Südtiroler Landwirt, Produktion | 01.03.2018

„Qualität ist das Wichtigste“

Um dem Preisdruck etwas zu entkommen, muss die Obstwirtschaft auf die Konsumenten eingehen, auf innere Qualität setzen und den Obstbau generell neu denken. Das sagte beim Obstbauseminar am Ritten Leonhard Steinbauer, der Leiter der Versuchsstation f. Obst- und Weinbau Haidegg in der Steiermark. von Michael Deltedesco

Verkaufsregal: Laut Steinbauer landen dort zu oft Äpfel, die „nicht wirklich nach etwas schmecken“.

Verkaufsregal: Laut Steinbauer landen dort zu oft Äpfel, die „nicht wirklich nach etwas schmecken“.

Südtiroler Landwirt: Herr Steinbauer, der Markt für Obst, besonders aber für Äpfel, ist immer stärker umkämpft. Das Angebot steigt, der Konsum geht zurück. Es wird schwieriger, für Produzenten zufriedenstellende Preise zu erzielen. Was ist passiert?  
Leonhard Steinbauer: Wir haben in den letzten Jahren zu wenig den Kontakt mit unseren Kunden gepflegt. Konkret haben wir zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse jener Menschen genommen, die letztendlich unsere Äpfel kaufen und uns damit bezahlen. Sie haben damit reagiert, weniger Äpfel zu konsumieren. Und in der Tat geht der Konsum nicht nur von Äpfeln in vielen Ländern zurück. Bei vielen Gemüsesorten hingegen steigt der Konsum leicht.

Was wünscht sich der Konsument von heute, wenn er ins Geschäft geht und Obst kauft?
Der Kunde will positive Geschmackserlebnisse, er will überrascht werden. Fakt ist heute, dass wir teilweise Äpfel in den Handel bringen, die nicht wirklich nach etwas schmecken. Teilweise sind die Äpfel entweder zu früh gepflückt worden oder erst, sobald sie fast schon überreif waren. Diese Ware – und ich sage hier ausdrücklich nicht, dass sie unbedingt aus Südtirol stammen muss – landet leider in den Regalen. Und ganz ehrlich, wer will z. B. schon einen kleinen, grünen Golden Delicious essen?

Welche Verantwortung tragen hier die ­Produzenten, welche eventuell die ­Vermarktungsorganisationen? Was können Genossenschaften besser machen?
Ich glaube, wir haben grundsätzlich zu sehr einen Tunnelblick entwickelt. Die Branche trifft sich jedes Jahr in Berlin auf der Fachmesse Fruit Logistica, alle kochen immer im selben Saft. Das engt den Blick ein. Vielleicht brauchen wir mehr Kreativmenschen, Quereinsteiger, die den Obstbau neu denken.

Sie haben auf dem Obstbauseminar am Ritten von Qualität als einem möglichen „Ausweg“ aus dem Preiskampf gesprochen. Neben der äußeren Qualität haben sie explizit auch die innere Qualität genannt. Ist der Konsumrückgang auch damit zu erklären, dass der inneren Qualität zu wenig Beachtung geschenkt wurde? Eventuell auch, weil es vor allem um Größe, Form und Farbe geht?
Die Qualität ist das Wichtigste überhaupt. Ein gutes Beispiel ist hier die Weinwirtschaft. Bei den Qualitätsweinen hat der Konsum in den letzten Jahren zugenommen, während der Absatz bei den einfacheren Weinen, den Tafelweinen, massiv zurückgegangen
ist.

Auch in Südtirol heißt es oft, dass der Weinbau das geschafft hat, was andere Sektoren noch vor sich haben: Die richtige Sorte in der richtigen Lage zum richtigen Zeitpunkt in begrenzter Menge zu ernten. Könnte das auch für den Obstbau funktionieren?
Ich bin überzeugt, dass man sich solche Überlegungen machen muss. Schauen Sie, wir müssen wieder Qualitäten produzieren, die der Kunde will und die er erkennt. Wenn der Kunde die Qualität nicht erkennt und sie nicht von anderen unterscheiden kann, ist es nur eine Marketingqualität, aber keine echte Qualität. Das geht auf Dauer nicht gut.
Einer der Hauptgründe für den Konsumrückgang ist, dass Äpfel den Konsumenten teilweise nicht mehr schmecken. Das ist das eigentliche Problem.

