Produktion, Südtiroler Landwirt | 15.09.2017

Kleine fliegende Knechte

Noch vor wenigen Jahren schien der Einsatz von Drohnen im täglichen Leben reine Science-Fiction. Mittlerweile ist die Verwendung dieser kleinen Fluggeräte in manchen Bereichen schon Alltag – auch in der Landwirtschaft. von Manfred Mussner

Eines der bereits gebräuchlichen Einsatzgebiete von Drohnen ist die Errichtung von Hagelnetzen. (Foto: SOLEON)

Eines der bereits gebräuchlichen Einsatzgebiete von Drohnen ist die Errichtung von Hagelnetzen. (Foto: SOLEON)

Gegen Ende des Jahres 2013 schrieb die Plattform „Innovation Südtirol“ einen Ideenwettbewerb zum Thema „Einsatzbereiche für Drohnen“ aus. Jeder Interessierte konnte seine Vorstellungen dazu einbringen, Ideen präsentieren, in welchen Bereichen Drohnen sinnvoll zum Einsatz kommen könnten, die besten davon wurden ausgezeichnet. Vor allem junge technikbegeisterte Schüler und Studenten nahmen an diesem Wettbewerb teil.  Unter den damals eingelangten Vorschlägen befanden sich einige, deren Umsetzung aus rechtlichen oder technischen Gründen auf absehbare Zeit unmöglich schien, die Jury konnte aber einen umfangreichen Schatz an Ideen erkennen, die – so schien es – in nicht allzu ferner Zukunft auch umgesetzt werden könnten.

Landwirte besonders ideenreich
Heute, nur wenige Jahre später, kommt eine Vielzahl dessen, was vor Kurzem noch wie Zukunftsmusik erschien, auch in Südtirol bereits täglich zum Einsatz. Besonders die Landwirtschaft hat sich, nach der immer noch stark dominierenden Luftbildfilmerei und -fotografie zu Werbezwecken, als eines der Hauptbetätigungsfelder für den zivilen Einsatz von Drohnen hervorgetan. Es finden sich zahlreiche interessante und hilfreiche Anwendungsmöglichkeiten für diese kleinen fliegenden Knechte.
Die Vorteile der Verwendung von Drohnen in der Landwirtschaft sind offensichtlich: Zuerst einmal bieten sie ein Bild von oben. Erkenntnisse aus der Luft, die dem Landwirt dank Kamera und verschiedener Sensoren Auskunft über Zustand von Pflanzen und Böden liefern. Durch ihre geringe Größe und starke Manövrierfähigkeit können sie selbst auf kleinerem und schwer zugänglichem Raum agieren – und dies wesentlich kostengünstiger, als es bislang mithilfe von Hubschraubern oder anderen Hilfsmitteln möglich war.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Konkret eingesetzt werden Drohnen in Südtirol vorwiegend in den folgenden Bereichen: als Unterstützung bei der Einrichtung von Hagelnetzen durch Ziehen von Hilfsseilen und als Luftüberwachung der Arbeiten, bei der Ausbringung von Schädlingsbekämpfungs- und Löschmitteln, in der Quantifizierung von Hagel- oder Schädlingsschäden durch programmierte Flächenbefliegung, bei Landschaftserhebungen oder Kartografierungen, beim Aufspüren von Rehkitzen zur Vermeidung des Mähtodes, in der Früherkennung von Pflanzenkrankheiten, in der Bestimmung der Vegetationsdichte, bei allgemeinen Bestandsaufnahmen sowie bei Grundstücksvermessungen.
Diese Drohneneinsätze werden meist bereits im Büro vorab genau geplant und vielfach vorprogrammiert, die Daten nach dem Flug professionell ausgewertet und für zukünftige Einsätze, aber auch für Vergleiche und weitere Datenauswertungen gespeichert. Vor allem die sogenannte „Präzisionslandwirtschaft“, also die gezielte, elektronisch gesteuerte und ortsdifferenzierte landwirtschaftliche Nutzung von Flächen, kann mittlerweile nicht mehr auf die fliegenden Helfer verzichten. Diese erstellen multispektrales Kartenmaterial, geben es per Satellit direkt an Leitstellen weiter, die ihrerseits wieder mit fahrerlosen Maschinen verbunden sind und diese sprühend, streuend oder mähend über die Felder steuern.

