Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 01.02.2018

Südtiroler Charakter beibehalten

Die Südtiroler Weinwirtschaft erlebt einen Höhenflug. Ein idealer Moment, um neue Strategien zu entwickeln, was bei der Weinbautagung in Eppan auch gemacht wurde: Es ging um neue Züchtungsmethoden, die Zukunft der Südtiroler Rotweine, um Eleganz und Charakter. von Renate Anna Rubner

Auf dem heimischen Markt sind unsere Rotweine sehr beliebt, im Ausland tun sie sich schwerer. (Foto: EOS/Florian Andergassen)

Auf dem heimischen Markt sind unsere Rotweine sehr beliebt, im Ausland tun sie sich schwerer. (Foto: EOS/Florian Andergassen)

Südtirol ist vom klassischen Rotweinproduzenten zum international anerkannten Weißweinland mutiert: Noch in den 1960er und 1970er Jahren war der Vernatsch die unumstrittene Leitsorte im Land, die besonders im deutschsprachigen Ausland Absatz fand. Noch im Jahr 1978 waren 80 Prozent der Rebflächen mit roten Sorten bestockt, zwei Drittel davon mit Vernatsch. „Seitdem ist viel passiert“, rief Weinjournalist Othmar Kiem dem Publikum der Weinbautagung im Raiffeisensaal von Eppan in Erinnerung: Dank einiger innovativer Geister habe man sich immer stärker der Qualität verschrieben und sich auf die Produktion von Weißweinen spezialisiert. Ein taktisch kluger Zug, weil Südtirol geografisch und klimatisch ideal für den Anbau von Weißweinen sei: Sie präsentieren sich fruchtig, frisch und elegant, gerade so, wie es der moderne Konsument verlangt.

Zukunft des Südtiroler Rotweins
Durch diese Entwicklung sei der Rotwein aber ins Hintertreffen geraten. Zu Unrecht? Dieser Frage ging die von Othmar Kiem moderierte Podiumsdiskussion auf den Grund. Neben Stefan Filippi, Kellermeister der Kellerei Bozen, und Klaus Gasser, Verkaufsleiter der Kellerei Terlan, nahmen daran auch Vertreter des Handels und der Gastronomie teil: Günther Hölzl vom Meraner Weinhaus, Luis Matscher vom Restaurant Zum Löwen und Florian Patauner vom gleichnamigen Gasthaus in Siebeneich. In der Diskussion wurde bald klar: Weißweine aus Südtirol nehmen auch im Ausland einen festen Platz ein, während sich heimische Rotweine eher schwertun auf dem internationalen Parkett. Aus unterschiedlichen Gründen allerdings: Vernatsch und Lagrein seien außerhalb Südtirols schwer an den Kunden zu bringen, weil beide mit den internationalen Sorten nicht mithalten können. Blauburgunder, Cabernet oder Merlot dagegen seien aus heimischer Produktion oft zu schwach.

Beliebter Blauburgunder
Der Blauburgunder erfreue sich aktuell zwar starker Beliebtheit. Im Vergleich mit Kollegen aus anderen Gebieten komme der Südtiroler Pinot noir aber oft zu „schmalzig“ und zu alkoholisch daher, wie Klaus Gasser etwas flapsig feststellte. Gefragt seien straffe, kompakte und trotzdem mit Tiefe und Eleganz punktende Blauburgunder. Daran mangele es in Südtirol (noch).
Diese Meinung teilte auch Günther Hölzl: Lieber einen saftigen Vernatsch als einen seichten Blauburgunder, brachte er es sinngemäß auf den Punkt. Insgesamt habe der Vernatsch besonders auf dem heimischen Markt ausgezeichnete Absatzmöglichkeiten: „Dank unseres starken Tourismus wird hier nicht nur viel Weißwein, sondern auch gut Rotwein konsumiert. Und da punkten neben dem Blauburgunder die beiden autochthonen Sorten Vernatsch und Lagrein ganz besonders“, sagte Hölzl.

