Südtiroler Landwirt, Produktion | 21.12.2017

Gutes Management spart Geld

Wer die Zukunft seiner Milchviehherde im Blick hat, der muss sich mit dem Thema Fruchtbarkeit auseinandersetzen. Dabei spielen mehrere Faktoren eine entscheidende Rolle – allen voran die Fütterung und die Haltung der Tiere. von Jessica Schwenke und Alexander Alber, BRING

Bei der Fütterung sind viele Feinheiten zu beachten, z. B. die Ausgeglichenheit der Ration und die ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen.

Bei der Fütterung sind viele Feinheiten zu beachten, z. B. die Ausgeglichenheit der Ration und die ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen.

Die Milchwirtschaft in Europa steht immer größeren Herausforderungen gegenüber, und auch in Südtirol ist es nicht anders. Die Flächen sind begrenzt und die Bedingungen für die Bewirtschaftung oftmals schwierig. Ein Auskommen zur Erhaltung einer Familie aus der Milchwirtschaft zu erzielen, wird zunehmend schwieriger, und viele Landwirte müssen einem Nebenerwerb nachgehen.
Umso wichtiger wird eine optimale Betriebsführung, um die Produktionskosten zu senken. Viele Landwirte sehen die Leistung ihrer Tiere als Parameter des wirtschaftlichen Erfolgs, jedoch spielen viele weitere Faktoren eine wichtige Rolle. So sollte der Betrieb nicht nur seine durchschnittliche Milchleistung als zentrales Element sehen, sondern die Tiergesundheit und die damit verbundene Fruchtbarkeit.

Nachlässigkeit verursacht oft hohe Kosten
Ein Erfolg hängt hierbei sehr stark und unmittelbar mit dem Management und der Haltung der Tiere zusammen, Nachlässigkeit in diesem Bereich verursacht oft sehr hohe Kosten im Betrieb. Gelingt es den Landwirten, sie zu senken, können die Einnahmen bei gleichbleibender Leistung deutlich gesteigert werden.
Einen großen Einfluss auf das Fruchtbarkeitsmanagement hat die Fütterung. Da unsere heutigen Milchkühe fast ausnahmslos absolute Leistungstiere sind, muss man sie, vergleichbar mit einem Profisportler, natürlich leistungsgerecht ernähren, damit sie ihren Anforderungen entsprechen können.
Bei der Fütterung sind viele Feinheiten zu beachten, zum Beispiel die Ausgeglichenheit der Ration und die ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen. Viel grundlegender ist jedoch die ausreichende Energieversorgung der einzelnen Kuh, vor allem der Frischmelker nach der Abkalbung, sie beeinflusst die Fruchtbarkeit direkt.

Unterversorgung hat gravierende Folgen
Bei Unterversorgung leidet grundsätzlich die Qualität der Eizellen und Follikel (Eiblasen) an den Eierstöcken, zudem entgleist der Stoffwechsel der Kuh: Das eigene Körperfett wird eingeschmolzen, um den Energiemangel auszugleichen, dies führt zum Krankheitsbild der Ketose. Dabei gelangen Ketonkörper ins Blut, die den Embryo bei einer eventuell bereits bestehenden Trächtigkeit schädigen können, und sie führt zu einer starken Leberbelastung. Dadurch wird der Immunstatus der Kuh geschwächt und das Risiko für Erkrankungen steigt – und eine kranke Kuh wird keine gute Fruchtbarkeit zeigen.

Gründe für embryonale Sterblichkeit
Durch den Energiemangel steigt außerdem der Harnstoffgehalt im Blut und somit auch in der Milch an. Dieser ist leberbelastend und kann zudem bei einer eventuell bereits bestehenden Trächtigkeit den Embryo absterben lassen: Etwa 75 Prozent der vermeintlich „leeren“ Kühe, die umrindern, waren kurze Zeit trächtig. Sie konnten jedoch diese Trächtigkeit aufgrund mangelnder Umwelt- und Fütterungsbedingungen nicht aufrechterhalten, man spricht von embryonaler Sterblichkeit. Und Hauptgründe hierfür sind Energiemangel, Leberbelastung, Stress und die dadurch verschlechterte Tiergesundheit. Auch ein durch energetische Unterversorgung erhöhter Harnstoffgehalt hat Einfluss auf den Immunstatus der Kuh und begünstigt die embryonale Sterblichkeit bei Frühträchtigkeiten maßgeblich.

