Südtiroler Landwirt, Produktion | 29.03.2018

Das Produkt trägt die Idee

Bernhard Feichter hat das Bäckerhandwerk gelernt. Die Landwirtschaft musste er sich großteils selber erarbeiten. Gemeinsam mit seiner Frau Christl hat er beides zusammengeführt, backt Brot aus eigenem Biogetreide und vermarktet es ab Hof. Eine Geschichte voller Umwege. von Renate Anna Rubner

Bernhard und Christl Feichter bauen neben Brotklee auch Dinkel (im Bild), Roggen und Weizen an, vermahlen und backen das Getreide zu Brot.

Bernhard und Christl Feichter bauen neben Brotklee auch Dinkel (im Bild), Roggen und Weizen an, vermahlen und backen das Getreide zu Brot.

Dreimal pro Woche steht Bernhard Feichter in der Backstube. Sie befindet sich im Untergeschoss seines Wohnhauses im Zentrum von Toblach. Dort backt er Puschtra Breatln, süße Rosinen-Breatln, ein Dinkel- und das Hausbrot, das ist ein Weizenmischbrot. Seine Frau Christl verkauft es im eigenen Hofladen im Parterre: Außer donnerstags ist er täglich geöffnet. Auch am Samstag: „Es gibt viele Leute, die nur am Samstag wirklich Zeit haben einzukaufen“, sagt Christl Feichter, deshalb bleibt der Samstag offen.
Bernhard Feichter ist als jüngstes von vier Kindern 1961 am Hof Nellschneider geboren. Es war eine kleine Landwirtschaft, die seine Eltern führten: Drei Melkkühe standen im Stall, ein paar Schweine, Hennen und Hasen. Nicht einmal einen Hektar Grund hatten die Bauersleute für das Viehfutter zur Verfügung.

Den Bäckerberuf aufgegeben
Bernhard Feichter ist bei einem Bäcker in die Lehre gegangen und hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Bald schon bekam er aber Asthma. Man vermutete, dass das Mehl daran schuld sei, den Beruf musste er deshalb an den Nagel hängen. Von da an verdingte er sich als Vertreter für einen großen Backgrundstoffhändler. Dadurch kam er natürlich viel herum, und bald merkte er, dass es Bedarf gab an Brotklee, auch als Zigeunerkraut bekannt. Da beschloss er kurzerhand, dessen Anbau zu versuchen. Er fragte sich durch und erhielt Samen aus Hausgärten, wo vereinzelt noch Brotklee angebaut wurde.
Der Vater wollte nichts von seinem bisschen Grund dafür abtreten, es war schon so nur wenig Futter für die Tiere da. Also pachtete Bernhard etwas dazu und begann mit seinen ersten Versuchen. „Das war ein Wechselbad der Gefühle“, schmunzelt Bernhard Feichter heute. Erst im Nachhinein erfuhr er, dass viele vor ihm an dieser Kultur gescheitert waren. Er selbst war auch schon öfter daran, sie aufzugeben. „Im feldmäßigen Anbau ist Brotklee sehr empfindlich“, erklärt er. Wenn die Pflanze durch Stress, also Trockenheit, Starkregen oder Staunässe unter Druck gerät, beginnt sie zu blühen, das Wachstum wird sofort eingestellt. Weil aber die ganze Pflanze geerntet und nur der holzige Teil nicht getrocknet und vermahlen wird, sind dann die Erträge mäßig. „Im Frühjahr sind wir immer optimistisch und hoffen auf ein gutes Jahr“, sagt Bernhard Feichter. Er lässt sich nicht unterkriegen, immer wieder probiert er etwas Neues aus. Heuer will er es mit Dammanbau versuchen, das könnte für diese empfindlichen Pflanzen von Vorteil sein. Ein weiterer Versuch im Umgang mit dieser schwierigen Kultur. Die einjährigen Pflanzen werden gestaffelt ausgesät, damit auch die Ernte nach und nach erfolgen kann. So lässt sich die Trocknung gut organisieren. Das Gewürz wird dann abgepackt und an Bäckereien verkauft oder über Großhändler vermarktet.

