Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 15.03.2018

Wir haben es selber in der Hand

Verantwortung mit Freude und Engagement annehmen, war die Botschaft des diesjährigen Landesbäuerinnentages im Auditorium Haydn in Bozen. Für die meisten ein Selbstverständnis, wie deutlich wurde. Getragen mit Selbstbewusstsein, Stolz und … Tracht. von Renate Anna Rubner

Sich selbst und die Gemeinschaft feierten  die Bäuerinnen beim Landesbäuerinnentag.

Sich selbst und die Gemeinschaft feierten die Bäuerinnen beim Landesbäuerinnentag.

Einen Leitsatz des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß gab Pater Martin Maria Steiner OT den Bäue­rinnen in seiner Predigt mit auf den Weg: „Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts!“ So sei es wichtig, im Leben immer wieder Rückschau zu halten: Auf schwierige wie schöne Zeiten, auf Schicksalsschläge wie auf schöne Momente und Erlebnisse. Aber immer im Bewusstsein, dass Gott seine Flügel über uns breitet und dass wir alles in Gottes Hände legen dürfen. Auch das Heute und Morgen. Denn wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Wir dürfen es aber mutig und im Gottvertrauen annehmen, bekräftigte er die Bäuerinnen im voll besetzten Auditorium Haydn beim diesjährigen Landesbäuerinnentag.

„Mit dem Glauben tun sich heute viele schwer“, sagte Pater Martin, „Glauben bedeutet zu spüren, dass Gott mich liebt und führt.“ Und er ermutigte die Bäuerinnen, immer wieder die Hände zu falten, aufzuschauen und ihr Herz zu Gott zu erheben. Auch eine Bitte legte er ihnen ans Herz: „Ich möchte den Leitsatz von Franz Josef Strauß durch eine Komponente ergänzen, nämlich das ,liebend seitwärts‘, weniger Ich, dafür mehr Miteinander, das ist notwendig!“ Denn zum Schluss werde es die Liebe sein, die zählt. Nur durch die Liebe könne unser Leben Vollendung finden.

Begeisterung steckt an
Durch solche Worte gestärkt, fiel es Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer noch leichter, die Bäuerinnen, die in prächtigen Trachten den Konzertsaal füllten, dazu zu motivieren, auch in Zukunft tatkräftig anzupacken und mitzugestalten. „Wir haben es selbst in der Hand“, sagte sie und zählte die vielen Bereiche auf, in denen Bäuerinnen ganz selbstverständlich Verantwortung übernehmen: In der Landwirtschaft, für die Landschaft, in den eigenen Betrieben und bei den Lebensmitteln, die sie produzieren, gleich wie in ihren Familien, in den Vereinen und in der Dorfgemeinschaft. „Und das machen wir Bäuerinnen mit Freude, und Freude steckt an“, sagte sie mit Nachdruck, denn Begeisterung lasse sich nicht lehren, nur vorleben.

Bäuerinnen und Bauern gebührt Respekt
Damit unterstrich sie die große Bedeutung des Ehrenamtes, das viele Bäuerinnen neben ihrer täglichen Arbeit am Hof und in der Familie für die Gemeinschaft wahrnehmen. Deshalb, aber auch für ihren verantwortungsvollen Umgang mit der Natur, gebühre den Bäuerinnen – und natürlich auch den Bauern – Respekt. Diesen Respekt müsse sie letzthin aber oft vermissen, stellte Hiltraud Erschbamer fest. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass die bäuerliche Welt für Werte stehe, die nach wie vor gesucht werden: Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Durchhaltevermögen, Zusammenhalt, einfach Handschlagqualitäten. Und sie appellierte an die Bäuerinnen, sich weiterhin für diese Werte einzusetzen, sie zu leben und an ihre Kinder weiterzugeben. Oder auch an andere Kinder und Menschen: Durch das neue Gesetz zur sozialen Landwirtschaft werde dafür der richtige Rahmen geschaffen: Damit können neben der Kinder- und Seniorenbetreuung oder der Schule am Bauernhof weitere Erwerbsmöglichkeiten am Hof geschaffen werden, die nicht nur für die Bäuerinnen einen Gewinn darstellen, sondern für die ganze Gesellschaft.