Kunden wählen vermehrt Südtiroler Weine
Bestätigt wurde diese Beobachtung von Florian Patauner: „Im Ausschank halten sich bei uns Rot- und Weißweine in etwa die Waage. Während früher fast ausschließlich Chianti verlangt wurde, wählen die Kunden heute fast nur noch Südtiroler Weine“, sagte Patauner. Dabei sei kein Unterschied zwischen Gästen und Einheimischen zu merken, wie Luis Matscher ergänzte. Im Restaurant Zum Löwen werde zwar nach wie vor viel Blauburgunder getrunken, „das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich ihn besonders gerne mag“, räumte der Restaurantbetreiber ein. Darüber hinaus sei der Blauburgunder aber relativ neu, frisch und fruchtig, wie es im Trend liegt, und lasse sich ideal mit der Südtiroler Küche kombinieren.
An zweiter und dritter Stelle der ausgeschenkten Rotweine liegen Lagrein und Vernatsch, ziemlich abgeschlagen dahinter Cabernet und Merlot. Da fehle das Image, wie Matscher feststellte, Cuveés aus den beiden kämen bei den Kunden besser an.
Einen Wunsch äußerte Matscher, eigentlich waren es zwei: mehr Südtiroler Blauburgunder hoher Qualität einerseits. Aber auch das Bewahren der Südtiroler Typizität, besonders bei internationalen Sorten, wie es der Blauburgunder ist: „Unsere Weine dürfen nicht gleich werden wie überall, sie müssen ihre Typizität behalten, ihren Charakter. Es müssen Südtiroler Weine bleiben.“

Cis-Genetik als Alternative?
Michael Oberhuber, Direktor des Versuchszentrums Laimburg, stellte dem Publikum, das dem Ruf des Absolventenvereins Landwirtschaftlicher Schulen (ALS) nach Eppan gefolgt war, neue Methoden zur Sortenzüchtung vor. Nachdem klassische Züchtung mit Kreuzungen, Selektionen und Rückkreuzungen in sehr langen Zyklen verlaufe, erfolgt die Sortenerneuerung nur sehr langsam.
Keine Beschleunigung bringe die markergestützte/genomische Selektion, die zwar bereits in Sämlingen nachweisen könne, ob ein Merkmal in den Nachkommen ausgeprägt ist, das Prozedere verlaufe ansonsten aber gleich wie bei den klassischen Züchtungsmethoden. Deutlich schnellere Ergebnisse erhalte man durch das „Fast Breeding“, das zwar ein gentechnisches Verfahren zur Verfrühung darstellt, aber kein gentechnisch verändertes Ergebnis bringt. Neben der Trans-Genetik, die allgemein sehr umstritten ist und laut EU-Recht nicht erlaubt, stelle die Cis-Genetik eine Alternative dar: Dabei wird ein Gen einer Wildsorte (z. B. ein Resistenzgen) in die Edelsorte transferiert. Damit könne man beispielsweise einen „echten“ Riesling züchten, der eine geringe Anfälligkeit gegenüber einem Schadpilz hat. Der Vorteil: Das Ergebnis ist eines, das durch klassische Züchtung auch möglich ist. Der bittere Beigeschmack der Gentechnik könne diesem Verfahren aber gleich anhaften wie der Trans-Genetik.

Genom Editing als neue Variante
Als jüngste Methode der Sortenzüchtung stellte Michael Oberhuber das Genom Editing vor: Anhand einer Genschere könne aus dem Genom einer Pflanze genau jenes Gen oder jene Gene entnommen werden, die eine bestimmte Eigenschaft kodieren, und dann in einer Edelsorte punktgenau eingesetzt werden. Das ermögliche multi-resistente Sorten, die sich durch dauerhafte, stabile und damit schwer durchbrechbare Resistenzen auszeichnen.
Am Ende seiner Ausführungen erklärte Oberhuber, dass weder die rechtliche Lage dieser neuesten Züchtungsmethoden (Cis-Genetik und Genom Editing) ganz klar sei noch ob man dafür die Akzeptanz der Bevölkerung erreichen könne. Es liege nun vorrangig an der Politik, die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Auf Anfrage aus dem Publikum, wie denn „die Politik“ über diese Züchtungsmethoden denke, ergriff Landesrat Arnold Schuler das Wort und bekannte sich ganz klar: Die moderne Sortenzüchtung sei der Zug, auf den man – auch in Südtirol – aufspringen müsse, zeigte er sich überzeugt. „Ansonsten fährt der Zug ohne uns ab.“