Südtiroler Landwirt, Politik | 15.02.2018

Mit Werten zum Mehrwert

Der internationale Milchmarkt ist alles andere als leicht. Südtirols Milchwirtschaft behauptet sich dennoch gut, hat aber auch einige Hausaufgaben zu machen. Dass eine davon in der Philosophie liegt, war eine Erkenntnis auf der Berglandwirtschaftstagung vor zwei Wochen in Brixen. von Guido Steinegger

11. Berglandwirtschaftstagung in Brixen: Genossenschaften leisten gute Arbeit und haben große Verantwortung. (Foto: BRING)

11. Berglandwirtschaftstagung in Brixen: Genossenschaften leisten gute Arbeit und haben große Verantwortung. (Foto: BRING)

Schon das Auftaktreferat bot einen überraschenden Blickwinkel: Denn mit Christian Dürnberger stand ein junger Philosoph auf der Bühne. Doch er weiß, wovon er spricht, denn an der Veterinärmedizinischen Universität Wien erklärt er angehenden Tierärzten, wie der Mensch mit Tieren umzugehen hat. Und das sieht man heute ganz anders als noch vor einigen Jahrzehnten: „Wir sind dabei, die Mensch-Tier-Beziehung neu zu definieren“, erklärte Dürnberger. Einfach sei die Antwort darauf, was ein Tier nicht ist: „Es ist kein Ding, und es ist keine Person. Es ist etwas dazwischen! Aber was?“, fragte er. Klar sei: Tiere können leiden. „Also sollten wir sie frei halten von Schmerz, Verletzung und Krankheit.“ Darüber hinaus haben Tiere auch ein soziales Verhalten. So sind Kühe Herdentiere mit Rangordnung. „Müssen wir sie also nicht so halten, dass sie dieses Sozialverhalten ausleben können?“, ist eine der Fragen, die sich daraus ergeben.

Werte sind nicht gratis
Dürnbergers Folgerung: Wenn Menschen mit Tieren zu tun haben, spielen Werte eine große Rolle.
Das klingt zunächst nach zusätzlicher Belastung, ist laut Dürnberger aber eine Chance, wie er auch im Interview auf S. 19 erläutert. Wichtig sei, sich nicht von den widersprüchlichen Erwartungen der Gesellschaft – hohe Standards, niedriger Preis – verrückt machen zu lassen: „Man kann gar nicht alle erfüllen!“ Daher solle die Landwirtschaft auf ihre eigenen Werte achten und diese konsequent umsetzen. „Dann können Sie das der Gesellschaft auch selbstbewusst erklären.“ Das sei anstrengend, aber anders gehe es heute nicht. Der Verbraucher müsse verstehen: „Zum Nulltarif kann man Werte nicht kaufen, sie haben ihren Preis.“

Fit für den Markt
Dass die Südtiroler Milchwirtschaft „fit für den Markt“ ist, glaubt Martin Mair, Geschäftsführer des Milchhofs Brixen BRIMI. Und dies trotz eines schwierigen internationalen Markt­umfelds: Die Milchproduktion in der EU ist zwischen 2011 und 2017 deutlich mehr gestiegen (von 139 auf 156 Mio. t) als der Konsum (von 126 auf 137 Mio. t). Weitere Probleme sind die extrem hohen und ebenso kurzfristigen Preisschwankungen, mangelnde Planungssicherheit und unsichere Absatzmärkte wie Russland und die arabischen Länder.
Dennoch konnten sich Südtirols Milchhöfe behaupten und ihren Absatz vor allem am italienischen Markt sogar ausbauen. Als Erfolgsfaktoren nannte Mair „die einzigartigen Geschichten, die wir erzählen können: Ursprung, Natur, Reinheit, gesellige Leute, Tradition …“. Weitere Stärken sind das Genossenschaftswesen, die Qualität der Milch samt Gentechnikfreiheit, garantierter Lieferkette, Kontrollen und vertrauenswürdigem Image. Dazu kommt die Effizienz in Technik und Entwicklung: „Wir holen aus dem teuren Rohstoff noch einen Mehrwert heraus.“

