Südtiroler Landwirt, Produktion | 29.09.2017

Nachgewiesen nachhaltig

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, seit die Südtiroler Milchhöfe mit einem Fragebogen Daten zu den Höfen ­ihrer Mitglieder erhoben haben. Nun liegt mit dem Nachhaltigkeitsbericht ein wertvolles Instrument vor, das zur Weiterentwicklung der Südtiroler Milchwirtschaft beitragen soll. von Bernhard Christanell

Wenn Südtirols Bergbauern Milch liefern, dann arbeiten sie auch nachhaltig: Das zeigt der neue Bericht mit vielen interessanten Zahlen. (Foto: Frieder Blickle)

Wenn Südtirols Bergbauern Milch liefern, dann arbeiten sie auch nachhaltig: Das zeigt der neue Bericht mit vielen interessanten Zahlen. (Foto: Frieder Blickle)

Der über 40 Seiten starke und grafisch ansprechend gestaltete Bericht soll nicht nur dazu dienen, die Wünsche des Handels und der Gesellschaft nach einem Nachweis für die Nachhaltigkeit der Südtiroler Milchwirtschaft zu befriedigen. Für Annemarie Kaser, die Direktorin des Sennereiverbandes, ist er auch eine wichtige Standortbestimmung: „Mit dem Bericht haben wir jetzt erstmals konkrete Anhaltspunkte, welches die Stärken unserer Milchwirtschaft sind und wo wir uns noch verbessern können.“ Nicht nur der Sennereiverband und die Milchhöfe, sondern auch jeder einzelne Milchlieferant kann anhand der erhobenen und im Bericht aufgearbeiteten Daten sehen, wo er mit seinem Betrieb steht und wie er sich entwickeln kann.

Nachhaltigkeit hat viele Facetten
Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist seit Jahren ein wichtiges Schlagwort, wenn es um Forderungen und Wünsche an die Landwirtschaft geht. Was genau darunter zu verstehen ist, ist oft alles andere als greifbar. Schon bei der Ausarbeitung des Fragebogens haben der Sennereiverband und die Freie Universität Bozen den Begriff „Nachhaltigkeit“ recht weit gefasst – und diese Definition auch gleich an den Beginn des nun vorliegenden Nachhaltigkeitsberichtes gestellt: „Nachhaltigkeit ist langfristiges Denken und Handeln in den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Tierwohl.“ Bei der Aufarbeitung der Daten aus den Fragebögen ist der Sennereiverband anhand dieser Definition die einzelnen Bereiche durchgegangen. 

Vielfalt auf den Feldern
Im Bereich der Ökologie kann sich die Bilanz der Südtiroler Milchwirtschaft sehen lassen. Von den knapp 5000 Höfen der Südtiroler Milchlieferanten, die den Fragebogen eingereicht haben, gibt es immerhin 1039 mit wertvollen Magerwiesen und artenreichen Bergwiesen mit bis zu 80 verschiedenen Pflanzenarten – ein eindeutiges Zeichen für eine hohe Biodiversität. 1060 Betriebe bearbeiten Flächen in Natura-2000-Gebieten. Auch die erneuerbaren Energien spielen eine bedeutende Rolle: 330 Betriebe sind Mitglieder einer Biogasanlage, 946 Betriebe nutzen Sonnenenergie mittels Photovoltaik, 770 Betriebe produzieren Hackschnitzel. 30 Prozent der Bergbauern betreiben zusätzlich noch aktiv Forstwirtschaft und tragen so zur Erhaltung des Südtiroler Waldes bei. 

Kleine Höfe und steile Wiesen
Einmal mehr beweisen die Zahlen aus dem Bericht auch, unter welch schwierigen Bedingungen die Südtiroler Milchbauern arbeiten. Über 80 Prozent der Betriebe liegen über 1000 Meter Meereshöhe, fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen weist eine Hangneigung von über 30 Prozent auf. Für 92 Prozent der Bergbauern ist die Milchwirtschaft nach wie vor das wichtigste wirtschaftliche Standbein. Dennoch werden nur 30 Prozent der Betriebe im Vollerwerb geführt, fast jeder vierte Betrieb verdient sich durch das Angebot von Urlaub auf dem Bauernhof etwas dazu. Der durchschnittliche Bergbauernhof verfügt über 14 Hektar Grund und Boden, davon sind neun Hektar Dauergrünland. Im Stall stehen im Schnitt 15 Kühe und acht Stück Jungvieh. Über die Hälfte der Betriebe hat maximal 20 Tiere im Stall stehen.