Wie man Energiemangel feststellt
Erkennbar sind Energiemangelsituationen nach der Abkalbung einerseits am Tier selbst durch verminderte Futteraufnahme und womöglich entsprechende Probleme in Bezug auf die Fruchtbarkeit (Umrindern, Eierstockzysten), andererseits anhand der Milchmessergebnisse: Ein abnorm erhöhter Milchfettgehalt bei gleichzeitig verhaltenem Eiweißwert, dadurch ein erhöhter Fett-Eiweiß-Quotient (FEQ > 1,3) und eventuell ein erhöhter Harnstoffwert sind bei frischmelkenden Kühen ein sicheres Zeichen für einen Energiemangel.

Mehr und besseres Futter anbieten
Der hohe Fettgehalt stammt in dem Moment nicht aus dem Futter, sondern aus dem Abbau der Körperfettreserven der Kuh. Entgegenwirken muss man diesem Problem mit der Steigerung der Futteraufnahme, besonders der des Grundfutters (bestes Futter anbieten, evtl. zuckerhaltiges Lockfutter einsetzen). Erhöht man lediglich die Kraftfuttermenge, kann der Stoffwechsel von der Ketose direkt in die Acidose (Übersäuerung) entgleisen (FEQ < 1,0).
Hierbei kommt es durch das Kraftfutter zu einer zu hohen Aufnahme von Zucker und Stärke, wodurch der Pansen-pH-Wert zu sauer wird und viele der Mikroorganismen im Pansen absterben können.
Außerdem kommt es durch die zu geringe Rohfaseraufnahme mit dem Grundfutter zu einer herabgesetzten Wiederkäutätigkeit, was durch die daraus resultierende verminderte Speichelbildung wiederum den pH-Wert im Pansen zusätzlich erniedrigt. Die Folgen der Acidose sind vielfältig und betreffen letztlich auch wieder die Fruchtbarkeit.

Die drei „L“ für mehr Wohlbefinden
Auch die bauliche Ausführung der Ställe hat direkten Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Tiere und somit auch auf die Herdenfruchtbarkeit und den wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebes. Neben einer angepassten Fütterung sollten für die Ausstattung des Stalles die drei „L“ beachtet werden: Licht, Luft, Liegefläche.
Für die ersten beiden Punkte – Licht und Luft – muss das System des Stallbaus in Südtirol grundlegend überdacht werden. Viel zu oft sind die Ställe, auch Neubauten, mit nur einigen wenigen Fenstern ausgestattet, die zusätzlich aus falschen Gründen fast das ganze Jahr über geschlossen bleiben, um es den Tieren vermeintlich angenehm zu machen. Dieses Verhalten der Landwirte ist jedoch kontraproduktiv, denn entgegen der landläufigen Meinung haben die Tiere weniger Prob­leme mit tiefen Temperaturen, auch wenn sie deutlich unter den Gefrierpunkt fallen.

„Fruchtbarkeitskiller“ Hitzestress
Auf hohe Temperaturen reagieren Milchkühe dagegen deutlich sensibler, so kann bereits ab 25 Grad Celsius Hitzestress entstehen, welcher als absoluter „Fruchtbarkeitskiller“ gilt. In den letzten Jahren hat sich bei einigen Landwirten durch kontinuierliche Weiterbildung jedoch ein Umdenken eingestellt, welches auch in der Praxis zum Tragen kommt.
Die Ställe werden mit großen Öffnungen versehen, nicht selten ist nur eine Seite des Gebäudes, meist die exponierteste, mit einer durchgehenden Mauer versehen. Die übrigen Seiten sind offen und können durch Hubfenster oder Windnetze geschlossen werden, wodurch den Tieren bei Bedarf Schutz geboten wird. Ein positiver Nebeneffekt dieser einfachen Bauweise ist die Reduzierung der Baukosten, die in Südtirol im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders hoch sind und viele Betriebe bei einem anstehenden Neubau zur Aufgabe zwingen.

