Südtiroler Landwirt | 12.10.2017

Alter Hof, modernes Wohnen

Der Aussergrubhof im Ultental: Von außen hat er seinen historischen Charakter bewahrt, innen erfüllt er moderne Ansprüche an Wohnlichkeit und Energieeffizienz. Die Forscher der Eurac Research stellen den Aussergrubhof als besonders gelungenes Beispiel für eine Sanierung vor. von Dagmar Exner, EURAC

Außen blieb der Aussergrubhof in seiner typischen Ultner Bauweise erhalten, innen wurde er energetisch saniert und richtig wohnlich gemacht.  (Foto: Arch. Rinaldo Ruvidotti)

Außen blieb der Aussergrubhof in seiner typischen Ultner Bauweise erhalten, innen wurde er energetisch saniert und richtig wohnlich gemacht. (Foto: Arch. Rinaldo Ruvidotti)

Es ist nur eines von vielen Beispielen, das die Forscher der Eurac Research dokumentiert haben, aber ein besonders gelungenes: der Aussergrubhof der Familie Thöni im Ultental. Mit ihren Erhebungen geht die Eurac der Frage nach, wie man historische Gebäude so sanieren kann, dass sie modernen Ansprüchen an Wohnlichkeit und Energieeffizienz genügen und trotzdem ihre architektonische Besonderheit bewahren.

Dass sie einen schönen alten Hof besitzt, war der Familie Thöni in St. Nikolaus bewusst: Erbaut in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der typischen Ultener Holzbauweise, mit Natursteinmauern im Erdgeschoss und einem mit Lärchenholzschindeln gedeckten Dach, fügt sich das Gebäude wunderbar in die Landschaft ein. Es gibt zwei getäfelte Stuben, eine Selchküche ganz aus Steinmauerwerk und mit Gewölbe, einen Erdkeller, in dem das Klima für die Lebensmittellagerung so perfekt ist, wie man es mit keiner neuen Konstruktion erreicht. 

Bis Ende der 1950er Jahre blieb das Haus unverändert. Seitdem gab es einige Umbauten: So wurde eine Außentreppe ins Obergeschoss angelegt. Aber der ursprüngliche Gebäudecharakter blieb erhalten. Die Veränderungen hatten also nichts zerstört, den Wohnkomfort aber auch nicht wesentlich verbessert. „Ursprünglich“ hieß für Familie Thöni deshalb auch: Außer zwei Stubenöfen und dem Küchenherd gab es keine Heizung; die Außenmauern waren im Winter eiskalt, und wirklich gemütlich war es nur am Ofen. Das ganze Geschoss unter dem ungedämmten Dach war nur als Lagerraum nutzbar.

Renovieren oder abreißen?
Doch mittlerweile hatte der erwachsene Sohn selbst Familie. Es galt also auch eine Lösung für das Zusammenleben dreier ­Generationen zu finden. Die Thönis standen vor der Frage: Renovieren oder Abreißen?
Sie entschieden sich für die Sanierung. „Sonst hätten wir so vieles aufgeben müssen, um das es schade gewesen wäre“, sagt Sohn Georg. „Mir war es wichtig, was die Vorfahren aufgebaut haben, auch mit Herz zu behandeln.“ Als gelernter Zimmermannsmeister gab ihm die vom Bozner Architekten Rinaldo Ruvidotti geplante Sanierung außerdem die Möglichkeit, viel eigene Arbeit und Sachkundigkeit einzubringen und damit Geld zu sparen. 

