Produktion, Südtiroler Landwirt | 31.08.2017

Wer verschont blieb, kann aufatmen

Alles hat auch eine Kehrseite: So ist die deutlich geringere Apfelernte, die Europa und auch Süd­tirol einfahren werden, zwar eine Herausforderung, trotzdem können VOG und VI.P dem aber auch etwas Positives abgewinnen: Der Markt kommt wieder ins Gleichgewicht. von Renate Anna Rubner

Zunächst ein trockener Winter und Frühling, dann die Spätfröste und zu guter Letzt auch noch Hagelschlag – denkbar schlechte Voraussetzungen für die diesjährige Apfelernte. Allerdings hat das Wetter nicht nur in Südtirol seine deutlichen Spuren hinterlassen: Die europäische Apfelernte verspricht von der Menge her deutlich hinter jener der letzten Jahre zu bleiben. Das geht aus der Ernteschätzung der Weltvereinigung für Äpfel und Birnen (WAPA) hervor, die Anfang August auf der Prognosfruit im spanischen Lleida vorgestellt wurde. Die Marktbeobachter rechnen demnach heuer mit einer Erntemenge von insgesamt 9,343 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Minus von 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (2016). Der Grund für diese drastischen Einbußen sollen laut WAPA die intensiven Spätfröste während der Apfelblüte sein, aber auch Dürre, die vielerorts im Frühjahr und Sommer herrschte.

Italiens Ernte bricht deutlich ein
Italien wird in diesem Jahr nach WAPA-Schätzungen 1,757 Millionen Tonnen Äpfel ernten, das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Einbruch von knapp 21 Prozent. Für Deutschland rechnet man mit einem Minus von 46 Prozent und damit mit einem Ernteaufkommen von 555.000 Tonnen. Aber auch andere große Apfelproduzenten in der Europäischen Union müssen mit Einbußen rechnen. Polen dürfte mit 2,870 Millionen Tonnen fast ein Drittel weniger Äpfel ernten als 2016. Etwas weniger heftig trifft es Frankreich, das Einbußen von acht Prozent hinnehmen muss und damit 1,396 Millionen Tonnen Äpfel ein­fahren wird.
Deutliche Rückgänge in der Apfelproduktion gibt es auch in anderen Ländern der Nordhalbkugel. So soll die Ernte in Russland gegenüber dem Vorjahr um 37 Prozent kleiner ausfallen und in der Schweiz um 21 Prozent. Einbußen von 19 Prozent werden für Weißrussland vorausgesagt, in der Ukraine ein Minus von zehn Prozent. Die Obstbauern in den USA werden dagegen voraussichtlich eine stabile Ernte um 4,800 Millionen Tonnen einbringen. Für China erwartet man dagegen ein weiteres Wachstum um drei Prozent, wodurch eine Erntemenge von 43,800 Mil­lionen Tonnen prognostiziert wird.
Wer aber verschont blieb oder seine Ernte zu schützen wusste, kann in diesem Jahr auf gute Preise hoffen. Denn die geringeren Mengen könnten laut WAPA zu einem entspannten Marktgeschehen führen, weil sich das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einpendeln kann. Der EU-Apfelmarkt leide nämlich immer noch unter den Konsequenzen des russischen Handelsembargos, erklären die Marktexperten. Auch die nordafrikanischen Märkte hätten zuletzt weniger importiert.

Schwierige abgelaufene Verkaufssaison
Aber wie sieht die Situation nun in Südtirol aus? Und was erwarten sich die Vermarkter, konkret Gerhard Dichgans, Direktor des Verbands der Obstgenossenschaften (VOG), und Josef Wielander, Direktor der Vinschgauer Produzenten (VI.P), von der diesjährigen Ernte und der anstehenden Vermarktungssaison. Der „Südtiroler Landwirt“ hat nachgefragt. Zunächst gilt es, in die Lager zu schauen und einen kurzen Rückblick auf die abgelaufene Vermarktungssaison zu werfen. Josef Wielander blickt auf eine „alles andere als normale Saison“ zurück: Zum einen hatte es im Vinschgau bereits im Jahr 2016 Ernteeinbußen wegen Spätfrösten gegeben und dadurch geringere Mengen als gewohnt. Und die Berostung war zudem ein qualitativer Mangel, mit dem die Kunden erst zurechtkommen mussten. Dazu kamen die unruhigen Märkte, insbesondere jene in Nordafrika. Und zu allem Überfluss auch noch die großen Erntemengen in Europa, die die Lage der Vinschgauer Produzenten und Verkäufer zu­sätzlich belastete. „Wir können also sicher nicht von einer berauschenden Saison reden“, fasst Josef Wielander zusammen.
Obwohl von Spätfrösten verschont, war die abgelaufene Saison auch für den VOG nicht einfach, wie Gerhard Dichgans zusammenfasst: Der Verband der Obstgenossenschaften sei 2016 mit einer Ernte von etwa 628.000 Tonnen Tafeläpfeln gestartet, mit sehr guter Qualität und guten Lagereigenschaften. Trotzdem sei der Saisonverlauf schwierig gewesen, geprägt von denselben Problemen wie in den beiden Jahren davor: dem Russlandembargo, dem verstärkten Export polnischer Äpfel in die europäischen Absatzmärkte sowie einer unsicheren politischen und finanziellen Lage in den nordafrikanischen Ländern.