Großes Engagement im Ehrenamt
Ebenfalls angesprochen wird im Nachhaltigkeitsbericht der soziale Aspekt – insbesondere das Ehrenamt: Knapp 60 Prozent der Betriebsleiter engagieren sich ehrenamtlich, sei es in berufsbezogenen Verbänden oder in anderen Vereinen. Über die Hälfte der Betriebsleiter engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen wie der Feuerwehr und der Musikkapelle. Die bäuerliche Familie ist ein soziales Vorzeigemodell: In 40 Prozent der Betriebe werden Familienmitglieder zu Hause gepflegt.
Die Vielfalt auf den Südtiroler Bergbauernhöfen zeigt sich nicht nur in den verschiedenen Rinderrassen, sondern auch in der Landschaft. Bei 52 Prozent der Betriebe sind auf den bewirtschafteten Grünflächen Landschaftselemente vorhanden, dazu gehören unter anderem auch insgesamt 1079 Kilometer Trockenmauern. 20 Prozent der Betriebe halten vom Aussterben bedrohte Rassen wie Grauvieh, Pinzgauer, Pustertaler Sprinzen und Original Braunvieh – Tendenz steigend. 

Tierwahl spielt zentrale Rolle
Wenn von Nachhaltigkeit in der Tierhaltung die Rede ist, dann spielt in der öffentlichen Diskussion das Tierwohl eine immer zentralere Rolle. Auch hier kann sich die Südtiroler Milchwirtschaft sehen lassen: Trockenstehende Kühe haben in sieben von zehn Betrieben Zugang zu Laufhof, Weide oder Alm, und in zwei Prozent der Betriebe verbringen sogar die laktierenden Tiere den Sommer auf der Alm.
Bei mehr als drei Viertel der Betriebe verbringt das Jungvieh die Sommerfrische auf der Alm. 60 Prozent der Betriebe haben in den vergangenen Jahren Verbesserungen bei den Haltungsbedingungen der Tiere vorgenommen und dadurch deren Wohlbefinden maßgeblich gesteigert. Dennoch sieht Annemarie Kaser gerade hier noch Luft nach oben: „Historisch und geografisch bedingt, ist die Anbindehaltung bei uns noch recht verbreitet. Daran müssen wir arbeiten, denn eines ist uns klar: Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung kann es bei uns auf lange Sicht nicht mehr geben.“
Rechtzeitig reagieren muss die heimische Viehwirtschaft auch bei der Aufzucht von Jungvieh: „Noch setzen 85 Prozent aller Betriebe eigene Tiere für die Nachzucht ein, doch dieser Anteil wird laufend kleiner. Hier müssen wir nach Lösungen suchen, um die eigene Aufzucht zu sichern.“
Zum Nachweis der Nachhaltigkeit tragen auch die gentechnikfreie Fütterung und der bedeutende Anteil an Betrieben bei, in denen der Raufutteranteil an der Trockenfutter-Jahresration mindestens 75 Prozent beträgt und deren Milch als Heumilch vermarktet werden kann. Ständig kontrolliert wird auch die Qualität der Melkanlagen – in 65 Prozent der Betriebe erfolgt diese Kontrolle einmal pro Jahr. 

Rohmilch von höchster Qualität
Beeindruckend sind schließlich die Zahlen zur Qualität der Rohmilch: Der Sennereiverband prämiert jedes Jahr jene Lieferanten, die das gesamte Jahr Milch mit Spitzenqualität abliefern – also mit einer Gesamtkeimzahl unter 50.000 je Millimeter und einer Zellzahl unter 250.000 je Millimeter. Im vergangenen Jahr erhielt erstmals mehr als die Hälfte der Betriebe diese Auszeichnung in Form einer Plakette, die an der Stalltür angebracht werden kann.
Grund zur Zuversicht gibt die Tatsache, dass Südtirols Milchbauern großteils optimistisch in die Zukunft blicken: Dieser lässt sich auch statistisch belegen. Knapp drei Viertel aller Bergbäuerinnen und Bergbauern sind mit der wirtschaftlichen Situation in den vergangenen drei Wirtschaftsjahren zufrieden, 70 Prozent wollen auch künftig gleich viele Kühe halten wie bisher.

Gute Basis für weitere Schritte geschaffen
Der Nachhaltigkeitsbericht soll nur ein erster Schritt für die Weiterentwicklung der heimischen Milchwirtschaft sein: „Wir haben nun eine Basis geschaffen, auf der wir aufbauen können. Die nächsten Schritte bestehen nun darin, dass wir uns anschauen, wo es Entwicklungsmöglichkeiten gibt. In einigen Jahren werden wir wieder eine ähnliche Erhebung machen, um zu sehen, ob wir die richtigen Schritte gesetzt haben“, erklärt Kaser.  

Den Nachhaltigkeitsbericht kann man hier online durchblättern.