Südtiroler Landwirt | 21.12.2017

Erzähl mal eine Geschichte

Die Weihnachtsgeschichte, was erzählt sie uns? Dass uns der Heiland geboren wurde. Uns allen. Auch wenn die Zeiten laut und hektisch sind und der Konsum oft überhandnimmt, so ist es doch die Heilsbotschaft, die uns Hoffnung schenkt. Immer wieder! von Br. Moritz Windegger OFM

Eine Krippe, wie im Bild die der Klarissenkirche in Brixen, lässt die große Hoffnung spüren, die wir mit der Geburt Jesu verbinden. (Foto: Br. Emmanuel-Maria Fitz OFM)

Eine Krippe, wie im Bild die der Klarissenkirche in Brixen, lässt die große Hoffnung spüren, die wir mit der Geburt Jesu verbinden. (Foto: Br. Emmanuel-Maria Fitz OFM)

Warum feiern wir Weihnachten?“  Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Krippe, die Kerzen am Christbaum brennen, und ein Kind stellt diese Frage. Wüssten Sie eine Geschichte dazu zu erzählen?
Im Judentum beginnt jährlich die Feier des Pessach-Festes in der Familie damit, dass ein Kind diese Frage stellt. In der Erzählung darüber, wie das Volk Gottes aus Ägypten auszieht, wird Pessach zu einem Ereignis, das von der Vergangenheit in die Gegenwart, ins Jahr 2017 oder 2018 geholt wird.

Tür hinaus in den Alltag
Das Erzählen einer Geschichte öffnet die Tür hinaus aus dem Alltag, in eine neue Welt. Wenn die großen Kinderaugen vor Neugier überquellen und die Großeltern lauschen und zu der vielfach gehörten Geschichte beiläufig nicken, dann wissen wir: Jetzt sind wir daheim. Jetzt ist Ruhe. Jesus, der Retter ist da. Wir Christen haben das gewissermaßen abgeschaut: Das Evangelium – wo es unter dem Christbaum noch verlesen wird – tut nichts anderes, als die Geschichte zu erzählen: die Geschichte vom Kind in Betlehem. Unsere Welt hat vielfach das Erzählen verloren, aber wir hoffen darauf: Jeder Teenager, der über ein Instagram- oder Facebook-Profil sich selbst darstellt, will letztlich nur eine, nämlich seine eigene Geschichte erzählen. Und er macht das mit Bildern, Textstücken, mit „Likes“ oder mit Filmchen. Wir brauchen und wollen erzählen und suchen jemanden, der sich unsere Geschichte anhört.

Schenken? Ja, aber nicht nur ...
Das Gegenteil vom Erzählen ist das Handeln. Die Tat. Auch das brauchen wir. Wir kaufen Geschenke. Mal größere, mal kleinere. Sie sollen Zeichen sein, die Liebe, Zuneigung, Freundschaft ausdrücken. Offenbar erhöhen wir den Rhythmus solcher Taten: Kekse backen, Weihnachtslieder aufführen, am Glühweinstand Freunde treffen, beim Arbeitsessen mit Kollegen Weihnachten oder gleich den Jahresschluss feiern – das alles tun wir, warum? Ich glaube nicht, dass wir uns permanent ein schlechtes Gewissen einreden müssen, weil unsere Welt immer hektischer wird. Wer seinem Kind gern eine Playstation schenken will, der soll es tun. Nur sollten wir dabei nicht stehen bleiben. Warum feiern wir so Weihnachten? Weil wir eine Geschichte zu erzählen haben.
Subtile Grenze zwischen

Engagement und Besessenheit
Ich kenne eine Frau, die hat sich in der Hektik beinahe verloren: Sie geht in den Wochen vor Weihnachten lieber in die Suppenküche – den Armen nahe sein, den Ausgegrenzten eine Freude schenken, den Flüchtenden Heimat geben. Sie sagt, sie findet die Weihnachtsbotschaft gerade an diesen Orten der Kälte. Und recht hat sie. „Niemand ist von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen! Alle kennen den Weg, um sie zu betreten, und die Kirche ist das Haus, das alle aufnimmt und niemanden zurückweist“, hat Papst Franziskus einmal gemeint, und Angelika – so heißt die Frau – hat für sich entschieden, dass sie etwas dazu beitragen will. Die Hilfe sei aber nicht alles, meint sie. Wie bei den Geschenken unter dem Christbaum müsse man aufpassen, das Eigentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Barmherzigkeit werde nicht besser, wenn mehr von ihr „produziert“ wird. Die Hilfe kann eben nicht ersetzen, was dem Helfer sonst im Leben an Liebe fehlt. Wer sich und anderen ein schlechtes Gewissen einredet, weil er nicht oder zu wenig an Menschen denke, die auf fernen Kontinenten stranden, verfehlt hier wie dort die eigentliche Botschaft. „Es gibt eine subtile Grenze zwischen Engagement und Besessenheit“, meint Angelika. Warum feiert sie auf diese Weise Weihnachten? „Ich glaube, dass Jesus geboren wird. In Ställen, auf Straßen, Altersheimen, Krankenhäusern. Aber auch bei mir zu Hause.“

