Südtiroler Landwirt, Politik | 12.04.2018

Großer Schritt der Rinderwelt

Vergangene Woche haben der Rinderzuchtverband und der Fleckviehzuchtverband endgültig ihre Fusion vollzogen. Alle sprechen von einem „Meilenstein“ in der Südtiroler Viehwirtschaft – und hoffen, dass nun bald auch der Braunviehzuchtverband in einem „einzigen, starken Verband“ seinen Platz findet.

Die neue Verbandsspitze: (v. l.) Herbert Lang, Michael Treyer, Heinrich Ennemoser und Dieter Herbst

Die neue Verbandsspitze: (v. l.) Herbert Lang, Michael Treyer, Heinrich Ennemoser und Dieter Herbst

Nun ist es amtlich: Der Südtiroler Rinderzuchtverband und der Südtiroler Fleckviehzuchtverband sind zu einem einzigen Verband verschmolzen. Mit großer Mehrheit haben die Mitglieder vergangene Woche auf den Vollversammlungen der Fusion zugestimmt (Rinderzuchtverband: 80 Stimmberechtigte, 1 Gegenstimme, 1 Enthaltung; Fleckviehzuchtverband: 90 Stimmberechtigte, 4 Gegenstimmen, 1 Enthaltung). Damit sind mehr als 5600 Züchter in einem Verband vereint (Rinderzuchtverb.: 2793, Fleckviehzuchtverb.: 2872).

Obmann bleibt, neuer Stellvertreter
Der bisherige Obmann Heinrich Ennemoser bleibt im Amt, neuer Stellvertreter wird der bisherige Fleckviehzuchtverbandsobmann Michael Treyer. Umgekehrt die neue Zusammensetzung in der hauptamtlichen Führungsetage: Der bisherige Geschäftsführer im Fleckviehzuchtverband Dieter Herbst übernimmt das Ruder, während Herbert Lang vom Rinderzuchtverband freiwillig in die zweite Reihe zurücktritt und künftig stellvertretender Geschäftsführer sein wird.
Ennemoser dankte für das Vertrauen: „Niemand soll sich geschwächt, sondern alle gestärkt fühlen. Wir haben gezeigt: Bei uns siegt am Ende die Vernunft.“ Auch Treyer hatte tags zuvor gesagt: „Ich habe den Fleckviehzuchtverband letztes Jahr übernommen und weiß, dass es ihn in dieser Form nun nicht mehr geben wird. Das war auch für mich alles andere als leicht. Doch das Motto muss lauten: immer mit Optimismus in die Zukunft!“

Ennemoser: „Nicht wegen Geld, sondern aus Überzeugung“
Der Fusion war unter anderem jahrelanger massiver Druck der öffentlichen Hand vorausgegangen, der vergangenes Jahr in der Kürzung der Finanzbeiträge gemündet ist. Entsprechend hatten beide Verbände 2017 Verluste geschrieben. „Allerdings“, betonte der Vorsitzende des Kontrollausschusses, Willi Leitgeb, „konnten beide Verbände von den Rücklagen zehren und sind völlig gesunde Betriebe. Heuer werden sie die richtigen Maßnahmen treffen, um wieder eine ausgeglichene Bilanz vorlegen zu können.“
Trotz dieses Drucks der öffentlichen Hand soll nicht das fehlende Geld der Hauptgrund für eine Fusion sein, sagte Obmann Ennemoser noch vor der Abstimmung: „Die Entscheidung muss aus Überzeugung fallen. Ich bin überzeugt, dass ein einziger Verband stärker ist: Dann können wir mit einer einzigen Stimme sprechen.“ Einsparungen auf verwaltungstechnischer Ebene und mehr öffentliche Gelder seien dann ein positiver Zusatzeffekt.

