Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 18.01.2018

„Lassen uns von Zurufen nicht beeinflussen“

2018 wird für den Südtiroler Bauernbund ein Jahr mit großen Herausforderungen. Obmann Leo Tiefenthaler über das Superwahljahr 2018, wieso er auf eine Verabschiedung des Raumordnungsgesetzes hofft und Polemiken sowie Panikmache fehl am Platz sind. von Michael Deltedesco

Was Südtirols Bäuerinnen und Bauern im neuen Jahr alles erwartet, erklärt Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler im traditionellen Jahresausblick.

Was Südtirols Bäuerinnen und Bauern im neuen Jahr alles erwartet, erklärt Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler im traditionellen Jahresausblick.

Traditionell fragt der „Südtiroler Landwirt“ den Bauernbund-Obmann zum Jahresauftakt nach den Zielen. Deren gibt es viele, wie das folgende Interview zeigt:

Südtiroler Landwirt: Beginnen wir diesen Jahresausblick mal ganz politisch. 2018 wird ein Superwahljahr. Im März wird das Parlament in Rom, im Herbst der Landtag gewählt. Danach starten die Bauernbund-internen Wahlen auf Orts- und Bezirksebene, die im Februar 2019 mit der Wahl der Bauernbund-Spitze enden. Was erhoffen Sie sich von den politischen Wahlen?
Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler: Für den Südtiroler Bauernbund und für die Südtiroler Landwirtschaft insgesamt ist es enorm wichtig, gute und verlässliche Ansprechpartner im römischen Parlament und im Südtiroler Landtag zu haben. Ich hoffe, dass uns das auch in der kommenden Amtsperiode gut gelingt. Nur so können wir die Anliegen der Bäuerinnen und Bauern umsetzen. Es ist übrigens unsere statutarische Aufgabe, bei politischen Wahlen aktiv zu werden und Kandidaten zu bewerben.  

Für die Landtagswahlen gibt es mit den Basiswahlen eine Neuheit. Erstmals waren alle Mitglieder des Bauernbundes und der bäuerlichen Organisationen aufgerufen, selbst jene Kandidaten zu bestimmen, die der Bauernbund dann im Wahlkampf unterstützt. Was wollen Sie mit diesem Schritt bezwecken?
Bisher hat der Landesbauernrat die Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt. Heuer sind wir einen neuen Weg gegangen und haben den Mitgliedern gesagt: Entscheidet ihr, welche vier Kandidaten die Interessen der Landwirtschaft im Südtiroler Landtag vertreten sollen!
Das ist ein sehr demokratisches Instrument, um Kandidaten zu bestimmen. Zugleich soll die Basiswahl die Mitglieder motivieren, im Herbst zahlreich zur Wahl zu gehen und die vier Kandidatinnen und Kandidaten, die von den Mitgliedern selbst ausgewählt wurden, stark zu unterstützen.

Auch im Südtiroler Bauernbund werden die Orts- und Bezirksbauernräte sowie die Landesführung neu gewählt. Wie sieht es hier mit neuen Gesichtern aus? Oder kämpft man mit Nachwuchssorgen?  
Die Wahl wird mit Sicherheit eine Erneuerung und eine Verjüngung bringen, nicht zuletzt aufgrund der Mandatsbeschränkung auf drei Amtsperioden. Ich glaube nicht, dass es schwierig sein wird, gute Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, die sich in den nächsten fünf Jahren für die Interessen der Landwirtschaft auf Orts- und Bezirksebene einsetzen wollen.  