Licht wirkt sich auf Stoffwechsel aus
Neben der Frischluft wirkt sich auch die Lichtperiode direkt auf die Tiergesundheit und vor allem die Fruchtbarkeit aus. Das Licht hat direkten Einfluss auf wichtige Stoffwechselvorgänge und den Hormonhaushalt, sodass es in zu dunklen Ställen vermehrt zu Stillbrunst bis hin zu Brunstlosigkeit kommen kann.
Auch für Kälber spielt die Positionierung im Stall eine große Rolle, sie sind die Milchkühe der Zukunft. Werden sie jedoch in dunklen, schlecht durchlüfteten Ecken gehalten, sind sie in ihrer Entwicklung gehemmt und können langfristig nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen, wodurch dem Landwirt mögliche Einnahmen entgehen.

Weiche und trockene Liegefläche
Neben Licht und Luft spielt vor allem die Liegefläche der Tiere eine sehr wichtige Rolle, schließlich sollten sie hier im Idealfall den Großteil des Tages verbringen. Die Milchbildung erfolgt im Liegen. Harte Unterlagen sind für die Tiere schädlich, durch ihr hohes Körpergewicht werden die Gelenke vor allem beim Abliegen sehr stark belastet.
Dadurch kommt es oft zu Schwellungen und Entzündungen, die sich im Körper ausbreiten und folglich hohe Tierarztkosten verursachen können. Die Unterlagen sollten weich und trocken sein. Ein einfaches Beispiel, das in Neubauten vorgesehen, aber auch in bereits bestehenden Ställen nachgerüstet werden kann, ist die sogenannte Kalkstrohmatratze. Hier wird die Liegefläche am hinteren Ende mit einem Brett abgegrenzt, darin werden Stroh und Kalk ausgebracht und verdichtet. Es entsteht eine weiche und trockene Matratze, auf der sich die Tiere gern hinlegen und liegen bleiben. Sollte keine Kalkstrohmatratze installiert sein oder werden, ist es unabkömmlich, dass die Liegeflächen regelmäßig ausreichend eingestreut und trocken gehalten werden, denn Gummimatten werden mit der Zeit rutschig, hier muss frühzeitig gehandelt werden, um Verletzungen und somit unnötigen Spesen vorzubeugen.

Jede Form von Stress vermeiden
Haben die Tiere ausreichend Licht, Luft und eine gute Liegefläche, sind wichtige Faktoren für die Tiergesundheit erfüllt. Auch das nötige Platzangebot und die Laufflächen spielen in Hinblick auf das Fruchtbarkeitsmanagement eine wichtige Rolle. Sind die Böden rutschig oder haben die Tiere aufgrund dessen bereits Lahmheiten, zeigen sie Brunstsymptome nicht, und der Landwirt kann die Brunst nicht bemerken. Auch eine Überbelegung des Stalls ist kontraproduktiv. Neben einer herab­gesetzten Milchleistung in zu vollen Ställen können die Tiere ihre natürlichen Verhaltensänderungen in der Brunst nicht zeigen. Die rangniederen Kühe haben einen enormen sozialen Stress aufgrund der Rangordnung. Sie müssen sich Fress- und Liegeplatz erkämpfen, die Fruchtbarkeit ist dadurch unvermeidbar herabgesetzt.

All diese Faktoren kann der Landwirt ohne komplizierte Hormonbehandlungen selbst beeinflussen. Wer eine leistungsstarke, fruchtbare Herde zum Ziel hat, sollte zunächst mit dem nötigen Kuhkomfort und einer leistungsgerechten Fütterung die Tiere von vornherein gesund und vital halten, damit sie all ihr Potenzial zeigen können.