Politik, Südtiroler Landwirt | 31.08.2017

Kein erhöhtes Gesundheitsrisiko

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hat keine gesundheitlichen Auswirkungen auf die Südtiroler Bevölkerung. Das ist das Ergebnis einer kürzlich vorgestellten Studie des Landes. Gemeinden mit vielen Obst- und Weinbauflächen haben demnach keine erhöhte Rate an Tumoren oder anderen Krankheiten.

Gute Nachrichten vor allem auch für die Gesundheit der Bauern ergibt die Studie.

Gute Nachrichten vor allem auch für die Gesundheit der Bauern ergibt die Studie.

In der Diskussion um Pflanzenschutzmittel führen Kritiker immer wieder das Argument gesundheitlicher Risiken für die Bevölkerung ins Feld. Um auf diese Sorge eine valide Antwort geben zu können, hat die Landesregierung bereits im Jahr 2013 eine Studie zur Überprüfung der Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die menschliche Gesundheit in Auftrag gegeben.
Gesundheitslandesrätin Martha Stocker stellte die nun abgeschlossene Erhebung Anfang August in Bozen vor. Dabei betonte sie das Ziel der Studie: „Wir wollten erheben, ob die Bevölkerung der Gemeinden, in denen viel Obst- und Weinbau betrieben und folglich viel mit Pflanzenschutzmitteln gearbeitet wird, einer höheren Gefahr ausgesetzt sind.“ Mit der Studie beauftragt wurde die Sektion Umweltmedizin des Sanitätsbetriebes, dessen Leiter Lino Wegher die Studienergebnisse präsentierte.

Keine erhöhte Tumorrate
Für die Studie sind die Daten analysiert worden, die vom Tumorregister Südtirol für den Zeitraum 2003–2010 zur Verfügung gestellt wurden. Das Land wurde dafür – entsprechend des Anteils an Obst- und Weinbauflächen – in Gemeinden mit hoher landwirtschaftlicher Nutzung (31 Gemeinden), mit niederer landwirtschaftlicher Nutzung (54 Gemeinden) und in sonstige Gemeinden (31 Gemeinden) unterteilt.
Das Ergebnis: Gemeinden, in denen Pflanzenschutzmittel in hoher Menge ausgebracht werden, haben keine höhere Rate an Tumor­erkrankungen als Gemeinden mit geringer landwirtschaftlicher Nutzung. Und auch was die Sterberate bei Tumorerkrankungen betrifft, gibt es „keine relevanten Unterschiede“ zwischen Einwohnern intensiv landwirtschaftlich genutzter Gebiete und Einwohnern gering genutzter Gebiete, erklärte Wegher.

Keine Auswirkungen auf Parkinson
Untersucht wurde auch eine mögliche Auswirkung der Pflanzenschutzmittel auf Parkinson (Zeitraum 2003–2015), Alzheimer und Demenzerkrankungen (Zeitraum 2010–2014). Auch hier konnten keine nennenswerten Unterschiede festgestellt werden. Alz­heimer und Demenz treten in Gebieten mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung sogar weniger häufig als in sonstigen Gemeinden und im Durchschnitt aller Südtiroler Gemeinden auf. Dasselbe gilt für die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung, die zu einer chronischen Entzündung der Schilddrüse führt. Untersucht wurden hier die Jahre von 2010 bis 2015. Keine relevanten Unterschiede stellte das Team um Wegher bei der Häufigkeit von Früh- und Fehlgeburten fest.

Chlorpyrifos weit unter Grenzwert
In der Studie wurden auch die Auswirkungen von Chlorpyrifos, eines mittlerweile im Obstbau nicht mehr eingesetzten Mittels, auf die Gesundheit der Bevölkerung untersucht. Getestet wurden Bauern aus Kastelbell, Latsch, Naturns, Marling und Tirol ebenso wie ihre Anrainer. Sowohl die Bauern als auch ihre Nachbarn hätten während der Saison höhere Kreatininekonzentrationen aufgewiesen als außerhalb der Behandlungssaison, erklärte Wegher. Die gemessene Dosis sei aber noch weit unter der Schwelle gelegen, welche die WHO als bedenklich definiert. Die in Südtirol gemessene Dosis liegt um das 70-Fache unter dem WHO-Grenzwert für Erwachsene.

Entwarnung ohne Persilschein
„In mehrfacher Hinsicht erleichtert“ zeigte sich Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler, als zuständiger Landesrat, aber auch als Bauer, der selbst mit Pflanzenschutzmitteln arbeitet und weder die eigene Familie noch die Bevölkerung einem Risiko aussetzen wolle. „Das Ergebnis der Studie, dass die intensive Landwirtschaft für die gesamte Bevölkerung kein Gesundheitsrisiko darstellt, ist erfreulich“, betonte Schuler.
Er gab auch zu bedenken, dass in der Studie die Auswirkungen früherer Jahre beleuchtet wurden, in denen es „ganz andere chemische Keulen“ gegeben habe. Das Ausbringen von Chlorpyrifos zum Beispiel ist seit 2017 im Südtiroler Obstbau verboten. Schuler unterstrich auch die sehr aufwendige und gesetzlich genau geregelte Zulassung für Pflanzenschutzmittel in der EU.
Das Ergebnis bedeute aber nicht, dass man die Hände in den Schoß legen könne. „Wir wollen keinen Persilschein ausstellen“, sagte Schuler. „Pflanzenschutzmittel sind mit Vorsicht einzusetzen und müssen weiter reduziert werden“, erklärten die Landesräte Schuler und Stocker.