Die wichtigsten Wünsche
Die wichtigsten Wünsche der Familie: Der Sohn sollte eine eigene Wohnung im Obergeschoss bekommen. Außerdem wollte man bisher ungenutzten Raum für drei kleine den  Ferienwohnungen gewinnen. Jede Wohnung sollte einen eigenen Eingang bekommen. Und der Hof brauchte eine dem aktuellen technischen Standard entsprechende Zentralheizung für die Raumbeheizung und das Warmwasser.
Die neue Heizanlage sollte nicht wie üblich in den Keller, wie Architekt Ruvidotti erläutert: „Wir wollten ja das Kellergeschoss mit dem besonderen Erdkeller, mit der Backstube und dem typischen Backofen erhalten.“ Die Lösung war, den Heizraum außerhalb des Gebäudes unterirdisch zuzubauen und daneben gleich noch einen weiteren Raum zum Selchen. So konnte die ehemalige Selchküche mit dem schönen Steingewölbe wieder wie ursprünglich als Küche dienen. Ein zweites Fenster auf der Westseite gibt ihr nun mehr Licht.
Die Sanierung offenbarte, wie groß das Haus ist – jetzt, wo es in seiner Gesamtheit genutzt wird. Georgs Familie hat ihre Wohnung bekommen, für die Ferienwohnungen ist auch Platz. Um im Dachgeschoss eine bessere Belichtung und Raumhöhe zu erreichen, wurden zwei Gauben eingebaut. 

Energetische Sanierung im Detail
Die energetischen und bauphysikalischen Maßnahmen stellen nun sicher, dass das ganze Gebäude bei niedrigem Energieverbrauch gleichmäßig geheizt werden kann. Gleichzeitig werden damit Feuchtigkeitsschäden verhindert. So wurden die Außenwände des Holzblockbaus nach Entfernen der Täfelung auf der Innenseite mit zehn Zentimeter starken Hanffaserplatten gedämmt. Ein diffusionsoffenes Windpapier an der Außenseite der Dämmung verhindert das Eindringen von Schlagregen und schützt die Dämmung vor Auskühlen durch Wind. Auf der Innenseite wurden auf der Dämmung erst eine Dampfbremse angebracht, um die Konstruktion vor feuchter Raumluft zu ­schützen, und anschließend die ursprüngliche Holztäfelung oder Gipsfaserplatten eingebaut. Einzig der Bereich der historischen Stube aus dem 18. Jahrhundert blieb unberührt.
Der U-Wert der gedämmten Blockbauwand konnte so auf 0,24 W/m²K verbessert werden. Dadurch geht nicht nur weniger Wärme verloren, sondern die höhere Oberflächentemperatur der Wand sorgt auch für mehr Behaglichkeit: Sie liegt jetzt in einem auf 20°C beheizten Raum bei 18,5 °C.
Teile der alten Steinwand, die in den 1970er Jahren durch Ziegel ersetzt wurden, wurden mit einem Hohlziegel und zehn Zentimeter EPS-Dämmung neu aufgemauert. Das Dach erhielt insgesamt 16 cm Aufsparrendämmung über dem gesamten bewohnten Bereich, die Fenster aus den 1970er Jahren wurden durch neue Lärchenholzfenster mit Zweifachverglasung (Ug-Wert 1,1 W/m²K) ersetzt. Die Decke zum unbeheizten Keller konnte mit einer Schicht Polyfoam-Dämmung sowie Blähtonschüttung ebenfalls etwas energetisch verbessert werden.
Auf der Nordseite des Gebäudes wurde eine Drainage angelegt, um eindringende Feuchtigkeit in die Kellermauern zu verhindern. Geheizt wird das Haus mit erneuerbaren Energien, die Familie kann in der zentralen Hackschnitzelheizanlage ihr eigenes Holz verwenden.

