in den jüngsten Jahren stark zugenommen. In Anlehnung an die Entnahme-Quote im Nationalpark fordern die Bauern auch für den Sonnenberg eine Maximaldichte von vier Stück pro 100 Hektar.

Hirsch auf der Weide: am Vinschgauer Sonneberg ein immer häufigerer Anblick (Foto: www.pixabay.com)

Hirsch auf der Weide: am Vinschgauer Sonneberg ein immer häufigerer Anblick (Foto: www.pixabay.com)

Wer hätte gedacht, dass die Vinschgauer Bauern einmal den Nationalpark als positives Beispiel hinstellen. Aber zumindest beim Umgang mit dem Rotwild soll das dort angewandte Entnahmemodell Pate stehen. Denn dort ist es das anerkannte Ziel, den Bestand auf maximal vier Stück pro 100 Hektar (1 km2) zu halten. Die Bauern sind der Meinung: Was dort gut für die Gesundheit des Wildes und das Gleichgewicht mit Wald und Weiden ist, kann auch gut für den ganzen Vinschgau sein – ganz besonders am Sonnenberg.

Ringen um die richtige Strategie
Hintergrund ist, dass der Wildbestand und somit der Leidensdruck in den jüngsten Jahren stark zugenommen hat: In den Wäldern und auf den Wiesen sind vermehrt Schäden zu beklagen, am stärksten in den Revieren von Laas, Schlanders und Latsch. Das melden nicht nur Bauern, sondern auch die Behörden der Landesabteilungen Land- und Forstwirtschaft. Ein Beleg für die hohe Dichte ist auch, dass hier zuletzt vier bis sechs Tiere pro 100 ha geschossen wurden. Der Besatz dürfte also deutlich über jenem des Nationalparks liegen.
Schmerzhaft ist der Wildverbiss besonders am Sonnenberg, wo in den vergangenen Jahrzehnten Wald aufgeforstet worden war. Dort hatte vor etlichen Jahren auch ein Versuch gezeigt, dass der Wald in einer eingezäunten – und somit vor Wildverbiss geschützten Fläche wesentlich stärker und schneller wuchs.
Die Bauern stören natürlich besonders die Schäden in den Wiesen: „Im Frühjahr frisst uns das Wild das Grundfutter weg, im Herbst kommt die Verunreinigung der Felder und Heuballen durch die Exkremente dazu. Die Rinder nehmen nicht mehr richtig auf und verwerfen vermehrt“, so eine Wortmeldung.
Kein Wunder, dass so mancher Bauer der Meinung ist, die Jäger schießen zu wenig Wild. In solch brisanten Situationen geht Bauernbund-Bezirksobmann Raimund Prugger meist den Weg der Information. Daher hat er kürzlich zu zwei Versammlungen im oberen und unteren Vinschgau geladen: „Ich möchte alle Beteiligten zusammenbringen. Wir wollen miteinander statt aneinander vorbei reden!“ Prugger hoffte auf gegenseitiges Verständnis, aber auch auf Lösungsvorschläge. So konnten Jägervertreter mit Zahlen bestätigen, dass sie die vereinbarten Abschusspläne im gesamten Bezirk voll erfüllen,
ja mancherorts sogar mehr Tiere schießen als vorgesehen. Das haben auch die Bauernvertreter lobend anerkannt. Das Problem sei nur, dass der Wilddruck trotzdem gestiegen ist. Die Ursache liegt also eher in der Vergangenheit, als wohl zu wenig und vielleicht auch mit der falschen Strategie gejagt worden war.
Dies hat man inzwischen erkannt. So kam es 2016 zu einem gemeisam erarbeiteten Strategiepapier. Es sieht unter anderem vor, in den folgenden fünf bis sieben Jahren mehr erwachsene weibliche Tiere zu schießen. Denn diese Muttertiere sorgen ja jedes Jahr für Nachwuchs. Die Abschussplankommission argumentiert daher, dass es Zeit brauche, damit diese Maßnahmen greifen.

Bauern fordern mehr Abschüsse
Den Bauern geht das zu langsam: Der Druck hat kurzfristig zugenommen. Die Strategie komme also zu spät. Sie fordern klar, sofort mehr Rotwild-Abschüsse in den Abschussplänen vorzusehen. Wenn nicht, müssten sie ihre Felder mehr durch Wildzäune schützen. Dies aber hilft zwar dem einzelnen Bauern – die Schäden auf den nicht abgezäunten Flächen nehmen dadurch nur noch stäker zu!
Und hier kommt das Beispiel Nationalpark ins Spiel. Wenn es dort erlaubt sein soll, so viel Rotwild zu entnehmen, dass am Ende vier Stück auf 100 Hektar stehen, dann sollen auch am Sonnenberg so viele Tiere geschossen werden können. Zumal der Sonnenberg laut Experten eines der idealsten Einstandsgebiete für Rotwild in ganz Europa ist: Nirgends überstehen sie den Winter so leicht wie hier. Ein weiterer Vorschlag der Bauern ist, den Beginn der Jagd auf männliche Tiere von derzeit August auf das Früjahr vorzuverlegen und auch so Druck auf die Heusaison zu nehmen.

Die Bedenken der Jäger
Bei all diesen Forderungen gibt es aber auch berechtigte Bedenken der Jägerschaft. Für eine Ausdehnung der Jagdzeit braucht es eine gesetzliche Änderung – mit den nötigen Mehrheiten.
Einige Wildbiologen warnen zudem, dass sich das Wild bei erhöhter Jagd zurückzieht und schwerer bejagbar wird. Man bewirke das Gegenteil. Hier reagieren die Reviere aber heute schon mit Ruhezonen, in denen sie nur zu bestimmten Zeiten jagen.
Und klar ist auch: Die Jagdethik muss eingehalten werden. Ein Jagen um jeden Preis wollen auch die Bauern nicht – zum Schutz des Tieres vor Qualen und zum Schutz des Rufes der Jäger in der Gesellschaft.