Innovation, Südtiroler Landwirt | 07.12.2017

Trends in der Landwirtschaft

Gemeinsam mit Experten und Partnern hat die Bauernbund-Abteilung Innovation & Energie eine Broschüre zum Thema „Trends in der Landwirtschaft“ ausgearbeitet. Ziel ist es, einen Einblick in mögliche Entwicklungen und Tendenzen zu geben. von Anna Pfeifer

Intelligente Technologien bieten eine betriebs- und arbeitswirtschaftlich effiziente Produktion. (Foto: Shutterstock)

Intelligente Technologien bieten eine betriebs- und arbeitswirtschaftlich effiziente Produktion. (Foto: Shutterstock)

Wer gewappnet in die Zukunft starten will, der muss heute schon an morgen denken. Mit dem Grundgedanken, Südtirols Landwirte und Genossenschaften zukunftsfit zu machen, wurde die Broschüre „Trends in der Landwirtschaft – Einblick in mögliche Entwicklungen und Tendenzen“ ausgearbeitet. „Landwirtschaftliche Betriebe sind heute mehr denn je mit sich stark verändernden Rahmenbedingungen konfrontiert“, erklärt Leo Tiefenthaler, Landesobmann des Südtiroler Bauernbunds. „Zunehmende Preisschwankungen, der ­Klimawandel und sich verändernde gesellschaftliche Erwartungen führen vermehrt zu ­Herausforderungen, eröffnen aber auch neue Möglichkeiten.“

Broschüre und Inhalte auf der Agrialp vorgestellt
Die Trend-Broschüre entstand im Zuge eines Innovationsprojekts, welches von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol finanziell unterstützt wurde und gibt einen allgemeinen Überblick über jene Trends, die die Landwirtschaft mit großer Wahrscheinlichkeit beeinflussen werden.
Im Rahmen der Landwirtschaftsmesse Agrialp wurden die Broschüre und das Thema „Trends in der Landwirtschaft“ auf der Aktionsbühne des Südtiroler Bauernbundes vorgestellt. Verschiedene Experten gingen dabei auf die wichtigsten Bereiche ein und vertieften diese in einer offenen Diskussion.

Was sind Trends?
Trends sind Veränderungen bzw. Wandlungsprozesse in unserer Gesellschaft. Sie können weitreichende Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche wie auch die Landwirtschaft haben. Stets die Veränderungen und Entwicklungen in der Umwelt mitzuverfolgen, ist für jeden Landwirt wichtig, damit er sich rechtzeitig anpassen kann. Viele Entwicklungen der Zukunft zeichnen sich jetzt schon ab und wurden im Trendbericht der Abteilung Innovation & Energie zusammengetragen.

Vier übergeordnete Themenbereiche
Trends sind generell in allen Gebieten des Lebens zu beobachten, da sich unsere Gesellschaft in einem ständigen Wandel befindet. Besonders markant zeichnen sich Trends für die Landwirtschaft im Bereich der Primärproduktion, der Dienstleistungen, der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln und in der Technik ab.
Einige Trends, die in der Broschüre aufgegriffen werden, sind bereits Realität und haben sich schon etabliert: So ist die soziale Landwirtschaft schon heute ein wichtiges Standbein für einige Südtiroler Landwirtschaftsbetriebe. Andere Trends hingegen sind zwar vorhersehbar, aber noch nicht vollständig in der Praxis angekommen. Ein gutes Beispiel dafür sind vollautonome Maschinen, die den Landwirten in Zukunft ein großes Stück Arbeit abnehmen werden.

Komplex durch viele Einflüsse und Zusammenhänge
Die Landwirtschaft wird von unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst. Durch das komplexe Zusammenspiel wirtschaftlicher, so­zialer und umwelttechnischer Faktoren kann sich eine kleine Veränderung in einem Bereich indirekt auf den ganzen Landwirtschaftssektor auswirken und vielerlei Folgen mit sich bringen. Ein Beispiel hierfür ist der Klimawandel: Die Durchschnittstemperatur unserer Erde steigt kontinuierlich an, auch hier in Südtirol. Das hat langfristige Änderungen in unserer sensiblen Alpenregion zur Folge, wie eine verminderte Wasserverfügbarkeit, die Erschließung neuer Anbaugebiete und das Auftreten neuer Schädlinge. Daraus resultiert, dass sich die Arbeitsweise der Landwirte an die neuen Voraussetzungen anpassen muss. Gleichzeitig fordern Konsumenten ein nachhaltigeres Wirtschaften, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Dieser Forderung wiederum spielen neue Technologien in die Hände, wie sie in der Präzisionslandwirtschaft verwendet werden, um ein effizienteres und nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen.

Man kann deutlich erkennen, dass alle Bereiche miteinander vernetzt sind und kleine Veränderungen weitreichende Nachwirkungen haben können. Aus diesem Grund stellt die Broschüre „Trends in der Landwirtschaft“ auch nur einen Teilausschnitt aller Veränderungen und Entwicklungen im Bereich der Landwirtschaft dar, da eine ganzheitliche Erfassung mit all ihren Folgen kaum möglich wäre.
Kundenwünsche müssen beachtet werden

Wegweiser für Landwirte und Genossenschaften
Die Haupttätigkeit der Südtiroler Landwirtschaft liegt in der Primärproduktion, also der Herstellung von Rohstoffen. Der Großteil der Südtiroler Landwirtschaft ist genossenschaftlich organisiert, weshalb der Trendreport nicht nur für den einzelnen Landwirt, sondern auch für die Genossenschaften ein Wegweiser sein soll.
Da die Herstellung von Rohstoffen wie Obst, Gemüse und tierischen Produkten allen Lebensmitteln zugrunde liegt, fallen auch alle Trends darauf zurück. Starken Einfluss auf die Primärproduktion nehmen nicht nur der Klimawandel, sondern vermehrt auch Kundenwünsche. Matteo Mario Scampicchio, Professor an der Freien Universität Bozen, unterstreicht: „Den Kundenwünschen nachzukommen, ist fundamental, denn der Kunde ist auch in Zukunft König.“ So muss sich die landwirtschaftliche Produktion an Forderungen nach tiergerechter Haltung und Transparenz anpassen. Dies erfordert nicht nur eine neue Produktionsweise, sondern auch eine intelligente Marketingstrategie, welche die Vorzüge der Südtiroler Landwirtschaft unterstreicht.