Auch Braunviehzüchter ins Boot holen

Trotz Fusion spricht die Südtiroler Züchterwelt aber noch immer nicht mit einer einzigen Stimme. Denn der Braunviehzuchtverband bleibt Zuschauer. Ennemoser räumte ein: „Wir sind kritisiert worden, weil wir den Braunviehzuchtverband nicht einbezogen haben. Aber es ist nicht so, dass wir nur streiten, wie es oft heißt.“ Erst kürzlich habe es bei Landesrat Schuler eine gemeinsame Aussprache gegeben: „Wir sind grundsätzlich nicht so weit auseinander.“ Gleicher Meinung ist Michael Treyer: „Unsere Tür ist natürlich offen.“
Wenn man den Braunviehzuchtverband hört, hat man einen ähnlichen Eindruck. Zwar sind noch Gräben sichtbar. Immerhin waren frühere Verhandlungen aller Viehzuchtverbände gescheitert, bevor der Fleckviehzuchtverband dem Rinderzuchtverband dann im Alleingang eine Fusion vorgeschlagen hatte. „Eine Hochzeit kann man nur zu zweit feiern“, sagte Treyer damals und ist bis heute davon überzeugt. Auch Ennemoser hält diesen Schritt für richtig: „Ich bin sicher, dass der nächste Schritt jetzt leichter geht.“ Dass man beim Braunviehzuchtverband über dieses Vorgehen natürlich verärgert war, daran erinnerte Obmann Alois Hellrigl auf der heurigen Jahreshauptversammlung Ende März (Bericht auf S. 21): „Wir wurden bei diesen Gesprächen nicht einbezogen. Dabei hatten gerade wir uns zuvor klar für eine Fusion aller Rinderzuchtverbände ausgesprochen.“ Dennoch stehen die Signale inzwischen mehr auf Versöhnung. Sicher wird es noch Gespräche und Kompromisse brauchen, um Wunden zu kitten und auch einige personelle und vermögensrechtliche Fragen zu lösen. Aber es scheint zumindest nur mehr eine Frage des Verhandlungsgeschicks, bis am Ende alle dem Ruf nach endgültiger Einigung folgen.

Lob für diesen Meilenstein
Lob gab es auch vom Südtiroler Bauernbund und der Politik. Landesrat Arnold Schuler, die Landtagsabgeordnete Maria Hochgruber ­Kuenzer und Bauernbund-Obmannstellvertreter Viktor Peintner sprachen von einem „Meilenstein“ in der Geschichte der Südtiroler Rinderzucht. Schuler sagte: „Ihr habt die gleichen Aufgaben und gleichen Probleme. Es ist sinnvoll, dass ihr euch zusammentut.“ Er werde seinen Teil der Zusagen einhalten: „Wie vereinbart werde ich bei einem Zusammengehen die Beiträge wieder anheben.“
Auch Peintner hofft, dass es gelingen wird, auch den Braunviehzuchtverband ins Boot zu holen: „Ein gemeinsamer Rinderzuchtverband war immer ein Anliegen von mir. Er hat viel mehr Macht gegenüber Politik und Verwaltung.“
Hochgruber Kuenzer lobte Ennemosers Aussage, die Fusion nicht wegen des Geldes, sondern aus Überzeugung zu wollen: „Mit dem Zusammenschluss werden die Zuchtverbände nicht weniger, sondern sollen den Mitgliedern ein Mehr an Dienstleistungen bieten können.“