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In der Gesetzgebung dürfte es ebenfalls spannend werden. Im Frühjahr soll das neue Landesraumordnungs- und Landschaftsschutzgesetz verabschiedet werden. Der Bauernbund hat sich sehr intensiv damit beschäftigt und zahlreiche Änderungen eingebracht. Sind Sie mit dem derzeitigen Gesetzentwurf zufrieden?
Zuerst einmal hoffe ich, dass das Gesetz noch in dieser Amtsperiode verabschiedet wird. Wir haben sehr viel Zeit investiert, haben uns intensiv mit dem Gesetz beschäftigt und viele Änderungen vorgeschlagen. Wird es heuer nicht mehr genehmigt, fürchte ich, dass dann wieder bei Null gestartet wird und unsere Bemühungen umsonst waren. Aber davon gehe ich nicht aus.
Was die aktuelle Version betrifft, so haben wir viele Verbesserungen erreicht. Nun geht das Gesetz in die Gesetzgebungskommission, wo die Landwirtschaft sehr gut vertreten ist. Daher bin ich sicher, dass noch die eine oder andere Abänderung in unserem Sinne möglich ist. Am Ende werden wir ein Gesetz haben, mit dem wir gut leben können.

Das Höfegesetz war in der Vergangenheit oft in der Kritik, weil es Spekulationen zuließ. Nun soll das Gesetz abgeändert und die Schließung von Höfen erschwert werden. Der Bauernbund hat sich öfters für eine strengere Gangart ausgesprochen. Mit dem aktuellen Gesetzesvorschlag ist man aber dennoch nicht ganz zufrieden, oder?
Für die Landwirtschaft ist das Höfegesetz eines der wichtigsten Gesetze überhaupt. Auch ich bin überzeugt, dass einige Bestimmungen der Zeit anzupassen sind. Es ist richtig, die Schließung von Höfen restriktiver zu regeln. Jungbauern werden weiterhin einen Hof schließen können. Für andere, die nicht selbst Bauern sind und die Grundstücke nicht selbst bewirtschaften, wird es schwieriger werden, einen Hof zu schließen. Und das ist durchaus in unserem Interesse.

In Ausarbeitung ist auch ein Gesetz zur Sozialen Landwirtschaft. Die Erwartungen sind hoch: sowohl als Zuerwerb als auch als Leistung für die Gesellschaft. Welche Chancen liegen in der Sozialen Landwirtschaft?
Durch den demografischen Wandel und der Tatsache, dass in vielen Familien neben den Männern auch die Frauen arbeiten gehen, braucht es zusätzlich zu den bestehenden Diensten neue Betreuungs- und Pflegeangebote für Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung – auch, um die öffentlichen Strukturen zu entlasten. Hier kann die Soziale Landwirtschaft ein zusätzliches Angebot schaffen.
Für die Bäuerinnen und Bauern, die einen Dienst anbieten, ist die Soziale Landwirtschaft ein interessanter Zu- und Nebenerwerb. Daher glaube ich, dass wir mit der Sozialen Landwirtschaft einen wertvollen Beitrag für die gesamte Gesellschaft leisten.

2017 war die Landwirtschaft – besonders der Obstbau – zum wiederholten Mal in der Kritik. Meist ging es um den Pflanzenschutz. Dabei hat der Obstbau durchaus auch in Punkto Nachhaltigkeit Erfolge vorzuweisen …
Die Diskussion wird weitergehen, aber auch der Fortschritt. Von Zurufen von außen werden wir uns sicherlich nicht beeinflussen lassen. Es wird sich die Integrierte Produktion weiterentwickeln, genauso wie sich die Biolandwirtschaft weiterentwickeln wird.
Daneben werden wir weiter mit der Gesellschaft kommunizieren und den Menschen vermitteln, was die Integrierte Produktion leistet. Mit Polemik und Panikmache kommt man nicht weiter, auch wenn das einige meinen!

