Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 18.01.2018

Differenzieren ja, aber mit Plan

Wie können es die Südtiroler Äpfel schaffen, am hart umkämpften Markt für Frischobst zu bestehen? Auf der Obstbautagung in Meran gab es auf diese Frage eine klare Antwort: Es ist in Ordnung, auf ein breites Angebot zu setzen – aber nur, wenn man dabei auch an den Konsumenten denkt. von Bernhard Christanell

Über 800 Obstbauern informierten sich im Meraner Kursaal über aktuelle Vermarktungstrends und Forschungsergebnisse rund um den Apfel.

Über 800 Obstbauern informierten sich im Meraner Kursaal über aktuelle Vermarktungstrends und Forschungsergebnisse rund um den Apfel.

Mit der Obstbautagung im Kursaal von Meran startet der Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen (ALS) traditionsgemäß in das neue Jahr. Über 800 Fachleute, Vermarkter, Bauern und Schüler trafen sich am Donnerstag vergangener Woche in Meran, um sich über neue Trends am Apfelmarkt, neue Sorten und drohende Krankheiten und Schädlinge im Obstbau zu informieren.

Richtige Strategie gesucht
Einen Schwerpunkt am Vormittag bildete die Suche nach der richtigen Strategie, um mit dem Frischeprodukt Apfel am internatio­nalen Markt – und im Speziellen in den Supermarktregalen – sichtbar zu bleiben. Als externer Experte war dazu Roberto Della Casa vom Netzwerk „Italiafruit News“ zu Gast. Er versuchte, anhand von zwei Vergleichen mit anderen Produktgruppen aufzuzeigen, welches der sinnvollste Weg ist: „Der Apfel befindet sich am Scheideweg – entweder er geht den Weg des Kakaos oder den der Schokolade“, betonte Della Casa und erläuterte auch gleich, wie dieser Vergleich zu verstehen sei: „Beim Kakao ist die Produktion in den vergangenen Jahren kontinuierlich leicht gestiegen, der Preis am Markt war letzthin aber starken Preisschwankungen ausgesetzt. Schokolade hingegen – die ja zu einem wesentlichen Teil aus Kakao besteht – ist im Aufwind, und zwar gerade dadurch, dass die verschiedenen Anteile an Kakao sehr prominent kommuniziert werden.“
Diese Entwicklung zeige, wie sehr es bei der Differenzierung einer Produktgruppe auf die Kommunikation ankommt. „Wer eine Schokolade mit 84 Prozent Kakaoanteil kauft, hat ein Bild davon, wie diese schmeckt und wie sie sich von einer Schokolade mit 99 Prozent Kakaoanteil unterscheidet. Hier ist es gelungen, die Differenzierung eines Produktes mit klar definierten Geschmacksunterschieden zu verbinden“, erklärte Della Casa.

Unterschiede der Sorten müssen klar kommuniziert werden
Dasselbe Prinzip lasse sich auch auf Frischprodukte wie den Apfel übertragen. „Eine Differenzierung in verschiedene Sorten mit unterschiedlichen Logos und Bezeichnugnen ist durchaus sinnvoll, aber nur wenn die Unterschiede dem Konsumenten ganz klar kommuniziert werden. Denn nur wenn der Konsument ganz klar versteht, wofür ein Apfel einer bestimmten Sorte oder aus einem bestimmten Gebiet steht, dann wird dieser auch im Einkaufskorb des Kunden landen – vorausgesetzt, er erfüllt die Wünsche des Kunden“, erklärte Della Casa.
Ein Zeichen dafür, wie gerade von hochpreisigen Premiumprodukten eine ganze Produktgruppe profitieren kann, ist laut Della Casa hingegen der „Parmiggiano Reggiano“. Vor Jahren lagen die Preise für den Parmesan im Keller und warfen für die Bauern kaum noch Gewinne ab. Dann wurde der „Parmiggiano Reggiano“ nach Reifezeit differenziert, und schon zogen die Preise deutlich an.
„Ein Parmesan, der 36 Monate oder länger gereift ist, gilt heute als Premiumprodukt und wird auch um einen entsprechend hohen Preis verkauft. Im Sog dieser Premiumprodukte zog auch der Preis für das Standardprodukt mit einer kürzeren Reifezeit nach oben – heute sind die Bauern mit den Auszahlungspreisen wieder sehr zufrieden“, berichtete Della Casa.
Für den Apfel komme es darauf an, auch beim Geschmack auf klar definierte Qualitätsstandards zu setzen und diese ebenso klar zu kommunizieren. Dann könne der Apfel auch seinen Platz im Obstregal der Supermärkte ohne Weiteres behaupten.

VOG und VI.P mit erneuerten Marketing-Konzepten
Wie Südtirols Obstvermarkter sich diesem harten Markt stellen wollen, stellten im Anschluss daran die Marketing-Verantwortlichen  der Erzeugerorganisationen VOG und VI.P vor.
Sabine Oberhollenzer und Kurt Ratschiller vom VOG präsentierten den erneuerten Auftritt der Marlene. „Als wir vor über 20 Jahren gestartet sind, war der Hauptmarkt  für Marlene-Äpfel Italien, später kam Spanien dazu. Mittlerweile machen diese Länder nur noch einen Teil unserer Zielgebiete aus – und wir mussten daher auch die Marke Marlene an die neuen Gegebenheiten anpassen“, berichtete Ratschiller. Wesentliche Merkmale der Marlene-Äpfel sollen weiterhin die  konstant hohe Qualität und die große Auswahl an Sorten sein.
Auch die Kollegen von der VI.P, vertreten durch Benjamin Laimer und Fabio Zanesco, haben ihre Marke angepasst und wollen vor allem die Herkunft und die hohe Qualität der Äpfel aus dem Vinschgau in den Mittelpunkt stellen. „Sichtbar werden soll dies vor allem durch zwei verschiedenfarbige Marienkäfer, die sich als Markenzeichen durch alle Produktgruppen der VI.P ziehen“, erklärte Zanesco.

