Südtiroler Landwirt, Produktion | 09.11.2017

„Haben sehr guten Waldbestand“

38 Jahre war Paul Profanter im Forstdienst des Landes tätig, etwa die Hälfte davon als Direktor der Abteilung Forstwirtschaft. Im Sommer ist er in Pension gegangen. Im Interview spricht er über sein persönliches Fazit, die Almerschließungen und die Herausforderung E-Bike. von Interview: Michael Deltedesco

Dank für einen verlässlichen Ansprechpartner für die Waldbesitzer: Paul Profanter (3. v. l.)

Dank für einen verlässlichen Ansprechpartner für die Waldbesitzer: Paul Profanter (3. v. l.)

Südtiroler Landwirt: Herr Profanter, Sie sind nun im Ruhestand, auch wenn Sie immer noch sehr gefragt und entsprechend viel unterwegs sind. Wie lautet Ihr persönliches Fazit?

Paul Profanter: Ich bin zufrieden in Pension gegangen, weil wir in den letzten 18 Jahren viel erreicht haben. Besonders wichtig war mir immer eine gute Ausbildung der Forstbeamten und der Kontakt zu den Grundeigentümern. Die Mitarbeiter verstehen ihre Arbeit heute im Sinne der Bürger. Sie sollen den Bürgern weiterhelfen, aber natürlich müssen auch Aufsicht und Kontrolle gewährleistet sein. Wir haben die Aufgabe, die Natur zu schützen, aber gleichzeitig die Waldbesitzer arbeiten zu lassen. Diesen Spagat zu schaffen, ist uns meist recht gut gelungen, auch wenn es manchmal Kritik gab.

Die Arbeit der Forstbehörde hat sich in den letzten Jahren verändert. Man hat das Gefühl, dass die Bürokratie zugenommen hat.
Das ist in der Tat ein Problem. Früher war vieles nicht nur einfacher, sondern wir hatten auch mehr Zeit, mit den Waldbesitzern zu reden und sie vor Ort zu beraten. Natürlich kann man einiges auch über Telefon oder per Mail erledigen, ein persönliches Gespräch ist aber nach wie vor wichtig. Daher haben wir versucht, die Bürokratie so klein wie möglich zu halten, damit die Förster nicht nur im Büro sitzen. Zudem sind wir auch immer öfter ein Ansprechpartner für die Gesellschaft und nicht nur für die Waldbesitzer.

Geändert haben sich auch die großen Themen, die den Wald betreffen. War es früher unter anderem das Waldsterben, so geht es heute häufig um den Klimawandel oder die Freizeitnutzung. Bleiben wir kurz bei der Freizeitnutzung: Wie lassen sich die Interessen der Waldbesitzer und die der Wanderer, Mountainbiker, Skitourengeher usw. unter einen Hut bringen?
Ich war immer ein Verfechter von Lenkungsmaßnahmen und nicht von Verboten, weil ich überzeugt bin, dass die besser funktionieren. Dafür muss man sich aber an einen Tisch setzen und sachlich diskutieren. Wichtig ist, dass alle Menschen, die in ihrer Freizeit die Natur suchen, Respekt vor Grund und Boden der Bauern haben. Dieser Respekt gegenüber privatem Eigentum muss gegebenenfalls auch durch Kontrollen garantiert werden. Auf alle Fälle ist ein Miteinander besser als ein Gegeneinander.

Im Moment boomen E-Bikes. Wie kann man möglichen Konflikten von vorneherein vorbeugen?
Die Forstbehörde hat immer schon auf Sensibilisierung gesetzt. In den siebziger Jahren war das Flora-Fauna-Gesetz ein großes Thema. Wir waren in den Schulen unterwegs und haben für den Schutz von Flora und Fauna geworben. Heute gibt es kaum mehr Übertretungen und Strafen in diesem Bereich. Auch beim Thema Müll in den Bergen haben wir die Menschen mit Erfolg sensibilisiert. Und bei den Mountainbikern bzw. E-Bikern wird hoffentlich genau dasselbe passieren.

Mit der Änderung des Klimas verändert sich auch der Wald. Auf was müssen sich die Waldbesitzer einstellen?
Dass sich der Wald verändert ist keine neue Entwicklung. Neu ist, wenn überhaupt, die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen eintreten. Der Wald klettert in die Höhe und wird es weiter tun. Einige Baumarten werden in Zukunft Probleme bekommen, besonders wegen der Trockenheit. Dafür werden sich andere Bäume stärker ausbreiten. Die Natur regelt vieles selbst, wenn man ihr genügend Zeit lässt. Aufgabe der Forstbehörde ist es, besonders dort einzugreifen, wo der Wald seine Funktionen, wie z. B. die Schutzfunktion der bewohnten Gebiete, nicht mehr erfüllen kann. Insgesamt aber kann man sagen, dass wir einen sehr guten Waldbestand haben.

Die Forstbehörde hat sehr vielfältige Aufgaben. Die Almen fallen auch hinein. Heiß diskutiert wurden in den letzten Jahren die Almerschließungen. Zu Recht?  
Wir haben über 1700 Almen, von denen die allermeisten Gott sei Dank noch bewirtschaftet sind. Almen sind ein wesentliches Element unserer Kulturlandschaft. Wir müssen alles tun, damit Almen auch in Zukunft bewirtschaftet und nicht aufgegeben werden.
Dort, wo die Voraussetzungen gegeben sind, ist eine Erschließung sinnvoll. Besonders wenn es sich um Milchviehalmen handelt. Bei einigen Almen wiederum ist eine Erschließung kaum machbar, weil zum Beispiel der Eingriff in die Landschaft zu groß wäre. Dort sind andere Formen der Erschließung vorzuziehen. Aber grundsätzlich glaube ich schon, dass eine zeitgemäße und der Landschaft angepasste Erschließung die Bewirtschaftung sichert.

Wenn es um Wald und Almen geht, bestimmt derzeit das Großraubwild die öffentliche Diskussion. Ist die Angst vor Wölfen und Bären berechtigt?
Die Menschen im Berggebiet versuchen seit jeher, die Natur zu nutzen, zu bewirtschaften. Dabei ist man in der Vergangenheit auf ein Hindernis gestoßen: das Großraubwild. Daher wurde das Großraubwild in Südtirol, aber nicht nur hier, ausgerottet. Früher wie heute gilt: Man kann nicht überall alles haben. Wir haben eine sehr gut funktionierende Berglandwirtschaft und eine intakte Almwirtschaft. Das verträgt sich nicht mit dem Großraubwild. Wir in Südtirol haben eine vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft, das Großraubwild bräuchte hingegen eine Naturlandschaft. Ich glaube, dass Südtirol nicht das geeignete Gebiet für Wölfe und Bären ist.