In die Zukunft investieren
Mit dem Wandel der Gesellschaft verändern sich auch die Dienstleistungen vom und für den Landwirt. Neue Erwerbszweige, die der Südtiroler Bauernbund schon länger aufmerksam begleitet und unterstützt, liegen zum Beispiel in der sozialen Landwirtschaft. Schule und Therapie am Bauernhof sind dabei nicht nur eine Einnahmequelle, sondern auch eine Investition in die Zukunft, da sie das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft langfristig stärken.
Auch die Möglichkeiten zum Finanzieren von Ideen haben sich gewandelt. Alternativen zum herkömmlichen Bankkredit bieten Konzepte wie Patenschaften und Aktien am Hof oder Crowdfunding. Die Grundlage für diese Finanzierungsformen ist jeweils die Solidarität der Kunden und Unterstützer, da das Geld von ihnen als Privatpersonen einem landwirtschaftlichen Betrieb zur Verfügung gestellt wird. Der starke Werbeeffekt sowie der Aufbau langlebiger Kundenbindungen sind dabei als positiver Nebeneffekt nicht zu unterschätzen.

Nachhaltigkeit steht im Vordergrund
Der Trendbericht zeigt, dass lokal und nachhaltig produzierte Lebensmittel beim Konsumenten sehr gut ankommen. Bei einer nachhaltigen Wirtschaftsweise gilt es, Ressourcen effizient und gezielt einzusetzen und, wo möglich, einzusparen. Egal ob Wasser, Pestizide, Düngemittel oder Treibstoff – alles soll auf ein Minimum reduziert werden. Deshalb ist das Wirtschaften in geschlossenen Kreisläufen, verbunden mit kurzen Transportwegen, ein sehr umweltschonendes und von Konsumenten geschätztes Konzept. ­Ast­rid Weiss, Leiterin der Abteilung Innovation & Energie erklärt: „Eine ,brutal lokale‘ Produktion ist mit Authentizität und Natürlichkeit eng verbunden und stärkt das Vertrauen für Regionalität. Dies bietet Chancen für Altbewährtes wie z. B. alte Sorten und Rassen, sowie für die Erschließung neuer Nischenmärkte.“

Stärken verbinden
Durch die weltweite Digitalisierung öffnen sich auch für die Landwirtschaft neue Türen. Durch das großflächige und exakte Erfassen von Daten in Kulturen oder Ställen können betriebseigene und betriebsfremde Mittel gezielter eingesetzt werden. So hat die Präzisionslandwirtschaft zum Ziel, perfekt an die Kultur angepasste Behandlungen und Arbeiten durchzuführen. Drohnen sollen in diesem Zusammenhang mit Spezialkameras den Zustand einer Kultur genau erfassen können und diese dann auch zielgerichtet versorgen. Diese Entwicklung macht auch vor den Ställen nicht halt, wo Tiere in Zukunft wohl mit Sensoren ausgestattet sein werden, die ihren Gesundheitszustand, Futterbedarf usw. genau kennen.

Trotz der rasanten Entwicklung von selbstfahrenden Maschinen, Drohnen und automatischen Fütterungssystemen sind viele Technologien noch nicht im Handel erhältlich bzw. für kleine Südtiroler Landwirtschaftsbetriebe nicht erschwinglich. Es ist damit zu rechnen, dass sich in den nächsten Jahren einiges im Bereich der Technik tun wird. Davon auszugehen, dass Menschen in der Landwirtschaft überflüssig werden, ist jedoch gewagt. Realistischer ist es, die Stärken von Mensch und Maschine zu verbinden und auf eine gegenseitige Ergänzung zu bauen.

Auch im Bereich der Energie wird sich in Zukunft einiges tun: Der Trend geht dabei in Richtung erneuerbare Energien und hin zum Energiesparen, denn schlussendlich ist die sauberste Energie jene, die gar nicht verwendet wird.

Chancen und Herausforderungen aufzeigen
Die Broschüre „Trends in der Landwirtschaft“ der Bauernbund-Abteilung Innovation & Energie macht keine eindeutigen Aussagen darüber, was die Landwirte in Zukunft erwartet. Vielmehr soll sie Landwirten und Genossenschaften Impulse für eine zukünftige Entwicklung geben und mögliche Chancen und Herausforderungen aufzeigen.
Matthias Gauly, Professor für Nutztierwissenschaften an der Freien Universität Bozen, unterstreicht in diesem Zusammenhang: „Praxis und Wissenschaft sind gefordert, kontinuierlich weiter angepasste Lösungen zu erarbeiten, die jeweils möglichst schnell auf sich ändernde Rahmenbedingungen eingehen. Gelingt das nicht, läuft die Landwirtschaft Gefahr, Märkte zu verlieren. Wesentliche Trends zu erkennen und diese aufzunehmen, ist heute wichtiger denn je!“

Mehr Infos
Erhältlich ist die Broschüre „Trends in der Landwirtschaft – Einblicke in mögliche Entwicklungen und Tendenzen“ in der SBB-Zentrale und in allen Bezirksbüros. Hier kann sie auch online durchgeblättert werden.