Lager praktisch leer
Die abgelaufene Saison hat den Vermarktern also einiges an Nerven abverlangt. Trotzdem sei der Abbau der Lager zufriedenstellend verlaufen, wie aus den Verbänden zu hören ist. Mit Beginn des Frühjahrs habe der Markt zunehmend an Fahrt aufgenommen. Schließlich sei es laut Dichgans zu dem erhofften Preisaufschwung gekommen, ausgelöst durch das sich immer deutlicher abzeichnende Schadensausmaß, das die Spätfröste in etlichen europäischen Apfelanbaugebieten verursacht haben.
Die Lager des VOG sind also praktisch leer. Gerhard Dichgans präzisiert: „Zum 1. August lagerten noch 20.000 Tonnen Golden Delicious in unseren Genossenschaften. Das liegt nur leicht über der üblichen Menge, die wir für die Vermarktung in den Monaten August und September reservieren, um unseren Kunden eine Belieferung über die gesamte Saison und bis zum Eintreffen der neuen Golden-Ernte zu garantieren.“ Das gilt auch für die Vinschgauer Produzenten: Ihre Restbestände sind laut Josef Wielander im Rahmen der Jahre: „Sobald wir die neue Ernte an Golden Delicious zu verarbeiten beginnen können, werden die Lager mit jenen der letztjährigen Ernte geräumt sein“, erklärt er.

In Südtirol minus 20 Prozent
Die deutlichen Ertragseinbrüche, die sich in der europäischen Apfelernte manifestieren, zeichnen sich auch für Südtirol ab. Gerhard Dichgans ist zudem der Überzeugung, dass die europäischen Prognosen, die während der Prognosfruit gemacht wurden, noch einmal nach unten korrigiert werden müssen, zumal es hinterher noch Ausfälle durch ­Hagelschläge gegeben habe, und zwar nicht nur in Südtirol. Für den VOG zeichnet er folgendes Bild: „Ende Juli schätzten wir in unserem Verband die Tafelapfelernte auf 570.000 Tonnen, was einen Rückgang von etwa neun Prozent gegenüber der vorigen Saison bedeutet hätte. Aufgrund des Hagels in den ersten Augustwochen erwarten wir weitere Einbußen und eine Ernte von etwa 500.000 Tonnen Tafelware. Dies bedeutet ein Minus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Bezogen auf die einzelnen Sorten, erwarte der VOG ein Minus von 15 Prozent bei Gala, Red Delicious und Morgenduft und Minus von zehn Prozent bei Granny Smith.

Golden besonders betroffen
Die größten Verluste seien aber bei der Sorte Golden Delicious mit geschätzten minus 35 Prozent zu beklagen: Hier seien bereits im Frühjahr die höheren Lagen durch die Blütenfröste stark geschädigt worden. Bei Brae­burn rechne man – nach einer starken Ernte im Vorjahr – mit einem Minus von 20 Prozent. Die Fuji-Ernte werde auf etwa dem gleichen – bereits schwachen – Niveau des Vorjahres bleiben.
Bei den Clubäpfeln erwarte man ein Minus von etwa zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dank der Neuanpflanzungen in den vergangenen Jahren könne man bei Kanzi und Envy in etwa dasselbe Erntevolumen erreichen wie bereits im Vorjahr.
Mit ähnlichen Verlusten rechnet man im Vinschgau: Josef Wielander spricht von Ertragseinbußen von etwa 20 Prozent im Vergleich zu einem durchschnittlichen Erntejahr. Dazu komme, dass ein überdurchschnittlich großer Anteil an Industrieware anfallen wird, bedingt durch die vielen Hagelschläge. Der Anteil an Tafelware ist also noch um einiges geringer.