Partnerschaft weiter ausbauen
Ausdrücklich lobte Mair die „insgesamt gute partnerschaftliche Zusammenarbeit der Milchhöfe“, forderte allerdings auch, „dass wir uns in Einzelheiten noch verbessern können.“ Schließlich verfügen die Milchhöfe über „starke Marken“, auf die sie „berechtigterweise stolz“ sein können. Die „Dachmarke Südtirol“ ist dann das Tüpfelchen auf dem i.
Ausruhen darf sich die Milchwirtschaft aber nicht. „Die Trends – Bio, Regionalität, Lebensqualität, Genuss – spielen uns in die Karten. Wir müssen darauf reagieren und haben es bereits getan“, sagte Mair. Weitere Herausforderungen sieht er darin, glaubwürdig zu bleiben und am Qualitätsgedanken festzuhalten. Bei der nötigen Nachhaltigkeit „haben wir schon sehr viel gemacht, müssen das aber aktiv weiterverfolgen, vom Tierwohl bis zum Ressourcen-Schonen.“ Weiteres Potenzial liege darin, die Zusammenarbeit mit der Gastronomie auszubauen und die Riesenchancen im Export zu nutzen.

Bestätigung aus Deutschland
Dies bestätigte Peter Steding von der Fachvermarktungsfirma Heiderbeck bei München. Sie verkauft landestypische Käse aus aller Welt und arbeitet seit Jahren mit Bergmilch Südtirol zusammen. Obwohl in Deutschland der allgemeine Trend zum Verkauf über das Regal geht, suchen einige Kundengruppen gezielt das Verkaufsgespräch an der Theke. Darin liegt laut Steding die große Chance für den Südtiroler Käse: „Südtirol punktet dort mit Produktvielfalt, Innovation und charaktervollen, aber nicht zu strengen Käsesorten.“

Heumilch aus verschiedenen Blickwinkeln
Relativ breiten Raum nahm bei der Berglandwirtschaftstagung die Heumilch ein. Thomas Zanon, Student der Universität Bozen, sorgte für ein Raunen, als er seine Zahlen vorstellte. Anhand der Durchschnittswerte der Südtiroler Betriebe rechnete er aus, ob sich ein Umstieg auf Heumilch lohnt. Bei Berücksichtigung der Vollkosten – inklusive angemessenem Stundenlohn – kam er auf einen notwendigen Milchpreis von 80 Cent pro Liter! Allerdings konnte er die Zahlen nicht im Detail vorstellen, sie sind also nur ein Richtwert, der vor allem nicht auf jeden Hof gleich gültig ist.
Dieser Meinung ist auch Walter Kinzner vom Brunnerhof (Ratschings), der selbst aus Überzeugung Bio-Heumilch produziert und sich auch von so manchen Hindernissen nicht aus dem Konzept bringen ließ.
Ein Faktor spielt laut Zanon aber für jeden Bauern – egal ob mit oder ohne Heumilch – eine entscheidende Rolle: „Die Grundfutterqualität! Nach dem idealen Erntezeitpunkt sinkt die Futterqualität schnell, und der Betrieb verliert täglich einige Liter Milch.“

Schuler: „Besser sein als die Masse“
Landesrat Arnold Schuler forderte dazu auf, die sich bietenden Chancen zu nutzen: „Das betrifft die Bäuerinnen und Bauern selbst, die Genossenschaften, die Beratung. Als Politik haben wir versucht, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen“, sagte Schuler. Die neu ausgerichtete Förderungspolitik des Landes setzt den Schwerpunkt auf die erschwerten Bedingungen der Betriebe. Noch heuer hofft er, „dass es uns gelingt, ein operationelles Programm für die Milchwirtschaft aufzustellen. Es ist aber schwierig, weil es laut EU nicht wettbewerbsverzerrend sein darf“.
Auch Schuler nannte die naturnahe, flächenbezogene Milchproduktion als wichtiges Ziel: „Unsere Chance liegt darin, besser, anders und glaubwürdiger zu sein als die Massenproduktion“, sagte er. Ein wichtiges Thema seien Laufställe: Wir haben die Förderung von Stallneubauten an diese Bedingung geknüpft – ausgenommen einige Extremsituationen, wo ein Laufstall wirklich nicht möglich ist.“