Fenster und Wände gemeinsam sehen
Die Fenster auszutauschen und gleichzeitig die Wände zu dämmen war eine wichtige und richtige Entscheidung: Die neuen Fenster sind luftdicht, wenn sie geschlossen sind. Und das ist gut so, denn damit wird nicht nur unangenehme Zugluft vermieden, sondern auch, dass ununterbrochen viel Wärme verloren geht. Es ist wesentlich sinnvoller, die nötige Frischluft durch gezieltes Stoßlüften in die Wohnräume zu bringen! Wenn dadurch jedoch nicht mehr kontinuierlich kalte, trockene Außenluft in die Wohnräume strömt, kann die Feuchtigkeit deutlich höher sein als vorher – je nachdem, wie viel Feuchtigkeit Menschen und Pflanzen in den Räumen abgeben: Eine relative Feuchte von 65 Prozent (v. a. in den weniger warmen Räumen) ist dann ein durchaus realistischer Wert, der auch für uns Menschen angenehmer ist. Würden nun die Mauern nicht gedämmt werden, blieben die Wände innen kalt, und die Feuchtigkeit im Raum könnte dort kondensieren – so wie im Badezimmer am Spiegel nach dem Duschen. Das entstehende feuchte Mi­lieu böte dann ideale Voraussetzung für das Wachstum von Schimmel. Die Mauer zu dämmen und damit deren Temperatur an der Innenfläche zu erhöhen, vermeidet dieses Risiko. 

Mit Schimmel-Irrglauben aufräumen
Hier sei auch mit einem häufigen Irrglauben aufgeräumt: Ob die Dämmung dampfdicht ist – also Feuchtigkeit durchlässt – oder nicht, beeinflusst das Schimmelrisiko nicht, betont Alexandra Troi von der Eurac. Hilfreich ist es, wenn die Wand innen Feuchte puffern kann und wie Kalk grundsätzlich „schimmelfeindlich“ ist. Auch die „dampfoffenste“ Wand, ob mit oder ohne Dämmung, könnte niemals genügend Feuchtigkeit nach außen abgeben. Die nötige Menge an Feuchtigkeit wird man nur durch konsequentes Lüften los – manuell oder mit einer Lüftungsanlage.

Wohnkomfort und Heizkosten
Wie wichtig eine energetische Sanierung ist, damit auch die Heizungskosten nicht explodieren, zeigt folgender Vergleich: In einem unsanierten Haus wäre der vergleichbare Wohnkomfort nur bei einem fast dreifachen Energiebedarf zu erreichen.
Familie Thöni genießt die neue Behaglichkeit. Die Sanierung wurde 2014 mit dem Itas-Preis ausgezeichnet – als besonderes Beispiel dafür, dass man viele Dinge unter einen Hut bringen kann: das historische Erscheinungsbild bewahren, Wohnqualität und Nutzbarkeit verbessern und die Energiekosten niedrig halten. 



Atlas gibt Orientierung

Beispiele gelungener Sanierungen analysieren und dokumentieren, damit Architekten, Planer und Eigentümer sich daran orientieren können: Dieses Ziel verfolgen Dagmar Exner und Francesca Roberti von Eurac Research mit dem „Gebäudeatlas“. Bauernhöfen gilt dabei ein besonderes Augenmerk, denn mit 1500 geschützten Höfen sind sie die größte Gruppe denkmalgeschützter Gebäude. 20 Vorzeigesanierungen haben Exner und Roberti 2016 untersucht, beschrieben und in einer Datenbank alle interessanten Aspekte einer energetischen Sanierung erfasst: Bauweise, Materialien, Strategien zur Energieeinsparung. Sie dokumentieren auch unsa­nierte historische Gebäude und deren ursprüngliches energetisches Verhalten.

Essecke 2 Skyzze

Eigentümer gesucht:
Je mehr sanierte Gebäude die Expertinnen untersuchen können, desto vollständiger wird der Atlas. Deshalb freuen sie sich über jeden Hausbesitzer, der seine Sanierungslösungen oder auch den ursprünglichen Zustand des Gebäudes analysieren lässt. Dies ermuntert auch andere Eigentümer, ihr altes Haus nicht abzureißen, sondern nur wohnlicher und energieeffizienter zu machen.

Kontakt: Dagmar Exner, Tel. 0471 055655; dagmar.exner@eurac.edu. Francesca Roberti, Tel. 0471 055644; francesca.roberti@eurac.edu.