Verwaltungsrat neu zusammengesetzt
Im Zuge der Fusion musste der Rinderzuchtverband seine Statuten anpassen. Unter anderem wird der Verwaltungsrat neu zusammengesetzt und von 18 auf zwölf Mitglieder reduziert (s. Infokasten S. 19). Neun bisherige Verwaltungsräte im Rinderzuchtverband treten zurück, drei neue Vertreter der Fleckviehzüchter werden kooptiert. Vorgezogene Wahlen sind nicht nötig, der neue Verwaltungsrat amtiert bis zum Ablauf der regulären Amtszeit im Jahr 2020.
Der Verwaltungsrat ist hauptsächlich für Grundsatzentscheidungen und die verwaltungstechnischen Fragen zuständig. Ziel ist zum Beispiel eine gemeinsame Buchhaltung oder ein gemeinsames Informatiksystem für die Herdebuchführung. Für die Betreuung der Mitglieder, z. B. alle Außendienste und Versteigerungen, sind die jeweiligen Züchterausschüsse zuständig. Damit bleibt für die Mitglieder praktisch alles unverändert. Ennemoser und Treyer versichern: Unmittelbar werden die Mitglieder von der Fusion nichts zu spüren bekommen.

Schwieriges Jahr 2017
Die Fusion ließ die Tätigkeit der Zuchtverbände im Jahr 2017 etwas in den Hintergrund rücken. Laut Ennemoser war es „kein leichtes Jahr für die Berglandwirtschaft“ mit einem geringen ersten Ernteschnitt und hohen Heupreisen. Der an sich gute Almsommer wurde durch das Raubtier Wolf getrübt. Ennemoser warnte vor einem „südtirolweit flächendeckenden Problem“, das die Almwirtschaft in ihrer derzeitigen Form infrage stelle. Auch Peintner forderte Taten von Landesrat Schuler: „Ein Wolf frisst kein Gras! Unterschriften zu sammeln, ist gut, aber mit ein paar Unterschriften bringen den Wolf noch nicht weg.“
Die Preise bei der Vermarktung der Zuchtrinder waren bis Jahresende relativ konstant – mit Ausnahme eines Preiseinbruchs bei der Holsteinrasse im Herbst. Auch die Kälber- und Mastviehversteigerungen des Kovieh brachten das ganze Jahr über gute Durchschnittspreise.
Mit Freude blickten beide Verbände auf ihre Zuchtviehausstellungen zurück, Höhepunkt war die Messe Agrialp im November.
Wichtig für die Viehwirtschaft sind laut Bauernbund-Obmannstellvertreter Peintner auch Nachhaltigkeit, Tierwohl und Tierschutz: „Erstens ist bei der Tierhaltung schon viel passiert: Die Ställe – auch mit Anbindehaltung – sind heute viel tierfreundlicher als früher.“ Wir müssen das der Öffentlichkeit nur besser erklären. „Zudem gelte es, die wenigen schwarzen Schafe in Ordnung zu bringen, zum Beispiel beim GVE-Besatz. Es sind nur ein paar Prozent, aber sie schaden allen: Denn ausschlaggebend für den Erfolg ist der gute Ruf der gesamten Südtiroler Berglandwirtschaft.“

Ehrungen
Beide Verbände haben Züchter für die Jahreshöchstleistungen und Lebensleistungen ihrer Kühe bzw. die besten Stierzüchter ausgezeichnet und geehrt. Der „Südtiroler Landwirt“ wird in seiner kommenden Ausgabe über die Ehrungen berichten.

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Rinderzuchtverband nimmt Fleckvieh auf
Die beiden Verbände haben die einfachste Form der Fusion gewählt, die sogenannte Inkorporation: Der Fleckviehzuchtverband wird in den Rinderzuchtverband aufgenommen. Schon seit 1974 sind dort die Züchter der Rassen Grauvieh, Holstein und Pinzgauer unter einem Dach vereint. Nun kommt das Fleckvieh als vierte Rasse dazu. Mit aufgenommen werden zudem die bisher vom Fleckviehzuchtverband betreuten Fleischrinderzüchter (Pustertaler Sprinzen, Hochlandrinder u. a.).
Der neue, verkleinerte Verwaltungsrat setzt sich folgendermaßen zusammen:
3 Vertreter – Fleckvieh;
3 Vertreter – Grauvieh;
3 Vertreter – Holstein;
1 Vertreter – Pinzgauer;
1 Vertreter – Fleischrinderzüchter;
1 Vertreter – Buchprüfer.