Sich abheben durch Topqualität
Einen Teil braucht er selbst in seiner Biobäckerei. Dabei hatte er doch Asthma und musste deshalb seinen Bäckerberuf aufgeben. „Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass das Asthma nichts mit dem Mehl zu tun hatte, sondern mit Lebensmittelzusatzstoffen“, erzählt Bernhard Feichter. Aber der Weg zurück zum Bäckerhandwerk war lang und führte über die Landwirtschaft, im Besonderen die biodynamische.
Zunächst wirtschaftete Bernhard Feichter konventionell. Bald aber merkte er, dass er, wenn er mit seinem Brotklee erfolgreich sein wollte, die Konkurrenz durch bessere Qualität hinter sich lassen musste. Inspiriert durch verschiedene Informations- und Diskussionsveranstaltungen, wie die Toblacher Gespräche oder die Brunecker Umweltwochen, die immer wieder Impulse zur Ökologisierung einbrachten, begann sich Bernhard Feichter einzulesen, Kurse zu besuchen und sich über die naturnahe Produktionsweise zu informieren.
Durch den Kontakt mit der Arbeitsgemeinschaft biodynamischer Anbau entwickelte er sich Schritt für Schritt in diese Richtung weiter und begann zunächst mit der Kompostierung. Er stellte die Düngung um und bekam den Anbau so immer besser in den Griff: „Unsere Böden sind sehr von Dolomit geprägt, magnesium lastig. Es ist schwierig, die Nährstoffe darin zu mobilisieren. Durch die Kompostwirtschaft und eine sinnvolle Fruchtfolge kann hier einiges wettgemacht werden.“ Zu dieser sinnvollen Fruchtfolge gehört Getreide, weshalb er zunächst Dinkel als Zwischenfrucht anbaute. Der wurde im eigenen Hofladen verkauft, ein kleines Geschäft im Wohnhaus der Familie, das Bernhard und seine Frau Christl mit viel Eigenleistung anstelle des früheren Stadels am elterlichen Hof gebaut haben.

Fruchtfolge und Kooperationen
Später kamen Roggen und Weizen dazu. Die kamen sowohl als Körner als auch – mit einer Steinmühle schonend vermahlen – als Mehl in den Hofladen. Mit Kartoffeln, Karotten und Rohnen rundeten sich einerseits die Fruchtfolge und andererseits das Angebot im Hofladen ab.
In der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind Hofkreisläufe ein fundamentales Element für eine gesunde Landwirtschaft. Man spricht von einem Hoforganismus, in dem Boden, Tiere und Pflanzen eine Einheit bilden. Tiere hält Bernhard Feichter aber keine. Deshalb hat er zwei Kooperationsbetriebe, denen er Futterkartoffeln und -getreide, Stroh und Kleie fürs Vieh überlässt. Im Austausch dafür erhält er Mist für die Kompostierung. So fügt sich eines zum anderen und ergibt eine runde Sache. Das kommt auch in den Produkten zum Ausdruck. „Das Produkt trägt diese Idee in sich“, ist Bernhard Feichter überzeugt. „Und der Kunde spürt das.“

Eine kleine Anekdote
Schmunzeln muss Bernhard Feichter, wenn er die Anekdote erzählt, wie er wieder zum Bäcker wurde. Es war vor etwa 15 Jahren, niemand kann sich mehr ganz genau an das Jahr erinnern, da waren auf einem Feld Roggen- und Dinkelpflanzen bunt gemischt. Eine kleine Katastrophe, denn eine Mischung aus Roggen und Dinkel war praktisch unverkäuflich. Was sollte man also tun? Bernhard Feichter tat das, was ihm als Erstes in den Sinn kam: Er machte Brot daraus. Zunächst für den Hausgebrauch. Das eine oder andere verschenkten sie dann, die Leute waren begeistert. „Und so haben wir begonnen, das Brot auch zu verkaufen, haben uns auch einen professionellen Backofen angeschafft, und seitdem läuft das sehr gut.“ Und das Asthma? Das ist heute kein Thema mehr.

Brot ist kein Luxusprodukt
Getreide und Brot werden fast ausschließlich direkt ab Hof verkauft. Besonders für Christl Feichter, die dort täglich im Verkauf steht, ist eines sehr wichtig: „Wir brauchen natürlich einen angemessenen Preis für unser Produkt“, sagt sie. „Aber es muss auch für den ,Normalverbraucher‘ erschwinglich sein. Brot ist ein Grundnahrungsmittel, darf kein Luxusprodukt sein.“

Breites Sortiment im Laden
Das Angebot im Hofladen ist aber noch breiter: Neben dem selbst angebauten Gemüse und den Kartoffeln, gibt es auch Äpfel und verarbeitete Produkte wie Wein, Sirupe und Säfte, Aufstriche, Käse und sogar Schnaps: Alles von befreundeten Bauern, vieles aus biodynomischer Landwirtschaft. Auch zwei neue Produkte, die Matthias, der Sohn von Bernhard und Christl, entwickelt hat, gibt es hier zu kaufen: Das sind zum einen Kräcker und zum anderen drei Arten von Keksen. Aus dem eigenen Getreide selbstverständlich, mit echter Butter und richtigen Eiern.

Einheimische und Gäste als Kunden
Die Kunden schätzen diese hohe Qualität und die Echtheit: Schließlich sind rund 60 Prozent davon Leute aus dem Dorf und der näheren Umgebung. Der Rest sind Gäste, vor allem solche, die für länger und regelmäßig nach Toblach kommen. „Die Leute kochen wieder mehr, kommt mir vor“, sagt Christl Feichter. „Besonders für junge Menschen und Familien wird das gemeinsame Kochen und gesundes Essen wieder wichtiger, so beobachten wir das zumindest.“