Verantwortung auch hinterfragen
„Wie geht es euch mit dem Wort ,Verantwortung‘?“, fragte Landtagsabgeordnete Maria Hochgruber Kuenzer ins Publikum. Sie sprach das schlechte Gewissen an, das viele Frauen und Bäuerinnen plagen mag, wenn es um ihre vielfältige Verantwortung als Hausfrau, Partnerin und Mutter, im Beruf, am Hof und bei ihrem ehrenamtlichen Engagement geht. Und sie forderte die Bäuerinnen dazu auf, ihre Verantwortungen zu hinterfragen. „Stellt euch immer wieder die Frage, welche Verantwortung ihr gerne abgeben möchtet und welche – vielleicht neue – ihr annehmen wollt“, ermutigte sie die Zuhörerinnen. Denn nur wenn man Aufgaben mit Überzeugung und Freude übernehme, fallen sie leicht und stellen keine oder kaum Belastung dar. Verantwortung übernehmen bedeute nämlich auch, für sich selber Sorge zu tragen, die eigenen Talente einzubringen und nicht immer alles selber machen zu wollen.

Auch den Mut zum Nein haben
In dieselbe Kerbe schlug auch Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes, die extra aus Hannover angereist war, um beim Landesbäuerinnentag dabei sein zu können: „Wägen Sie und stimmen Sie genau mit sich selbst und mit Ihrer Familie ab, was für Sie zumutbar ist. Erkennen Sie Ihre persönlichen Grenzen. Haben Sie auch den Mut zum Nein!“, riet sie den Bäuerinnen im Saal.
Der ländliche Raum steht und fällt mit den Frauen
Auf den Frauen am Land – und insbesondere auf den Bäuerinnen – laste nämlich sehr viel. Denn der ländliche Raum berge viele Herausforderungen, denen sich besonders die Frauen zu stellen haben, wie der Mangel an Infrastrukturen oder der erschwerte Zugang zu Bildungseinrichtungen für die Kinder.
Deshalb sei Lobbyarbeit nötig, um auf die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung aufmerksam zu machen. „Die Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume hängt eng mit den Frauen zusammen und von den Möglichkeiten ihrer persönlichen Entwicklung und Entfaltung ab. Junge, gut ausgebildete Frauen müssen hier gehalten werden, denn mit jeder, die abwandert, wandert eine potenzielle Familie ab“, unterstrich Brigitte Scherb.
Zudem pochte sie auf einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft: „Die Gleichstellung von Frauen muss in den Köpfen der Männer ankommen: Denn wenn wir das Thema ,Frau und Beruf‘ voranbringen wollen, gehört dazu unbedingt das Thema ,Mann und Familie‘“, sagte Scherb.

Risikobereit, beweglich, innovativ
Der ländliche Raum lebe von Menschen, die risikobereit, beweglich und innovativ seien, besonders Bäuerinnen zeichnen sich durch diese Qualitäten aus, meinte Scherb und unterstrich die Bedeutung des bäuerlichen Familienbetriebes für den ländlichen Raum und für die Landwirtschaft: „Der landwirtschaftliche Familienbetrieb ist ein Erfolgsmodell, das unsere Landwirtschaft nach wie vor prägt. Herz, Seele und Motor dieser Betriebe sind wir, die Frauen auf den Höfen!“, meinte sie.

Der Erfolg hat viele Mütter
Landesrat Arnold Schuler bestätigte diese tragende Rolle der Frauen für die heimische Landwirtschaft. Er sei auf einem Hof mit mehreren Frauen aufgewachsen, Mutter und Tanten, die den Betrieb mitgestaltet haben. Auch seine Frau sei unverzichtbar, einfach nicht wegzudenken. „Es heißt, der Erfolg hat viele Väter. Für unsere bäuerlichen Betriebe und die Südtiroler Landwirtschaft müsste es aber eigentlich ,der Erfolg hat viele Mütter‘ heißen“, korrigierte er. Stolz sei er, auf Südtirols Landwirtschaft und besonders auf die Bäuerinnen, denen sein Dank gelte.

Ihr seid das Fundament
Diesem Dank schloss sich auch Landeshauptmann Arno Kompatscher an: „Ohne euch wäre Südtirol nicht das, was es ist. Bleibt die Botschafterinnen unseres Landes“, bat er die Bäuerinnen. „Die Landwirtschaft ist eine tragende Säule der Südtiroler Gesellschaft. Ihr seid das Fundament dafür“, sagte er. Und zwar Fundament auf allen Ebenen: am Hof, in der Familie und in der Gesellschaft.

Liebevolles Seitwärtsschauen wird im Bauernstand gelebt
Viktor Peintner überbrachte als Vizeobmann des Südtiroler Bauernbundes die Grüße des Landesbauernrates und strich die ­Bedeutung und die Lebendigkeit der Nachbarschaftshilfe im Bauernstand unseres Landes hervor. „Das liebevolle Seitwärtsschauen, wie es uns Pater Martin ans Herz gelegt hat, wird bei uns sehr stark gelebt, das habe ich am eigenen Leib erfahren dürfen“, sagte er. Gleichzeitig sprach er den sechs Witwen, die anlässlich des Landesbäuerinnentages geehrt wurden seinen tiefen Respekt für ihre Lebensleistung aus.