Wie Apfelanbau im Nordwesten der USA funktioniert
Einen Blick in ein weit entferntes Apfelanbaugebiet bot die gebürtige deutsche Forscherin Ines Hanrahan, die derzeit an der Washington State University im gleichnamigen Bundesstaat im Nordwesten der USA arbeitet. Washington State ist das Zentrum des Apfelanbaus in den USA, zwei Drittel der Apfelproduktion der Vereinigten Staaten erfolgen hier. „Es gibt keinerlei staatliche Förderungen für den Obstanbau, wir produzieren in etwa doppelt so viele Äpfel wie Südtirol – allerdings auf einer viermal so großen Fläche“, berichtete Hanrahan.
Der Sortenspiegel in Washington State entwickelt sich zurzeit rasant. Waren es vor einigen Jahren noch auch hierzulande bekannte Sorten wie Red Delicious, Gala und Fuji, die das Angebot an insgesamt rund 30 Sorten bestimmten, so stellt derzeit neben den verschiedenen Clubsorten vor allem eine Sorte alles in den Schatten: Die rotfarbige Sorte Cosmic Crisp wurde seit Ende der 1990er Jahre an der Washington State University gezüchtet, im vergangenen Jahr wurden die ersten Bäume in den USA gepflanzt.
Ursprünglich war die – laut Angaben der Entwickler im Anbau sehr unkomplizierte – Sorte nur für den Anbau in Washington ­State vorgesehen, mittlerweile haben sich aber auch die Südtiroler Erzeugerorganisationen die Anbaurechte gesichert. Im kommenden Frühjahr sollen die ersten Versuchsbäume gepflanzt werden, erhältlich sind die Bäume dann ab dem kommenden Jahr.
Auch in den USA ist der Bioanbau stark im Kommen: „Derzeit liegt der Biosektor im Apfelanbau bei etwa 11,5 Prozent, er soll in den kommenden Jahren aber verdoppelt werden“, berichtete Hanrahan.
ALS-Obmann Stefan Pircher ging in seiner Begrüßung unter anderem auf das sehr wechselvolle Anbaujahr 2017 ein: „Das vergangene Jahr mit Spätfrost und großflächigen Hagelschlägen hat uns gezeigt, dass die Natur auch ihre harten Seiten hat. Umso wichtiger ist es, dass unsere Bauern alle verfügbaren Mittel nutzen, um sich gegen solche Wetterkapriolen abzusichern – dazu gehören Frostschutzmaßnahmen und Hagelnetze ebenso wie Versicherungen.“

Offene Diskussion schadet niemandem, unqualifizierte Aussagen schon
Keinen leichten Stand hatten die Südtiroler Obstbauern auch in der öffentlichen Diskussion, die sich immer öfter mit unbegründeten Polemiken gegen den Obstbau richtet. „Eine offene Diskussion über die Zukunft schadet niemandem, auch nicht uns Obstbauern. Unqualifizierte Aussagen, wie wir sie leider immer öfter erleben müssen, hingegen schon“, unterstrich Pircher und verwies auf die Pflanzenschutz-Diskussionen.
Es gebe in Südtirol durchwegs gut ausgebildete und erfahrene Bauern, die wissen, was gut für die Natur ist. „Wir haben schon immer bewiesen, dass wir uns sehr gut an neue Herausforderungen und Gegebenheiten anpassen können und wollen. Was wir als erdverbundene Menschen vielleicht noch besser lernen müssen, ist die Art und Weise, wie wir das der Gesellschaft mitteilen“, betonte Pircher.
Innovation bedeute immer auch Mut zur Veränderung – ob das neue Anbauformen oder neue Formen der Produktpräsentation sind. „Wir sollten uns noch mehr als bisher bemühen, neben unserem Produkt – dem Südtiroler Apfel – auch unsere Geschichte mit zu kommunizieren. Vielleicht kann auch die Verbindung zu anderen Südtiroler Qualitätsprodukten mit neuen Shop-Konzepten in großen Metropolen eine Idee in diese Richtung sein“, schlug Pircher vor.

Pflanzenschutz mit Hausverstand und Verantwortung
Auch Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler ging auf die Polemiken ein, mit denen die Obstbauern vor allem im Hinblick auf die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln konfrontiert sind: „Wir müssen den Respekt einfordern, den wir uns verdient haben, aber auch gute Agrarpraxis umsetzen, indem wir mit Hausverstand und der nötigen Verantwortung Pflanzenschutzmittel ausbringen“, betonte der Landesrat.
Besonders hervorstrich Schuler das Modell des Familienbetriebes, der im Südtiroler Obstbau nach wie vor die Regel ist: „7000 Familien in Südtirol leben von den Erlösen aus der Obstwirtschaft, das wirkt sich auch auf die Wertschöpfung im ländlichen Raum aus. Wo es in unserem Land Obst- und Weinbauern gibt, sind auch die Dörfer lebendig“, erinnerte Schuler.