Drohnen und ihre Grenzen
Natürlich stößt die Nutzung von Drohnen auch in der Landwirtschaft an ihre Grenzen. Technisch gesehen bestehen diese Grenzen vor allem in der Reichweite und Einsatzdauer von Drohnen. Selbst leichte Geräte ohne größere Zuladung haben eine begrenzte Akku­laufzeit, danach heißt es aufladen oder Batteriewechsel. Zurzeit werden Drohnen auf Flächen von einer Größe bis maximal 200 Hektar eingesetzt.
Zudem muss jedes Gerät zumindest über grundlegende Sicherheitssysteme verfügen, die einen Verlust der Drohne bei Abbruch des Kontaktsignals und eine schnelle sichere Landung in Gefahrensituationen möglich machen.
Rechtlich gesehen sind die Einsatzmöglichkeiten vor allem deshalb begrenzt, weil ein Flug der Drohne nur durch Steuerung vonseiten eines Piloten, der stetig Sichtkontakt beibehält, erlaubt ist. Die Überwachung des Almviehs direkt vom heimischen Hof aus, mittels einer vom Computer gesteuerten Drohne, ist somit rechtlich noch nicht möglich. Zudem ist beim Einsatz von Drohnen immer zu beachten, dass weder Personengruppen noch Häuseransammlungen überflogen werden dürfen. Auch der Flug in Flughafenverkehrszonen ist nur mit zeitlich begrenzter Sondergenehmigung der Luftfahrtbehörde erlaubt, grundsätzlich aber immer verboten. Dies betrifft in Südtirol den gesamten Bozner Talkessel von Neumarkt über Kaltern, Eppan bis Terlan, den Eingang ins Sarntal, Oberbozen, Karneid und Blumau.

ENAC muss zustimmen
Zudem benötigt man für die gewerbliche Nutzung von Drohnen noch eine Zertifizierung der Luftfahrtbehörde ENAC. Diese ist zwar für sogenannte „nichtkritische“, also vom Gefahrenstand her unbedenkliche Einsätze von Drohnen im Eigenerklärungsweg relativ einfach zu erhalten, setzt jedoch eine umfangreiche und aufwendige Ausbildung des Piloten bei einer zertifizierten Flugschule voraus. Ohne diese Zertifizierung kann eine Drohne nur für reine Freizeit- und Hobbyzwecke genutzt werden.
Schlussendlich noch ein kleines Detail am Rande: Unter dem Begriff Drohne versteht man eigentlich ein ferngesteuertes unbemanntes Fluggerät, welches über eine an Bord befindliche Kamera geflogen wird, die dem Piloten am Boden ein ähnliches Bild liefern sollte, als ob er selber an Bord wäre. Da Drohnen jedoch, wie bereits erwähnt, immer in direkter Sichtweite des Piloten geflogen werden müssen, sind die amtlich genutzten Begriffe „ferngesteuertes Flugobjekt“ oder „Multikopter“ auch technisch die einzig richtigen. Dass diese im Volksmund Drohnen genannten fliegenden Geräte trotzdem in der Landwirtschaft bereits jetzt enorm hilfreich sein können, steht jedoch außer Frage.


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Zum Autor
Der Verfasser dieses Artikels ist Leiter der staatlichen Luftfahrtbehörde ENAC in Südtirol, welche die Zuständigkeit in allen Bereichen der zivilen Luftfahrt innehat. Auch die Reglementierung des Einsatzes von ferngesteuerten Flugobjekten sowie die Sanktionierung bei Zuwiderhandlungen fallen in die Zuständigkeit der ENAC.