Südtiroler Landwirt, Wirtschaft | 29.09.2017

Überraschende Fusionspläne

Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Der Südtiroler Rinderzuchtverband und der Südtiroler Fleckviehzuchtverband wollen sich zusammenschließen. Mit der Entscheidung haben die beiden Verbände viele überrascht, die Nachbarn im Haus der Tierzucht sind verwundert. von Bernhard Christanell

Eine „Hochzeit“ steht im Haus der Tierzucht bevor: Der Rinderzuchtverband und der Fleckviehzuchtverband wollen gemeinsame Wege gehen.

Eine „Hochzeit“ steht im Haus der Tierzucht bevor: Der Rinderzuchtverband und der Fleckviehzuchtverband wollen gemeinsame Wege gehen.

Spätestens seit die einzelnen Verbände vor etwas mehr als zehn Jahren gemeinsam in das Haus der Tierzucht eingezogen sind, stand die Frage im Raum: Wäre es nicht sinnvoller und im Sinne der Bergbauern, alle Tierzuchtverbände in einem einzigen zusammenzuschließen, in dem sich die einzelnen Rassen trotzdem gut weiterentwickeln können?
Die Erkenntnis, dass die Antwort auf diese Frage eigentlich nur „Ja“ lauten kann, ist langsam gereift. Schritt für Schritt haben die einzelnen Verbände in den vergangenen Jahren durch die unmittelbare Nachbarschaft im Haus der Tierzucht Möglichkeiten zur Zusammenarbeit entdeckt und diese auch in der täglichen Arbeit umgesetzt. 

Druck der Politik hat sich laufend erhöht
Grund dafür war nicht zuletzt auch der Druck vonseiten der Landespolitik, die immer klarere Forderungen stellte. Zuletzt sprach Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung des Südtiroler Rinderzuchtverbandes klare Worte: Die Zusammenarbeit müsse sich noch wesentlich verbessern, sonst würden die Fördergelder an die Verbände gekürzt. Mehr Geld gebe es nur, wenn die Zuchtverbände fusionieren. Im Sommer folgte mit der Gründung eines gemeinsamen Unternehmensnetzwerkes ein nächster konkreter Schritt: Die Verbände der Vieh- und Milchwirtschaft wollten damit interne Verwaltungsprozesse optimieren, Kosten sparen und der gesamten Branche eine stärkere, einheitliche Stimme verleihen.
Rund zwei Monate später – am 20. September – folgte dann der nächste Paukenschlag: Die Verwaltungsräte des Südtiroler Fleckviehzuchtverbandes und des Südtiroler Rinderzuchtverbandes fassten einen einstimmigen Beschluss für eine gemeinsame Zukunft. Anders gesagt: Sie wollen sich zusammenschließen. In einer Aussendung an den „Südtiroler Landwirt“ schreiben die beiden Verbände dazu: „Damit wird in der Südtiroler Viehzucht ein Meilenstein gesetzt und die Marschrichtung für die nächsten Jahre vorgegeben.“ 

Von Verhinderern zu Vorreitern
Bemerkenswert ist dabei, dass es gerade diese beiden Verbände waren, die sich vor einigen Jahren gegen eine Fusion der Tierzuchtverbände ausgesprochen hatten. In ihrer Aussendung sprechen die beiden Verbände das auch konkret an: In einer 2010/11 veröffentlichten Studie wurde das Ziel eines „Großverbandes“ formuliert, bei der Vorstellung eines einzigen Verbandes im Haus der Tierzucht sei „dem einen oder anderen aber doch etwas mulmig“ geworden. „Es liegt auf der Hand, dass bei so vielen Akteuren ein gemeinsamer Nenner schwer zu finden ist – und eine Hochzeit wird immer zu zweit gefeiert“, erklären die beiden Verbände in ihrer Aussendung. 

„Bewährtes soll ausgebaut werden“
Dennoch sei die Zusammenarbeit kontinuierlich intensiviert worden und der Grundgedanke eines starken Rinderverbandes mit den Kernaufgaben Zucht, Versteigerungen, Ausstellungen und Beratung gereift. Mit der Fusion werde nichts Neues erfunden, sondern das, was der Rinderzuchtverband bislang mit den Rassen Grauvieh, Holstein und Pinzgauer vorgemacht habe, wird mit den Rassen Fleckvieh, Sprinzen sowie den Fleischrassen ergänzt. Die einzelnen Rassengruppierungen sollen in ihren Zuchtausschüssen auch weiterhin autonom Entscheidungen treffen und sich optimal entfalten können. 