Gauly: „Idee Bioregion Südtirol?“
Prof. Matthias Gauly von der Freien Universität Bozen sagte angesichts der höheren Produktionskosten in Südtirol: „Wenn es nicht gelingt, den hohen Auszahlungspreis zu halten, wird es schwierig, die Zahl der Milch produzierenden Betriebe zu halten.“
Er lobte die Südtiroler Genossenschaft für ihre Nachhaltigkeitsumfrage im vergangenen Jahr: „Das ist der einzig richtige Weg. Denn um die Qualitätsprodukte zu verkaufen, muss man wahre Geschichten erzählen.“ Nur wenn man sie belegen kann, bleibt man glaubwürdig. Die Vermarktung forderte er auf, mutige Weichen zu stellen und anderen Regionen voraus zu sein, statt hinterherzuhinken. „Warum nicht einmal verrückt sein und tatsächlich eine Bioregion Südtirol andenken?“, fragte er bewusst provokant und setzte damit noch einmal einen Impuls in die Zukunft der Südtiroler Berglandwirtschaft.

Impulse nun umsetzen
Daniel Gasser – als Obmann des Beratungsringes Berglandwirtschaft BRING der Gastgeber der Tagung – fasste am Ende der Tagung seine Eindrücke so zusammen: „Wir haben viele Impulse bekommen. Jetzt gilt es, sie umzusetzen. Die Genossenschaften müssen mutige Entscheidungen treffen. Wir Mitglieder müssen dann aber auch dazu stehen.“
Die Richtung scheint jedenfalls klar: Leiten lassen sollte sich die Berglandwirtschaft von ihren eigenen Werten. Sie kann selbstbewusst auftreten, soll aber offen bleiben für die Erwartungen der Gesellschaft. Nachhaltigkeit ist wichtig, ein unverzichtbarer Teil davon ist aber die Wirtschaftlichkeit. Auf dieser Basis gilt für die Bauern, Genossenschaften, Bauernvertretung, Politik und Verbraucher: Es sind noch einige Weichen zu stellen!

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„Selbstbewusst der Diskussion stellen“
Landwirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte. Daher können die Bauern selbstbewusst sein, sollten aber gleichzeitig ein offenes Ohr für die Erwartungen der Gesellschaft haben. Dazu rief Christian Dürnberger vor zwei Wochen auf der Berglandwirtschaftstagung in Brixen auf.

Die Bürger leben in einem Widerspruch: Sie fordern Tierwohl, wollen aber als Verbraucher nicht dafür bezahlen. Warum das so ist und wie die Landwirtschaft darauf reagieren kann, erklärte Dürnberger in seinem Vortrag zum Thema „Nutztierhaltung und Tierwohl – Was erwartet der Bürger? Was zahlt der Verbraucher“ und im folgenden Interview.

Südtiroler Landwirt: Herr Dürnberger, die Landwirtschaft wird oft kritisiert. Sie sagen: Die Landwirtschaft braucht sich in der Öffentlichkeit nicht zu verstecken …
Die Landwirtschaft hat eine Erfolgsgeschichte hingelegt: Sie kann heute weit mehr Menschen ernähren als früher. Ich will nicht sagen, dass sie sich auf diesen Lorbeeren ausruhen darf. Aber sie kann das schon mal selbstbewusst sagen und so stehen lassen.
Darüber hinaus ist klar: Wo die Menschen satt sind, steigen die Erwartungen. So erwarten sich die Bürger mehr Tierwohl. Als Verbraucher aber sind sie nur bedingt bereit, für dieses Tierwohl zu bezahlen. Diesem Konflikt muss man mehrfach begegnen: Sowohl der Landwirt als auch der Konsument müssen über seine eigene Verantwortung nachdenken. Und es braucht eine sachliche, gesamtgesellschaftliche Debatte, welche Nutztierhaltung wir eigentlich wollen.

Was erwarten die Verbraucher von der Landwirtschaft? Und wie sieht es umgekehrt aus?
Die Landwirtschaft soll gesunde, unbedenkliche und leistbare Produkte bereitstellen, sie soll aktiv Umweltschutz betreiben, das Tierwohl berücksichtigen und den ländlichen Raum wirtschaftlich stärken. Umgekehrt darf die Landwirtschaft ein sachliches Interesse an ihrer Arbeit erwarten. Gerade das aber findet kaum statt. Landwirtschaft begegnet den Verbrauchern oft nur auf zwei Wegen: Als „Skandal“ auf den Titelseiten – oder als „Idyll“ im Marketing.