Mit Qualität zufrieden, aber …
Im Einzugsgebiet des VOG hat die Ernte des Royal Gala bereits um den 10. August begonnen. Im Bozner Raum und im Unterland ist die Ernte bereits abgeschlossen. Im restlichen VOG-Gebiet wurden mittlerweile rund 75 Prozent geerntet: Die Ausfärbung der Früchte sei laut Gerhard Dichgans zwar gut, dennoch sei es noch zu früh, um Bilanz zu ziehen: „Wir hatten sehr heiße Tage, umso wichtiger ist es, die Äpfel jetzt innerhalb des vorgegebenen Erntefensters zu pflücken und einzulagern.“ Was zähle, sei die innere Qualität der Früchte, die Lagerfähigkeit und Shelf-life sichert. Einen kleinen Wermutstropfen gebe es aber: Es fehlen bei Gala die Kaliber über 80 Millimeter, die vor allem von den zwei Märkten Italien und Spanien bevorzugt werden.
Etwas später ist man im Vinschgau an die Gala-Ernte herangegangen: Am 21. August hat sie dort in den ersten Lagen begonnen. Mit der Größe der Früchte ist man hier alles in allem zufrieden, auch die Farbe entwickelt sich laut Josef Wielander „recht ordentlich“. Insgesamt äußert sich der Direktor der VI.P sehr vorsichtig: „Maßgeblich für die Güte werden erfahrungsgemäß die nächsten zwei bis drei Wochen, also die letzten Tage vor der Ernte.“ Die Stimmung im Vinschgau sei insgesamt eher getrübt, wie Josef Wielander einräumt: Der neuerliche Frost und der Hagel hätten Ihres dazu beigetragen. Zwar seien die Schäden sehr unterschiedlich ausgefallen, mancherorts aber extrem. Zudem sei die Ernte noch nicht abgeschlossen, die Anspannung sei deutlich spürbar, und das bei allen, die in die Kreisläufe der Obstwirtschaft involviert sind.

Hauptmärkte als Chance
Aber nun heißt es nach vorne schauen: Wieder steht eine Vermarktungssaison bevor, die den Akteuren alles abverlangen wird. Welche Märkte werden anvisiert? Welche Strategien gefahren? Man wird wohl auf Bewährtes zurückgreifen. Josef Wielander meint: „Wir werden bemüht sein, unsere Stammkunden mit den entsprechenden Qualitäten wie gewohnt zu beliefern. Die sogenannten ,Eintagsfliegen‘ werden sich deshalb zwangsläufig mit – zumindest äußerlich – schwächerer Ware begnügen müssen.“ Die Herausforderung wird demnach weniger jene sein, neue Märkte zu erschließen, sondern sie wird darin bestehen, die Belieferung der Kunden strategisch so gut wie möglich zu planen. „Für gute Ware wird sich ein anständiger Preis realisieren lassen“, ist sich Josef Wielander sicher. „Bei defekten Äpfeln wird – wie immer – ein reger Konkurrenzkampf entbrennen.“
Auch für Gerhard Dichgans und den VOG haben die Hauptmärkte Italien und Deutschland Vorrang, weil in diesen Ländern Frost und Hagel den größten Schaden angerichtet haben. Auch fehlen hier die zwei Referenzsorten Golden Delicious und Jonagold, die einen Großteil des Konsums in der zweiten Saisonhälfte abdecken. „Die größten Chancen sehe ich daher in den europäischen Kernmärkten in der zweiten Saisonhälfte, während sich die Aussichten für den Export in den Mittelmeerraum nicht entscheidend verbessert haben.“ Es fehle heuer allerdings der Preisdruck, den die polnischen Äpfel in den vergangenen Jahren ausgeübt haben, und es fehle auch der Mengendruck bei Golden Delicious, der die Preise habe abstürzen lassen. „Ich rechne daher auch in diesen Märkten im Mittelmeerraum mit deutlich besseren Preisen“, schließt Gerhard Dichgans.

Markt kommt ins Gleichgewicht
Gerhard Dichgans rechnet nun mit einem ruhigen Start in die neue Saison, da gerade bei Gala, mit dem die Saison eröffnet wird, in Europa eine normale Erntemenge zu erwarten ist und weil viele Produzenten beim jetzigen Preisniveau gerne und gleich verkaufen wollen. Im Herbst, nach Abschluss der Erntearbeiten, werden sich die Marktakteure aber mit den reellen Erntezahlen konfrontiert sehen, prophezeit der Direktor des VOG. Das werde sich auf die Preise auswirken, die bereits vor mehreren Wochen gestiegen sind. Das bedeutet laut ihm konkret: Die Produzenten, welche von den Frösten im Frühjahr und den starken Hagelschlägen betroffen sind, werden dieser Vermarktungssaison nichts Positives abgewinnen können. Auch die Genossenschaften in den besonders betroffenen Gebieten, die durch den Ernteausfall leere Lager haben werden, deren Mitarbeiter und Saisonarbeitskräfte haben ein schweres Jahr vor sich, mit einer hohen Kostenbelastung durch nicht ausgelastete Kapazitäten. Es gibt laut Dichgans aber auch eine Kehrseite: „Der Markt kommt wieder ins Gleichgewicht, und das bedeutet auch, dass unsere Apfelbauern aufatmen können.“

Tabelle 2_Apfelproduktion nach Laender 2017

Quelle Tabellen: WAPA

Tabelle 2_Apfelproduktion nach Sorten 2017