Mit dem Biokonzept 2025 hat der Bauernbund hohe Erwartungen geweckt. Was tut der Bauernbund für die konkrete Umsetzung?
Wir haben das Biokonzept zusammen mit den Bioverbänden, den Erzeugerorganisationen, den bäuerlichen Verbänden und Organisationen, Beratungsorganisationen und weiteren Partnern erarbeitet und das Ziel vereinbart, die Biofläche bis 2025 zu verdoppeln. Wir sehen unsere Aufgabe darin, interessierte Bauern, die auf Bio umstellen möchten, zu unterstützen. Es gibt z. B. spezielle Angebote unserer Weiterbildungsgenossenschaft. Zudem können sich Interessierte über Fördermöglichkeiten informieren. Auch werden wir Druck machen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen – wenn nötig – zu verbessern. Und nicht zuletzt sehen wir uns in einer Vermittlerrolle.  

Seit einigen Jahren setzt der Bauernbund verstärkt auf eine gezielte Kommunikation mit der Gesellschaft. Wie erfolgreich sind Sie damit?
Es ist nicht einfach, Erfolge in der Kommunikation zu messen. Ich habe aber schon den Eindruck, dass es uns durch die Initiative „Dein Südtiroler Bauern“ und verschiedene Maßnahmen gelingt, den Konsumenten die Landwirtschaft näher zu bringen – und das auch recht erfolgreich. Wunder darf man sich aber keine erwarten, besonders nicht kurzfristig. Kommunikation wirkt immer mittelfristig. Man braucht einen langen Atem.

2020 geht die aktuelle EU-Agrarperiode zu Ende. Die Diskussion über die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik hat bereits begonnen. Man hat das Gefühl, dass die Bauernverbände aus dem Alpenregionen den Verhandlungen einigermaßen zuversichtlich entgegenblicken. Auf was hoffen Sie, was fürchten Sie?
Es war wichtig, uns im Schulterschluss mit anderen Bergregionen frühzeitig zu positionieren. Gemeinsam können wir viel für die Bergregionen herausholen. Wichtig wäre, die Flächenprämie gerechter zu gestalten. Das würde für die Almbesitzer und das Berggebiet insgesamt mehr Fördermittel bedeuten. Bisher war Südtirol hier im Nachteil – wie andere Bergregionen übrigens auch.
Dann werden wir uns für eine bessere Förderung der Junglandwirte einsetzen. Auch wollen wir die Operationellen Programme beibehalten. Einige Diskussionen wird es über eine Ernteausfallversicherung geben. Die wohl größte Herausforderung wird aber sein, das derzeitige Agrarbudget zu verteidigen. Durch den Austritt Großbritanniens aus der EU geht ein wichtiger Nettozahler verloren. Wie die EU diesen Ausfall kompensieren will, steht noch in den Sternen. Ich hoffe nicht, dass ganz einfach der EU-Haushalt gekürzt wird.

Mountainbiken, Skifahren, Langlaufen, Wandern und einiges mehr: Ein großer Teil der Freizeitnutzung spielt sich heutzutage auf den Gründen der Bauern ab. Vereinbarungen regeln die Nutzung, dennoch lässt der Respekt vor privatem Eigentum oft zu wünschen übrig. Was muss sich noch tun?

Wir haben in sehr vielen Bereichen und mit unterschiedlichen Partnern Vereinbarungen getroffen, die sowohl die Entschädigungen, die Instandhaltung und Wartung sowie die Haftung regeln. In der Regel funktionieren diese Vereinbarungen gut. Natürlich gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten.
Eines ist sicher: Der Druck auf den landwirtschaftlichen Grund wird größer werden, besonders durch die E-Bikes und die Downhiller. Hier werden wir rechtzeitig steuernd eingreifen müssen, sonst haben wir in der Tat ein Problem. Was wir auch weiterhin tun werden: Sensibilisieren und mehr Respekt vor dem privaten Eigentum anmahnen.

Was wünschen Sie sich persönlich und den Bäuerinnen und Bauern für dieses Jahr?

Ich wünsche allen Bäuerinnen und Bauern ein gesundes und zufriedenes Jahr 2018. Ich hoffe, es wird einfacher als das vergangene. Ich wünsche allen eine gute Ernte, zufriedenstellende Preise und den Urlaub auf dem Bauernhof-Betreibern zufriedene Gäste.