Südtiroler Landwirt, Produktion | 23.11.2017

Sind Hunde schuld an Aborten?

Der einzellige Parasit Neospora caninum befällt Rinder und Hunde und sorgt als Aborterreger bei der Kuh schon lange für Diskussionen zwischen Landwirten und Hundehaltern. von Jessica Schwenke, BRING

Hunde sollten strikt vom Futtertisch ferngehalten werden.

Hunde sollten strikt vom Futtertisch ferngehalten werden.

Entdeckt wurde der weltweit verbreitete Parasit bereits in den 1980er Jahren. Er durchläuft während seines Heranreifens unterschiedliche Entwicklungsstadien, in denen er verschiedene Erscheinungsformen annimmt. Er ist dabei auf einen sogenannten Wirtwechsel angewiesen, d.h. dass der erste Teil der Entwicklung in einem Zwischenwirt stattfindet, abgeschlossen wird sie aber im Endwirt, in dem der erwachsene Parasit zu finden ist. Der wichtigste Endwirt in unseren Breitengraden ist der Hund, wobei die Rolle des Fuchses und des Wolfes noch nicht endgültig geklärt ist. Der wichtigste Zwischenwirt ist sicher das Rind, es können aber auch Schafe, Ziegen, Pferde oder Hirsche betroffen sein.
Der Hund als Endwirt infiziert sich durch eine orale Aufnahme, also indem er erregerhaltiges Material frisst. Danach vergehen mindestens fünf Tage, in denen sich der Parasit im Endwirt vermehrt, bevor die Eier des Parasiten über den Kot ausgeschieden werden. Diese Ausscheidungsperiode ist begrenzt, hält in der Regel über zwei bis drei Wochen an und endet dann wieder. Die Überlebensfähigkeit der ausgeschiedenen Eier ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt, man geht aber davon aus, dass sie mindestens über mehrere Monate im Erdboden überdauern können. Im weiteren Lebenszyklus des Parasiten werden die infektiösen Eier vom Zwischenwirt, also vor allem vom Rind, übers Futter aufgenommen, durchdringen die Darmwand und gelangen über die Blutbahn in die verschiedenen Körperorgane. Dort findet eine Vermehrung des Parasiten statt und es kommt im Gewebe des Zwischenwirts zur Bildung sogenannter Zysten, welche mehrere hundert Erregerzellen enthalten. Wird solches erregerhaltiges Material, also zum Beispiel rohes Fleisch oder Nachgeburten von Kühen, wieder vom Endwirt Hund gefressen, schließt sich der Lebenszyklus von Neospora caninum. Vom neuen Endwirt werden wieder frische Eier der nächsten Parasitengeneration ausgeschieden.
Innerhalb dieses Entwicklungszyklus gibt es bei Neospora caninum außerdem die wichtige Besonderheit, dass der Erreger sowohl im End- als auch im Zwischenwirt bei Trächtigkeit die ungeborenen Nachkommen im Mutterleib infizieren kann, was je nach Trächtigkeitsstadium unterschiedliche Auswirkungen hat.

Krankheitserscheinungen
Beim Endwirt Hund verläuft die Er­krankung bei erwachsenen Tieren in der Regel inapparent, d.h. ohne Krankheitserscheinungen.
Lediglich bei Welpen und Junghunden, welche sich im Mutterleib oder danach über die Muttermilch infiziert haben, kann es zu zentralnervösen Störungen kommen (Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen u.a.).
Auch bei der erwachsenen Kuh verläuft die Infektion meist ohne Symptome. Es kann neben Fruchtbarkeitsstörungen und Nachgeburtsverhaltungen (Kuh „säubert“ sich nicht) zu Aborten (Verwerfen) kommen. Diese treten vor allem vom dritten bis sechsten Trächtigkeitsmonat auf, in früheren Trächtigkeitsstadien kann es auch zur Resorption des Embryos in der Gebärmutter ohne sichtbares Verwerfen kommen. Stirbt das Kalb nicht ab und es kommt zur Geburt, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder das Kalb ist lebensschwach und sichtbar erkrankt, weitaus häufiger jedoch sind die Kälber inapparent infiziert, d.h. dass sie keine Krankheitssymptome zeigen, den Erreger jedoch ausscheiden und ihn später, sofern solche Kälber zur Zucht verwendet werden, wieder an ihre Nachkommen weitergeben.
Man geht davon aus, dass einmal infizierte Kühe und Kälber den Erreger ein Leben lang in sich tragen und an ihre Nachkommen weitergeben.
Ein wirksames Medikament gegen Neospora caninum gibt es nicht. Daher ist die wirkungsvollste Bekämpfungsmaßnahme in einem Rinderbestand, betroffene Tiere von der Zucht auszuschließen. Außerdem sollte der Kontakt zum Hofhund unterbunden werden.
Treten auf einem Rinderbetrieb vermehrt Aborte auf, sollte mittels Laboruntersuchung eine Bestimmung des beteiligten Erregers erfolgen. Hier wird routinemäßig auch auf Neospora caninum untersucht (z.B. Blutprobe oder Abortmaterial).

Die Rolle des Hundes
Für viel Diskussion sorgen immer wieder die Hunde von Spaziergängern, die Mähwiesen oder Kuhweiden womöglich unangeleint betreten und mit Kot verschmutzen. Dies ist aus hygienischer Sicht natürlich generell nicht wünschenswert. In Bezug auf eine Verbreitung von Neospora caninum ist das Risiko allerdings zu vernachlässigen, denn dabei spielen „Gast“-Hunde fast keine Rolle, ganz im Gegensatz zum Hof- oder Nachbarshund. Denn um über den Kot Kühe anzustecken, muss ein Hund sich zunächst einmal selbst infizieren, d.h. er muss erregerhaltiges Material, wie zum Beispiel die Nachgeburt einer Kuh, fressen. Das ist bei Hunden, die nicht von landwirtschaftlichen Betrieben stammen und daher keinen Kontakt zu Kühen haben, sehr unwahrscheinlich. Eine Studie hat gezeigt, dass Hunde aus städtischer Umgebung deutlich weniger mit Neospora caninum befallen sind als Hunde aus dem ländlichen Raum. Zudem scheidet ein infizierter Hund den Erreger nur kurze Zeit aus, d.h. er muss für eine Infektion von Rindern genau in diesem Zeitraum Kontakt zu den Tieren haben. Die Ergebnisse einer Studie vom deutschen Friedrich-Löffler-Institut aus dem Jahr 2005 verdeutlichen die geringe Wahrscheinlichkeit: Eine Wiese müsste mindestens einmal  pro Woche von mindestens
87 Hunden mit deren gesamtem Kot verunreinigt werden, damit wenigstens ein geringes Risiko bestehen würde, einen Abort bei einem Rind auszulösen. Dies zeigt deutlich, dass die Spaziergänger-Hunde bei der Verbreitung von Neospora caninum eine untergeordnete Rolle spielen.
Viel größer ist der Einfluss des eigenen Hofhundes oder auch von Nachbarshunden, die uneingeschränkt Zugang zu Hof und Stall haben. Hier ist strikt darauf zu achten, dass diese keine Nachgeburten oder abortierte Kälber fressen, außerdem sollten sie unbedingt vom Futtertisch ferngehalten werden, und auch eine Kotverschmutzung der Wiesen ist zu unterbinden.


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