Sie behaupten: Es kann Sinn haben, auf Nischen zu setzen. In Südtirol ist das etwas schwieriger als in der Steiermark, da hierzulande der Großteil der Bauern an die Genossenschaft liefert und solche Nischenprodukte wohl nur für einen sehr kleinen Teil der Bäuerinnen und Bauern interessant sind. Dennoch: Welche Nischen bietet Ihrer Meinung nach Potenzial, gerade beim Apfel?
Bei uns haben sich Betriebe auf den Anbau von Obst für die Veredelung spezialisiert. Das sind dann natürlich ganz andere Sorten, die angebaut werden. Die Äpfel werden durchaus auch zu guten Preisen z. B. an Destillerien verkauft. Oder es wird damit Essig erzeugt.

Vereinzelt hört man auch vom Anbau alter Sorten. Welche Erfahrungen haben Sie in der Steiermark mit alten Sorten gemacht?
Wir experimentieren wieder mit alten Sorten. Diese Sorten sprechen natürlich oft nur kleine Kundengruppen an und sind nicht das ganze Jahr über verfügbar, sondern nur zu einem ganz bestimmten Angebotszeitraum, weil wir sonst Probleme mit der Haltbarkeit hätten.
Natürlich eignen sich solche Nischenprodukte nicht für alle Betriebe, denn sonst wären es ja keine Nischenprodukte mehr. Der allergrößte Teil der Äpfel wird auch in Zukunft über die Genossenschaften vermarktet werden.

Viel wird über Innovation gesprochen. Wie innovativ ist aus Ihrer Sicht die Obstwirtschaft, im Anbau wie in der Vermarktung? Reichen immer neue Sorten in Zukunft aus, um akzeptable Preise zu erzielen?
Innovation ist ungemein wichtig, weil ich mit einem innovativen Produkt höhere Preise erzielen und mich von meinen Mitbewerbern unterscheiden kann. In der Vergangenheit haben wir uns zu sehr mit Prozessoptimierung und zu wenig mit Produkt­innovation beschäftigt. Andere waren hier besser, wenn wir z. B. an die gelben Kiwis oder die platten Pfirsiche denken. Der gelbe Kiwi ist deutlich teurer als der klassisch grüne Kiwi, dennoch wird er gut verkauft. Das sind eben alles innovative Produkte. Das könnten beim Apfel die rotfleischigen Sorten sein.

Ein großer Trend ist die Ökologisierung …
Eine stärkere Ökologisierung wird kommen. Die Akzeptanz der Bevölkerung für den Pflanzenschutz geht schrittweise zurück. Darauf müssen sich unsere Bauern einstellen.
Bei uns wird an Systemen geforscht, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern, z. B. durch Folien- oder Netzsysteme. Auch der biologische Anbau ist ein Schritt in diese Richtung.

Ein ebenfalls sehr starker Trend ist die Re­gionalität. Gerade im Obstbau, wo doch ein großer Teil der Äpfel exportiert wird, ist dieser Trend aber ein zweischneidiges Schwert, oder?
Natürlich, Regionalität ist ein echter Schlüssel zum Erfolg. Allerdings muss ­Regionalität echte Regionalität sein. Ein gutes Beispiel ist hier der Käse in Frankreich. Gewisse Käsesorten gibt es nur an gewissen Orten und eben nicht überall. Das ist echte Regionalität. Das wird beim Apfel nicht leicht möglich sein.

Es gibt weitere große Trends, die auch den Konsum stark beeinflussen. Wie kann der Obstbau von den Megatrends wie Urbanisierung, Gesundheit oder der demografischen Entwicklung profitieren?
Wir müssen sicherlich den Online-Handel verbessern. Zwar spielten Lebensmittel im Online-Handel bisher noch keine allzu große Rolle, aber das ändert sich gerade. Diese Entwicklung dürfen wir als Landwirtschaft insgesamt nicht verschlafen. Wer diesen Trend in anderen Branchen in der Vergangenheit versäumt hat, hat jetzt Probleme. Aber ganz grundsätzlich eröffnen das Internet und neue Medien ganz ungeahnte Möglichkeiten, u. a. jene, den Konsumenten die Produktion miterleben zu lassen. Das wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Wir müssen die Landwirtschaft neu denken!