Mitglieder haben bei Vollversammlung das letzte Wort
Die Mitglieder sollen von den Veränderungen kaum etwas spüren, da diese in erster Linie die Verwaltung betreffen würden – Versteigerungen und andere Tätigkeiten sollen wie gehabt weiterlaufen. Dennoch sollen die Mitglieder das letzte Wort bei den Fusionsplänen haben und bei ihrer Vollversammlung im kommenden Jahr über die geplante Fusion abstimmen. Die Obmänner der betreffenden Verbände – also Heinrich Ennemoser für den Rinderzuchtverband und Michael Treyer für den Fleckviehzuchtverband – versprechen sich vom Zusammenschluss längerfristig Synergieeffekte und Kosteneinsparungen. „Dies soll ein erster Schritt sein. Längerfristiges Ziel ist ein gemeinsamer Rinderverbund, in dem alle Rassen daheim sind“, heißt es in der Aussendung. 

Südtiroler Braunviehzuchtverband will mit einbezogen werden
Das wirft die Frage auf, was mit dem verbleibenden großen Rinderzuchtverband im Lande – dem Südtiroler Braunviehzuchtverband – passiert. Dessen Führungsspitze um Obmann Alois Hellrigl war über die Fusionspläne der beiden anderen Rinderzuchtverbände nicht informiert und dementsprechend überrascht: „Der Braunviehzuchtverband spricht sich seit vielen Jahren offen und klar für einen Zusammenschluss bzw. die Fusion aller Tierzuchtverbände aus und hat in dieser Sache auch stets eine aktive Rolle innegehabt. Dabei war es uns ein Prinzip, dies offen und klar zu diskutieren und alle Verbände im Tierzuchtbereich in diese Verhandlungen mit einzubeziehen“, unterstreicht Hellrigl.
In den Gremien des Braunviehzuchtverbandes sei eine Fusion des Öfteren behandelt worden, und es gebe dazu einen breiten Rückhalt sowohl im Verwaltungsrat als auch bei den Mitgliedern. Auch in einer Sitzung der Vereinigung der Südtiroler Tierzuchtverbände in der Woche vor dem Fusionsbeschluss wurde das Thema von den Vertretern des Braunviehzuchtverbandes angesprochen und klar gesagt, dass man auf jeden Fall Interesse hat, bei so einer Fusion dabei zu sein. Ein Schreiben mit dem Vorschlag, den Braunviehzuchtverband in die Verhandlungen mit einzubeziehen, sei bereits den beiden fusionswilligen Rinderzuchtverbänden zugestellt worden. 

Zusammenschluss aller Verbände birgt „großes Potenzial“
„Der Braunviehzuchtverband sah und sieht in einem Zusammenschluss aller Viehzuchtverbände ein großes Potenzial. Die Züchter der verschiedenen Rassen sind alles Bauern mit ähnlichen Interessen, Anliegen und Problemen. Die Aufgabe der Verbände ist es, sich mit gemeinsamen Kräften für den gesamten Sektor einzusetzen“, unterstreicht Hellrigl.  Dafür sei es aber wichtig, dass all jene, die bei einem möglichen Zusammenschluss dabei sein möchten, auch die Chance bekommen, sich einzubringen.
Bleibt die Frage, wie die Politik auf die neue Situation im Haus der Tierzucht reagiert und ob sie die versprochenen zusätzlichen Förderungen daran knüpft, dass auch wirklich alle Tierzuchtverbände bei einer möglichen Fusion mitmachen.


Kommentar 

Historische Chance nutzen

Der Fleckvieh- und der Rinderzuchtverband wollen fusionieren. Es ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Der erste Schritt war vor über zehn Jahren der Einzug in das gemeinsame Haus der Tierzucht. Seither haben die Verbände ihre Zusammenarbeit intensiviert, im heurigen Juli dann ein Unternehmensnetzwerk gegründet. 

Der Südtiroler Bauernbund ist überzeugt: In heutigen Zeiten muss die Südtiroler Rinderzucht gemeinsam handeln und mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. Es ist ein guter Schritt, wenn zwei der drei Verbände zusammen gehen. Er zeigt: Ängste können überwunden und gemeinsame Ziele gefunden werden. 

Dies lässt erwarten, dass nun auch der letzte logische Schritt vollzogen werden kann: die vollständige Einheit der gesamten Südtiroler Rinderzucht. Das heißt, auch der Braunviehzuchtverband muss mit ins Boot! Schließlich stehen alle Südtiroler Rinderhalter vor den gleich großen Herausforderungen. Gelingt dies, dann beweist der Sektor, dass er einig in die Zukunft blickt und gestärkt aus einem langjährigen Findungsprozess hervorgeht. Diese Chance steckt in der Entscheidung der zwei Verbände, die sich ihrer historischen Verantwortung bewusst sind.

Daher sind wir im Südtiroler Bauernbund überzeugt: Nun gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen. Wir hoffen, dass dieser letzte Schritt bis Jahresende gelingt. Wir werden eine aktive Rolle übernehmen, damit dieser Schritt im Sinne der Südtiroler Bergbauern getan wird. 

Leo Tiefenthaler, SBB-Landesobmann