Wirtschaft | 23.11.2017

Kompatscher: „Zuzug aufs Land aktiv meistern“

Reiche Pensionisten aus der Stadt, junge Arbeitssuchende aus der EU, Flüchtlinge: Viele Menschen suchen in den ländlichen Gemeinden Südtirols eine neue Heimat. Landeshauptmann Arno Kompatscher forderte bei einer Tagung der „Plattform Land“ den „Mut, Zuwanderung zu gestalten, statt sie passieren zu lassen“. von Guido Steinegger

LH Arno Kompatscher bei der Tagung der Plattform Land in Nals.

LH Arno Kompatscher bei der Tagung der Plattform Land in Nals.

Von wegen Abwanderung: Mit Ausnahme einiger peripherer Gebiete sind Wohn- und Arbeitsplätze in Südtirols ländlichen Gemeinden durchaus begehrt. Darauf wies gestern (Mittwoch, 22.11.2017) Andreas Schatzer, Präsident der „Plattform Land“, im Rahmen der Tagung „Neue Mitbürger/innen im ländlichen Raum“ hin. Sie beschäftigte sich mit der Frage, welche Formen von Zuzug aufs Land es gibt und wie der ländliche Raum damit umgehen soll.

Migration ist weit mehr als Flüchtlinge
Schnell wurde klar: Bei Migration denken die meisten vor allem an Flüchtlinge. Dabei sind die Asylbewerber zahlenmäßig nur ein verschwindend kleiner Teil all jener Menschen, die sich in Südtirol einen neuen Lebensmittelpunkt suchen. Die ländlichen Gemeinden tun jedenfalls gut daran, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie mit den verschiedenen Formen von Zuwanderung umgehen sollen. Der Appell von Landeshauptmann Arno Kompatscher – selbst Mitgründer der Plattform – war deutlich: „Unsere Gesellschaft braucht den Mut, offen über Migration zu sprechen. Zuwanderung birgt Chancen und Probleme. Nur wenn wir beides sehen, finden wir auch vernünftige Lösungen und können Zuwanderung aktiv gestalten, anstatt sie geschehen zu lassen.“

Geschichte der Migration in den Alpen
Vor Kompatscher waren zwei Experten auf die verschiedenen Formen der Zuwanderung in den Alpen eingegangen. Prof. Andrea Membretti von der Universität Milano-Bicocca verwies auf die Siedlungsgeschichte: „Wer in die Berge geht, hat immer einen Grund dafür. Das war schon bei den ersten Siedlern, den Walsern so, sie erkauften ihre Freiheit damit, dass sie den Alpenraum für die Herrscher umliegender Ebenen urbar machten und kontrollierten.“ Auch wer heute in die Alpen zieht, hat Gründe. Membretti sprach von „freiwilliger“ Migration, z.B. aus weil jemand einen neuen Beruf findet, in ein anderes Dorf heiratet, und von „erzwungener“ Migration, z.B. bei Flüchtlingen. 

Die vielen Formen der Migration
Die Vorarlbergerin Gabriele Greussing von der „Allianz in den Alpen“ ging genauer auf die Gründe ein, in ländliche Gebiete im Alpenraum zu ziehen: Nicht zu unterschätzen sei die Binnenmigration, also der Umzug von Menschen im eigenen Land. Zum Teil ist dies eine „Wohlstandsmigration“, weil Menschen – z.B. wohlhabende Senioren – wegen der schönen Landschaft und guten Lebensqualität aufs Land ziehen. Verwandt damit ist die „Lebensstilmigration“: wegen interessanter Berufe, eines sicheren Umfeldes für Familien usw. Das Land ist also begehrt, vor allem dank seiner Lebensqualität und des digitalen Anschlusses. 
Dazu kommt die Wirtschaftsmigration aus anderen EU-Ländern mit geringerer Wirtschaftskraft. „Hätten wir diesen Zuzug nicht, könnten wir unseren Wohlstand nicht halten“, sagte Greussing. Landeshauptmann Kompatscher verwies in diesem Zusammenhang auf den demographischen Wandel –  die niedrige Geburtenrate und die alternde Bevölkerung: „Wir sind auf Zuwanderung angewiesen, z.B. in sozialen Berufen wie der Pflege. Auch in Unternehmen haben wir inzwischen viele Ausländer, die zum Teil auch tragende Rollen spielen.“ 
Schließlich gibt es auch die Fluchtmigration. „Sie macht oft einen kleinen Anteil aus. Aber weil es sich dabei um ganz fremde Kulturen handelt, ruft sie die größten Ängste hervor“, sagte Greussing.

Lösungen: Chancen und Probleme offen ansprechen 
Greussing zählte einige Faktoren für eine gelingende Integration auf. Erstens die Einstellung der lokalen Politiker und Beamten: „Wer überzeugt ist,  dass es Lösungen gibt, findet sie auch“, sagte Greussing. Viele praktische Beispiele aus dem Netzwerk „Allianz in den Alpen“ würden das beweisen. 
Zweitens: Niemand schafft das alleine. Gemeinden sollten untereinander zusammenarbeiten, aber auch die öffentlichen Verwaltung mit den wirtschaftlichen Unternehmen vor Ort, mit den Ehrenamtlichen und den Vereinen: „Gerade Vereine haben ein großes Potenzial: Wenn sie sich neuen Bürgern öffnen, haben sie ein Mittel gegen ihren Mitgliederschwund und finden oft sogar neue Verantwortungsträger in den Führungsgremien.“ Gleichzeitig können sich die neuen Bürger schneller integrieren.
Wichtig ist auch das soziale Gleichgewicht: „Soziale Leistungen nur für Flüchtlinge – das bringt nichts“, sagte Greussing. Integration gelingt immer dann, wenn die Gemeinde versucht, die Lebensqualität für alle zu heben. 
Ein Schlüssel für die Integration sei schließlich die Sprache. Es gelte, Bürgern aus anderen Ländern möglichst viele Gelegenheiten anzubieten, unsere Sprache – auch den Dialekt – zu lernen. Genauso wichtig auch die Kommunikation: „Man muss vor Ort offen und sofort über Zuzug reden“, sagte Greussing. Die größten Ängste entstünden durch Unwissen. Damit rannte sie bei Landeshauptmann Kompatscher offene Türen ein: „Oft scheint mir, es gibt viele Tabuthemen. Dabei können wir eine vernünftige Politik nur machen, wenn wir Problemsituationen ansprechen und dann in der Praxis zu lösen versuchen.“