Wertekanon ähnlich, aber abseits der Religion
Jedes Jahr zur Weihnachtszeit senden große Fernsehanstalten passende Filme. Richtige „Schinken“ nennen wir sie: Hollywood erzählt Geschichten, und diese drücken weihnachtliche Gefühle aus oder bedienen mehr oder wenige besinnliche Sehnsüchte des zeitgenössischen Menschen. Immer wieder gespielte Klassiker wie „Kevin allein zu Haus“, „Sissi“ oder „Cinderella“ erzählen davon, wie Einsamkeit überwunden, Liebe stärker ist als Macht und Ungerechtigkeit oder wie Familie und Freundschaft immer noch wahre Wunder bewirken können. Längst hat sich auch die Welt abseits des Glaubens einen der Religion ähnlichen Wertekanon geschaffen, an dem sich Menschen orientieren. Das gilt auch für weniger großstädtische Regionen wie Südtirol, in dem Brauchtum oder Familie noch mehr oder weniger intakt sind.

Ohne Jesus bleibt nur der Kitsch
Überhaupt scheint sich das Weihnachtsfest immer mehr von seinem eigentlichen Kern, der Geburt des Gottessohnes in einem nahöstlichen Stall, zu verselbstständigen: Brauchen wir Menschen noch „den Menschensohn“? Hört noch jemand die „frohe Erzählung“, das Evangelium? Anfang Dezember hat ein irischer Priester vorgeschlagen, die Christen sollten doch auf den Begriff „Weihnachten“ verzichten. „Christmas“ (englisch) sei längst von Weihnachtsmann und Rentier gekapert worden und hätte seinen „heiligen Charakter“ verloren. Es klingt wie die Resignation vor einer übermächtigen Werbe-Industrie. Und ist dennoch der falsche Weg: Erst der kleine Jesus macht aus der Sehnsucht ein Gefühl. Ohne ihn bleibt nur der Kitsch.

Jesus nimmt uns an der Hand
Nach einer alten Weihnachtsgeschichte stand einmal ein Bub gedankenversunken vor der Krippe, deren Figuren sein Großvater geschnitzt hatte. Plötzlich war es ihm, als stehe er zwischen Hirten vor dem Jesuskind. Mit leeren Händen! „Ich verspreche dir das Schönste, das ich habe: mein neues Fahrrad“, stammelte der Bub. Das Jesuskind schüttelte den Kopf: „Ich möchte dein Fahrrad nicht. Schenk mir deinen letzten Aufsatz.“ – „Den Aufsatz? Aber der war ungenügend“, antwortete der Bub, und Jesus lächelte: „Genau deshalb will ich ihn haben: Du sollst mir geben, was in deinem Leben nicht genügend ist“.
Noch etwas wollte das Jesuskind: „Schenk mir deinen Milchbecher“, sagte er. „Aber der ist zerbrochen“, antwortete der Bub. „Du kannst mir immer bringen, was in deinem Leben zerbricht. Ich will es heil machen“, entgegnete ihm das Kind in der Krippe und fügte hinzu: „Und noch ein Drittes: Ich möchte von dir die Antwort haben, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie dich fragte, wieso der Milchbecher zerbrechen konnte.“ Der Bub brach in Tränen aus und schluchzte: „Aber da habe ich gelogen. Ich habe gesagt, der Becher sei mir aus der Hand gefallen. Dabei hatte ich ihn aus Wut auf den Boden geworfen.“ Das Jesuskind lächelte und meinte nur: „Deshalb möchte ich die Antwort haben. Bring mir immer alles, was in deinem Leben böse, verlogen, trotzig oder gemein ist. Dafür bin ich in die Welt gekommen, um dir zu verzeihen, dich an der Hand zu nehmen und dir den Weg zu zeigen.“
Der Überlieferung nach sagte der kleine Bub nichts mehr und hörte nicht auf zu staunen. Auf die Frage jedenfalls, warum wir Weihnachten feiern, weiß er bis heute, eine Geschichte zu erzählen. Und die ist ziemlich gut.