Die Landwirtschaft hat sich stark modernisiert: mit Mechanisierung und Digitalisierung. Das Marketing wirbt aber weitgehend mit Ursprünglichkeit und Beschaulichkeit. Entsteht so nicht ein falsches Bild?
Das Agrarmarketing spielt – durchaus geschickt – mit idyllischen Bilderwelten. Gezeigt wird ein ursprünglicher Hof, die bäuerliche Arbeit als beschauliches Leben in und mit der Natur. Die Botschaft ist klar: „Hier ist die Welt noch wie früher, hier ist sie noch in Ordnung.“
Ich halte es für nachvollziehbar, dass man Landwirtschaft mit Bildern bewirbt, die bei den Verbrauchern gut ankommen. Zugleich müssen die Menschen aber schon wissen, dass auch hier der technische Fortschritt – wie überall – vieles neu gestaltet. Dazu kann man andere Kommunikationskanäle als die Werbung nutzen: Geeignet sind vor allem persönliche Begegnungen zwischen Bauern und Konsumenten, z. B. an einem „Tag der offenen Stalltür“. Das ist oft wirksamer als Marketing.

Hat die klein strukturierte Landwirtschaft in Südtirol einen Vorteil? Sie entspricht den herrschenden Bilderwelten ja mehr als die Landwirtschaft anderer Gebiete …
Die Landwirtschaft in Südtirol hat mehrere Vorteile. Sie steht gemeinhin für eine Landwirtschaft, wie sie von vielen Verbrauchern gewünscht wird: bäuerlich und klein strukturiert. Bei ihr ist noch offensichtlich, was anderswo oft vergessen wird: Dass Landwirtschaft eng mit der Identität einer Region verbunden ist. Landwirtschaft produziert ja nicht nur Nahrung, sie prägt auch den ländlichen Raum. Eine große Aufgabe wird sein, dem Verbraucher klarzumachen: Wenn er diese Art der Landwirtschaft wirklich wünscht, muss er dafür den Preis bezahlen: Dann muss er sich bewusst für diese Produkte entscheiden!

Da Sie gerade den Preis erwähnen: Was zahlt nun der Verbraucher?
Studien zu dieser Frage sind mit Vorsicht zu genießen. Wenn wir Verbraucher fragen, ob sie bereit sind, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben, um Gutes für Tiere, Umwelt und Klima zu tun, dann bejahen fast alle diese Frage. Beim tatsächlichen Einkauf sieht die Sache dann aber ganz anders aus.
Gut gemachte Studien erlauben folgende Thesen: Es gibt tatsächlich Menschen, die bereit sind, für Tier- und Umweltschutz mehr Geld auszugeben. Sie stellen aber keine Mehrheit dar. In dieser Gruppe sind mehr Frauen als Männer. Mit zunehmender „Verarbeitung“ eines Produkts nimmt die Bereitschaft ab, für Tierwohl zu bezahlen. So ist ein Grillhendl noch als Tier erkennbar. Hier sind viele Menschen eher bereit, mehr fürs Tierwohl zu bezahlen als bei einer Wurst.

Was kann der einzelne Bauer tun?
Er sollte sich den Debatten nicht verschließen: Über Landwirtschaft wird immer diskutiert werden. Es ist besser, die Landwirte diskutieren dabei mit! Und sie müssen aus der Defensive kommen, gerade beim Thema „Tierwohl“: Sie müssen das Thema selbst aktiv angehen, müssen nach Ideen suchen, was man noch verbessern kann. Und dann können und müssen sie klarmachen, dass sie selbst die Initiatoren von Tierschutz sind.

Interview: Martin Unterweger, BRING

Zur Person

Philosoph für Tierärzte
Christian Dürnberger hat Philosophie und Kommunikationswissenschaften in Wien studiert. Gegenwärtig ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Messerli-Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung an der VetMedUni Wien, und am Institut TTN an der LMU München.