Südtiroler Landwirt | 18.01.2018

Ein karges Leben

Im 19. Jahrhundert war Tirol überwiegend Bauernland. Zwei Drittel der Bevölkerung waren in der Landwirtschaft tätig. Die allermeisten Bauern waren Selbstversorger und produzierten vorwiegend für den eigenen Bedarf. von Josef Nössing

Landwirtschaft in Tirol früher: arbeitsintensiv und mit geringem Ertrag

Landwirtschaft in Tirol früher: arbeitsintensiv und mit geringem Ertrag

Im Gebirgsland Tirol war die Landwirtschaft seit jeher klein strukturiert. Ertragreiche Großbetriebe waren hier kaum anzutreffen, ihre Grundfläche bestand vor allem aus Wald, Weide und Almen. Die Landwirtschaft litt an der Unfruchtbarkeit weiter Landstriche und an der wachsenden Zersplitterung bäuerlichen Besitzes. Zudem mussten die Bauern häufig Ernteausfälle aufgrund von ungünstiger Witterung, Hochwasser und Schädlingsbefall beklagen.
Ein ertragreiches Gewerbe oder eine Industrie, in der überschüssige Arbeitskräfte unterkommen konnten, gab es im 19. Jahrhundert in Tirol nur in Ansätzen. Zu viele Menschen mussten folglich vom Ertrag des Bodens leben. So entwickelte sich die Landwirtschaft immer mehr zu einer arbeitsintensiven Wirtschaftsform mit geringem Ertrag, aber hohen Boden- und Lebensmittelpreisen. Dies kam bis zu einem gewissen Grad den Bauern entgegen, die ihre Produkte teuer vermarkten konnten und sich sozial über die Handwerker, Tagelöhner sowie Knechte und Mägde stellen konnten. Trotzdem waren in dieser Zeit viele Tiroler Bauernhöfe stark verschuldet.

Produzieren für den Eigenbedarf
Mit wenigen Ausnahmen erzeugten die Bauern auf ihrem Hof alles Notwendige zum Überleben der Familie. Zugekauft wurde nur das Allernotwendigste. Die einzelnen Betriebe waren also in erster Linie auf die Selbstversorgung ausgerichtet und erst in zweiter auf den Markt. Das erwirtschaftete Geld wurde für Steuern, Notfälle und vor allem für Grundzukauf angespart und erst mit dem schrittweisen Einzug eines sehr bescheidenen Wohlstandes für neue Bekleidung, Geräte usw. verwendet.
In dieser Sicht gab es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Berg- und Landbauern: Ersterer hatte zwar seinen Schwerpunkt in der Viehzucht, erzeugte aber trotzdem das notwendige Brotgetreide selbst, während der Weinbauer zwischen den Rebzeilen und auf den trockengelegten Mösern auch Brotgetreide aussäte und im Stall neben einem Paar starker Zugochsen auch eine Milchkuh hielt. Die Bergbauern erzielten durch den Vieh- und Holzverkauf und die Landbauern, die über wesentlich kleineren Grundbesitz verfügten, durch den Wein- und Obstverkauf ein bescheidenes Kapital.

Bäuerlich geprägte Bevölkerung
Am Hof waren viele zu ernähren: Neben einer meist großen Kinderschar noch die Großeltern und weichende Geschwister des Bauern oder der Bäuerin und in vielen Fällen auch noch Knecht und Magd. Bei einem bäuerlichen Bevölkerungsanteil zwischen 75 und 80 Prozent gab es am Hof eben viele Kostgänger.

Krisen und Rückschläge
Die prekäre Situation der Landwirtschaft in Tirol verschärfte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dramatisch. Mehrere Entwicklungen waren dafür verantwortlich:
Die Erschließung Tirols durch die Eisenbahn zwischen 1855 und 1870 wirkte sich gravierend auf die heimischen Getreide- und Viehpreise aus, die bisher wegen der Knappheit immer sehr hoch gewesen waren und von da an wegen der Konkurrenz aus Ungarn und anderen ertragreichen Gebieten der Monarchie verfielen.
Den Weinbau trafen in ganz Europa wütende Rebkrankheiten. Über Jahrzehnte litten die Weinbauern unter diesen Rückschlägen und erholten sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder davon. Auch die Seidenraupenzucht, die sich vom Trentino bis in den Vinschgau und Brixner Raum ausgebreitet hatte, hatte mit ähnlichen Rückschlägen zu kämpfen, ohne sich je wieder davon zu erholen.
Überschwemmungen der Hauptflüsse machten zu Beginn der 1880er Jahre die mühevollen Meliorierungsarbeiten an den Fluss-
auen zunichte und zerstörten zudem wertvolle Kulturgründe. Im ganzen Land wurde daraufhin ein umfangreiches Programm der Flussregulierung gestartet. Die Etschregulierung kann um 1890 als abgeschlossen gelten, fortan zählten Überschwemmungen zu Ausnahmefällen.

Verschuldung nimmt zu
Eine Währungskrise in den 1870er Jahren hatte in der Folge viele der ohnehin stark verschuldeten Bauern in den Konkurs getrieben. In der Zeit zwischen 1868 und 1882 wurde eine Zahl von 28.052 Höfen in Gesamttirol zwangsversteigert.
Die hohe bäuerliche Verschuldung wird allgemein als Folge der Grundentlastung erklärt. Wie Alfred Plunger in seiner ­Dok­torarbeit mit dem Titel „La crisi economica e sociale nel ceto rurale della seconda metà dell’ottocento in Tirolo. Il caso di Castelrotto“ dokumentiert und anhand einer konkreten Studie über die Verschuldung im Gericht Kastelruth nachweisen konnte, ist die damals hohe Verschuldung der bäuerlichen Betriebe aber vielmehr der prekären Lage in der Landwirtschaft und dem unterentwickelten Kreditwesen in Tirol zuzuschreiben.
Von ihrer schweren Krise sollte sich die Landwirtschaft erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder erholen.

Meilensteine der Südtiroler Landwirtschaftsgeschichte

Von der körperlichen Arbeit zum Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen, von abgelegenen Höfen zu erschlossenen Betrieben und von der Selbstversorgung zur spezialisierten Produktion: Südtirols Landwirtschaft hat sich in den vergangenen hundert Jahren tiefgreifend verändert. Der „Südtiroler Landwirt“ beleuchtet in einer Beitragsserie die wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung der heimischen Landwirtschaft von der Vorkriegszeit bis in die Gegenwart. Autor der Beiträge ist der Südtiroler Historiker und langjährige Landesarchivar Josef Nössing. Er hat bereits das Historienprojekt „Zeitzeugen“ des Bauernbundes wissenschaftlich begleitet. Ergänzend zu seinen Textbeiträgen finden sich auf der Internetseite www.zeitzeugen.it die Erzählungen von 24 bäuerlichen Zeitzeugen sowie der zweiteilige Film „Bauer sein, gestern und heute“.